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Neue Oskar-nominierte Filme jetzt in deutschen Kinos

Enorm viele gute Neustarts kurz vor Beginn der Berlinale.



Obwohl wir schon seit geraumer Zeit mitten im Berlinale-Fieber stecken und fast täglich bereits Presse-Screenings in den Nebensektionen betrachten können, wollen wir die wöchentlichen Kinostarts in den deutschen Kinos nicht ganz außen vor lassen.

Die Filmverleiher bemühen sich die für die Oscars nominierten Filme meist noch vor Beginn der Berlinale in die Kinos zu drücken, denn während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin hat kein Film-Kritiker mehr Zeit, sich den allgemeinen Filmstarts zu widmen. Alle schauen auf Berlin und bald danach beginnen auch schon wieder die internationalen Filmfestspiele von Cannes. Für den normalen Kinobesucher sind aber die Vorankündigungen oft wenig hilfreich, wenn diverse prämierte Filme in Deutschland keinen Verleih finden. Bei anderen muss man oft fast ein Jahr warten, bis eine deutsche Synchronisation vorliegt.

Wir baten deshalb wieder einmal Ulrike Schirm, uns einige ihrer aktuellen Rezensionen zu Verfügung zu stellen. Schwerpunkt ihrer Filmkritiken sind diesmal vor allem Arthouse-Streifen, die auf einen Oscar hoffen können und deshalb besonders sehenswert sind.

MANCHESTER BY THE SEA von Kenneth Lonergan: seit 19.01.2017 im Kino.

Nominiert bei den Oscars als »Bester Film«, »Beste Regie« und für den »Besten Darsteller«. Hier der Trailer:



Der Tod seines Bruders hat für den schweigsamen Handwerker Lee (Casey Affleck) unerfreuliche Konsequenzen. Plötzlich soll er sich um dessen Sohn kümmern. Die Rolle des Ersatzvaters behagt ihm überhaupt nicht. Bedeutet es doch für ihn, sich seiner tragischen Vergangenheit zu stellen. Lee, der schweigsame Einzelgänger, versucht alles Mögliche, sich dieser Verantwortung zu entledigen. Letztendlich hilft alles nichts. Er kehrt an seinen Heimatort Manchester-by-the-Sea (USA) zurück. Er ist nun mal der einzige lebende Verwandte seines Neffen, der sich im Teenageralter befindet. In Rückblenden erfährt man nach und nach, was sich damals abgespielt hat. Das wuchtige Familiendrama wird auf zwei Ebenen erzählt. Langsam werden die Emotionen hinter der Sprachlosigkeit des Protagonisten freigelegt. Eine Geschichte von Trauer und Schuld, Verlust und Schmerz, ein existenzieller Kampf mit dem Leid. Es gibt keine geschliffenen Hollywoodmonologe, es wird mehr geschwiegen als gesprochen. Dem Regisseur und Theaterautor Kenneth Lonergan ist es gelungen, die Tragödie mit feinsinnigen Augenblicken der Heiterkeit zu gestalten und eine hoffnungsvolle Botschaft zu vermitteln: Der Glaube an die Liebe. "Manchester by the Sea" gehört mit Sicherheit zu den besten Filmen in diesem Jahr. Und das nicht nur wegen des ausgezeichneten Drehbuches, sondern vor allem wegen der großartigen schauspielerischen Performance von Casey Affleck und Michelle Williams. Den Golden Globe als »Bester Hauptdarsteller in einem Drama« hat Casey völlig zu Recht bekommen. Und nicht nur das. Ein Oscar für sein eindringliches Spiel sei ihm ebenfalls gegönnt. Ich drück ihm beide Daumen!

Ulrike Schirm


PERSONAL SHOPPER von Olivier Assayas: seit 19.01.2017 im Kino

Personal Shopper hat es zwar nicht auf die Oscar-Liste geschafft, der Film lief dafür aber in Cannes 2016 im offiziellen Wettbewerb und erlangte den Regiepreis, was den Film - neben den ausgewählten, außergewöhnlichen Mode-Designerstücken - allein schon zum Ansehen lohnenswert macht. Hier der Trailer:



Zum zweiten Mal dreht Kristen Steward unter der Regie des französischen Regisseur Olivier Assayas. Nach „Die Wolken von Sils Maria“ ist sie nun in „Personal Shopper“ zu sehen. Maureen (Steward) arbeitet für die reiche Kyra (Nora von Waldstätten) als persönliche Einkäuferin. Auf ihrer Vesper fährt sie hin und her, klappert teure Boutiquen ab und sucht die entsprechende Kleidung für sie aus. Heimlich probiert sie die edlen Teile an, die sie sich selbst nicht leisten kann. Bis hierhin ist noch alles gut. Die Trauer um ihren verstorbenen Zwillingsbruder hat ihr Gefühlsleben und ihren Verstand derart aufgewühlt, das sie alles mögliche versucht, um mit Toten in Kontakt zu treten. Eine Gabe, die mehr Fluch als Segen ist. Wochenlang wartet sie auf ein Zeichen des geliebten Bruders. Auf einmal bekommt sie seltsame Zeichen auf ihrem Handy. Jetzt wird aus dem anfänglich interessanten Film ein mystischer Geisterfilm, dem man nur noch mühsam folgen kann. Allein Kristen Steward zu Liebe nimmt man bis zum bitteren Ende Anteil an diesem geisterhaften Spuk. Ach ja, Lars Eidinger tritt auch kurz auf.

Ulrike Schirm


JACKIE (Die First Lady) von Pablo Larrain: seit 26.01.2017 im Kino.

Jackie ist die Verfilmung der First Lady Jackie Kennedy (spätere Jackie Onassis) zum Todestag von Präsident John F. Kennedy; gestartet in den USA zur Amtseinführung von Donald Trump. Ebenfalls mit einem Oscar für die »Beste Darstellerin« nominiert.

Wer mehr über die Ikone Jackie Kennedy erfahren möchte sollte sich auf YouTube die Doku „Die Geheimnisse der Jackie Kennedy“ ansehen. Ein informativer Beitrag aus der Sendereihe ZDF History. Hier aber der Trailer des Biopic-Spielfims:



Jaqueline Bouvier, nach ihrer Heirat mit John F. Kennedy war sie für Amerika und die ganze Welt nur noch Jackie. Ihre Familie gehört zum New Yorker Geldadel. Ihre Stimme fast nur ein Hauch. Sie wusste ganz genau, wie man sich auf der politischen Bühne bewegt. Gespielt wird sie jetzt von Natalie Portman. Man kann es so sagen: Natalie ist Jackie. Allein schon deswegen, wie sie es schafft, diesen fast kindlichen Hauch von Stimme zu imitieren, so zu atmen wie sie und ihren ganz eigenen Sprachrhythmus zu intonieren. Es war der 22. November 1963. Dallas im Staate Texas. Der Täter hatte ein leichtes Spiel. Das Verdeck der Limousine war zurück gerollt. Mit zwei Schüssen streckte er den Präsidenten John F. Kennedy heimtückisch nieder. Wie versteinert hält Jackie seinen zerschossenen Kopf fest in ihren Händen. Ihr Chanelkostüm ist blutverschmiert. Sie trägt es noch 3 Tage später bei der Vereidigung des nächsten Präsidenten Lyndon B. Johnson in der Air Force One. Regisseur Pablo Larrain nähert sich dieser würdevollen Frau aus verschiedenen Perspektiven, fast immer ist die Kamera so nah wie möglich an ihr dran. Vier Tage lang, zwischen dem Anschlag und dem Staatsbegräbnis.

Es ist die überwältigende Studie einer Frau, ständig von der Öffentlichkeit beobachtet, die begreifen muss, dass nichts mehr so ist wie zuvor. Jackie, mit ihrer Assistentin Nancy (Greta Gerwig), Jackie, wie sie das Begräbnis organisiert und ihr quasi letzter Amtsakt: Der Auszug aus dem Weißen Haus. Allen Widerständen zum Trotz setzt sie es durch, sowie es bei Präsident Lincoln der Fall war, alle Staatsmänner sollen zu Fuß hinter dem Sarg hergehen. Mit aufrechtem Gang und einer unnachahmlichen Würde schließt sich diese zierliche Person der feierlichen Prozession an. Den irrsinnigen Schmerz den sie fühlt, erahnt man nur an ihrem versteinerten Gesicht. In einer geschickten Rahmenhandlung führt ein Journalist (Billy Crudup) ein Interview mit ihr, um eine Reportage über die trauernde Witwe zu schreiben, sowie ein fiktives Gespräch, welches sie mit einem Priester während der Trauerzeremonie führt. In Rückblenden sieht man sie bei kulturellen Empfängen im Weißen Haus, zu dem die Öffentlichkeit Zugang hat. Es gibt eine Szene, da trägt sie für den Kleinen John eine Geburtstagstorte in sein Zimmer. Sie singt „Happy Birthday“, verstummt mitten im Lied. Mein spontaner Gedanke war, vielleicht verstummt sie abrupt, weil ihr der Auftritt von der Monroe einfiel, denn wie die Welt weiß, Kennedys zahlreiche Affären waren für sie bestimmt nicht leicht zu ertragen. Um so bewundernswerter, sich ganz bewusst dafür einzusetzen, dass JFK zu einer Legende wird und er seinen unangefochtenen Platz in der Geschichte bekommt. Jackie, eine Frau die ihre Rolle perfekt spielte. Eine Frau, die es meisterlich verstand ihre schmerzhaften Erfahrungen nie öffentlich zu zeigen. Portman ist auf dem Weg zu ihrem zweiten Oscar.

Ulrike Schirm


HACKSAW RIDGE von Mel Gibson: seit 26.01.2017 im Kino.

Die Amerikaner lieben Waffen, weswegen es kein Wunder ist, dass Mel Gibsons Kriegsfilm ebenfalls unter den neun besten Oscar-Nominierungen zu finden ist. Ob ein Kriegsfilm pazifistisch sein kann, streiten sich die Kritiker seit Jahrzehnten. Mel Gibsons Venedig Beitrag „Hacksaw Ridge“ war es sicher nicht, schrieben wir 11. September 2016 anlässlich der Preisverleihung bei den Filmfestspielen in Venedig.

Eigentlich geht es um einen Soldaten, der sich weigerte Waffen zu tragen. Doch die Bilder dieses Films sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen Männer, die beim Stürmen einer japanischen Stellung auf einem Hochplateau der Insel Okinawa auf jede erdenkliche Weise zerfetzt, zerschossen und in Brand gesteckt werden. Der alte Hollywood Veteran Mel Gibson verkörpert mit Überzeugung und ekelhaften Kriegsbildern weiterhin den Traum eines unbesiegbaren Amerikas, so wie es sich jetzt auch Präsident Trump mit aller Macht wünscht. Hier der Trailer:



Mit Ruhm hat sich Mel Gibson in den letzten Jahren nicht gerade bekleckert. Seine rassistischen Äußerungen über Juden, seine Alkoholexesse, die üblen Beschimpfungen gegenüber seiner Freundin und Mutter seines achten Kindes, gehören hoffentlich der Vergangenheit an. Nun ist er zurück mit seinem Kriegsdrama „ Hacksaw Ridge“. Nachdem Desmond Doss (Andrew Garfield) bei einer Auseinandersetzung beinah seinen Bruder tötet, meldet er sich, durch und durch Patriot, für den Einsatz an die Front. Er ist ein Christ und handelt wie ein Christ. Er weigert sich eine Waffe in die Hand zu nehmen, er tötet nicht, er will Leben retten. Doss, der Junge aus Lynchburg, Virginia litt unter traumatischen Erlebnissen, die seine pazifistische Haltung erklären. 1942, es tobt der zweite Weltkrieg, Doss begibt sich in die Schlacht als Sanitäter. Sein Einsatz, die Erstürmung der Steilwand von Maeda , Hacksaw Ridge genannt. Die Amerikaner liefern sich einen hoffnungslosen Kampf mit den Japanern. Doss hat es nicht leicht. Er wird wegen seiner konsequenten Haltung von einigen Kameraden als Feigling verspottet und verhöhnt. Gibson scheut sich nicht den Krieg in blutigster Grausamkeit und gnadenloser Härte zu zeigen, derart brutal, dass man kaum hinschauen kann. Es fällt einem schwer, ihm nicht schon wieder rassistisches Gedankengut zu unterstellen, wenn man erlebt wie er die Japaner als wild gewordene Bestien inszeniert. Zwischen dem Gemetzel, Doss, als fast höheres Wesen, der auf diesem Schlachtfeld unter unglaublicher Kraftanstrengung, um die siebzig schwer verletzte Kameraden in Sicherheit bringt. Der echte Desmond Doss, ausgezeichnet mit einer Tapferkeitsmedaille, scheute die Öffentlichkeit. Er wollte sich nicht als Held feiern lassen und führte ein zurück gezogenes Leben. Er zögerte lange, bis er endlich seine Einwilligung für die Verfilmung seiner Geschichte gestattete. Doss starb am 26. März 2006 im Alter von 87 Jahren. Gibson wurde gerade für sechs Oscars nominiert. Trotz aller Zwiespältigkeit ist "Hacksaw Ridge", dank Andrew Garfield, großes Schauspielerkino. Gibson, der sich selbst als religiös bezeichnet plant schon seinen nächsten Film. Er will die Fortsetzung vom Leiden Christi auf die Leinwand bringen.

Ulrike Schirm


SUBURRA von Stefano Sollima:  seit 26.01.2017 im Kino.

"Suburra" hat es nicht auf die Oscarliste geschafft. Dennoch steht der italienische Film wieder zunehmend für gutes und spannendes, meist sogar preisgekröntes Kino. Vor allem wenn es sich um pikante Mafia-Geschichten handelt. Die Bilder sind meisterhaft in Szene gesetzt. Am Anfang sieht man einen Papst im Petersdom nur von hinten. Doch sofort ist jedem klar: Es kann sich nur um Joseph Ratzinger handeln, den deutschen emeritierten Papst Benedikt XVI, der vom 19. April 2005 bis zu seinem Amtsverzicht am 28. Februar 2013 im Vatikan herrschte. Hier der Trailer:



Rom im Jahre 2011. Ein korruptes Geflecht aus Politikern, Mafiosi, organisierten Verbrecherbanden sind dabei in dem  Hafenviertel Ostia ein Vergnügungsviertel zu bauen. Ein gigantisches Las Vegas in Italien. Nach einer ausschweifenden Nacht in einem Hotel, bei der sich der Parlamentsabgeordnete Filippo Malgradi (Pierfrancesco Favino) mit zwei Edelnutten im Drogenrausch sexuell amüsiert, kommt die minderjährige Gespielin ums Leben. Kaltblütig wird die Leiche des Mädchens entsorgt.

Peinlich, peinlich, denn der feine Herr ist gerade dabei für den mächtigen Paten, genannt „Der Samurai“, das Bauvorhaben zu realisieren. Er ist dafür verantwortlich, mit mehr oder weniger schmierigen Methoden, die nötigen gesetzlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Noch ahnt er nicht, dass der Tod des Mädchens eine Orgie der Gewalt in Gang setzt und somit das gesamte Projekt zu Fall bringen kann. Es erfolgt eine regelrechte Kettenreaktion. Auch eine Gruppe von Neo-Faschisten sind beteiligt, sogar der Vatikan hat seine Finger mit im Spiel. Alle ziehen an den Strippen der Macht, getrieben von Ruhm und Gier. Die komplexen Querverbindungen der verschiedenen Charaktere sind die beste Vorlage für eine Serie. Der Streamingdienst Netflix reibt sich schon die Finger. "Suburra" sorgt für fesselnde Spannung und öffnet den Blick für wüste Abgründe der italienischen Politik.

Ulrike Schirm

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