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DVD Empfehlungen und Kinowiederaufführungen beim Achtung Berlin - New Berlin Film Award

Achtung Berlin zeigte noch einmal seine Gewinnerfilme des letzten Jahres, die jetzt auch auf DVD und Blu-ray erhältlich sind.


Bis zum 26. April 2017 ​läuft noch das Festival achtung berlin - new berlin film award, das wir zu seinem Start bei uns am 18. April 2017 ausführlich vorgestellt hatten. Neben den zahlreichen neuen Berlin Premieren gehört es zur guten Tradition des Festivals die Gewinner des letzten Jahres gleich zum Beginn noch einmal auf der großen Leinwand zu zeigen. 

Das waren der Spielfilm "LOTTE"  von Julius Schultheiß und der Dokumentarfilm "No Land's Song"  von Ayat Najafi, die wir hier gern noch einmal besprechen wollen. Von beiden Filmen sind inzwischen auch die DVD's erhältlich. Vom Spielfilm kann auch eine Blu-ray im Handel bezogen werden, während der Dokumentarfilm über die iranische Komponistin Sara Najafi für die​ Vorauswahl des DEUTSCHEN FILMPREISES nominiert wurde und derzeit noch einmal bei der LOLA-Tour in zahlreichen Städten im Kino zu sehen ist.

"LOTTE" von Julius Schultheiß mit Karin Hanczewski, Zita Aretz, Paul Matzke. (Deutschland 2016)

Lotte ist eine echte Berlinerin: Impulsiv und bisweilen unausstehlich, dann wieder liebenswürdig und auf jeden Fall gesegnet mit einer großen Klappe. Eine explosive Mischung aus Charaktereigenschaften, die sie in sich vereint und mit denen sie regelmäßig aneckt. So auch bei ihrem Freund, der schließlich die Nase gestrichen voll von ihr hat und die Krankenschwester auf die Straße setzt. Fortan durchstreift Lotte die Hauptstadt auf der Suche nach einer Bleibe..... Hier der Trailer

 

Filmkritik:

Nach eigener Aussage gehören zur Zielgruppe diejenigen, die sich noch nicht für einen Lebensweg entschieden haben. Die, die selbst entscheiden, wann sie erwachsen werden wollen. Es geht auch um zweite Chancen. Blauäugig ist der Regisseur nicht. Er zeichnet Lotte nicht als starke Frau, sondern zeigt die Stärke der Tochter, die sie zurückgelassen hat, die in der Filmhandlung der Mutter die Hand reicht. Das tut sie aus Neugierde und aus Verbundenheit. Dabei treffen die beiden eher zufällig aufeinander und es ist die Tochter, die der Mutter folgt, während diese zuerst einmal, wie immer, die Flucht antritt. Lotte lässt sich auf Greta ein, Greta versucht die Welt der Mutter von innen heraus zu verstehen, auch wenn das Zigaretten- und Bierkonsum einschließt. Julius Schultheiß kommt jetzt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, auch wenn man fast komplett die Sympathien für die widerwillige Mutter verliert. Das Drehbuch hätte gerne noch eine klarere Aussage vertragen. Ein Ende, das den Wunsch des Publikums auf eine Lösung erfüllt, enthält er uns vor. “Lotte”  ist frech bis unverschämt. Schultheiß traut sich was.

Elisabeth Nagy

 

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"No Land´s Song" von Ayat Najafi mit Sara Najafi, Parvin Namazi, Sayeh Sodeyfi. (Deutschland, Frankreich, Iran 2016)  

Die iranische Komponistin Sara Najafi organisiert in Teheran gegen den Widerstand des Kulturministeriums ein öffentliches Konzert mit Solo-Sängerinnen. Seit der Revolution 1979 ist dies eigentlich verboten. Doch Sara Najafi gibt nicht auf. Zusammen mit Künstlerinnen aus Iran, Frankreich und Tunesien versucht sie das Unmögliche... Hier der Trailer

 

Filmkritik

Mit einem Kurzfilm kam Ayat Najafi 2005 nach Berlin auf den Talent Campus. Inzwischen lebt er in der deutschen Hauptstadt. Seine Schwester Sara Najafi ist Komponistin und lebt in Teheran. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, ein Konzert mit weiblichen Solo-Sängerinnen auf die Beine zu stellen und ihr Bruder begleitet sie mit der Kamera. Dazu muss man wissen, dass es seit der islamischen Revolution 1979 illegal für Frauen ist, in der Öffentlichkeit oder vor einem gemischten Publikum zu singen. Audioaufnahmen älteren Datums sind ebenfalls verboten. Die Geschwister Najafi zeigen mit “No Land´s Song”  zum einen die schier aussichtslose Arbeit, ein Konzert wider aller Regularien zu organisieren, gleichzeitig holen sie die inzwischen fast vergessenen Stimmen zurück. Oft sieht der Zuschauer nur Schwarzblenden, selbst der Regisseur ist im Iran seit “Football Under Cover”  (Berlinale Teddy Award 2008) nicht mehr gern gesehn. Die Tonaufnahmen erfolgten heimlich, das Mikrofon versteckt unter dem Schleier. Die Beharrlichkeit auf der einen Seite und die rigorosen Ablehnungen auf der anderen sind ein stetes Tauziehen. Daraus machen sie aber kein überpolitisches Betroffenheitskino, statt dessen feiern sie lebensfroh die Musik und den Freigeist. Zwischen Organisatorischem und den Reaktionen der Musikerinnen aus Frankreich, die man einlädt, um den Zusammenhalt der zwei Länder wieder aufleben zu lassen, hatte doch ein Franzose die erste Nationalhymne verfasst, wird immer wieder gesungen. Die Musik steht damit klar im Mittelpunkt.

Elisabeth Nagy​

 

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"Das Versprechen" - Erste Liebe lebenslänglich

Dokumentarfilm von Karin Steinberger & Marcus Vetter

DVD-Release 19. Mai 2017 (Premiere Filmfest München 2016)

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Das Versprechen“ beleuchtet einen US-Kriminalfall aus dem Jahre 1985 anhand von neuem Videomaterial noch einmal neu. Hinter einem brutalen Doppelmord an Nancy und Derek Haysom steckten ihre eigene Tochter Elizabeth und ihr deutscher Freund Jens Söring, der zweimal zu lebenslänglich im US-Gefängniss verurteilt wurde. Doch neue Ermittlungen ergaben, dass  keine der damaligen Blutspuren Jens Söring zugeordnet werden konnte. Wurde er etwa zu Unrecht verurteilt? Hier der Trailer

 

Filmkritik:


Ein Mann im mittleren Alter, noch recht spitzbübisch, sein Wesen ist einnehmend. Er fragt, welche Brille er aufsetzen solle. Es sei doch schließlich ihr Film. In einem Satz offenbart er die scheinbar einzige Freiheit, die er hat, die Wahl zwischen zwei Brillen, und schränkt diese sogleich ein, auch in dem er genau diese freie Wahl sichtbar werden lässt, indem er sie dem Filmteam übergibt. Seit 30 Jahren sitzt Jens Söring in einem US-Gefängnis, für zwei Morde, die er nach Ermittlungsstand nicht begangen hat. Nutzen sie die Zeit, schiebt er noch hinterher. Es kann sein, dass er ihnen kein zweites Interview wird geben dürfen. Genau das trat ein.

Marcus Vetter hat mit der Journalistin Karin Steinberger bereits 2009 bei “Hunger”  und 2014 bis zu “The Forecaster”  zusammengearbeitet. 2006 hatte sie mit Söring Kontakt aufgenommen, nachdem sich Hinweise auf Fehler in dem Prozess um Söring verdichteten. Das war noch bevor tatsächlich DNS-Tests bestätigten, dass die am Tatort gefundenen Spuren ihm nicht zugeordnet werden können. Vieles an den damaligen Ermittlungen und Begründungen für die Schuld Sörings muten, besonders für Europäer absurd an. Die Filmemacher kämpften sich durch die Akten. Der Prozess von Söring war damals, 1990, der erste, der öffentlich übertragen worden war. Somit hatte man auch Aufnahmen. Seine Freundin Elizabeth Haysom, deren Eltern die Opfer waren, und die ihm gegenüber die Tat gestand, so dass er aus Liebe und Panik heraus, sie könnte die Todesstrafe erhalten, aus Naivität heraus, dass ihm mit einem Diplomatenpass nichts passieren könnte, die Schuld auf sich nahm.

In dieser Geschichte stecken viele Geschichten. Eine Liebesgeschichte, die wohl nie eine war. Eine zerstörte Kindheit eines jungen Mädchens, das wahrscheinlich von ihrer Mutter missbraucht worden war, und die sich aus was für einem schlussendlichen Grund auch immer, den Tod der Eltern gewünscht hatte. Die Geschichte einer labilen jungen Frau, die zugleich hoch intelligent, ihre Geschichte immer wieder ändert und dabei viele um sich herum mit in ein tiefes Loch reißt. Eine Flucht über Kontinente hinweg. Der Kampf gegen die Todesstrafe. Eine Verhandlung mit einem nicht unbefangenen Richter und mit einem nicht ortsansässigen Verteidiger. Die Geschichte eines jungen Mannes, der 30 Jahre lang in einem Knast schmorrt und dabei nie den Kopf verlor. Marcus Vetter und Karin Steinberger lassen vieles davon einfließen. Im Schnitt kristallisiert sich der Blickwinkel von Jens heraus, während Elizabeth, die dem Team ein Interview gewährte, zumindest die Anwesenheit am Tatort attestiert wird.

Das Filmteam begleitet die Anwälte und Fürsprecher von Söring, begleitete einen Privatdetektiv, der offenbar die richtigen Fragen stellt. Immer wieder verwebt dabei die Dramaturgie die Zeitebenen der Prozesse und der Jetztzeit. Lässt seine Statements von heute im Gegenschnitt zu ihren Ausführungen vor Gericht antreten, daraus wird ein He Said, She Said, aus der der Zuschauer vor allem eins herausliest. Das System funktioniert nicht immer und kann sich nicht vor sich selbst schützen. In diesem Fall wurde schlampig gearbeitet, falsche Entscheidungen getroffen und mit Klauen verteidigt und allein das weckt schon den Reflex im Zuschauer, den Urteilsspruch zu hinterfragen. Nur die Justiz in Virginia selbst hinterfragt gar nichts. Da wirkt ein Dokumentarfilm, der als europäische und amerikanische Koproduktion neutral bleiben kann, wie ein letzter Versuch, eine Öffentlichkeit für Sörings Person zu sensibilisieren. Darüber hinaus beleuchtet er auch unser Interesse an einem guten Krimi und auch die Zustände der amerikanischen Justiz.

Elisabeth Nagy

 

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