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Filmförderungsanstalt legte neue Kino-Besucherzahlen vor

Mehr Umsatz, mehr Besucher, zwei Filmtipps und eine Filmempfehlung - jedoch der deutsche Film schwächelt!

Nach ein paar interessanten Zahlen der AG Kino Gilde, auf die wir uns gestern in unseren Filmkritiken bezogen, legte auch die Filmförderungsanstalt (FFA) weitere interessante Statistiken im August vor. Der erfolgreichste Film des ersten Halbjahres 2017 in den deutschen Kinos war laut FFA "Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe" mit etwas mehr als 3,4 Mio. Besuchern, womit er maßgeblich am Umsatz- und Besucherplus des deutschen Kinomarktes beteiligt war. Auf Rang zwei und drei folgten "Die Schöne und das Biest" (3,36 Mio.) und "Fast & Furious 8" (3,23 Mio.).

Nach den diese Woche bekannt gegebenen Zahlen stieg der Halbjahresumsatz um 7,7% auf 518,7 Mio. Euro an, was dem zweithöchsten Wert seit dem ersten Halbjahr 2015 (544,6 Mio. Euro) entspricht. Die Zahl der Kinobesucher in Deutschland lag mit 60,2 Mio. um 4,9% über dem des vergleichbaren Vorjahreszeitraums.

Einziger deutscher Film unter den Top Ten der besucherstärksten Filme und damit einziger deutscher Besuchermillionär des ersten Halbjahres 2017 war auf Rang acht der Kinderfilm "Bibi & Tina - Tohuwabohu Total" (1,64 Mio.). Überhaupt sank Marktanteil des deutschen Films mit nur 10,5 Mio. Besuchern von 26,7% auf 18% und weist damit rund fünf Mio. Besucher weniger aus als im Vorjahreszeitraum.

FFA-Vorstand Peter Dinges hegt aber noch Hoffnungen: "Ich erwarte aber, dass der deutschen Marktanteil im zweiten Halbjahr mit Mainstream-Power und auch anspruchsvollem deutschen Arthouse-Kino wieder zu alter Stärke zurückfindet."

Offenbar setzt die FFA laut Dinges dabei aber mehr auf die von Filmkritikern verpönten Blockbuster wie "Fack Ju Göhte 3", "Hot Dog" mit Til Schweiger und Matthias Schweighöfer sowie auf einen neuen Aufguss von Michael "Bully" Herbigs "Bullyparade - Der Film", der auch bei uns gestern in der Kritik nicht besonders gut wegkam.

Nicht einmal bei Sven Regeners Kultroman-Verfilmung "Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt" (Starttermin 31.08.2017) glauben wir an einen nennenswerten Aufschwung der Besucherzahlen - auch wenn sich das Plakat zum Film mit bekannten Namen aus der Techno-Szene wie Modeselektor und Westbam schmückt - weil Darsteller wie Charly Hübner und Detlev Buck einfach nicht zur Posse eines Techno-Labels passen und die Musik heute - abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen wie Marmions zeitloses Stück "Schöneberg" - mittlerweile in den angesagten Clubs viel differenzierter und ausdrucksvoller dargeboten wird, als zur Zeit der neunziger Jahre, als Scooter noch sein einfallsloses "Hyper, Hyper" Gegröle zur Schau stellte, auf das sich der Film mehr oder weniger beruft. Hier der Trailer:

Mehr Chancen in den Arthouse-Charts haben da vielleicht die beiden Cannes-Wettbewerbsfilme "Happy End" von Michael Haneke (Start 12.10.2017), mit Isabelle Huppert und einem grantigen Vater der Patriarchin des Klans, gespielt von Jean-Louis Trintignant. Der provozierende Filmemacher bleibt sich treu und zerlegt eine großbürgerliche, französische Familiendynastie, deren Geschäfte bisher gut florierten. Doch in dem grimmigen, satirischen Drama bleibt nach zwei Selbstmordversuchen der Familienoberhäupter nichts mehr von einer heilen Familie übrig. Hier der Trailer:

Auch "Aus dem Nichts" von Fatih Akin (Kinostart 23.11.2017), der möglicherweise für die Leistung von Diane Krueger auf die Shortlist der Oskars gerät, könnte ein Renner werden. Der Film um einen Bombenanschlag eines jungen Neo-Nazi-Paares bezieht sich zwar anhand einer fiktiven Geschichte auf die NSU-Morde, bekommt aber durch die Anschläge des IS in Barcelona eine erstaunliche Aktualität. Hier der Trailer:

Eine stabile Fangemeinde hat sogar der Dokumentarfilm. Die Besucherzahlen sind zwar nicht immer berauschend, aber manche Filme entfalten ihre Wirkung irgendwann doch beim Publikum und können dann länger gespielt werden als ursprünglich angenommen.

Auch in unserem nachfolgenden Beispiel, einer Komödie mit dokumentarische Ansatz, die immerhin beim A-Filmfestival in San Sebastián im Wettbewerb stand und zu der wir sogar eine Kritik beisteuern können, hoffen wir auf einen gelungenen Kinostart, denn der Film wird bundesweit vorerst leider nur in neu Städten an 21 Standorten gezeigt, darunter sechs Mal in Berlin (Update).

"PARASOL - MALLORCA IM SCHATTEN" Arthouse-Debüt von Valéry Rosier. Mit Julienne Goeffers, Delphine Théodore, Alfie Thomson u.a.: Ab 24. August 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Elisabeths Filmkritik:

Der belgische Regisseur Valéry Rosier folgt in seinem Langspielfilmdebüt seinen drei Hauptfiguren, allesamt Laiendarsteller, auf der Suche nach etwas Liebe und Veränderung zur Urlaubszeit. Derweil köchelt der Tourismus auf Mallorca zur Nebensaison noch auf Sparflamme. Ein schüchterner Brite möchte einmal unter Landsleuten dazugehören, eine belgische Rentnerin möchte sich zum ersten Mal mit ihrer Internetbekanntschaft treffen und ein Vater möchte in den Augen seiner Tochter mehr sein als nur ein Bimmelbahnchauffeur für die Touristen. Die Kamera von Olivier Boonjing hebt die Verlorenheit der Figuren im Breitwandformat hervor, während die Regie für ihre Bemühungen Mitgefühl aufbringt und den Zuschauer an sie heranführt, ohne diese ihm aufzudrängen. In all den kleinen Momenten fühlen wir ihre Einsamkeit und ihren Schmerz, erkennen darin sowohl die Tragik als auch das Potential zur Komik. Der dokumentarische Ansatz zeigt die Tristesse der Tourismuskulisse, abseits von Hochglanzbroschüren. Swimmingpools und Animationskurse wirken hier absurd und als Verstärker für den inneren Stillstand, aus dem sich die Figuren der drei Handlungsstränge befreien wollen. Während das Leben stillzustehen scheint, sind Alfie, Annie und Pere in Bewegung, aktiv auf der Suche nach Glück, Liebe und Anerkennung und geben sich auch nicht so leicht geschlagen. “Parasol” gibt den Figuren ihre Momente, ihre Würde und ohne es hervorzukehren ihren Triumpf über die Umstände, auch wenn diese sehr leise herüberkommen, weil nur wir ihn da sind, um sie wahrnehmen.

Elisabeth Nagy

Einen leichten Zuwachs und somit einen Marktanteil von insgesamt 23,1% erzielte der 3D-Film im ersten Halbjahr 2017. Auch die Zahl der Kinoleinwände stieg nach FFA-Angaben um 68 Stück auf deutschlandweit 4.671 Leinwände - so viele wie seit 2009 nicht mehr. Der durchschnittliche Eintrittspreis lag mit 8,62 Euro um 2,7% über dem des Vorjahreszeitraums.

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Trotz zunehmenden VoD-Angebot sind die Videoumsätze rückläufig.

Wer sich in Berlin umschaut, wird vielleicht bemerkt haben, dass es immer weniger Videotheken gibt. Sogar der Marktführer von Berlin, Brandenburg und Sachsen, Video World, hat etliche seiner Filialen schließen müssen. Zahlreiche Mitbewerber sind komplett vom Markt verschwunden.

Nur der Online-Versender Videobuster spricht noch von stabilen Zahlen und einer treuen Kundschaft, die das haptische der DVD und vor allem die gute Qualität der Blu-ray Disc zu schätzen wissen. Zudem setzt der Vertrieb parallel zum Postversand der Discs auch auf den Online-Streaming-Abruf, wenn auch mit weniger großem Erfolg, denn auf dem Lande fehlt oft die notwendige eine schnelle Internetanbindung für einen genussvollen, störungsfreien Kinoabend zu Hause.

Amazon wird dagegen seinen kostspieligen Versand von Verleihfilmen über Lovefilm in wenigen Wochen komplett einstellen und nur noch das Online-Streaming über Amazon Prime anbieten sowie weiterhin den direkten Verkauf und Versand von Musik-Discs und DVDs sowie Blu-Ray Discs betreiben.

Wie der Bundesverband Audiovisuelle Medien (BVV) mitteilte, wird der deutsche Videomarkt zwar weiterhin von DVD und Blu-ray dominiert. Es gab aber im ersten Halbjahr 2017 insgesamt ein Umsatzminus von neun Prozent, das durch Zuwächse bei den digitalen Kauf- und vor allem bei den Leihangeboten, die um 21% gestiegen sind, nicht kompensiert werden konnte, denn im gleichen Zeitraum ging auch der Umsatz klassischer Videotheken um rund 14 Prozent auf 42 Mio. Euro zurück.

Nicht eingerechnet sind Abo- und SVoD-Umsätze, z.B. die Angebote von Sky und Netflix zu denen es laut Markforschungsinstitut GfK, der Gesellschaft für Konsumgüter, offensichtlich noch keine verlässlichen Zahlen gibt.

Der digitale Kaufmarkt, also nicht der temporäre Stream eines Films, sondern der dauerhafte Kauf von Download-Filmen, konnte zwar einen Umsatzanstieg von zwölf Prozent auf 59 Mio. Euro verzeichnen; dafür sank aber der DVD-Umsatz um 15% auf 252 Mio. Euro und auch die Blu-ray-Umsätze verzeichneten einen Rückgang von 10% auf 163 Mio. Euro.

Ebenfalls noch nicht eingerechnet sind die recht verhalten angelaufenen Verkäufe der sehr teuren Ultra HD Blu-ray Disks, von denen sich die Industrie aber in der Zukunft viel Umsatz erhofft.

Quellen: FFA | BVV | Amazon | Videobuster | Blickpunkt:Film

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