Skurrile Satire über Hühner und Menschen vom ungarischen Regisseur György Pálfi, der das Abenteuer eines Huhns mit seinen schrecklichen Erlebnissen als politische Parabel verfilmte.
Plakat: Neue Visionen Filmverleih
Nach seinem Debütfilm "Hukkle - Das Dorf" aus dem Jahr 2002, für den Pálfi auf dem A-Film-Festival von San Sebastián mit dem Preis als „bester Nachwuchsregisseur“ geehrt geehrt wurde, startete im letzten Jahr dort auch sein neuer Film "Lebensansichten eines Huhns" wieder als Premiere. Zudem lief der Film auf den ebenso bedeutenden Festivals von Toronto, Rome und Tokyo.
"LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS" gesellschaftskritische Dramödie von György Pálfi mit Maria Diakopanayotou, Argyris Pandazaras, Yannis Kokiasmenos. Deutschland, Griechenland, Ungarn, 2025, 97 Min., seit 6. August 2026 im Verleih von Neue Visionen vereinzelt im Kino.
Sind Hühner wirklich dumm? Diese Frage beschäftigte mich, nachdem ich den humorvollen, aber auch gesellschaftskritischen Film LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS des ungarischen Regisseurs György Pálfi in der Pressevorführung gesehen hatte.
Die Antwort ist: Nein. Hühner sind nicht dumm, sie besitzen sogar einige ungeahnte Fähigkeiten. So können sie zum Beispiel Gesichter von Artgenossen, aber auch von Menschen erkennen, sie haben eine eigene Sprache und benutzen über 30 verschiedene Laute, um Gefahren zu signalisieren, Futter zu verlangen oder ihre Befindlichkeiten auszudrücken. Hühner zeigen Empathie, wenn ihre Küken oder Artgenossen leiden und angeblich können sie sogar einfache mathematische Grundregeln anwenden.
Die Redensarten vom „dummen Huhn“ oder dem „blinden Huhn, das auch mal ein Korn erwischt“ sind also Beobachtungen aus der Menschenperspektive auf das Huhn – ziemlich einseitig, oder?
Genau darum geht es in Pálfis Film. Allerdings kehrt der Regisseur die Perspektive um, der Mensch blickt nicht auf das Huhn, sondern das Huhn blickt auf die Menschenwelt – und die ist ziemlich verstörend.
LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS ist eine originelle Tierfabel, die Regisseur György Pálfi gemeinsam mit seiner Co-Autorin Zsotia Ruttkay erzählt – es ist die teilweise komische, dann wieder dramatische und sehr präzis konzipierte Lebensgeschichte einer Henne.
Wir lernen sie kennen, als sie in einer industriellen Legebatterie aus dem Ei schlüpft. Im Gegensatz zu den gelben, flauschigen Verwandten ist das Küken schwarz, äußerst unternehmenslustig und ziemlich erfinderisch. Und so gelingt es dem Tier tatsächlich, den Förderderbändern der Geflügelindustrie zu entkommen und aus der Fabrik zu fliehen.
Draußen beginnt der wahre Stress. Doch die Henne schafft es, einem Fuchs zu entgehen und aus dem LKW eines Lastwagenfahrers zu türmen, der sie am Straßenrand aufgelesen hat und schon von einem leckeren Hühnersüppchen träumt.
Nach abenteuerlichen Umwegen landet das Tier schließlich auf einem Hof und in dem Hühnerstall eines alten Griechen (Ioannis Kokiasmenos). Sein Gehöft mit einer heruntergekommenen Taverne liegt am Meer in Grenznähe und hat die besten Tage hinter sich.
Humorvoll zeigt der Film, wie die Interessen zwischen Hühnern und Menschen diametral verlaufen. Während der Alte täglich seine frischen Eier verlangt und sie akribisch einsammelt, träumt die Henne von einer Kükenschar. Sie hat ein Auge auf den Hahn geworfen und ist besonders erfinderisch im Entwischen aus dem Käfig, eifrig bemüht, einen privaten Brutplatz für ihren potentiellen Kükennachwuchs zu organisieren.
LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS ist mehr als ein putziger Film über die Odyssee einer Henne. Pálfi zeigt auch die Grausamkeit des menschlichen Treibens aus der Sicht des Federviehs – ungeschönt und brutal. Bereits zu Beginn des Films verweisen die Bilder moderner Massentierhaltung auf die Zustände in der industriellen Lebensmittelproduktion.
Später auf dem griechischen Gasthof überwiegen die dramatischen Ereignisse. Die Taverne dient kriminellen Schleusern als Versteck. Die flüchtenden Menschen werden nach ihrer Ankunft wie Tiere in einem Verschlag festgehalten, bis die Flucht weitergehen soll. Schreckliche Bilder, die, bitter genug, die Realität der internationalen Schleuserszene spiegeln.
Regisseur György Pálfi hat seinen Film in Griechenland gedreht, weil er sich im damaligen Ungarn von Victor Orbán nicht mehr frei fühlte.
Bekannt wurde Pálfi durch seine genreübergreifenden Werke, in denen er Fiktion, Dokumentation und Experimentelles miteinander verwebt und so die Grenzen des filmischen Erzählens immer wieder neu austestet. Typisch für seine Werke sind die kargen Dialoge bis hin zum nonverbalen Erzählen, seine faszinierend präzisen Beobachtungen und seine intensive Bildsprache. Er ist eine wichtige Stimme des europäischen Kinos, vielfach preisgekrönt.
In Deutschland ist der Regisseur bisher weniger bekannt, LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS ist erst sein zweiter Film, der hierzulande in die Kinos kommt. Das wird sich hoffentlich bald ändern.
Zu den wichtigen Filmen Pálfis gehören u.a. HUKKLE – DAS DORF (2002, Debüt), TAXIDERMIA – FRISS ODER STIRB (2006), der experimentelle Collagenfilm FINAL CUT: LADIES UND GENTLEMEN (2012), FREE FALL (2014) und HIS MASTERS VOICE (2018). Tiere spielen im Werk Pálfis immer wieder eine besondere Rolle, sinnbildlich, beobachtend oder als gleichwertige Akteure.
Die Idee, aus der Perspektive unserer „Erdenmitbewohner“, den Tieren, zu erzählen, ohne sie zu vermenschlichen ist nicht neu. Ich denke an prominente Beispiele wie EO, die berührende Leidensgeschichte eines Esels des polnischen Altmeisters Jerzy Skolimowski (2022, Preis der Jury in Cannes). Oder GUNDA von Viktor Kossakovsky (2020, Berlinale Encounters), ein eindrucksvoller Schwarz-Weiß-Film über das Leben eines Schweins aus dem Blickwinkel des Tieres, ohne Sprache und Musik.
Auch Andrea Arnolds mehrfach preisgekrönter Dokumentarfilm COW, (2021) beweist, dass das Leben einer Milchkuh und ihrer täglichen Routine durchaus fesselnd sein kann, wenn es gelingt, ausschließlich in Augenhöhe des Tieres zu erzählen.
György Pálfi setzt ganz auf sein Huhn, beziehungsweise seine Hühner! Die Rolle teilen sich 8 tierische Hauptdarsteller, Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enikő, Nóra und Anett. Sie punkten mit unterschiedlichen Talenten, eine Henne kann besonders schnell rennen, die andere sitzt erstaunlich lange still, die nächste ist höchst kameraaffin im Picken und Scharren usw.
Mit großem Geschick und viel Geduld, einer beeindruckenden Kamera (Giorgos Karvelas) und einem raffinierten Schnitt (Reka Llehmhenyi) hat er seine Parabel über das Tier im Menschen und den Menschen im Tier in Szene gesetzt – spärliche Dialoge, feine Beobachtungen und ein gelungener Soundtrack (Szőke Szabolcs).
LEBENSANSICHTEN EINES HUHNS schaut aus den Augen eines Federviehs auf das Leben der Menschen und entlarvt ihre Schwächen – ein schwarzhumoriger, berührender und auch verstörender Blick auf unsere heutige Welt. Ein Film, der in Erinnerung bleibt, nicht nur, weil der Fleischkonsum, sicher nicht zum ersten Mal, neu überdacht wird.