Skip to content

CTM Festival und Eröffnung der 36. Transmediale sind die Highlights dieser Woche

Nach dem Start des CTM Festivals am letzten Wochenende, eröffnet heute das Kunstfestival "Transmediale" in der Akademie der Künste in Berlin.



Das jährlich veranstaltete Kunstfestival »transmediale«, ein Festival für Medienkunst und digitale Kultur, findet mit seiner 36. Ausgabe diesmal nicht im Haus der Kulturen der Welt (HKW), sondern in der Akademie der Künste, am Hanseatenweg in Berlin-Tiergarten vom 1. - 5. Februar 2023 unter dem Titel: »a model, a map, a fiction« statt. Das Festival ist darüber hinaus mit der stadtweiten Ausstellung "Out of Scale" bis zum 26. Februar 2023 in Berlin präsent.

Am heutigen Mittwoch, den 1. Februar 2023, öffnen die Tore in der Akademie der Künste ab 19:00 Uhr, wie immer bei freiem Eintritt. Eng könnte es vor allem bei den großformatigen Videoinstallationen im ersten Stock werden, weshalb um rechtzeitiges Erscheinen geraten wird.

Die neue Fassung des Kunstfestivals »transmediale« in Berlin befasst sich u.a. mit Technologien der Vermessung, wie Oper auf dem Flugfeld, Kunst beim Späti oder per Satellit.

Neben zwei zentralen Ausstellungsorten in der Akademie der Künste im Tiergarten und im Silent Green Kunstquartier in Wedding sind künstlerische Aktivitäten in weiten Teilen der Stadt vorgesehen.



In Kooperation mit dem CTM Festival (ehemals club transmediale), dessen Festivalschwerpunkt vom 27. Januar - 5. Februar 2023 auf zeitgenössische Musik und Kunst legt, wurde bereits am Sonntag, 29. Januar 2023, im Kuppelsaal des Silent Green Kunstquartiers die Premiere des Musik-Biopics "CAN und Me" gezeigt.

Die Dokumentation von Tessa Knapp & Michael P. Aust startet offiziell erst am 9. März 2023 in den deutschen Kinos. Anlässlich der Festivals war jedoch der 85-jährige Musiker Irmin Schmidt, der als Teil der Kölner Band CAN international bekannt wurde, extra für Interviews nach Berlin gekommen.

Er ist das letzte noch lebende Gründungsmitglied der 1968 gegründeten Krautrockband CAN, die nur 10 Jahre lang existierte, in dieser Zeit jedoch Musikgeschichte schrieb und ihren Stil ständig wandelte. Irmin Schmidt schrieb unter anderem Opern und wagte sich für Namen wie Wim Wenders und Roland Klick an Filmmusiken heran. Er studierte bei Größen wie Karlheinz Stockhausen und György Ligeti und arbeitete lange als Dirigent. Sein Schaffen reicht sogar mit Remixen von CAN-Stücken bis in die Neuzeit der elektronischen Musik hinein.

"CAN und ME" Dokumentation von Tessa Knapp & Michael P. Aust nach einem Drehbuch von Sarah Schygulla. Premiere 29. Januar 2023 in Berlin anlässlich der Festivals CTM und transmediale. Offizieller Kinostart am 9. März 2023. Hier der Trailer:



CAN AND ME

Interview mit Irmin Schmidt, 85, dem letzten noch lebenden Mitglied der Band CAN, der anlässlich der Aufführung des Films „CAN and ME“ von Michael P. Aust während der „transmediale“, dem alljährlichen Festival für digitale Kultur, in Berlin zu Gast war.

1968 gründete der studierte Dirigent und Pianist Irmin Schmidt zusammen mit drei Freunden in Köln eine avantgardistische Band, die sich nicht als Rock-Band begriff weil sie keinem bestimmten Musikstil zugeordnet werden wollte… Zu den gleichberechtigten Mitgliedern der Band, die sich erst mit Verzögerung den Namen CAN zulegte, gehörten der Schlagzeuger Jaki Liebezeit, der Gitarrist Michel Karoli und der Bassist und später auch für die Elektronik zuständige Holger Czukay. Der hatte schon mit Irmin Schmidt zusammen bei Karlheinz Stockhausen an der Musikhochschule Köln Komposition studiert.

Der Film "CAN and ME" beginnt nicht — wie vielleicht erwartet — mit knallharten elektronischen Sounds sondern mit einer relativ sanften Musik, der eine Gruppe von Jugendlichen andächtig zuhört. Und danach sieht man eine weit ausgedehnte Landschaft mit hohen wehenden Gräsern, einem steinernen Tisch und einer Liege. Diese Landschaft ist ein Refugium der Stille.

Interview:

Angelika Kettelhack:
Wurde die CAN-Band in all ihren unterschiedlichen Gruppierungen und ihren wilden Improvisationen immer von Ihnen angeführt — wenn auch nur sehr indirekt bemerkbar.

Irmin Schmidt:
Nein, da muss ich gleich widersprechen. Es wurde von niemandem angeführt. Einen Führer gab es bei uns nicht.

Angelika Kettelhack:
Aber Sie haben doch immer den ersten Impuls gegeben, indem sie auf dem Klavier oder dem Keyboard etwas angespielt haben.

Irmin Schmidt:
Nein-nein-nein, es war absolut kollektiv. Das heißt die Impulse kamen von ein oder dem anderen. Eher meist von Jaki, aber es gab keinen Leader.

Angelika Kettelhack:
Aber im Film sieht es so aus als ob Sie der Punkt sind, wo es beginnt. Sie haben irgendetwas angespielt und dann ging es los.

Irmin Schmidt:
Ja, das mag mal sein, aber es gab nicht grundsätzlich den Zündpunkt von mir. Wenn er nicht von Jaki kam, dann vielleicht von Michael… Aber nicht von mir.

Angelika Kettelhack:
Ihr Vater hätte ja lieber gesehen wenn sie Architekt geworden wären — so wie er. Aber Sie als Musiker sind ja auch Erfinder von neuen Strukturen und von neuen Formationen. Sie sagen sogar: „Alles, was ich tue, muss eine Struktur haben.“

Irmin Schmidt:
Naja, es ist fast unvermeidbar eine Struktur zu haben. Weil anders geht gar nicht. Ich glaube kaum ein Mensch ist je fähig, ein wirklich völliges Chaos anzurichten. Das wär’ toll. Das würde ich gern können. Aber ich glaube, das geht gar nicht. Alles, was man von sich gibt, ist geprägt durch unseren Körper, durch unseren Geist. So sehe ich das. Es ist Struktur. Alles. Es ist unvermeidbar. Ich glaube nicht, dass man etwas von sich geben kann, das andere nicht haben. Alles hat Struktur.

Angelika Kettelhack:
Das ist aber schwierig zu verstehen. Das heißt ja, ich würde immer von irgendwoher regiert — Absolut also. Nicht von Gott und nicht von Menschen, sondern von der Struktur.

Irmin Schmidt:
Ja, so etwa könnte man das sehen.

Angelika Kettelhack:
Aber nochmal zurück: Sie sind nicht in Opposition zu ihrem Vater Musiker geworden?

Irmin Schmidt:
Nein, überhaupt nicht. Ich bin sehr unterstützt worden von meinem Vater. Ich habe von ihm Bauzeichnen gelernt. Das hat auch großen Spaß gemacht. — Aber, ja, Musik war wichtiger… Und es war meinen Eltern auch sehr recht, was ich wollte. Nämlich Dirigent werden. Denn das war ja das Ziel: Ich wollte Dirigent werden und Komponist und Pianist. Aber dadurch, dass wir evakuiert wurden im Krieg, konnte ich erst sehr spät mit dem Klavier-Spielen anfangen. Denn da muss man ja eigentlich mit fünf Jahren beginnen. Aber ich bin erst mit zwölf Jahren zu einem sehr unvollständigen Klavier-Unterricht gekommen.

Angelika Kettelhack:
Aber als ganz kleines Kind haben Sie sich ja schon sehr mit Geräuschen beschäftigen können: Ich denke daran wie Sie das Knirschen der Kieselsteine bewundert haben wenn ihr Nachbar, der Arzt, mit dem Auto in die Garage fuhr. Oder wenn Sie so wie Sie im Film erzählen, in einer Baumhöhle gesessen haben. Das Horchen ist für Musiker ja auch sehr wichtig.

Irmin Schmidt:
Ja. — Da passiert unendlich viel, wenn man genau hinhört.

Angelika Kettelhack:
In Ihrer Schulzeit galten Sie aus der Sicht ihrer Lehrer als ziemlich aufsässig, weil Sie aufdecken wollten welche Lehrer ehemalige Nazis waren. Zur Strafe wurde Ihnen der Zugang zum Abitur verwehrt.

Irmin Schmidt:
Nicht nur deshalb wurde mir das Abi verwehrt. Das war nicht das Einzige. Ich habe auch in der Aula ein Jazzkonzert organisiert — sehr zum Missfallen eines Lehrers, der dafür gesorgt hatte, dass dort eine Orgel installiert worden war, die er als heilig empfand… während ich diese schöne Orgel in der Aula durch Missbrauch entweiht hätte. Nämlich durch das Jazz-Konzert.

Also ich habe viel getan, um mich bei den Lehrern unbeliebt zu machen. Mit Sachen, die eben gerade in der Zeit damals nicht beliebt waren.

Aber ich wollte Dirigent werden und dafür brauchte ich das Abitur. — Ich wollte Dirigent werden weil ich die Symphonien von Mozart, oder die Musik von Bach bis Schoenberg einfach wunderbar fand und sie gestalten wollte. Ich wollte einfach Musiker werden. Und Dirigent war das, was ich mit großer Leidenschaft angestrebt und zunächst auch mit großem Erfolg gemacht habe. Das wurde auch bestätigt: Denn ich habe ja einen Dirigier-Wettbewerb im „Mozarteum“ in Salzburg gewonnen. Es war klar, dass meine Leidenschaft fürs Dirigieren kein Hirngespinst war. Alles lief auf eine erfolgreiche Karriere hinaus — die ich dann aber nicht gemacht habe.

Angelika Kettelhack:
Aber Sie hätten es gekonnt.

Irmin Schmidt:
Ja. Ich konnte es damals und ich glaube ich kann’s auch noch.

Angelika Kettelhack:
Und als Pianist wurden Sie auch schon mit 19 Jahren zum Welt-Musik-Festival nach Halle in der damaligen DDR eingeladen.

Irmin Schmidt:
Nein, da war ich noch gar kein fertiger Pianist. Da hab ich noch am Konservatorium studiert. — Aber ich war Hornist, zweiter Kammermusik-Hornist und von daher nach Halle eingeladen.

Angelika Kettelhack:
Bei dieser Reise haben Sie ja ihre Ehefrau Hildegard kennen gelernt. Sie war und ist offensichtlich Ihre Unterstützerin in allen Lebenslagen.

Irmin Schmidt:
Ja, die hat sehr an meine zukünftige Karriere geglaubt — vom ersten Moment an. Später hat sie sie dann mit gestaltet — als Managerin der Gruppe CAN. — Und wir sind seit 60 Jahren verheiratet. Nächstes Jahr feiern wir unsere „Diamantene Hochzeit“. Und wir waren vorher schon sechs Jahre zusammen. Sie hat mein ganzes Leben begleitet und auch mitbestimmt. Sie hat auch angeregt, oder besser verstanden, dass ich sehr gern Musik für Filme komponiert habe. Nicht nur für Wim Wenders oder Roland Klick… fürs Kino, sondern auch für Serien im Fernsehen.

Angelika Kettelhack:
Ich finde auch den Mut Ihrer Frau Hildegard sehr gut. Sie als Mädchen hat sie ja einfach angesprochen. — Das war damals noch nicht selbstverständlich. Das machte man nicht.

Irmin Schmidt:
Ja, Mut und Abenteuerlust hat sie ihr ganzes Leben lang bewiesen. Jetzt ist sie über 80 und ich find sie immer noch schön. Wir leben ja auf dem Land, in der Provence in Südfrankreich. Dort ist Ruhe. Und das ist mir sehr wichtig: Die Stille!


Die Dokumentarfilmerin Angelika Kettelhack ist 1974 Mitbegründerin des BAF - Berliner Arbeitskreis Film e.V. gewesen und schreibt jetzt wieder für uns.


Anzeige