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Neues zur Berlinale und Filmkritiken im November 2019, Teil 2

Am heutigen 11.11.2019 beginnt die Akkreditierungsphase für die 70. Jubiläums-Berlinale 2020.



Schon bald nach der Verabschiedung vom ehemaligen Festivaldirektor Dieter Kosslick gab das neue Berlinale-Leitungsduo, der Künstlerische Direktor Carlo Chatrian und die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek, erste programmliche Änderungen bekannt.

Neben den traditionellen Sektionen Wettbewerb und Berlinale Shorts, in denen die Goldenen und Silbernen Bären verliehen werden, gibt es künftig mit »Encounters« eine weitere kompetitive Sektion, die ästhetisch und formal ungewöhnliche Werke von unabhängigen Filmemacher*innen zeigen wird.

Allerdings steht für die neue Plattform noch kein Kino zur Verfügung, wie der Tagesspiegel vor ein paar Tagen schrieb. Offensichtlich wird das CineStar am Potsdamer Platz über das Jahresende hinaus nicht mehr betrieben, obwohl sich die Berlinale für einen Fortbestand einsetzte. Zwar hat das Kartellamt noch kein grünes Licht für die Fusion zwischen CinemaXX und CineStar gegeben, dennoch scheint eine Fortsetzung des Spielbetriebs im Sony Center derzeit aussichtslos zu sein.

Unabhängig von den Problemen mit den Spielstätten, läuft die Akkreditierungsphase für die 70. Berlinale 2020 am 11.11.2019 an.

Die 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 20. Februar bis 1. März 2020 statt. Termine gibt es auch für den European Film Market (20. bis 27. Februar), den Berlinale Co-Production Market (22. bis 26. Februar), die Berlinale Talents (22. bis 27. Februar) und den World Cinema Fund Day (26. Februar).

Die Programmpressekonferenz wurde auf den 29. Januar 2020 gelegt. Am 11. Februar 2020 erfolgt die Veröffentlichung des Gesamtprogramms inklusive aller Terminierungen und Spielstätten.

Link: www.berlinale.de

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Unter unseren heutigen Filmkritiken befindet sich "LARA", Jan-Ole Gersters eindringlich gespieltes Mutter-Sohn-Drama, mit Corinna Harfouch und Tom Schilling in den Hauptrollen. Beim 37. Filmfest München und dem 54. Internationalen Filmfestival Karlovy Vary ist der Film mit insgesamt fünf Preisen ausgezeichnet worden. Gelobt wurden insbesondere die sensible Inszenierung und die intim-konzentrierten Bilder des Kameramanns Frank Griebe. Am letzten Donnerstag startete der Film regulär in den deutschen Kinos.

"LARA" Drama von Jan-Ole Gerster (Deutschland). Mit Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung, Volkmar Kleinert, Rainer Bock, Mala Emde, Gudrun Ritter, Friederike Kempter, Birge Schade, Maria Dragus u.v.a. seit 7. November 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Vor sieben Jahren brachte Jan Ole Gerster sein Spielfilmdebüt „Oh Boy“ auf die Leinwand, für das er mit sechs deutschen Filmpreisen ausgezeichnet wurde. Nun startet sein zweiter Film mit dem Titel „Lara“.

Es ist der sechzigste Geburtstag der Lara Jenkins (Corinna Harfouch). Es ist 7:30 Uhr. Sie steigt aus dem Bett, öffnet das Hochhausfenster, stellt einen Stuhl davor und steigt hinauf. Es klingelt penetrant. Sie steigt wieder herunter, öffnet die Tür. Zwei Polizisten bitten sie als Zeugin zu einer Wohnungsdurchsuchung mitzukommen.

Als sie wieder Zuhause ist, wartet sie vergeblich auf den Anruf ihres Sohnes (Tom Schilling). Es ist sein grosser Tag. Am Abend gibt er ein Klavierkonzert, wo er eine Eigenkomposition vorstellt. Lara verlässt das Haus und streift durch Berlin. Kurz entschlossen kauft sie alle Restkarten und verschenkt sie an Menschen, denen sie unterwegs begegnet und an einige, die sie bewusst aufsucht.

Laras Traum war es, selbst eine berühmte Pianistin zu werden. Doch den ließ sie fallen, weil sie glaubte, nicht gut genug zu sein. Statt dessen fristete sie ihr Dasein als Verwaltungsangestellte und übertrug ihre traumatische Enttäuschung auf ihren Sohn.

Obwohl er sie nicht eingeladen hat, kauft sie sich extra für den Abend ein elegantes Kleid. Schon wie in „Oh Boy“ wird die Geschichte der Lara durch die Begegnung der unterschiedlichen Menschen, nach und nach enthüllt. Hinter ihrer eleganten Noblesse verbirgt sich eine Person, die an großen Träumen, übertriebenem Ehrgeiz und einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung innerlich zerbrochen ist. Dass sie ihrem Sohn noch kurz vor seinem Auftritt seine Komposition sei „musikantisch“ ins Gesicht sagt, trifft ihn wie eine Ohrfeige.

Corinna Harfouch ist die ideale Besetzung für diese Figur. Ihr Spiel ist wunderbar minimalistisch. Trotz all ihrer Bitterkeit, fängt man an sie zu mögen. Spätestens dann, als klar wird, dass ein einziger Satz ihres damaligen Klavierprofessors, ihren großen Traum zerstört hat. Eine dahergesagte Bemerkung, die sich bei ihr eingebrannt hat und sie zu der bedauerlichen Person gemacht hat, die sie ist.

Nicht nur seine Hauptdarstellerin hat Gerster sorgfältig ausgesucht, auch seine Nebendarsteller*innen sind ideal, ihrem jeweiligen Charakter entsprechend, besetzt. Mit Sicherheit wird Gersters zweiter Film noch eine Menge Preise einheimsen. Wetten dass?

Ulrike Schirm


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"THE REPORT" Polit-Thriller von Scott Z. Burns (USA). Mit Adam Driver, Annette Bening, Jon Hamm u.a. seit 7. November 2019 in ausgesuchten Kinos. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Dieser Film basiert auf dem Untersuchungsbericht des US-Senats über das CIA Internierungs-und Verhörprogramm. (O.T. - "THE TORTURE REPORT")

Der US-Senatsmitarbeiter Daniel J. Jones (Adam Driver) bekommt von der demokratischen Senatorin Dianne Feinstein (Annette Benning) den Auftrag einen Bericht über das nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 geltende Inhaftierungs-und Verhörprogramm der CIA anzufertigen. Eine Mammutaufgabe.

Drei Jahre verbrachte er, zusammen mit einem kleinen Team, damit, 6,3 Millionen Seiten an Geheimdokumenten durchzuarbeiten, unter strengster Geheimhaltung. Was er dabei aufdeckt ist erschütternd.

Nach den Anschlägen 9/11 ist das Land in hellster Aufregung. Unter dem Begriff des Heimatschutzes und dem Versagen, die Anschläge auf das World Trade Center nicht verhindert zu haben, ist der CIA jedes Mittel recht. In Geheimgefängnissen werden wahllos „Terroristen“ inhaftiert und mit an freiwilligen Simulanten ausprobierten Foltermethoden, drangsaliert.

Man nannte es eine „erweiterte Vernehmung“, von zwei Air-Force-Psychologen, angeblich wissenschaftlich belegt. Man spricht erst dann von Folter, wenn Organversagen oder der Tod eintritt.

An Fantasie mangelt es dem Geheimdienst wahrlich nicht. Es geht um den Einsatz von Insekten, dem Einsperren in enge Boxen, Schlafentzug, an die Wand schleudern, Druckbelastungen, Schläge ins Gesicht, sogenannte Demütigungsschläge, Scheinbegräbnisse, Waterboarding. All das wird angewendet, unter der Prämisse, das Land vor denen zu schützen, die es zerstören wollen. Die Verhörvideos lassen einem den Atem stocken, besonders weil es längst bewiesen ist, dass solche Methoden zu keinen brauchbaren Aussagen führen.

Als Zuschauer fiebert man regelrecht mit Jones mit. Man ist hautnah mit dabei, wie er sich akribisch durch das Sichtungsmaterial wühlt, Tag für Tag in einem bunkerähnlichem Raum, auf der Suche nach der Wahrheit und Gerechtigkeit, mit dem Ziel zu gewinnen. Befragungen von Verantwortlichen, werden von der CIA auf infame Weise blockiert. Man ist sich selbst der Nächste und versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Jones Ermittlungen reichen bis in die Obama-Ära, der damals schon großspurig erklärte, dass Folter als Mittel zur Wahrheitsfindung zu verurteilen sei, sich aber scheut, die lückenlose Aufklärung voranzutreiben, um seine Wiederwahl nicht zu gefährden.

Adam Driver ist das „Salz in der Suppe“ dieses dunklen Kapitels in der amerikanischen Geschichte. Für manche wird Jones ein Held sein, für andere ein Verlierer.

Unter der Regie von Scott Z. Burns wird das fesselnde Drama, das auf dem echten CIA-Folterbericht basiert, der im Dezember 2014 veröffentlicht wurde, nur für kurze Zeit in einigen Kinos zu sehen sein. Ab 22.11. 2019 läuft die AMAZON-Produktion bereits online auf PRIME VIDEO.

Ulrike Schirm


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"MARIANNE & LEONARD: Words of Love" Musik-Doku von Nick Broomfield (USA). Mit Leonard Cohen, Marianne Ihlen, Judy Collins u.a. seit 7. November 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Die Dokumentation über Leonard Cohen und seine Muse Marianne Ihlen ist eine poetische Reise in die 60-Jahre auf die Insel Hydra. „Words of Love“ erzählt die Liebes-und Lebensgeschichte des Ausnahmekünstlers und seine Suche nach Inspiration.

Nachdem die Norwegerin Marianne Ihlen ihren gewalttätigen Mann verlassen hat, lebte sie mit ihrem kleinen Sohn überwiegend auf der kleinen Insel Hydra, die in den Sechzigern ein Anziehungsort für Künstler und Hippies und Freidenker war. Hier lernte sie den jungen Leonard kennen, der so etwas wie „eine helping hand“ für sie wurde. Jahrelang führten sie eine On-and-Off Beziehung.

Marianne war die Liebe seines Lebens, was der kanadische Frauenschwarm erst sehr viel später einsah. Für sie schrieb er eines seiner berühmtesten Lieder „So long Marianne“, was mit den Zeilen beginnt: „Now, so long Marianne, it`s time that we began, to laugh and cry and cry and laugh about it all again“. Sie war seine griechische Muse. Wirklich glücklich war das Paar nur auf Hydra. Der damals noch unbekannte Leonard und Marianne führten ein Leben wie im Rausch. Drogen wurden herumgereicht, es war die Zeit der freien Liebe unter freiem Himmel und beständigem Sonnenschein. Mit ihrer Bodenständigkeit sorgte sie trotz aller Sorglosigkeit für einen geregelten Tagesablauf und inspirierte ihn zu einigen seiner poetischen Songs. Eine starke Spiritualität verband die beiden.

Bevor er zum ersten Mal vor Publikum mit seinem Song „Suzanne“ auftrat, schrieb er ein Buch, welches von den Kritikern total zerrissen wurde. Da er sich ab und zu ein Plättchen LSD gönnte, kann man sich vorstellen, dass die Texte in seinem Buch nicht für Jedermann verständlich waren. Als die beiden nicht mehr als Paar zusammen waren, schickte er immer noch Geld und kümmerte sich um den kleinen Axel. An einer Stelle sagt Marianne, dass sie ihn am liebsten in einen Käfig gesperrt – und den Schlüssel abgezogen hätte. Sie litt unter der Trennung mehr als er. Je berühmter er wurde, desto besessener stürzte er sich in Liebesaffären.

Tief in seinem Innern wusste er, das es nicht richtig war, aber durch seine starken Depressionen lebte er in einer Düsternis und konnte einfach nicht anders. Von 1994-1999 hielt er sich in einem buddhistischen Kloster auf. Als er es verließ, war er total verarmt und gezwungen eine Tournee nach der anderen anzunehmen und wurde zum Superstar.

Marianne, die längst nach Norwegen zurückgekehrt ist und zum zweiten mal geheiratet hat, starb 2016 an Leukämie. Auf dem Sterbebett sprach sie noch über ihn und bat ihn, sich um ihren Mann und den Sohn Axel zu kümmern. Er schrieb ihr einen innigen Liebesbrief, Worte, die sie eigentlich schon vorher liebend gern von ihm gehört hätte. Drei Monate später ist auch er verstorben.

Interessant ist, dass Regisseur Nick Broomfeld als Teenager selbst ein Teil dieser feucht-fröhlichen Künstlergemeinde war und von der jungen Marianne inspiriert wurde, Filme zu machen. Bekannt wurde er mit seinen Filmen „Kurt & Courtney“ und „Whitney-Can I be me“.

Broomfeld beschreibt, dass das Leben auf der Insel durchaus nicht nur eitel Sonnenschein war, sondern auch seine dunklen Schattenseiten hatte. Da ich selbst Ende der Achtziger zweimal auf Hydra war, kann ich eins bestätigen: Die Insel ist wunderschön und Cohen hatte wirklich ein unglaubliches Charisma, als er eines Abends in einem Straßencafé am Hafen auftauchte und spontan einige seiner Lieder, in einer fröhlichen Runde zum Besten gab. Er hatte inzwischen genug Geld verdient, um sich ein Haus dort zu kaufen.

Ulrike Schirm


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"DAS WUNDER VON MARSEILLE" Biopic-Dramödie von Pierre-François Martin-Laval (Frankreich). Mit Assad Ahmed, Gérard Depardieu, Isabelle Nanty u.a. seit 7. November 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Es ist ein herzzerreissender Abschied. Wegen politischer Unruhen flieht der Vater Nura (Mizanur Rahaman) mit seinem achtjährigen Sohn Fahim (Assad Ahmed) von Bangladesch über Indien nach Frankreich. Den Rest der Familie will er später nachholen, wenn er eine Arbeit gefunden hat und die nötigen Papiere beisammen hat.

Mit Hilfe des DRK kommen sie in einem Flüchtlingsheim unter, wenigstens solange bis ihr Asylantrag durch ist. Fahims Leidenschaft ist das Schachspiel. Es hat sich bis Bangladesch herumgesprochen, dass es in dem Pariser Vorort Créteil, einen berühmten Schachlehrer gibt. Es handelt sich um den mürrischen Sylvain Charpentier (Gérard Depardieu). Vater und Sohn suchen ihn auf. Schnell erkennt er das grosse Talent des Jungen und wird nicht nur sein Förderer, sondern auch ein Freund.

Er meldet Fahim zu seinem ersten Schachturnier an. Kurz vor der Meisterschaft in Marseille, droht dem Vater die Abschiebung. Sie müssen das Heim verlassen. Während Fahim Unterschlupf bei seinem Mentor findet, campiert sein Vater draussen, zwischen anderen Flüchtlingen. Fahim, der inzwischen einigermassen die französische Sprache beherrscht, hat bei einer Anhörung herausgehört, dass der Dolmetscher die Antworten seines Vaters offensichtlich falsch übersetzt. Durch die fatale neue Situation, ist Fahims Teilnahme an den Meisterschaften nicht mehr garantiert. Wenn der Junge es nicht schafft, französischer Champion zu werden, war ihre Flucht umsonst.

Die Geschichte von Vater und Sohn in einem fremden Land, wird mit herzergreifender Emotionalität erzählt. Sie ist ein optimistisches Beispiel dafür, dass mit der Hilfsbereitschaft von Fremden mehr möglich ist, als man ahnt.

„Spiel um dein Leben, Fahim“ ist der Titel des Buchs, auf dem der bewegende Film basiert. Zum Start des Films, wird das Buch unter dem Titel des Films, nochmal neu aufgelegt.

Es ist beeindruckend wie der junge Laiendarsteller Assad Ahmed, der wie der echte Fahim aus Bangladesch stammt und während der Dreharbeiten die französische Sprache lernte, in seiner Rolle aufgeht und trotz aller Ernsthaftigkeit dieser wahren Geschichte, in einigen Szenen den Humor nicht verliert.

Ulrike Schirm


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