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Eine Schauspieler-Ehrung und zwei Filmkritiken im Nov. 2019, Teil 1

Vergabe des Herbert-Strate-Preis für Mario Adorf in Köln.



Mario Adorf wird am 5. November 2019 im Rahmen der Vergabe des Kinoprogrammpreis NRW in Köln mit dem Herbert-Strate-Preis ausgezeichnet. Das teilte die Film- und Medienstiftung NRW mit, die den Ehrenpreis seit 2004 zusammen mit dem HDF Kino e.V. an Persönlichkeiten vergibt, die sich in besonderer Weise um das deutsche Kino und den deutschen Film verdient gemacht haben.

Die Auszeichnung in NRW erfolgt im Rahmen des Kinoherbstes, der wieder im Zeichen Filmfestivals und Filmreihen steht. Darunter das Kinofest LÜNEN, das Festival für deutsche Filme, das vom 13.-17. November 2019 mit der 30. Ausgabe ein Jubiläum feiert. Zudem beschäftigen sich in Köln Konferenzen und Fachtagungen mit dem Filmschaffen und der Zukunft von Film und Kino im digitalen Zeitalter.

Die Entscheidung zugunsten des 89-Jährigen Mario Adorf fällte eine dreiköpfige Jury, bestehend aus der Filmstiftungs-Geschäftsführerin Petra Müller (vormals Geschäftsführerin beim Medienboard Berlin-Brandenburg), der HDF-Kino-Vorstandsvorsitzenden Christine Berg, und Kinobetreiberin Margarete Papenhoff.

In deren Begründung heißt es:
"Mario Adorf ist einer der bekanntesten, beliebtesten und besten Schauspieler Deutschlands. Zahllose unvergessene Filme von Autoren und Regisseuren wie Billy Wilder, Sam Peckinpah, Rainer Werner Fassbinder, Helmut Dietl, Margarethe von Trotta, Philipp Kadelbach, Volker Schlöndorff, Lola Randl oder Urs Egger hat er mitgeprägt, hat gerade den Filmen junger Filmemacher mit seiner Bekanntheit das Interesse eines großen Publikums gesichert. So hat er sich immer wieder auch für risikoreiche Projekte engagiert, die mit wachen Augen auf die deutsche Gesellschaft und auf internationale Entwicklungen schauen. Durch seine Mitwirkung in vielen internationalen Spielfilmen war er immer auch ein unübersehbarer Botschafter des deutschen Kinos. Es ist uns eine große Freude, Mario Adorf mit dem Herbert Strate-Preis auszuzeichnen."

Petra Müller betont:
"Mario Adorf ist ohne Frage ein Ausnahmeschauspieler, der dem deutschen und internationalen Kinofilm und auch dem Fernsehen seit mehr als sechs Jahrzehnten unvergessliche Figuren und Geschichten geschenkt hat, einer, der in großen Charakterstudien und kleinen Rollen brilliert, der Filmkunst dient und das große Publikum begeistert. Und mehr als das, er zeigt Haltung, in seinen Filmen, auf der Bühne und in seinen Büchern. So hat sich Mario Adorf nicht nur, aber vor allem um Film und Kino große Verdienste erworben. Wir gratulieren ihm zum Herbert Strate Preis 2019."

Für Christine Berg steht fest:
"Das Publikum kann sich darauf verlassen: Wenn Mario Adorf mitspielt, erwartet es Besonderes, nämlich Unterhaltung im besten Sinne, Unterhaltung mit Anspruch, mit Geist, mit Herz. Viele Millionen Besucher hat Adorf über die Jahre in die Kinos gezogen. Und auch im hohen Alter ist er experimentier- und spielfreudig geblieben, und das mit einer Energie, die Leinwand und Bildschirm geradezu vibrieren lässt. - Es ist uns eine außerordentliche Freude, Mario Adorf am 5. November mit dem Herbert Strate-Preis auszuzeichnen, verbunden mit dem Wunsch, dass noch viel aufregende und anregende Arbeit auf ihn wartet."


"ES HÄTTE SCHLIMMER WERDEN KÖNNEN - MARO ADORF" Dokumentation von Dominik Wessely (Deutschland). Ab 7. November 2019 im Kino.

Mario Adorf (* 8. September 1930 in Zürich, Schweiz) ist ein deutscher Schauspieler mit deutsch-italienischen Wurzeln. Er gehört zu den profiliertesten zeitgenössischen Darstellern auf der Bühne, im Kino und im Fernsehen. Daneben betätigt sich Adorf als Schriftsteller und Hörbuchautor. Er wuchs in einem katholischen Kinderheim in der Eifel auf, da seine alleinstehende Mutter das Kind nicht ernähren konnte.

Seinen Lebenslauf schildert der Schauspieler persönlich in Dominik Wesselys Dokumentarfilm "Es hätte schlimmer kommen können - Mario Adorf", der zwei Tage nach der Auszeichnung am 7. November 2019 in den deutschen Kinos startet.

Hier der Trailer:



Unsere Kurzkritik:

Maria Adorf spielte seit 1954 in über 200 Film-und Fernsehproduktionen Haupt-und Nebenrollen. An der Schauspielschule wurde er angenommen, weil, weil er Stärke und Naivität besitzt. In Dominik Wesselys Dokumentation kommen aber auch Weggenossinnen wie Senta Berger und Margarethe von Trotta zu Wort.

Ein wenig zu kurz abgehandelt werden nach unserem Geschmack die Atze Brauner Verfilmungen von Karl May in denen Mario Adorf mehrmals den Schurken spielt. Erst in diesen Filmen wurde er seinerzeit einem breiten deutschen Publikum bekannt. Anderen, uns weniger bekannten Filmausschnitten wird etwas mehr Raum gewidmet.

Zum Ende des Filmes folgt man ihm aber ausgiebig auf den Spuren in seine zweite Heimat Italien, wo er immer noch hochverehrt wird. Er spricht sogar italienisch flüssiger, als sein nicht ganz akzentfreies hochdeutsch, obwohl er in der rheinischen Eifel aufwuchs und in München Schauspielunterricht hatte. Aber vielleicht mag dies nur uns Berlinern so vorkommen, denen das Norddeutsche mehr liegt als das Bayerische und Süddeutsche.

Im Film, der seine Uraufführung auf der Berlinale im Februar 2019 feierte, fasst eine Essenz seines Lebens in Bildern zusammen. Sehr persönlich, aber auch ein wenig eitel, spricht Mario Adorf ebenso im Film über seine Arbeit und sein Leben besonders in den letzten Jahren, über Glücksmomente und Enttäuschungen, über Deutschland und seine Heimat in der Eifel, aber auch über Italien und über den Beruf des Schauspielers, über die Frauen seines Lebens, seine Freunde und seine Kollegen. Regisseur Dominik Wessely hat über einen Zeitraum von 9 Monaten 26 Drehtage mit Herrn Adorf zusammen gesessen, um diesen Film machen zu können.

Anschließend erschien im März 2019 auch ein Buch des Autors Tim Pröse über Mario Adorf im KIWI Verlag, der mit großer Zuneigung und Begeisterung, aber auch mit geschickten, immer tiefer bohrenden Fragen mehr Persönliches über Mario Adorf entlockte, als er normalerweise preisgeben würde. Einige Geheimnisse entlockte ihm aber auch Regisseur Wessely schon im Film.

W.F. & U.S.

Quellen: Blickpunkt:Film | Kiepenheuer & Witsch | Wikipedia

Richtigstellung: Wir haben den Text auf Einwand des Regisseur noch einmal überarbeitet, da das Buch offensichtlich in Kenntnis der Schnittfassung erst nach der Uraufführung des Films im März erschienen ist und nicht umgekehrt. Allerdings dürfte schon etliche Wochen vor dem Druck - und noch vor der Veröffentlichung des Films - das fertige Manuskript dem Verleger vorgelegen haben.

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"PORTRAIT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN" Ein meisterwerkliches Historien-Drama von Céline Sciamma (Frankreich). Mit Noémie Merlant, Adèle Haenel, Luàna Bajrami u.a. seit 31. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Bretagne im Jahr 1770. Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) hat den Auftrag ein heimliches Portrait der jungen Héloise (Adèle Haenel) anzufertigen. Eine Gruppe von Fischern rudert sie bei rauer See zu einer kleinen bretonischen Insel. Marianne springt ins eiskalte Meer, um ihre Leinwände zu retten, ihr wichtigster Besitz. Die Fischer setzen sie ab und verschwinden. Im Verlauf des Films tauchen keine Männer mehr auf. Alles dreht sich nur noch um die beiden Frauen.

Noch ahnt Marianne nicht, dass sich Héloise auf keinen Fall malen lassen will. Töchter wie sie, sollen durch Heirat ihre verarmte Familie retten. Das Portrait soll dazu dienen, sie standesgemäß zu verheiraten. Schon ihre Schwester hat aus diesem Grund den Freitod gewählt. Offiziell wird Marianne als Gesellschafterin eingestellt. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als das junge Mädchen bei ihren gemeinsamen Spaziergängen genauestens zu beobachten, damit sie jede Nuance aus dem Gedächtnis auf die Leinwand zaubern kann.

Die anfänglich verstohlenen Blicke der beiden Frauen werden immer begehrlicher und gefühlsreicher. Als die Wahrheit ans Licht kommt, ist es bereits zu spät. Die beiden haben sich ineinander verliebt. Neben Marianne und Héloise treten noch zwei weitere, für die Handlung wichtige Figuren auf. Die Mutter von Héloise (Valeria Golino), die die Lüge eingefädelt hat und Sophie (Luàna Bajram) das Dienstmädchen, das ungewollt schwanger ist.

Obwohl in der Geschichte nicht eine Männerfigur auftaucht, ist das Patriarchat subtil spürbar.

Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes erhielt Regisseurin Céline Sciamma den Preis für das beste Drehbuch. Sie hat für ihren Film Bilder gefunden, die an Gemälde erinnern. Ihr Film strahlt eine ganz besondere Ruhe aus, getragen von ihren Hauptdarstellerinnen, deren Blicke von einer betörenden Magie, die man so noch nie gesehen hat, den Film zu einem besonderen Juwel machen. Wunderschön und sinnlich.

Ulrike Schirm


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