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Starke neue Arthouse-Kinocharts

Weitere Filmkritiken im August und ein paar interessante Statistiken.



Die neue Nummer eins in den deutschen Arthouse- und Independent-Kinos kommt von Cédric Klapisch aus Frankreich. Das von uns am 9. August 2017 rezensierte semidokumentarische Werk "Der Wein und der Wind" gelang am letzten Wochenende als erfolgreichster Film von vier Neustarts auf Platz eins in die Top Ten der von ComScore und der AG Kino Gilde ermittelten Arthouse-Kinocharts. Diese bilden die Hitliste der Filme nach Besucherzahlen in den Mitgliedskinos des Verbands ab.

Platz zwei belegte mit Gurinder Chadhas Historiendrama "Der Stern von Indien" ein weiterer Neustart von letzter Woche, den wir heute in unserer Filmkritik besprechen, gefolgt von der Nummer eins der beiden Vorwochen, Sally Potters "The Party", eine bissige politische Komödie, die bei uns am 30. Juli 2017 auf der Besprechungsliste stand. Auf Platz acht konnte sich mit Lisa Azuelos' Biopic "Dalida" ein weiterer Neustart in den Top Ten der deutschen Arthouse-Kinocharts platzieren, dessen Besprechung ebenfalls bei uns heute folgt.

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"DER STERN VON INDIEN" von Gurinder Chadha.
Mit Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Manish Dayal u.a.:
Seit 10.08.2017 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Vor genau 70 Jahren, am 15. August 1947 erhielt Indien nach Jahrzehnte langen Auseinandersetzungen mit der britischen Kolonialmacht die Unabhängigkeit. Geteilt wurde das Land in ein hinduistisches Indien und ein muslimisches Pakistan. Etwa 8,4 Millionen Menschen siedelten sich zwischen Indien und Pakistan um. Bei den Unruhen kamen mehr als eine Million Menschen ums Leben.

Als der neue Vizekönig von Indien, Lord Mountbatten, Onkel von Prinz Philip, mit seiner Frau in seinem herrschaftlichen Palast in Delhi eintrifft, begreift er ganz schnell, dass es sich hier nicht um eine reine Verwaltungsangelegenheit handelt. Auf dem Subkontinent toben ethnisch religiöse Konflikte zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs.

Der deutsche Titel „Der Stern von Indien“ führt leicht in die Irre. Das Herzensprojekt der indisch-britischen Filmemacherin Gurinder Chadha ("Kick It Like Beckham"), ihre Großeltern wurden zum Opfer der Separationsteilung, die Millionen von Menschen in die Flucht trieb, heißt im Original passenderweise „Viceroy`s House“. Und um dieses Haus geht es eigentlich.

Ein Hofstaat vom Feinsten erwartet die Mountbattens. Eine Hundertschaft von Bediensteten steht für sie bereit, um für ihr Wohl zu sorgen. Edwina Mountbatten (Gillian Anderson), die sich sehr für die indische Kultur interessiert, ordnet als erstes an, den britisch-europäischen Speiseplan zu ändern und traditionelle, lokale indische Speisen zu servieren. Ihr Mann (Hugh Bonneville) hat die schwere Aufgabe, Indiens Unabhängigkeit ohne einen Bürgerkrieg zu entfachen, über die politische Bühne zu bringen. Er widmet sich den militärischen Aufgaben, sie hingegen ist trotz ihrer adligen Herkunft sozial links orientiert. „Wir sind hierher gekommen, um dem Land Frieden zu bringen und nicht, um das Land auseinander zu reißen“. Die politischen Strippenzieher entscheiden nach ihren eigenen Gesetzen.

Eingebettet in das politische Desaster ist die anrührende Liebesgeschichte zwischen dem am Hofe jungen Angestellten Hindu Jeet (Manish Dayal) und der schönen Muslima Aalia (Huma Qureshi), die von ihrem Vater (Om Puri) einem Anderen versprochen wurde. Auch hier gilt der Grundsatz: Es wird geteilt, was eigentlich zusammen gehört.

Chadhas Film orientiert sich stark am Mainstream, schafft es aber, die historisch brutale Realität in den Mittelpunkt zu stellen und den Zuschauer zu veranlassen, dem Historiendrama mit echter Anteilnahme zu folgen. Dekor und Kostüme sind eine wahre Augenweide. Gegenwartsbezogene Anspielungen, wie bürgerkriegsähnliche Zustände im Nahen Osten und den daraus resultierenden Flüchtlingsströmen, werfen die Frage auf, ob man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Leider, leider muss man die Frage mit einem klaren Nein beantworten. Der Film deckt Vieles auf, was man vorher noch nicht wusste. Der „Mountbattenplan“ führte zur Tragödie und  Zerstörung.

Ulrike Schirm


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"DALIDA" von Lisa Azuelos.
Mit Sveva Alviti, Riccardo Scamarcio, Jean-Paul Rouve u.a.:
Seit 10.08.2017 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

1933 wurde Iolanda Cristina Gigliotti in Kairo geboren. Weltruhm erlangte sie unter ihrem Künstlernamen Dalida. Hinter der glamourösen erfolgreichen Fassade, verbarg sich ein zutiefst unglücklicher Mensch. Sie verkaufte mehr als 150 Millionen Tonträger, nahm mehr als 2000 Songs auf und gewann mehr als 70 Goldene Schallplatten. Der italienische Sänger Luigi Tenco war ihre große Liebe. Als er sich 1967 eine Kugel in den Kopf schoss, versucht auch Dalida sich umzubringen.

Ihr Suizidversuch am 26. Februar 1967 ist der Ausgangspunkt für die erschütternden und gleichermaßen ruhmreichen Lebensstationen einer hochsensiblen und komplexen Persönlichkeit. Der Wunsch nach einem eigenen Kind wurde nicht erfüllt. Der Regisseurin Lisa Azuelos gelingt es einfühlsam den Weg ihrer Karriere und ihre zahlreichen Liebesbeziehungen, drei ihrer Männer wählten den Freitod, miteinander zu verknüpfen. Dalida, eine Frau die ihr Publikum begeisterte und privat ihr Leben einfach nicht in den Griff bekam. Auch ihre Texte spiegelten ihr Seelenleben wieder. Azuelos: “Sie war ein Opfer des Pechs, denn sie war eine unglaublich moderne Frau in einer alles andere als modernen Zeit. Hätte sie 25 Jahre später gelebt, hätte sie ihr Baby unehelich zur Welt bringen können. Oder unter Bedingungen abtreiben können, die nicht zu ihrer Unfruchtbarkeit geführt hätten. Vielleicht wäre sie dann nicht so verzweifelt und unglücklich gewesen, sich das Leben zu nehmen“.

Geschickt sind die Lieder in die Handlung integriert und die teilweise traurigen Texte kommentieren das Geschehen, Ton und Bild verschmelzen zu einem Ganzen. Wer kennt sie nicht, die Lieder „Am Tag als der Regen kam“, oder „Paroles, Paroles“ oder mein ganz spezielles Lieblingsstück „Er war gerade 18 Jahr…“ . Mit der Newcomerin Sveva Alviti hat Azuelos eine Darstellerin gefunden, die mit ihrer charismatischen und betörenden Ausstrahlung, ihrer Eleganz und Melancholie Dalida zum Verwechseln ähnelt. Dalidas Todestag, 3. Mai 1987, jährte sich in diesem Jahr zum 30. Mal.

Ulrike Schirm


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"TRÄUM WAS SCHÖNES" von Marco Bellocchio.
Mit Valerio Mastandrea, Bérénice Bejo, Guido Caprino u.a. sowie dem überzeugenden Kinderdarsteller Nicolò Cabras:
Seit 17.08.2017 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Der neunjährige Massimo ist ein glückliches Kind. Seine Mutter kümmert sich liebevoll um ihn. Sie erzählt ihm Gute-Nacht-Geschichten, scherzt und lacht mit ihm. Die letzten Worte, die sie ihm mitgibt, als sie ihn zu Bett bringt: “Träum was Schönes“. Doch in der Nacht hört man einen markerschütternden Schrei.

Als Massimo aufwacht, ist seine Mutter nicht mehr da. Man erzählt dem verstörten Kind, dass seine Mutter Gott gebeten hat, in den Himmel zu kommen, um sein Schutzengel zu sein. Das plötzliche Verschwinden seiner geliebten Mutter hat Massimo zeitlebens traumatisiert. Sein Vater zeigt wenig Herzlichkeit und als eine fremde Frau im Haus auftaucht und der kleine Junge sie küssen will, weist sie ihn mit den Worten, lass das, ich bin nicht deine Mutter, ab.

Auch dreißig Jahre später, er ist inzwischen ein angesehener Journalist und Fotoreporter, weiß er immer noch nichts über die wahre Todesursache. Sein Vater und seine Verwandtschaft hüllen sich in tiefes Schweigen. Der Padre redet ihm ins Gewissen: “Er solle sich doch endlich eingestehen, dass seine Mutter tot ist und nicht allen erzählen, dass sie noch lebt“. Am schönsten sind die berührenden Rückblenden, in denen Regisseur Marco Bellocchino die fröhliche Kindheit des Jungen erzählt. Erst als Massimo längst erwachsen ist, zeigt sein Vater ihm Mitgefühl und gibt ihm zu verstehen, dass er genau wusste, wie sehr er gelitten hat. Niemand konnte und wollte ihm die Wahrheit sagen.

Der Katholizismus verbietet es aufs Strengste, einen Suizid zu begehen. Auch die Schuldgefühle bei den Angehörigen, besonders bei Kindern sind immens gross. "TRÄUM WAS SCHÖNES - FAI BEI SOGNI" basiert auf dem Roman des italienischen Autors Massimo Gramellini. Das Buch wurde 2012 veröffentlicht und erschien unter dem gleichen Titel „Träum was Schönes“ auf Deutsch.

Bellocchio: „Ich habe dieses Buch nicht verfilmt, weil es ein Bestseller ist, sondern wegen der Themen und der dramatischen Situationen. Massimo, ein erwachsener Mann und als Journalist etabliert, wacht eines Tages auf und muss sich mit den Wurzeln seines Schmerz auseinandersetzen“. 

2016 eröffnete der Film die Directors` Fortnight der 69. Filmfestspiele von Cannes und wurde mit Standing Ovations gefeiert. Ein Film voller starker Momente, mit 134 Minuten Länge, trotz seiner Komplexität und emotionaler Tiefe, leider etwas arg lang geraten.

Ulrike Schirm


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"BULLYPARADE - DER FILM", Komödie von Michael "Bully" Herbig.
Mit Michael "Bully" Herbig, Christian Tramitz, Rick Kavanian u.a.:
Seit 17.08.2017 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Bevor sie sich entschlossen haben die Bullyparade wieder zum Leben zu erwecken, haben Michael "Bully" Herbig, Rick Kavanian und Christian Tramitz bei ihren Fans eine Umfrage gestartet, welche der beliebten Figuren sie im Film wiedersehen wollen.

In 5 Episoden schlüpfen sie in 26 neue und bekannte Rollen. Und da sie auch nicht mehr die Jüngsten sind, liefert ihnen auch das Stoff für einige Parodien. Es geht um einen Bootsverleih mitten in der Wüste, Winnetou, der sich entschlossen hat zu heiraten und auf einem Mountainbike herum kurvt, einer Rettungsmission auf dem „Planet der Frauen“, Flucht vor einem Kopfgeldjäger, einen Nostalgietrip in einer Trabi-Zeitmaschine, marsch, marsch zurück in die DDR. Auch Sissi und Franzl, die ein Spukschloss besichtigen, dürfen nicht fehlen und die drei Kastagnetten tauchen auch wider auf. Auch nach zwei Jahrzehnten spürt man, dass das Trio eine Menge Spaß beim Drehen hatte und sich keinen Kopf darüber macht, ob es Anderen genau so geht.

Es ist eh müßig, auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Zuschauers einzugehen, denn dann kann man es gleich sein lassen. Feinsinnigen Humor findet man hier nicht und erwartet ihn auch gar nicht. Einige Episoden zünden durchaus, andere weniger. Ich gehöre nicht zu ihrer Fangemeinde, habe schon damals nicht verstanden, was da so lustig ist und heute fehlt mir erst recht der Humor für diese Art von Quatsch. Die Fangemeinde von Bully und Co. hat auf jeden Fall jede Menge Spaß und das ist auch gut so. Wo kämen wir denn hin, wenn die Geschmäcker nicht verschieden wären. Das wäre ja grauenhaft.

Ulrike Schirm


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Weitere Filmtipps, Besucherzahlen und eine Filmkritik von Elisabeth Nagy zum Filmstart von "PARASOL - MALLORCA IM SCHATTEN" am 24. August 2017 folgen schon morgen. Hier der direkte Link.

Quellen: AG Kino Gilde e.V. | Blickpunkt:Film


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