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Dokumentarfilm aus China räumt in Locarno ab

Hauptpreis der Jubiläumsausgabe von Locarno geht an chinesischen Dokfilm "Mrs. Fang"



Den Hauptpreis des 70. A-Filmfestivals Locarno, den Goldenen Leoparden im internationalen Wettbewerb, hat gestern Abend, den 12. August 20217, die Jury überraschend an die Dokumentation "Mrs. FANG" des chinesischen Regisseurs Wang Bing vergeben. Der Film, eine französisch-chinesisch-deutsche Koproduktion, dessen Szenenbild wir eingefügt haben, beobachtet das Sterben einer an Alzheimer leidenden alten Frau.



Synopsis:
Fang Xiuying war eine Bäuerin, die 1948 in Huzhou in der Provinz Fujian zur Welt kam und die letzten acht Jahre ihres Lebens an Alzheimer litt. Im Jahr 2015 waren ihre Symptome schon sehr fortgeschritten. Ihre Behandlung in einem Genesungsheim erwies sich als wirkungslos und wurde darum im Juni 2016 abgebrochen, worauf sie nach Hause zurückkehrte. Der Film zeigt ihren Leidensweg auf, zuerst 2015 und dann 2016, während der letzten zehn Tage ihres Lebens.


Als beste Schauspieler wurden die Französin Isabelle Huppert als zickige Lehrerin in "MADAME HYDE" und der Däne Elliott Crosset Hove als gewalttätiger Arbeiter in "VINTERBRØDRE - WINTERBRÜDER" ausgezeichnet. Der Special Jury Prize ging an "AS BOAS MANEIRAS" by Juliana Rojas & Marco Dutra, (Brazil, France)

Der Preis für den besten Regisseur ging an den Franzosen F.J. Ossang für seinen surrealen Thriller "9 FINGERS". Hier der Trailer:



Synopsis:
"9 Fingers" fängt wie ein Film Noir an: Nachts, auf einem Bahnhof, ein Mann namens Magloire entzieht sich einer Polizeikontrolle und läuft ohne Gepäck und ohne Zukunft davon. Kaum hat er eine riesige Menge Geld gefunden, beginnen die Probleme. Eine Bande ist ihm auf den Fersen, nehmen ihn als Geisel und später als Komplizen. Es ist die Kurtz Bande. Nach einem abgebrochenen Einbruch müssen sie alle an Bord eines Frachtschiffes mit einer gefährlich, flüchtigen Fracht fliehen. Nichts läuft so, wie es sollte – jeder wird von Gift und Wahnsinn kontaminiert. Kurtzs Männer scheinen die Bauern einer Verschwörung unter der Leitung der mysteriösen "9 Finger" zu sein...


Der Publikumspreis, der traditionell beim Open-Air-Kino auf der Piazza Grande vergeben wird, ging an die deutsch-französische Koproduktion "The Big Sick" von Michael Showalter. Hier der Trailer:



Synopsis:
In dem Culture-Clash-Movie verliebt sich der in Pakistan geborener Komiker Udris in die Studentin Emily, die plötzlich an einer mysteriösen Krankheit zu leiden beginnt. Udris ist hin- und hergerissen zwischen seiner Familie und seinen Gefühlen für Emily. Zur Bewältigung der Krise muss er sich mit Emilys Familie einigen. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit.


Die erfolgreiche Jubiläumsausgabe 2017 stand zum fünften Mal unter der Leitung von Carlo Chatrian. Gezeigt wurden 261 Filme in elf Tagen, darunter 16 unter freiem Himmel auf der Piazza Grande und 18 im internationalen Wettbewerb: Zu den großen Ereignissen gehörten dieses Jahr zudem die unvergesslichen Auftritte von Todd Haynes und Jean-Marie Straub, das „Prosit“ von Mathieu Kassovitz, das Brüllen von Michel Merkt und die Ergriffenheit von Adrien Brody. Die Piazza Grande empfing zudem José Luis Alcaine, Nastassja Kinski, Alexander Sokurov im Rahmen der Jubiläumssektion Locarno70 und die Gewinnerin des Premio Cinema Ticino, Esmé Sciaroni. Das Locarno Festival gedachte außerdem großer Persönlichkeiten wie Jeanne Moreau, Hans Hurch und George Romero.

"Locarno beweist einmal mehr, dass es ein wichtiger Ort ist, um zu verstehen, wohin die Trends des unabhängigen Films weisen, ein Ort, wo sich Filmemacher und Publikum begegnen können, Menschen aus fernen Ländern und Menschen von hier. Die langen Schlangen vor dem neuen Filmpalast PalaCinema oder der volle Saal im renovierten GranRex für eine Retrospektive, die den Nagel auf den Kopf getroffen hat, erfüllt uns mit grosser Freude und lässt uns mit Optimismus in die Zukunft blicken", so der künstlerische Leiter, Carlo Chatrian.

"Diese Ausgabe war in erster Linie als Feier zum 70. Geburtstag des Festivals gedacht und zugleich ein Neustart für die kommenden Ausgaben. Die Besucherzahlen zeigen nach oben und die neuen Kinosäle bedeuten für uns eine solide infrastrukturelle Grundlage, die ein grosses Potential erkennen lassen, das in den kommenden Jahren noch weiter ausgeschöpft werden kann. Das Festival darf also mit Optimismus in die Zukunft blicken", ergänzt der operative Leiter, Mario Timbal.


Einziger deutscher Film im Locarno-Wettbewerb war "FREIHEIT" von Jan Speckenbach, sein zweiter Spielfilm, den er erneut mit der Berliner One Two Films realisiert hat. Der 47-jährige Berliner Regisseur lotet im Film die emotionalen Extremzustände seiner Protagonisten aus. Es geht um eine Frau (gespielt von Johanna Wokalek), die von einem Moment auf den anderen ihre Familie verlassen hat. Zwei Jahre später hadert sie zunächst in Wien und später in Bratislava immer noch mit einem Neuanfang, während ihr Mann (dargestellt von Hans-Jochen Wagner) in Berlin in einer Art Schwebezustand festhängt. Untermalt von Marlene Dietrichs Chanson "Wenn ich mir was wünschen dürfte", kommt es am Ende des Films zu einer erschütternden Zerreißprobe. Nämlich zu dem Moment, als die vierköpfige Familie in die Brüche geht. Tatsächlich spielt diese Szene aber zwei Jahre früher als der Rest des Films. Und Speckenbach hat diese Szene tatsächlich auch zwei Jahre früher gedreht, sodass ein verblüffender Effekt entsteht, der von großer Wahrhaftigkeit und Nachhaltigkeit gezeichnet ist.

Der zweite deutsche Beitrag, "DREI ZINNEN" von Jan Zabeil feierte auf der Piazza Grande seine Weltpremiere. Bei dem von Rohfilm produzierten Kammerspiel vor majestätischer Kulisse in den Dolomiten, handelt es sich ebenfalls um souverän erzähltes Autorenkino für ein erwachsenes Publikum. Für seinen zweiten Spielfilm nach "Der Fluss war einst ein Mensch" konnte der 36-jährige Regisseur wieder Alexander Fehling als Hauptdarsteller gewinnen. In der psychologisch komplex austarierten Geschichte geht es in einer abgeschiedenen Berghütte in den Dolomiten um die erhoffte Annäherung zwischen dem patenten Aaron und dem achtjährigen Sohn seiner französischen Freundin, gespielt von der Oscar-nominierten Bérénice Bejo. Doch trotz aller rührender Bemühung des neuen Liebhabers funkt immer noch der richtige Vater dazwischen, der sich regelmäßig am Handy meldet, um mit seinem Sohn zu kommunizieren. Ein gemeinsamer Ausflug von Mann und Kind zu den »Drei Zinnen« artet zum Belastungstest mit unerwartetem Ausgang aus. Die beiden verlieren sich und undurchdringlicher Nebel zieht auf.

Gerade letztere Szene von "Drei Zinnen" erinnert stark an das jetzt im Kino gestartete Familiendrama "Helle Nächte" von Thomas Arslan, dem Silbernen Bären der Berlinale-Jury, in dem ein von der Familie getrennt lebender Vater die entfremdete Beziehung zu seinem 14-jährigen Sohn in nebliger, norwegischer Einöde vergeblich versucht wieder herzustellen.

Auch der dritte deutsche Film in Locarno, eine Produktion von Port-au-Prince, gedreht in Südtirol und koproduziert von Echo Film, wurde auf der Piazza Grande gezeigt. Felix Randau hat in "ICEMAN - DER MANN AUS EIS" die Geschichte des »Ötzi« als handfesten, packenden Survival-Actionfilm mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle nacherzählt.

Weitere Preise:

Concorso Cineasti del presente:

Pardo d’Oro Cineasti del Presente
"3/4 (Three Quarters)" by Ilian Metev, Bulgarien, Germany

Premio Speciale della Giuria Ciné+ Cineasti del Presente (Special Jury Prize)
"MILLA" by Valerie Massadian, France, Portugal

Premio per il Miglior Regista Emergente – Città e Regione di Locarno (Prize for the Best Emerging Director)
DAE-HWAN KIM for "CHO-HAENG (The First Lap)", South Korea

Special Mention
"DISTANT CONSTELLATION" by Shevaun Mizrahi, USA,Turkey,Netherlands
"VERÃO DANADO" by Pedro Cabeleira, Portugal

Signs of Life

Signs of Life Award electronic-art.foundation for Best Film
"COCOTE" by Nelson Carlo De Los Santos Arias, Dominican Republic, Argentina, Germany, Qatar

Fondación Casa Wabi – Mantarraya Award
DANE KOMLJEN for "PHANTASIESÄTZE", Germany, Denmark

Special Mention
"ERA UMA VEZ BRASÍLIA" by Adirley Queirós, Brazil, Portugal

First Feature:

Swatch First Feature Award (Prize for Best First Feature)
"SASHISHI DEDA (Scary Mother)" by Ana Urushadze, Georgia, Estland

Swatch Art Peace Hotel Award
"METEORLAR (Meteors)" by Gürcan Keltek, Netherlands,Turkey

Special Mention
"DENE WOS GUET GEIT (Those Who Are Fine)" by Cyril Schäublin, Switzerland

Pardi di domani - Concorso Internazionale:

Pardino d’Oro for the Best International Short Film – Premio SRG SSR
"ANTÓNIO E CATARINA" by Cristina Hanes, Portugal

Pardino d’Argento SRG SSR for the Concorso Internazionale
"SHMAMA" by Miki Polonski, Israel

Locarno Nomination for the European Film Awards – Premio Pianifica
"JEUNES HOMMES À LA FENÊTRE" by Loukianos Moshonas, France

Medien Patent Verwaltung AG Award
"KAPITALISTIS" by Pablo Muñoz Gomez, Belgium,France

Pardi di domani - Concorso Nazionale:

Pardino d’Oro for the Best Swiss Short Film – Premio Swiss Life
"REWIND FORWARD" by Justin Stoneham, Switzerland

Pardino d’Argento Swiss Life for the Concorso Nazionale
"59 SECONDES" by Mauro Carraro, Switzerland

Best Swiss Newcomer Award
"LES INTRANQUILLES" by Magdalena Froger, Switzerland

Special Mention
"ARMAGEDDON 2" by Corey Hughes, Cuba

Link: pardo.ch
Quellen: Tageszeitung.it | 3Sat | pardo.ch | Cineeurope | Blickpunkt:Film


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