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Unsere Filmkritiken im März 2019, Teil 3

Trotz zahlreicher Neustarts führt "Green Book" immer noch die Arthouse-Kinocharts an, während bei den Großkinos des HDF Kinoverbandes "Captain Marvel" weiterhin dominiert.

Ständig über die Kinocharts zu schreiben, ist müßig. Viel Bewegung ist auf Platz eins, sowohl bei den Arthouse-Kinos, als auch bei den Mainstream-Blockbustern kaum zu erwarten. Die Ergebnisse des Wochenendes liegen zwar erst später am Montag vor, und damit eigentlich zu früh für eine Erwähnung bei unseren heutigen Filmkritiken, doch bei den Spitzen-Plätzen zeichnet sich schon jetzt kaum eine Änderung am Box-Office ab.

Dass "Captain Marvel" ein Renner werden würde, hatten wir kaum erwartet. Im Gespräch mit anderen Filmkritikern, waren wir uns ziemlich einig, dass nicht nur die Story von Action-Filmen immer seltsamere Wege geht, sondern auch deren Umsetzung - bis auf wenige witzige Einfälle - zunehmend abstruser und einfältiger ausgestaltet wird. Nur das Sci-Fi-Action-Abenteuer "Alita: Battle Angel" konnte Dank Mithilfe von 3D-Pineer James Cameron ("Avatar") mit ein paar innovativen, zukunftsweisende Ideen aufwarten. Doch der sehr teuren Produktion hat es am Ende an der Kinokasse wenig genutzt.

Im Vergleich zu dem deutlich preiswerter produzierten "Captain Marvel" waren die Besucherzahlen zu gering, um sich länger in den exklusiven IMAX-Kinos halten zu können. Ganz aus den Kinos verschwunden ist der Film noch nicht. In anderen Mainstream-Kinos ist der Blockbuster weiterhin präsent.

Der Oscar-Gewinner "Green Book - Eine besondere Freundschaft" hat dagegen den Nerv der Arthouse-Community getroffen und steht weiterhin unangefochten an deren Spitze.

Wir glauben auch nicht, dass einer der nachfolgend besprochenen Neustarts, den genannten Filmen die vordersten Plätze diesmal streitig machen werden.

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"DER FALL SARAH & SALEEM" Lovestory und Krimi-Drama von Muayad Alayan (Palästina, Niederlande, Deutschland, Mexiko). Mit Maisa Abd Elhadi, Adeeb Safadi, Sivane Kretchner u.a. seit 14. März 2019 von Missing Film ins Kino gebracht. Hier der Trailer:

Unsere Filmkritik:

Die Lovestory des palästinensischen Regisseurs Muayad Alayan ist schwer einzuordnen. Der Film, der sowohl in Palästina als auch in Israel spielt, könnte durchaus in den Wettbewerb des jährlichen jüdischen Filmfestivals Berlin & Potsdam passen. Was dagegen spricht ist, ist die unterschwellige Anklage am israelischen Geheimdienst, der aus einer Liebesgeschichte zwischen einer Israelin und einem Palästinenser, eine Staatsaffäre macht.

Am Ende weiß man nicht genau, ob ein Komplott inszeniert wurde, oder ob tatsächlich wahre Liebe zwischen zwei sehr unterschiedlich aufgewachsenen Menschen bestand.

Beim Betrachten der Geschichte wird man an die eigene Vergangenheit erinnert. An ein West-Berlin, das von DDR-Mauern eingekesselt war. An Bürger einer Stadt, die nur auf Transitwegen das Umland passieren durften. Und wehe man kam auf einen Rastplatz mit Bürgern der DDR ins Gespräch. Dies hatte am nächsten Kontrollpunkt unweigerlich eine Einzelkontrolle zur Folge. Ein Herauswinken des eigenen Fahrzeugs durch die Stasi sowie stundenlange Verhöre.

Auch in Jerusalem kann das Gefühl von Freiheit trügerisch sein. Sarah, eine verheiratete israelische Cafébesitzerin, und Saleem, ein ebenfalls verheirateter palästinensischer Backwarenlieferant, verlieben sich. Zum gemeinsamen Sex fahren die beiden nachts mit Saleems Lieferwagen auf eine verlassene Höhenstraße am Stadtrand, um dort im Laderaum des Fahrzeugs miteinander zu schlafen. Doch bei einem spontanen Ausflug in das in den Palästinensergebieten gelegene Bethlehem kommt es zu einem Zwischenfall, der zur Festnahme führt.

Man wirft Saleem nicht den vielleicht verzeihlichen Seitensprung vor, sondern eine gezielte Anwerbung einer Israelin für die PLO. Ein Affront, der sich zur Staatskrise ausweitet.

Ob man der Geschichte glauben mag, oder nicht. Dargestellt wird nicht nur ein Verhältnis zwischen zwei sich liebenden Menschen, sondern bürokratische Hürden, die eine zwischenmenschliche Annäherung zwischen zwei verfeindeten Staaten mit aller Macht vermeiden wollen.

W.F.

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"MID90s" Dramödie von Jonah Hill (USA). Mit Sunny Suljic, Lucas Hedges, Katherine Waterston u.a. seit 7. März 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Unsere Filmkritik:

Schon bei unseren letzten Filmbesprechungen hatten wir den Debütfilm von Jonah Hill erwähnt, sind aber nicht näher darauf eingegangen, obwohl der Skater-Film mit Musik aus den 90er Jahren im Panorama der letzten 69. Berlinale einer der am stärksten nachgefragten Werke war.

Insgesamt bleibt aber ein etwas fader Nachgeschmack übrig. Mag sein, dass es an dem 13-jährigen jugendlichen, draufgängerischen Hauptdarsteller liegt, der sich bei einer Clique älterer Skater anzubiedern versucht, aber auch am Ende des Films nicht mehr als einen Trick auf seinem Board vorweisen kann. Eine Identifikationsfigur sieht etwas anders aus.

Vergleiche mit der preisgekrönten Doku "This Ain't California" aus dem Jahre 2012, über die Skater-Szene in der DDR am Alex in Berlin bieten sich dennoch an. Der Film des Werbeclip-Regisseur Marten Persiel, der damals ebenfalls auf der Berlinale seinen Einstand als Langfilm feierte, hatte mehr Schwung und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Allerdings warf man dem Regisseur später auch vor, einen Fake produziert zu haben. Bei genauerer Betrachtung wird nämlich klar, dass diese Bilder nicht zu DDR-Zeiten entstanden sein konnten.

Jonah Hills Spielfilm ist in dieser Hinsicht ehrlicher. "MID90s" versucht nicht mit falschen Tatsachen zu locken, sondern will nur das Gefühl der damaligen Zeit mit Bildern und entsprechender Musik auf die Leinwand bringen. Die als-wir-damals-noch-jung-waren-Bilder sind im Großen und Ganzen nett anzusehen. Die Prahlereien der älteren Jugendlichen, die stets am Saufen sind und jeglichen Respekt vor Autorität vermissen lassen, sind ziemlich genau getroffen, rufen aber aus heutiger Sicht, manch Kopfschütteln hervor. Empfehlenswert ist der Film dennoch.

W.F.

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"DESTROYER" Krimi-Thriller von Karyn Kusama (USA). Mit Nicole Kidman, Toby Kebbell, Tatiana Maslany u.a. seit 14. März 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Detective Erin Bell auf dem Weg zu einem Tatort. Die ungewaschenen Haare stumpf und fusselig, dunkelgeränderte rötliche Augen, sonnengegerbte schmutzige Haut, schlampige Klamotten, die an ihrem ausgemergelten Körper hängen, mit schwankenden Gang, einem Drogenjunkie gleich, nähert sie sich einer männlichen Leiche. Auffällig bei dem Toten, drei dunkle Tätowierungen im Nacken und einige mit Farbe gekennzeichneten Banknoten aus einem Überfall.

Bei seinem Anblick muss sich Erin der Vergangenheit stellen. Vor 17 Jahren war sie Teil einer verdeckten Ermittlung, bei dem ihr damaliger Partner getötet wurde. Angesetzt waren sie auf eine Bande von Bankräubern und Drogendealern, einer der Überfälle endete in einer Katastrophe. Beim Anblick des Leichnams wird ihr klar, der Bandenboss muss wieder in der Stadt sein. In ihrer Kaputtheit wird sie zur Rachegöttin, die den verhassten Anführer im Alleingang um jeden Preis zur Strecke bringen muss. Sie scheut sich nicht, wenn nötig auch eine Waffe zu benutzen, um Silas, den kaltblütigen Verbrecher, der die ganze Stadt terrorisierte, dingfest zu machen. Schon alleine deswegen, um ihre eigenen Fehler von damals wieder gutzumachen.

Die wie ein Zombie taumelnde, von Schuld getriebene Bell, entwickelt eine unbändige Kraft, bei der Fahndung nach dem „Monster“. Atmosphärisch gleicht das düstere Schuld – und Sühne – Drama einem Film noir. Die Score-Musik unterstützt das durcheinander geratene seelische Innenleben von Bell noch zusätzlich. In Rückblenden erfährt man, dass diese kaputte Frau durchaus bessere Zeiten erlebt hat. Dass ihre Tochter nichts von ihr Wissen will und ins Verderben zu rennen droht, ist ein weiterer Auslöser für Bells Schuldgefühle.

Das der Film so einige Ungereimtheiten enthält, vergisst man schnell. Regisseurin Karyn Kusama konzentriert sich voll und ganz auf ihre Hauptdarstellerin, deren übertriebene Maskerade alles andere in den Schatten stellt.

Ulrike Schirm

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"ROCCA VERÄNDERT DIE WELT" Familienfilm von Katja Benrath (Deutschland). Mit Luna Marie Maxeiner, Caspar Fischer-Ortmann, Luise Richter u.a. seit 14. März 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

„Angst bringt ja nichts“, so lautet das Motto der elfjährigen Rocca. Die Mutter ist bei Roccas Geburt gestorben, der Vater befindet sich für längere Zeit auf der Raumstation ISS. Aufgewachsen ist Rocca auf einer Raketenstation in der kasachischen Wüste, eine Schule hat das patente und unbefangene Mädchen bisher nicht von Innen gesehen. Das ändert sich, als ihr Vater sie nach Hamburg zu ihrer Oma schickt, solange, bis er wieder Boden unter den Füssen hat.

Auf dem Flug, landet sie mal eben einen Airbus 380 sicher auf dem Boden und rettet 180 Menschen das Leben, weil die Crew unter einer Fischvergiftung leidet. So richtig erfreut ist Oma Dodo (Barbara Sukowa) nicht. Gibt sie doch ihrer Enkelin tief in ihrem Innern, die Schuld am Tod der Mutter. Ihr Zusammenleben ist von kurzer Dauer. Roccas Eichhörnchen „Klitschko“ erschreckt Oma Dodo so sehr, dass sie nach dem Tier wild um sich schlägt und über den reißausnehmenden Klitschko unglücklicherweise stolpert und im Krankenhaus landet. Rocca und Klitschko sind nun allein zu Haus.

In der Schule duzt Rocca frisch-fröhlich den Direktor, setzt sich auf kluge Weise gegen dumm-dreistes Mobbing ein, freundet sich fröhlich mit dem obdachlosen Flaschensammler Caspar an. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, schickt die Schulbehörde die Dame vom Jugendamt vorbei, denn wo kommen wir denn hin, eine 11Jährige, die allein in einem Haus lebt?

Das geht ja gar nicht. Angst vor Obrigkeiten? Kennt Rocca nicht. Und da ist ja auch noch Caspar (Fahri Yardim), der mal kurz in eine andere Rolle schlüpft und die Dame vom Jugendamt verunsichert aussehen lässt. Ein braves Vorzeigemädchen sieht anders aus.

Die Ähnlichkeit zu Astrid Lindgrens Kultfigur „Pippi Langstrumpf“ lässt sich nicht verleugnen. Die selbstbewusste Rocca, hinreißend gespielt von Luna Maxeiner, verströmt nicht nur eine liebenswerte Warmherzigkeit und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sondern verfügt über eine „Herzensbildung“, die man in keiner Schule lernen kann. Man kann sich nur wünschen, dass Kinder und Eltern sich von Roccas Wesen eine Scheibe abschneiden und so die Welt vielleicht zu einer besseren verändern. Den Mut dazu, hat noch Niemandem geschadet. Eine nicht ganz ernstzunehmende Geschichte für Gross und Klein.

Katja Benrath hat mit ihrem Langfilmdebüt eine witzige, rührende und positiv verrückte, moderne Pippi-Langstrumpf-Geschichte erzählt.

Ulrike Schirm

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