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Unsere Filmkritiken im September 2018, Teil 3 sowie GOLDENE KAMERA online Verleihung

YouTube und Funke Mediengruppe verleihen gemeinsam die GOLDENE KAMERA Digital Awards.

Bevor wir zu unseren Filmkritiken von neuen Kinostarts kommen, möchten wir auf eine Veranstaltung aufmerksam machen, die früher von der HÖRZU Redaktion im Axel Springer Haus veranstaltet wurde, nun aber am 27. September 2018 im Rahmen des "YouTube Festivals" stattfindet und live auf YouTube übertragen wird.

Der GOLDENE KAMERA Digital Award, ein Preis der FUNKE MEDIENGRUPPE, soll den Sehgewohnheiten einer neuen Konsumenten-Generation gerecht werden und wird deshalb in diesem Jahr in Kooperation mit der Google-Tochtergesellschaft YouTube im Berliner Kraftwerk verliehen. Moderatoren des Abends werden Jeannine Michaelsen und Steven Gätjen sein.

Über die Verleihung der GOLDENEN KAMERA sowie über die Verleihung der GILDE Filmpreise, die in Leipzig vergeben wurden, und der FIRST STEPS Awards, die heute in Berlin im Berliner STAGE Theater des Westens vergeben werden, berichten wir in den nächsten Tagen.

Links: www.goldenekamera.de/digitalaward | www.firststeps.de | www.agkino.de/gilde-filmpreis-shortlist-2018

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Auch in dieser Woche haben wieder drei Filme, die letzten Donnerstag gestartet sind und von uns heute besprochen werden, ein Prädikat der Filmbewertungsstelle (FBW) erhalten. Der Film "Utøya 22.Juli" über die Erschießung von 77 jungen Menschen in einem Zeltlager auf der Insel Utøya am 22. JULY 2011 durch den Norweger Anders Behring Breivik, lief bereits im Februar im Wettbewerb der 68. Berlinale und bekam jetzt zu seinem Kinostart das Prädikat »besonders wertvoll«.

Für uns ist die Auszeichnung kaum nachvollziehbar, auch wenn einige junge Studierende der Fakultät Medienwissenschaft seinerzeit sichtlich schockiert und ziemlich paralysiert das Kino verließen. Der in einer einzigen Einstellung durchgedrehte Film soll die Wahrhaftigkeit des Ereignisses verkörpern. Doch was wahrhaftig sein soll, ist schlicht fragwürdig. Andere Medien schreiben sogar von Skandal und Anmaßung.

"UTØYA 22. JULI" Drama von Erik Poppe (Norwegen). Mit Andrea Berntzen, Sorosh Sadat, Aleksander Holmen u.a. seit 20. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Die grauenvolle Tat ereignete sich am 22. Juli 2011. Ein Horrorszenario. Der Rechtsextremist Anders Behring Breivik ließ erst in Oslo eine Bombe explodieren und begab sich danach auf die norwegische Ferieninsel Utøya. Er eröffnete das Feuer auf eine Gruppe Jugendlicher, die in einem Camp der sozialdemokratischen Partei Norwegens einige Ferientage verbringen wollten. Bei diesem hinterhältigen Anschlag kamen 69 Menschen ums Leben.

Mit seinem Film „Utøya 22. Juli“ versucht der norwegische Regisseur Erik Poppe an die Opfer des Massakers zu erinnern und das , so authentisch wie möglich. Er dreht den Horror in einer einzigen Einstellung, Dauer 72 Minuten, quasi in Echtzeit, denn solange dauerte das Drama. Dabei konzentriert er sich ausschließlich auf die Opfer und lässt den Zuschauer die Angst und die Panik hautnah miterleben.

Im Mittelpunkt steht Kaja, ein 18-jähriges Mädchen, das mit ihrer jüngeren Schwester Emilie an dem Sommerlager teilnimmt. Die beiden haben sich gerade gestritten, als der Attentäter beginnt, wild um sich zu schießen. Von diesem Moment an, bleibt die Kamera dicht bei Kaja. Der Zuschauer ist gezwungen, dem Mädchen auf den Fersen zu Folgen. Panisch rennt sie in den Wald, versucht sich hinter einem Erdhügel zu verstecken, springt wieder auf, sucht ein sichereres Versteck, so geht das eine zeitlang, bis ihr einfällt, ihre Schwester zu suchen und sie zurück ins Zeltlager rennt. Sie ist nicht da. Verzweifelt ruft sie ihre Mutter an und kümmert sich um ein sterbendes Mädchen. Um sie herum, von Panik getriebene Jugendliche, auf der Suche nach einem sicheren Ort. Um den bösen Spuk so dokumentarisch wie möglich zu gestalten, benutzt Poppe eine wackelnde Handkamera. Seine Hauptfigur Kaja (Andrea Berntzen), die ihre Rolle fraglos mit einer starken Präsenz spielt, ist fiktiv.

Wäre diese Geschichte nicht so entsetzlich wahr, würde man von einem angsteinflößendem Horrorthriller sprechen, spannend gemacht. Doch das ist leider nicht der Fall. Herausgekommen ist eine „Tour de Force“, für das Kinopublikum fast unerträglich, wobei man sich fragt: Warum. Soll der Film womöglich eine therapeutische Wirkung erzielen? Ich sage nein, tut er nicht. Mit der Wahl seiner Kunstfigur Kaja, liefert er eine Projektionsfläche, den Schrecken, die grauenhafte Angst und das Leid besonders zu verstärken. Kaum zu ertragen, beinah zynisch und unnütz. Die Person des Zuschauers ist vergleichbar mit der eines Gaffers, die von schrecklichen Unfällen, magisch angezogen und sensationsgierig, so nah wie möglich an den Unfallort heranprescht. Irgendwie habe ich mich so gefühlt. Das ist mehr als verwerflich.

Ganz anders der Film „22. July“ von dem Briten Paul Greengras, gerade in Venedig gelaufen, der sich mit der Frage auseinandersetzt, was solche Ungeheuerlichkeiten mit den Hinterbliebenen macht und wie sie so etwas verarbeiten. Man darf gespannt sein.

Ulrike Schirm

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Auch der spanische Film "WIR SIND CHAMPIONS" wurde von der Film und Medienbewertung in Wiesbaden mit dem Prädikat »besonders wertvoll« ausgezeichnet, was durchaus löblich ist. Doch auf Dauer nerven die Gags, denn das Werk um eine Gruppe behinderter Freizeitsportler wurde von den engagierten Schauspielern und Laiendarstellern etwas überzogen nachgestellt, sodass ein einfaches Prädikat vielleicht passender gewesen wäre.

"WIR SIND CHAMPIONS" Dramödie von Javier Fesser (Spanien). Mit Javier Gutiérrez, Alberto Nieto Fernández, Daniel Freire u.a. seit 20. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Zufriedenheit sieht anders aus. Marco (Javier Gutiérrez) ist Co-Trainer bei einer spanischen Basketballmannschaft. Frustriert muss er mit ansehen, wie der Trainer ständig gelobt wird. Seine Ehe neigt sich dem Ende zu, was seine Laune auch nicht gerade hebt. Auf dem Spielfeld fühlt er sich mal wieder ungerecht behandelt, rastet aus, betrinkt sich und baut prompt einen Autounfall.

Es folgt ein Gerichtsprozess. Er wird zu 90-tägiger gemeinnütziger Arbeit verdonnert und soll ein Team trainieren, deren Besonderheit darin besteht, geistig behindert zu sein. Die Richterin umschreibt es dezent: „Es handelt sich um Menschen, die intellektuell eingeschränkt sind.“ Marco ist entsetzt. Widerwillig tritt der Machotrainer zu seiner ersten Trainingsstunde mit den „Amigos“ an.

Nach ersten Anfangsschwierigkeiten mit den schrulligen, teilweise liebenswert kindlichen Teampartnern, findet bei Marco ein Umdenken statt. Die Truppe wächst ihm regelrecht ans Herz.

Nach mehreren gewonnenen Spielen, reisen sie zu einem wichtigen Endspiel gemeinsam auf die kanarischen Inseln. Egal ob die Champions dieses Spiel gewinnen, Helden sind sie allemal.

Regisseur Javier Fesser und sein Drehbuchautor David Marqués haben jede Szene mit viel Warmherzigkeit, unaufdringlicher Situationskomik und großem Taktgefühl umgesetzt. Es gibt keinen Moment von Respektlosigkeit gegenüber den spielfreudigen mitreißenden Laiendarstellern.

„Wir sind Champions“, der Nr. 1 Hit aus Spanien hat es auf die diesjährige Oscar-Short-List geschafft. Somit ist er im Rennen für eine Nominierung als Bester fremdsprachiger Film.

Javier Fesser: „Ich hatte dieses Projekt begonnen mit der Idee, dass wir ‚alle gleich sind‛ und ich habe es beendet mit der Einsicht, dass wir alle auf ganz wunderbare Weise verschieden sind“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ulrike Schirm

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Völlig daneben finden wir die Auszeichnung "besonders wertvoll" für den Spukfilm "Das Haus der geheimnisvollen Uhren", der sogar für 6-Jährige von der FSK freigegeben wurde, obwohl sich einige kleine Kinder während der Vorstellung vor Angst manchmal die Augen zuhielten. Das auf der gleichnamigen Romanreihe von John Bellairs basierende Fantasy-Abenteuer von Genre-Spezialist Eli Roth ist so abstrus, dass man an vielen Stellen des Films nur noch den Kopf schütteln kann.

"DAS HAUS DER GEHEIMNISVOLLEN UHREN" Fantasy-Abenteuer von Eli Roth (USA). Mit Owen Vaccaro, Jack Black, Cate Blanchett u.a. seit 20. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Unsere Kurzkritik:

Der zehnjährige Waisenknabe Lewis (Owen Vaccaro) wird von seinem schrägen Onkel Jonathan (Jack Black) in einem alten Hexenhaus aufgenommen. Doch der Vergleich zu Harry Potter hinkt gewaltig, denn an die ausgeklügelten Abenteuer von Joanne K. Rowlings Verfilmungen kommt diese Story bei weitem nicht heran. Auch Jonathans Nachbarin Mrs. Zimmermann (Cate Blanchett), die sich fortan um den Jungen kümmern soll, wird ihrer Rolle nicht gerecht und spielt ziemlich lustlos mit fast versteinerter Mimik.

Schon zu Anfang ist die Musikuntermalung fehl am Platz. An einer Stelle wo der kleine Junge schlafen gehen soll, wird plötzlich extra laute Rockmusik unterlegt. Dann wechseln sich aufgemotzte Fantasy-Szenen mit Horror-Ansätzen ab, gefolgt von kindischen Mobbing-Witzen, was insgesamt nicht einmal einen schmackhaften Genre-Eintopf ergibt. Zum Schluss tauchen auch noch die bösen Toten versehentlich wieder auf, mit denen sich die Protagonisten in einem langweiligem Hokuspokus duellieren müssen.

Ärgerlich!

W.F.

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Nicht ein einziges Prädikat bekam dagegen der Film "Wackersdorf", obwohl er es dringend verdient hätte. Offensichtlich ist die politische Botschaft, die dahinter steckt, dem FBW-Gremium zu brisant. Der Film endet mit Doku-Aufnahmen, die man als Zeitdokument gesehen haben sollte, um die gegenwärtige Diskussion um den Hambacher Forst besser verstehen zu können.

"WACKERSDORF" Drama von Oliver Haffner (Deutschland). Mit Johannes Zeiler, Peter Jordan, Florian Brückner u.a. seit 20. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Elisabeths Filmkritik:

Mit dem Namen Wackersdorf verbinden politisch wache Bürger den Widerstand, den zivilen Aufruhr, die eskalierende Gewalt. Aktueller könnte das Thema jetzt dieser Tage gar nicht sein. Der Film von Oliver Haffner und Gernot Krää, das Drehbuch haben sie gemeinsam verfasst, stellt die Bilder der damaligen Ausschreitungen nicht in den Mittelpunkt. Ihnen geht es um etwas, was visuell eigentlich nur schwer zu fassen ist, ihnen geht es um Haltung und Zivilcourage. Sie vermitteln wie sich die Haltung von Beteiligten manifestierte und änderte, sie zeigen im fast schon intimen Porträt eines Einzelnen das Erwachen von Zivilcourage.

In Wackersdorf soll eine Wiederaufarbeitungsanlage gebaut werden. Für die vom Bergbau lebenden Region, die inzwischen von der Arbeitslosigkeit trist und grau und hoffnungslos geworden ist, bedeutet das Vorhaben die Zukunft, eine mögliche Zukunft. Arbeit, Lohn, Aussichten. Doch es sollte anders kommen. Oliver Haffner lässt bewusst Lücken, fordert das Publikum heraus und bezieht ihn ein. Er zeigt auf, wie Lokal- und Landespolitik auf dem Rücken der Bewohner einer Region kollidiert. Innerhalb der Bevölkerung taten sich Gräben auf, oft auch innerhalb von Familien. Das Echo, das Befürworter und Gegner der WAA Wackersdorf, auslösten, ist bis heute nicht verklungen. Den Filmemachern ist das bei der Recherche nicht entgangen.

"Wackersdorf" behandelt die Jahre 1981 bis 1986. Das Unglück von Tschernobyl ist der Ausklang. Die Namen wurden für das Drehbuch geändert. Nur die Hauptfigur wird faktisch benannt. Aus gutem Grund. Im Mittelpunkt steht der Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler), dessen Name mit der "Lex Schuierer" verbunden bleibt. Was es damit auf sich hat, vermittelt der Film sehr wohl. Er ist es, dessen Wandlung wir verfolgen und der dem Zuschauer auch Hoffnung schenkt, dass sich Haltung durchaus festigen kann. Die juristischen Windmühlen, gegen die er ankämpft, sind ein Lehrstück in Zivilcourage. Zuerst steht er hinter dem Projekt, nur um sich dann umso vehementer dagegen zu stellen. Die Argumente von Freunden und Wählern, Genossen und Einflussnehmer, mit denen er konfrontiert wird, muss er nach und nach verarbeiten. Politische Winkelzüge drängen ihn mehr und mehr in eine Ecke. Er sieht mit eigenen Augen, wozu die Landesregierung fähig ist. Und doch kann er sich nur seinem Gewissen gegenüber verantworten. Und das tut er.

Elisabeth Nagy

Unser Fazit:

In den 1980er Jahren ging es in der kleinen oberpfälzische Gemeinde Wackersdorf um den Widerstand gegen eine Atom-Aufbereitungsanlage, die damals als absolut sicher und relativ ungefährlich von der Energiewirtschaft angepriesen wurde. Der Landrat lies sich deshalb ursprünglich von falschen Vorstellungen leiten und gab anfänglich sein OK für den Bau, um den zahlreichen Arbeitslosen in seiner Gemeinde neue Jobs verschaffen zu können. Doch dann kamen Bedenken bei den Bürgern auf und Hans Schuierer stellte sich auf ihre Seite. Inzwischen weiß jeder, dass Atomkraft hochgefährlich ist, sodass nach einem Störfall in Japan der totale Atomausstieg von der Bundeskanzlerin beschlossen wurde.

Im Hambacher Forst geht es zwar nur um Braunkohle, doch die Abgase der Kohlekraftwerke sind schon jetzt so klimaschädlich, dass Deutschland das vereinbarte Klimaziel in keiner Weise erreichen kann. Allen Beteuerungen von Politikern zum Trotz, muss jedem Ortsansässigen klar sein, dass das verbriefte Recht der RWE Energiewirtschaft, den letzten erhaltenswerten und mehr als zehntausend Jahre alten Forst abzuholzen, zwar von den Gerichten bestätigt wurde, doch der Schaden welcher der Umwelt damit bis zum endgültigen Kohleausstieg im Jahre 2035 zugefügt wird, ist der Bevölkerung kaum vermittelbar.

Ähnlich sahen dies die Bürger von Wackersdorf in Bezug auf die gefährliche Atomkraft, weil sie Angst vor Verstrahlung hatten und die Zukunft ihrer Kinder gefährdet sahen. Somit gleichen sich die Bilder von damals und heute.

Am besten sofort den Stromanbieter wechseln, damit den Verantwortlichen der Abholzung des Hambacher Forstes im letzten Moment vielleicht doch noch eine Einsicht in ihrer Halsstarrigkeit kommt.

Sehenswert!

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Der von Sony Pictures ins Kino gebrachte Thriller "Searching" feierte seine Premiere auf dem renommierten Sundance Film Festival in Park City, USA. Das Independent Werk wurde als neue Stil-Form von der Presse hervorgehoben, zugleich wurde aber auch die Monotonie der ständigen Suche des Protagonisten im Internet über einen veralteten Computer als ermüdend und zu wenig filmisch beklagt, dem wir leider in gewisser Weise zustimmen müssen.

"SEARCHING" Thriller von Aneesh Chaganty (USA). Mit John Cho, Debra Messing, Michelle La u.a. seit 20. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

In dem Internetthriller muss sich ein besorgter Vater die Frage stellen, wie gut kennen wir eigentlich die Menschen, die wir lieben.

Nach dem Tod seiner Frau, kümmert sich David Kim (John Cho) um seine 16-jährige Tochter Margot. Als sie plötzlich verschwunden ist, versucht er alles, um das Mädchen zu finden. Mit Hilfe der Polizistin Rosemary Vick (Debra Messing) durchforstet er Margots Profile in den sozialen Netzwerken, ihre Handydaten, Youtubekanäle und sämtliche Chats auf denen sie unterwegs ist.

Bevor er sich an die Durchsuchung sämtlicher Daten macht, versucht er die Tochter nach der Sichtung verpasster Anrufe, auf dem Handy zu erreichen. Keine Reaktion. Es fällt ihm ein, dass das Mädchen beim Klavierunterricht sein müsste. Von der Klavierlehrerin erfährt er zu seinem Erstaunen, dass Margot schon seit einem halben Jahr nicht mehr zu den Stunden erschienen ist.

"SEARCHING" ist das Debüt des indischen Regisseurs Aneesh Chaganty, der unweit der Google Firmenzentrale im kalifornischen San José aufwuchs. Er drehte einen viralen Clip mit der Datenbrille Google Glass und arbeitete seit dem in der Werbeabteilung des Google-Imperiums.

So bringt er die besten Voraussetzungen für seinen Computer-Thriller mit. Während der fieberhaften Suche nach dem Kind , befindet sich der Zuschauer fast den gesamten Film über quasi in Davids Kopf und sieht mit seinen Augen auf den Schirm. Wir tauchen ein in die digitale Welt der Selbstdarstellung, der Unwahrheiten, Nachrichten und dem Sog nach Likes und sogenannten Freunden. Chaganty versteht es die Spannung hoch zu halten, schwenkt und zoomt auf dem Bildschirm hin und her, benutzt Musik, Mittel, mit denen er die Spannung steigert und belohnt mit einem unvorhersehbaren Ende. Trotz einiger Ortswechsel, bleibt er konsequent bei der anfänglich ungewohnten Bildschirmperspektive, an die man sich schnell gewöhnt.

Schöne neue Cyberwelt? Fluch oder Segen? Chaganty versäumt es nicht, die Schattenseiten aufzudecken, die sich hinter dem oftmals schönen Schein verbergen.

Ulrike Schirm

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Zu guter Letzt noch eine Besprechung zu einer Dokumentation aus vorletzter Woche, die uns erst kürzlich erreichte.

"TOKAT – DAS LEBEN SCHLÄGT ZURÜCK" Doku von Andrea Stevens & Cornelia Schendel (Deutschland, Türkei). Seit 13. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

"TOKAT – DAS LEBEN SCHLÄGT ZURÜCK", ein Portrait dreier Männer, die sich in den Neunzigern unter Frankfurter Jugendbanden mischten und unzählige Straftaten begangen. Drogenhandel, Beschaffungskriminalität, Prügeleien. Lokale Presse und überregionale Medien berichteten über die Banden, die sich Turkish Powerboys, Lamina oder Club 77 nannten.

Andrea Stevens und Cornelia Schendel sind in die Türkei gereist, um nach 20 Jahren herauszufinden, was die berüchtigten Kriminellen Hakan, Kerem und Dönmez damals dazu bewogen hat und wie sie heute leben.

Dönmez hat sich abschieben lassen, hat Frau und Kind und einen guten Job, würde aber gerne nach Deutschland zurückkehren. Hakan wurde offiziell abgeschoben, lebt in ärmlichen Verhältnissen und arbeitet hin-und wieder als Feldarbeiter. Er besitzt keine Staatsbürgerschaft, das heißt, er ist handlungsunfähig, da er keinen Pass bekommt. Kerem hat es hart getroffen. Durch den damaligen Konsum von Drogen, ist seine Gesundheit zerstört. Er ist Frührentner.

Alle drei erzählen ihre bewegende Lebensgeschichte und es wundert einen nicht, dass sie ins kriminelle Milieu abgerutscht sind.

„Wir haben in so mancher Nacht, 10.000 Mark ausgegeben“, erzählt Dönmez. „Keiner von uns dachte an morgen.“ Jetzt, als erwachsene Männer, ist ihnen bewusst, das ihr halbes Leben vergeudet ist.

Es gehört viel Mut und Vertrauen dazu, sich vor eine Kamera zu stellen und fremden Menschen darüber zu berichten. Ich höre förmlich die unreflektierten Stammtischparolen, ha, ha selber Schuld, Gleich und Gleich gesellt sich gern, es geschieht ihnen recht, dass sie ihre verdiente Backpfeife bekommen haben und ähnliches. "TOKAT" ist türkisch und heißt wörtlich übersetzt „Backpfeife“.

Die Langzeitdoku beschreibt mit sehr viel Empathie, was aus einem werden kann, wenn man in der Jugend unüberlegte Entscheidungen trifft. Nicht umsonst wurden die Kinder der ersten Einwanderungsgeneration als „Lost Generation“ gebrandmarkt. Es ist den beiden Filmemacherinnen hoch anzurechnen, nicht mit erhobenem Zeigefinger auf ihre Protagonisten zuzugehen, sondern ohne zu beschönigen aber mit grosser Anteilnahme den Zuschauer in eine Welt führen, die für die meisten von uns total fremd ist.

Ulrike Schirm

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