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War das Filmjahr 2016 wirklich (k)eine Katastrophe?

Hollywood produzierte selten so viel Blödsinn und Uninteressantes wie in 2016. (UPDATE)



Im zurückliegenden Filmjahr produzierte nicht nur Hollywood viel Blödsinn und zahlreiche uninteressante Werke. Wer Kino liebt, sollte ein wenig Niveau mitbringen und sich nicht mit Superhelden und sprechenden Tieren abgeben.

Uns ist klar, dass auch die fast 200 aktuellen Filme, die in diesem Jahr in den USA oder auf einigen der von uns gesehenen Filmfestivals liefen, gerade mal ein Ausschnitt dessen sind, was in deutschen Kinos, oder auf VoD-Plattformen bei uns verfügbar gemacht wurde. Jede Bewertung des Kinojahres ist deshalb durch eine individuelle Auswahl beschränkt, wir alle schauen in der Regel nur Filme, die uns interessieren. Der Schwerpunkt beim Berliner Arbeitskreis Film (BAF) lag schon immer auf dem intellektuellen Kino. Auf Independent Filmen, früher OFF-Kino genannt - nach dem sogar ein Berliner Lichtspieltheater in Neukölln benannt ist - und auf den Low-Budget Produktionen, sofern man nicht das Glück hatte, eine satte Filmförderung über die Drehbucheinreichung zu bekommen.

Mainstream interessierte uns kaum. Nur die Franchise-Filme von George Lucas, wie die schon im Jahre 1977 herausgebrachte erste Folge "Star Wars - Krieg der Sterne", die man bereits zur Jugendzeit vergötterte, üben noch einen gewissen Reiz aus, um dann bei den neuen Disney-Folgen jedes Mal erneut enttäuscht, das Kino zu verlassen. Dann doch lieber sich von unbekannten Produktionen auf der Berlinale überraschen lassen. Besser man besucht auch noch die italienischen, spanischen, russischen und polnischen Filmfestivals in Berlin oder im Brandenburger Umland das internationale Festival des osteuropäischen Films in Cottbus, auch wenn man manchmal nur die Hälfte versteht, weil man gezwungen ist, die englischen Untertitel permanent mitzulesen und dabei die imposanten Bilder kaum noch verfolgen kann. So erscheint einem in der Nachbetrachtung das mutmaßlich Gelungene dann doch nicht mehr voll zu überzeugen.

Es gibt jedes Jahr zu viele schlechte und zu wenige gute Filme. Zu vieles wird durch CGI-Unterstützung digital aufgepeppt, ohne dadurch wirklich besser zu werden. Zu den zuletzt gesehenen wirklich berührenden Werken gehörte "A Monster Calls - Sieben Minuten nach Mitternacht", doch die deutsche Premiere ist aufs Frühjahr verschoben worden. Den Film ein zweites Mal anzuschauen, um dann erst darüber zu schreiben, sollte man aber tunlichst unterlassen. Die Emotionen, die man beim ersten Mal hatte, würden bei einer zweiten Sichtung einer nüchternen Betrachtung weichen und würden den guten Eindruck, den der Film anfänglich hinterlassen hatte, relativieren. Hier der Trailer:



Es liegt in der Natur des Films Emotionen zu schüren. Deshalb muss Film ganzheitlich betrachtet werden. Gute Dialoge machen alleine noch keinen guten Film aus, wenn die Szenerie nicht stimmt. Der Frankokanadier Xavier Dolan hat dies in seiner grandiosen Theaterverfilmung "Einfach das Ende der Welt" verstanden. Wenn einem die Worte fehlen, müssen gute Bilder die Gefühle ausdrücken können. Dafür genügt manchmal ein phänomenal schöner Film, um zehn oder zwanzig hässliche Werke vergessen zu lassen. Hier der Trailer:



Leider trifft das umgekehrt manchmal auch zu. Werner Herzogs ist in seinem jüngsten Spielfilm "Salt & Fire" wahrlich kein Meisterwerk gelungen. Die grandiose Szenerie einer bolivischen Salzwüste konnte ihn nicht vor massiver Kritikerschelte retten. Veronica Ferres als Vulkanforscherin hatte in dem misslungenen Thriller im Kampf gegen Umweltsünden einfach nichts zu vermelden. Story und Dialoge waren erbärmlich vermurkst und zeigten, trotz Herzogs hehrer guter Absicht, keine überzeugende Wirkung. Hier der Trailer:



Selten war auch das US-Blockbuster-Kino so misslungen wie in 2016. Alles ist nur noch Sequels und Franchise. Und was nicht Franchise ist, muss Franchise werden. Diesem vermeintlichen Hype folgt auch Ridley Scott mit der Fortführung seiner 1979 entstandenen Alien-Horror-Reihe. Der neueste Ableger des Sci-Fi-Thrillers heißt "Alien: Covenant", bei dem das Kolonisationsraumschiff 'Covenant' unterwegs ist, zu einem weit entfernten Planeten. In den Tiefen des Weltraums entdeckt die Crew des Schiffs den letzten Überlebenden der gescheiterten "Prometheus-Expedition" als synthetische Figur. Hier der Trailer des Films, der im Mai 2017 erscheint:



Aber auch in Deutschland knickten bei dem erfolgsverwöhnten Til Schweiger zuletzt die Zuschauerzahlen ein. Nicht dass wir seine Filme mögen, ganz im Gegenteil. Dennoch sollte es eigentlich kein Ding der Unmöglichkeit sein, zielgruppengerechtes und einträgliches Kino mit wenigstens etwas Köpfchen zu machen – Massenunterhaltung, die maximal gefällig und trotzdem nicht maximal doof ist. Das haben doch zumindest auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer noch eine Handvoll Effektspektakel und Sommerhits irgendwie hinbekommen, ob gewollt, zufällig oder schlicht deshalb, weil es gar nicht möglich ist, ausnahmslos Blödsinn zu produzieren. Auch Komödien können in Deutschland gelingen wenn man junge unverbrauchte Filmstudenten*innen ran lässt. "Lotte" war solch ein Film, der beim »achtung berlin - new berlin film award« voll überzeugte. Laut, leise und verträumt. Hier der Trailer:



Wenn dagegen versucht wird, dem Phänomen der sogenannten TV-Qualitätsserien mit vielen neuen Sequels etwas im Kino entgegenzusetzen, dann nervt das gewaltig. Die Qualität wird durch Quantität nicht besser. Den vielen schlechten Sequels fehlen überraschende Wendungen und eine eigene Formsprache ist den Filmen systematisch ausgetrieben worden. Überall die gleiche Masche mit viel Aktion und Gewalt. Da wundert es nicht wenn die Zuschauer weg bleiben und vor allem die jungen Leute sich anderen Hobbys zuwenden.

Die Strategie der großen Studios, viel versprechende Filmemacher an wenig versprechende Projekte zu setzen, hat ein Erfüllungsgehilfenkino ohne Raum für Unerwartetes entstehen lassen. Dort toben sich die nach eins, zwei Independent-Überraschungserfolgen rekrutierten Talente leider nicht hemmungslos aus, sondern liefern braven Dienst nach Vorschrift ab und werden dabei quasi verschlissen, obwohl sie eigentlich den Filmen ihre individuelle Handschrift aufdrücken sollten. Aber auch die Altmeister wie Steven Spielberg, der unverwechselbarste aller Großfilmemacher, drehte mit "BFG - Big Friendly Giant" einen der heftigsten Flops seiner Karriere. Hier der Trailer:



Das ist bezeichnend für die aktuellen Studiotrends des heutigen Hollywood. Es fehlt ein Kino, das naiv, liebevoll und formbewusst seine erzählerischen Fähigkeiten ausspielt. Die Vorstellung, dass Teenager aus "Doctor Strange" spazieren und das für großes Kino halten, bereitet auch uns Unbehagen. Hollywood, das ist zurzeit nicht mehr Traum-, sondern Ernüchterungsfabrik. Hier der Trailer:



Kein Wunder wenn Hollywood Veteranen wie der Niederländer Paul Verhoeven, dessen jüngstes Werk "Elle" am 16. Februar 2017 startet, nach Europa zurückkehren und versuchen mit weniger Geld, kleine aber anspruchsvolle Werke in London oder in Prag zu drehen. Man könnte den Trend nutzen, die großen Regisseure auch wieder ins Studio Babelsberg zu locken, aber Deutschland steht bei den Fördermitteln im Moment am Ende der Kette der europäischen Filmförderungen. London investiert ein Vielfaches davon. Sogar Italien hat gerade eines der modernsten Filmförderungsgesetze Europas verabschiedet. Auch aus Frankreich kommen seit jeher bessere Komödien, als aus Deutschland. Und die Skandinavier sind uns traditionell im Kinderfilm weit überlegen.

Dennoch erlebte der deutsche Film 2016 einen Höhenflug. Fast alle lieben "Toni Erdmann" und fast genauso viele "Vor der Morgenröte", "Nebel im August", "Frantz", "Tschick" oder "Wild". Sogar "24 Wochen" und der sehr eigenwillige Genrefilme hat "Der Nachtmahr" haben bei manchen Kritikern einen Achtungserfolg hinterlassen. Die Deutschen mögen wieder deutsche Filme wenn mit "Toni Erdmann" der »Oscar®« winkt. Offensichtlich war das Kinojahr 2016 doch keine so große Katastrophe wie befürchtet.

Morgen lassen wir Ulrike Schirm in einem Videotagebuch zu Worte kommen. Sie gibt uns einen kurzen persönlichen Filmjahresrückblick von 2016 und einen Ausblick auf lohnende erste Filme im neuen Jahr.

Quellen: Moviepilot | Filmstarts | Moviejones

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Zwei "Schwestern", silvestern. Hier im Clip. Für alle Freunde des BAF ein friedliches und angenehmes 2017. Ausblick auf das Filmjahr 2017: Was alles an neuen Filmen für das nächste Jahr angekündigt wird, lässt leider nicht all zu viel Gutes

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