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Unsere Filmkritiken Oktober/November 2018

Ein Nachtrag und neue Rezensionen zu Filmstarts Ende Oktober bzw. Anfang November.

Die Zeitumstellung am letzten Oktober-Wochenende hatte es in sich. Die Tage sind plötzlich kürzer geworden und mit der Winterzeit wird es nicht nur deutlich früher dunkel, sondern auch kälter und regnerischer. Die Passanten verlassen deshalb schon am Nachmittag die Straßencafés und Cineasten ziehen sich gemütlich in die Kinos zurück.

Auch die Filmindustrie rechnet mit einem deutlichen Aufschwung zum Jahresende und hat sich die Filmperlen deshalb für den Herbst aufgehoben.

Darüber hinaus werden zahlreiche, bedeutende Filmfestivals noch einmal ihr Bestes geben und kurz vor den Adventstagen mit Weltpremieren aufwarten oder bisher noch nicht veröffentlichte, darunter auch oscarnominierte Streifen, in deutscher Erstaufführung ihrem Publikum im November zeigen.

Wir wollten dazu eigentlich die Highlights der Festivals in Braunschweig (5.-11. November 2018), Cottbus (6.-11. November 2018) und der Duisburger Filmwoche (5.-11. November 2018) schon ab heute unserer Leserschaft präsentieren. Die Presseagenturen haben uns nämlich bereits mit genügendem Material versorgt. Doch ein Computerproblem hindert uns daran, unsere Berichterstattung im gewohnten Umfang fortzusetzen, sodass wir derzeit nicht voll einsatzfähig sind. Aus diesem Grunde fehlen deshalb auch Filmbesprechungen zu den nachfolgend genannten Werken, die wir aber zum Teil nachholen wollen:

"Blue My Mind"

KINOSTART 01.11.2018

Der Film von Lisa Brühlmann gewann im Januar in Saarbrücken den Max Ophüls Preis für die beste Regie.

"Der Trafikant"

KINOSTART 01.11.2018

Die Verfilmung des Bestsellers von Robert Seethaler durch Nikolaus Leytner.

"Mandy"

KINOSTART 01.11.2018

Horror-Thriller von Panos Cosmatos mit Nicolas Cage.

Wir hoffen, dass unsere Leserschaft uns dies verzeiht und nicht dauerhaft abwandern wird.

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"INTRIGO: TOD EINES AUTORS" Krimi von Daniel Alfredson (Schweden, USA, Deutschland). Mit Benno Fürmann, Ben Kingsley, Veronica Ferres u.a. seit 25. Oktober 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Warum sich Regisseur Daniel Alfredson, der die „Millennium“ – Filme „Verdammnis“ und „Vergebung“ mit Noomi Rapace gedreht hat, ausgerechnet den Krimi "INTRIGO: TOD EINES AUTORS", des schwedischen Autors Hakan Nesser für die Leinwand adaptiert hat, ist verwunderlich.

Es geht um einen Übersetzer (Benno Führmann), der dabei ist, einen Roman zu schreiben, indem er das spurlose Verschwinden seiner Frau (Tuva Novotny) aufarbeitet. Gleichzeitig übersetzt er das Werk eines kürzlich verstorbenen Autors. Da er nicht so recht vorankommt, holt er sich Rat bei einem legendären Schriftsteller (Ben Kingsley), dem er Passagen aus seinem Manuskript vorliest und einem Geheimnis näher kommt. Das ist verwirrend, teilweise unglaubwürdig, unlogisch und zäh.

Nessers Bücher sind Bestseller, zwei weitere Verfilmungen sollen folgen. Da ich keins seiner Bücher kenne, kann ich nicht beurteilen, ob die Vorlage genauso öde ist, wie der Film. Man kann nur hoffen, dass weitere Verfilmungen besser werden.

Ulrike Schirm

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"BOHEMIAN RHAPSODY" Musik-Biopic von Bryan Singer & Dexter Fletcher (USA). Mit Rami Malek, Lucy Boynton, Aaron McCusker u.a. seit 31. Oktober 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

In dem Biopic "BOHEMIAN RHAPSODY" schlüpft Rami Malek in die Rolle von Freddie Mercury (geb. 5.9.1946, gest. 24.11.1991), geboren als Farrokh Bulsaria in Sansibar, Sohn einer persischen Familie, der mit seiner Band »QUEEN« zu einem Weltstar wurde. Unvergessen sein Song „Bohemian Rhapsody“. Malek macht das so großartig, das man bei seinen Auftritten glaubt, den wahren Freddie zu erleben. Und nicht nur das. Malek zeigt, was für eine zwiespältige und interessante, charismatische Persönlichkeit der exzentrische Sänger war. Hin- und hergerissen zwischen Größenwahn und Verletzlichkeit, Zeit seines Lebens auf der Suche nach einem echten Freund. Einer seiner Sprüche: „Mir fällt Niemand ein, der unverschämter ist, als ich“.

Angespornt von der Aussage seines Vaters, dass er es nie zu etwas bringen wird, wenn er versucht jemand anderes zu sein, entwickelte er sich zu einer schillernden Persönlichkeit, die es verstand hinter ihren theatralischen Bühnenshows, ihren auffälligen Kostümierungen, ihrem ausschweifenden Sexleben (im Film nur vage angedeutet) den wahren Mercury in seiner Einsamkeit zu verstecken. Bemerkenswert, seine intuitive Bühnenperformance, bei der er auf einstudierte Choreografieren verzichtete.

Wie so oft, kam es zwischenzeitlich zu einem Streit mit seiner Plattenfirma. Sie wollten Kohle machen und drängten ihn zu mehr Pop und gängigen Hits. Sie glaubten anfänglich nicht an den zum Millionenhit gewordenen, operettenhaften Song „Bohemian Rhapsodie“. Durch eine inszenierte Intrige, lässt sich Mercury auf eine Solokarriere ein, was ihm seine Band sehr verübelte. Es kommt zu einem Bruch.

Später, in den frühen Achtzigern wendet er sich mit „Another One Bites the Dust“ der Discomusic zu, macht keinen Hehl mehr, was seine Homosexualität betrifft. Eine leise anrührende Szene ist, als er von seiner Aidserkrankung erfährt, den Krankenhausflur entlang zum Ausgang geht, erkennt ihn ein ebenfalls an HIV erkrankter Patient. Er schaut ihm hinterher, ruft „Ey‘ you“, Freddie dreht sich um, wiederholt die zwei Worte und geht weiter.

Höhepunkt des Films, die Vorbereitung mit seinen wieder zusammengefundenen Musikern und ihm, für ihren grandiosen Auftritt für das Benefiz-Konzert (13. July 1985) im Wembley Stadion vor 72.000 Menschen. Mit federnden Schritten betritt Mercury die Bühne und stimmt lauthals die ersten Akkorde von „Bohemian Rhapsody“ an. Was musikalisch folgt, geht einem durch Mark und Bein.

Ich habe Mercury dreimal mit Freunden in München getroffen und bin begeistert, wie überzeugend Malek die Persönlichkeit Mercury mit stimmiger Mimik und Gestik spielt. 129 Minuten, in denen fast alle Queen-Hits zu hören sind.

Als ich mir den Film ein zweites mal anschaute, spielte mir mein Gehirn einen kleinen Streich: Wenn es vor dem Start noch eine Premiere mit einem Roten Teppich gäbe, könnte ich Freddie endlich mal wiedersehen.

Die wenigen Kritikpunkte lasse ich absichtlich weg. Das wäre meckern auf hohem Niveau.

Mercury: „Wir sind Ausgestoßene und spielen für Ausgestoßene“.

Ulrike Schirm

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"THE CAKEMAKER" Drama von Ofir Raul Graizer (Deutschland, Israel). Mit Tim Kalkhof, Sarah Adler, Roy Miller u.a. seit 31. Oktober 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Thomas (Tim Kalkhof), ein junger Bäcker aus Berlin, betreibt eine kleine Konditorei. In regelmässigen Abständen bekommt er Besuch von Oren, der des öfteren, bedingt durch seine Dienstreisen, einige Tage in Berlin verweilt. Angetan von den schmackhaften Kuchen und Keksen, die Thomas mit viel Hingabe herstellt, nimmt er jedes Mal für seine Frau eine Tüte voller Zimtgebäck mit nach Hause, weil sie es besonders mag. Zwischen Thomas und Oren (Roy Miller), entwickelt sich eine sexuelle Anziehungskraft. Oren pendelt immer öfter zwischen Jerusalem, wo er Frau und Kind hat, und Berlin.

Durch den plötzliche Tod des Geliebten, beschließt Thomas, seinen Laden zu schließen und in Orens Heimat zu fahren, um dort mehr über ihn zu erfahren. Er trifft dessen Frau Anat (Sarah Adler) und ihren Sohn Itai. Anat, die nicht die geringste Ahnung hat, stellt Thomas als Küchenhelfer in ihrem kleinen Café ein. Das Thomas ausgerechnet ein Deutscher ist, kommt bei einigen Leuten nicht gut an. Der stille Thomas wird mit der Zeit immer unentbehrlicher. Für die trauernden Witwe, die plötzlich auf sich allein gestellt ist und Thomas, dessen Trauer genau so gross ist, wird er immer mehr zu einer starken Stütze. Zum Geburtstag von Itai backt er ihm besonders leckere Kekse und seine Schwarzwälder Kirschtorte kommt bei den Gästen richtig gut an, was eigentlich nicht sein darf, denn in Anats Café muss nur koschere Ware verkauft werden.

Es liegt eine große Spannung im Raum. Als Zuschauer fiebert man regelrecht mit und wartet auf den Moment, wann Thomas endlich den wahren Grund seiner Anwesenheit offenbart.

Noch ahnt man nicht, dass sich zwischen den beiden eine Liebesgeschichte entwickelt.

Thomas wird immer vertrauter mit den fremden Ritualen und Regeln der jüdischen Gesellschaft. Anat und ihn verbindet die Leidenschaft für die Herstellung köstlichen Gebäck in allen möglichen Variationen. Anats kleiner Laden brummt.

Der israelische Filmemacher Ofir Raul Grazier vereint in seinem Melodrama alle Möglichkeiten unterschiedlicher Verbindungen zwischen schwul und hetero, religiös oder auch nicht, Berlin und Jerusalem und bastelt aus diesen Konflikten eine anrührende, wohltuende, behutsame Liebesgeschichte. Alles kann möglich sein.

"THE CAKEMAKER" ist der israelische Beitrag für den Oscar 2019 in der Kategorie Bester Fremdsprachiger Film. Die Liste der Preise, die er auf verschiedenen Festivals erhalten hat, ist endlos lang.

Ulrike Schirm

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"25 km/h" Dramödie von Markus Goller (Deutschland). Mit Lars Eidinger, Bjarne Mädel, Sandra Hüller u.a. seit 31. Oktober 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

["25 km/h", ein köstliches Roadmovie zweier ungleicher Brüder.]

Zwei ungleiche Brüder, Christian (Lars Eidinger) und Georg (Bjarne Mädel) treffen sich nach 30 Jahren bei der Beerdigung ihres Vaters wieder. Christian reist als vielbeschäftigter Top-Manager um die Welt, während Georg, der den Beruf eines Tischlers ausübt, den Schwarzwälder Heimatort nie verlassen hat und den kranken Vater bis zu seinem Tod, gepflegt und betreut hat.

Am Grab des Vaters gibt es schon den ersten Krach. Georg ist wütend, weil Christian zu spät zur Beerdigung erscheint. Er ist aus Singapur angereist. Beim Leichenschmaus geben sich die beiden die Kante. Im alkoholisierten Zustand beschließen sie, auf ihren alten Mofas mit Hochlenker ihren Jugendtraum endlich in die Tat umzusetzen. Noch in ihren Beerdigungsklamotten, tuckern sie einige Male ausgelassen um den Marktbrunnen und dann geht es ab Richtung Ostsee, mit dem Vorsatz, bei Ankunft ins Meer zu pinkeln.

Ihre verrückte Reise wird zu einem ausgelassenen Selbstfindungstrip, bei dem die Brüder sich von Tag zu Tag näher kommen. Eidinger, von dem man inzwischen weiß, das er alles spielen kann, haut in seiner Rolle so richtig auf den Putz. Er ist die treibende Kraft, während Georg immer etwas hinterher hinkt und mehr Zeit braucht, um aus sich herauszukommen. Mein Lieblingsmoment ist, als Christian halbnackt auf der Landstraße aus vollstem Halse brüllt: „Fick dich Niedersachsen, fick dich, du hässliches Bundesland“. Georg erklärt ihm trocken, dass sie sich in Hessen befinden.

Gespickt ist das unterhaltsame Roadmovie mit feucht – fröhlichen Gelagen, der Bekanntschaft mit der Staatsmacht, bewusstseinserweiternden Drogen, die zu traurigen Erkenntnissen führen und die Bekanntschaft mehr oder weniger skurrilen Personen.

Letztendlich entwickelt sich mehr Tiefsinn als vermutet, denn es gibt eine überraschende Wendung, ohne das der höchst amüsante Film seine Leichtigkeit verliert.

Markus Goller ("Friendship") Regie, Buch Oliver Ziegenbalg, haben gute Arbeit geleistet. Die emotionale Verbundenheit der beiden Brüder ist nicht zu übersehen.

Ulrike Schirm

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