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Unsere Filmkritiken Januar 2019, Teil 3

Weniger Neustarts kurz vor der Berlinale, dafür aber ein paar sehr starke Spielfilme und eine Doku.

Warum das Kostümdrama "The Favourite - Intrigen und Irrsinn" vor wenigen Tagen auf dem »Fantasy Filmfestival« lief, bleibt ein wenig schleierhaft. Der griechische Regisseurs Yórgos (Giorgos) Lánthimos hatte mit "The Lobster" im Jahre 2015 allerdings einen sehr absurden, dystopischen Film gelandet, der tatsächlich beim Zuschauer einige Ängste schüren konnte.

Dagegen mutet sein neuer Historienfilm eher zahm an und belustigend. Er ist allerdings bestes Arthouse Kino in dem Frauen die Politik bestimmen und lief in Berlin schon einmal im November 2018 als Preview beim 13. Filmfestival »Around the World in 14 Films«.

Bereits im Februar sollen DVD und Blu-ray Disc erscheinen. Wir empfehlen allerdings den Film zum jetzigen offiziellen deutschen Kinostart, auf der großen Kino-Leinwand anzusehen.

"The Favourite - Intrigen und Irrsinn" Historiendrama von Yórgos Lánthimos (USA, Großbritannien, Irland). Mit Olivia Colman, Emma Stone, Rachel Weisz u.a. seit 24. Januar 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Synopsis und Kurzkritik:

Das Historiendrama "The Favourite" beleuchtet die politischen Machenschaften im 18. Jahrhundert Englands während der Herrschaft von Queen Anne (Olivia Colman) und blickt hinter die Kulissen der letzten Monarchin des Hauses Stuart. Politische Intrigen und höfische Machenschaften mit heimtückischen Ränkespielen sind hier an der Tagesordnung. Allerdings fallen den Männern kaum eine starke Rolle zu. Vielmehr regiert Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz) anstelle der Queen das Reich, weil ihre royale Freundin eher schwach und kränklich ist. Als jedoch mit Abigail Masham (Emma Stone) eine neue Dienerin an den Hof kommt, ändert sich die Lage.

Witzige Dialoge, ein hervorragendes Cast und brisante Szenen wie z.B. beim Entenschießen, bei dem - mehr oder weniger versehentlich - auch schon mal auf Menschen gezielt wird, lassen permanent Spannung aufkommen. Regisseur Yórgos Lánthimos gelingt es wieder auf süffisante und makabre Art, einen unterhaltsamen Kinoabend zu gestalten.

Das Portrait der launischen, weil kränklichen englischen Königin Queen Anne im 18. Jahrhundert, feierte seine Weltpremiere auf den Filmfestspielen von Venedig und eröffnete anschließend auch das New York Film Festival. Zudem ist der Film neben "Roma" heißer Favorit bei den Oscars mit je zehn Nominierungen. Eine bessere Empfehlung kann es kaum geben.

W.F.

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Als bereits vor zwei Jahren der junge frankokanadische Schauspieler Timothée Chalamet mit "Call me by Your Name" auf dem Sundance Festival in den USA seine Premiere feierte und anschließend im Panorama der 67. Berlinale seinen Auftritt hatte, waren alle Zuschauer begeistert von der schauspielerischen Präsenz des damals noch ziemlich jungen Darstellers. In die deutschen Kinos kam der Film offiziell erst Mitte letzten Jahres.

Inzwischen ist mit "Beautiful Boy" ein weiteres Werk mit ihm abgedreht worden, bei dem der Schauspieler inzwischen deutlich älter wirkt, ohne aber an schauspielerischer Qualität eingebüßt zu haben. Wieder überrascht er mit einer unglaublichen Bandbreite seines Könnens. Der Film positioniert sich zum Thema Jugend und ihre Drogen sogar im direkten im Vergleich zu "Ben is Back" mit dem fast gleichaltrigen Lucas Hedges, der am 10. Januar 2019 angelaufen war und von unserer Kollegin Ulrike Schirm bei uns schon am 7. Januar 2019 besprochen wurde.

"BEAUTIFUL BOY" Drogendrama von Felix Van Groeningen (USA). Mit Steve Carell, Timothée Chalamet, Jack Dylan Grazer u.a. seit 24. Januar 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Nic Sheff (Timothée Chalamet): „Ich kiffe ab und zu, das macht die Dinge erträglicher“.

Vater David Sheff (Steve Carell): „Welche Dinge?“

Nic: „Die alltäglichen Belanglosigkeiten. Auf Drogen ist alles bunt. Ich kann nicht damit aufhören“.

In "BEN IS BACK", der vor kurzem gestartet ist, war es die Mutter, die gegen die Sucht ihres Sohnes kämpft, in "BEAUTIFUL BOY" ist es der Vater, der um das Leben seines drogenabhängigen Sohns bangt und den Kampf aufnimmt. In beiden Filmen wird nicht nur das Leid derer, die von der Drogensucht befallen sind gezeigt, sondern auch das Leid von ihren Familienangehörigen.

Der belgische Regisseur Felix van Groeningen („The Broken Circle“) hat für sein Drama zwei hochkarätige Schauspieler besetzt.

David ist verzweifelt. Er versteht nicht, wie sein hochbegabter Sohn, trotz mehrfacher Therapien, immer wieder rückfällig wird. Nic möchte eigentlich Schriftsteller werden. Anstatt ein College zu besuchen, landet er wiederholt in Entzugskliniken. Ein Junkie, der der harten Droge Crystal Meth verfallen ist. Es ist erstaunlich, mit welch grandioser Leidenschaft sich Timothée Chalamet („Call Me by Your Name“) in die Rolle des Süchtigen hinein versetzt. Seine Gefühlsschwankungen pendeln zwischen Euphorie, Hoffnung, Wut, Angst, Unsicherheit und Trübsal hin und her. Aus der Klinik haut er immer wieder ab. Der lapidare Satz der Ärzte, Rückfälle gehören zur Therapie, helfen weder ihm, noch seinem Vater. Um sich in seinen Sohn einzufühlen, wagt David einen Drogen-Selbstversuch.

Eingestreut sind Erinnerungen, die Nic zeigen, als er noch ein kleiner Junge war. Sein Vater, ein Rock-Journalist, sang dem kleinen Nic, John Lennons Ballade „Beautiful Boy“ als Einschlaflied vor. In den unbeschwerten Rückblenden gibt es keinen entscheidenden Hinweis für den Auslöser seiner gesteigerten Drogensucht. Nic verstrickt sich in wilde Lügereien. Als sein Vater ihn völlig durchnässt an einer Straßenecke findet, gibt er auf. Nics verzweifelter Anruf, „bitte, bitte hilf mir, ich will aufhören, lässt er unbeantwortet. Er hat begriffen, dass er ihm nicht helfen kann.

Eindringlich zeigt van Groeningen, dass der Drogenmissbrauch keineswegs nur ein Problem der sogenannten Unterschicht ist. Die USA erleben zur Zeit die schlimmste Drogenkrise seit langem. Man vermutet, die unüberlegte Verschreibung süchtig machender Schmerzmittel.

„Beautiful Boy“ ist grosses Gefühlskino, das auf zwei Biografien beruht, die man zu einem Film zusammengefügt hat.

Ulrike Schirm

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Den nachfolgenden Film hatten wir ebenfalls schon mehrmals erwähnt, obwohl die deutsche Kino-Version erst am kommenden Donnerstag startet. Aber die in den 60er Jahren spielende Geschichte über das sogenannte 'Green Book', einer Anleitung für schwarze Einwohner der USA, in welchen Gebieten sie sich aufhalten und übernachten dürfen und in welchen nicht, war zu Zeiten der Rassentrennung leider damals sehr aktuell.

Die nach einer wahren Begebenheit erzählte Story, um einen damals sehr beliebten schwarzen Jazz Musiker und seinen weißen Chauffeur, ist für die Oscars nominiert, hat bereits den US-Produzentenpreis (PGA) gewonnen und erhielt einen Golden Globe als bester Film in der Kategorie Komödie/Musical sowie zwei weitere Preise als bester Nebendarsteller und als bestes Drehbuch.

"GREEN BOOK - Eine besondere Freundschaft" Biopic-Drama von Peter Farrelly (USA). Mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini u.a. ab 31. Januar 2019 im Kino. Hier nochmals der original Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

New York 1962. Tony Vallelonga, genannt Tony Lip (Viggo Mortensen), arbeitet im Italo-amerikanischen Viertel in der Bronx als Türsteher des Clubs „Copacabana“. Wegen Umbauarbeiten muss das „Copa“ für einige Zeit geschlossen werden.

Lip braucht einen neuen Job. Ein Bekannter berichtet ihm, dass ein gewisser Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) einen Fahrer sucht. Lip geht davon aus, dass es sich bei der Person um einen weißen Arzt handelt. Bei ihrem Treffen stehen sich zwei Menschen gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein können. Zwei gegensätzliche Temperamente stoßen aufeinander.

Lip, ein raubeiniger, keineswegs zimperlicher Genussmensch, der gerne seine Fäuste sprechen lässt, sieht sich konfrontiert mit einem schwarzen, begnadeten Jazzpianisten, einem feinsinnigen Intellektuellen, dem alles Gewöhnliche äußerst fremd ist und der sein Leben der Musik gewidmet hat.

Lip pokert hoch, was sein Gehalt betrifft. Widerwillig tritt er seinen Job an, denn sein Mitgefühl für Schwarze hält sich in Grenzen.

Die Konzerttour führt sie ausgerechnet in die rassistisch geprägten Südstaaten. Ihre Reise planen sie mit Hilfe des „Negro Motorist Green Book“ für afroamerikanische Autofahrer, in dem die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen, in denen schwarze Menschen bedient werden, aufgelistet sind. Der feine schwarze Herr, kommt nicht überall gut an. Sein musikalisches Talent wird hoch geschätzt, aber seine Hautfarbe nicht. Er darf zwar in den vornehmen Häusern der Weißen auftreten, aber nicht deren Toiletten benutzen. Ohne Tonys couragiertem Eingreifen, wären einige brisante Begebenheiten für Shirley nicht gut ausgegangen. Mit jedem Stop kommen sich die beiden aber näher.

Je weiter sie nach Süden kommen, desto allgegenwärtiger wird die Diskriminierung. Shirley ist fest der Auffassung, dass man nur mit Würde gewinnen kann und das man Mut braucht, um die Herzen der Menschen zu ändern. Tony Lip hat seine anfänglichen Vorurteile gegenüber dem schwarzen Musiker am Ende ihrer Reise begraben. Ihre gemeinsam verbrachte Zeit, geprägt von Rassentrennung, Gewalt, aber auch wahrer Menschlichkeit, hat sie zu besten Freunden gemacht.

Für seine Darbietung wurde Ali gerade mit dem Golden Globe belohnt. Schon in „Moonlight“ überzeugte er als gefühlvoller Drogendealer.

Regie führte Peter Farelly ("Verrückt nach Mary"), der aus dieser wahren Geschichte, mit viel bitterbösem Humor, Respekt, Freundschaft und Menschlichkeit, einen schon jetzt besten Film des Jahres in die Kinos und unsere Herzen bringt. Ali und Mortensen liefern eine Oscar-reife Leistung.

Ulrike Schirm

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Unter den empfehlenswerten Filmen ist auch eine Doku, die in der offiziellen Auswahl von Cannes vor zwei Jahren zu finden war, aber erst jetzt von Missing Films ins Kino gebracht wird. Eine Spurensuche in Algerien nach verstorbenen Verwandten des französischen Schauspielers und Regisseurs Eric Caravaca.

"CARRÉ 35" Dokumentation von Eric Caravaca (Frankreich). Ab 31. Januar 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Elisabeths Filmkritik:

Éric Caravaca, der französischer Schauspieler (demnächst in François Ozons "Grâce à Dieu") und Regisseur ("Le Passager", 2005), wurde 1966 in Rennes geboren. Seine Eltern waren Einwanderer, sie waren aus Casablanca nach Frankreich gekommen, obwohl sie ursprünglich aus Spanien stammten. In ihrer Familiengeschichte gab es einen Bruch, eine Lücke, etwas, über das geschwiegen wurde. Éric und sein Bruder Olivier hatten eine Schwester, die mit 3 Jahren, noch vor der Geburt der Brüder gestorben war.

Es sind die Dinge, über die man nicht spricht, die einen belasten, die einen Schatten auf Generationen hinaus werfen können. Es ist eine Lücke, die da ungefüllt, einen Sog entwickelte, dem der Regisseur, gerade selbst Vater geworden, nachgeht. Éric Caravaca macht sich in "Carré 35" daran, diese Lücke zumindest vom Verstand her zu füllen. Für ihn wiegt der Umstand schwer, dass er kein Bild von seiner Schwester hat und das man über sie nicht gesprochen hatte in der Familie. Er interviewt seine Mutter, die erzählt, sie hätte alle Bilder, alle Filmaufnahmen verbrannt. Das Gespräch ist der Mutter sichtlich unangenehm. Im Verlauf der Suche tastet sich der Regisseur nicht nur an eine übertragene Erinnerung durch Erzählungen heran, sondern er versucht zu ergründen, warum man sich einer und dieser Erinnerung verweigern will.

Zuerst steht da im Raum: Wer war seine Schwester, warum ist sie gestorben, woran ist sie gestorben und warum wurde darüber geschwiegen? Aus den spärlichen und widersprüchlichen Hinweisen stellt er Mutmaßungen an. Erst das Gespräch mit dem Vater, gibt eine Antwort auf eine Teilfrage. Doch eine andere Antwort des Vaters ist eindeutig falsch. Spielt die Erinnerung einem einen Streich? Ist es eine Lüge? Nur mit Mitgefühl kann auch das Publikum die Antworten in einen Rahmen setzen.

Carré 35 ist der Abschnitt auf dem französischen Friedhof von Casablanca, an dem Caravaca das Grab der Schwester findet. Das Photo, dass die Mutter auf die Grabplatte hatte anbringen lassen, war längst verschwunden. Aber das Grab, zu dem die Eltern nie zurückgekehrt waren, war gepflegt. Éric Caravaca stellt die Fragen und nicht auf alles bekommt er eine Antwort. Nicht auf alles gibt es eine Antwort. Die Antworten geben nicht immer die Wahrheit wieder, wobei hinter den Antworten ganz andere Wahrheiten stehen können. Caravaca nimmt die Zuschauer mit, lässt sie mitfühlen, sowohl in Momenten des Schmerzes, als auch der der Verwunderung über die menschliche Natur und die der Erkenntnis, die zwischen den Zeiten eine Brücke schlägt. Er deckt mit Archivmaterial nicht nur Fragmente seiner Familiengeschichte auf, sondern bettet diese in die Geschichte der französischen Kolonialzeit in Algerien und Marokko und der politischen, gesellschaftlichen Umbrüche der Unabhängigkeitskriege der 60er ein. Einer Periode an dessen Ende man nur noch nach vorne und nicht zurück schauen wollte.

Dabei verwendet Caravaca Bilder, die er findet und die er macht, bewusst und fast trotzig. Was sind Bilder? Sind Bilder der Weg zu einer Erinnerung oder verfälschen sie diese? Kann man sich der Vergangenheit verwehren, wenn man Bilder ausschließt? In einer Zeit, in der Fotoaufnahmen allgegenwärtig und scheinbar auch unlöschbar sind, wirken die Bild- und Filmaufnahmen, die Caravaca uns zeigt, wie fragile Puzzlestücke. Als er das Grab der Schwester findet, aber kein Bild, wirkt die Suche unvollständig. Also sucht er weiter und findet doch. Womit sich zumindest die Möglichkeit einer Versöhnung mit der Vergangenheit auftut und auch dem Zuschauer klar wird, dass Erinnerungen für die Möglichkeit der Aufarbeitung essentiell sind.

Dramaturgisch verdichtet Caravaca den Film, aber mit einer leisen Besonnenheit findet all das, was Vergangenheit und Zukunft ausmacht, was Fragen neben Antworten stellt, die Gewissheit, dass uns Geschichte immer wieder etwas durch neue Aspekte lehren kann, Platz.

Elisabeth Nagy

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