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Endlich wieder neue Filmbesprechungen in unserem Filmtagebuch aus Berlin

Insgesamt sechs Filmkritiken zu aktuellen Starts in dieser Woche sowie der letzten zwei Wochen.

Wegen unserer Berichterstattung zu zahlreichen Festivals und deren Preisvergabe, waren wir in den letzten Tagen leider nicht dazu gekommen über aktuelle Filmstarts zu berichten. Allerdings ist auch nicht immer alles sehenswert, was ins Kino kommt.

Festivals haben dagegen den Vorteil, dass eine Auswahlkommission vorab schon einmal aussieben durfte, was weniger künstlerisch wertvoll ist. Übrig bleibt dann meist das Beste vom Besten, über das wir gerne berichten wie z.B. über "HAPPY END" von Michael Haneke, der im Cannes Wettbewerb ebenso wie "THE SQUARE", der Gewinner der »Goldenen Palme«, zu sehen war. Über jenes, was aktuell im Kino angelaufen ist, darüber schreibt aus Berlin süffisant wieder einmal unsere Ulrike sowie Isolde mit ihrem Doku-Filmtipp.

"HAPPY END" Drama von Michael Haneke.

Mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz u.a. seit 12. Oktober 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Die großbürgerliche Familie Laurent, Besitzer einer Baufirma, residiert in einem noblen Anwesen, nahe der Küste von Calais. In der pompös  ausgestatteten Villa fehlt es an Nichts. Sündhaft teure Gemälde schmücken die Wände, gespeist wird von feinstem Geschirr, riesige Sitzlandschaften laden zum Verweilen ein. Betreut und in Ordnung gehalten wird das Luxusobjekt von marokkanischen Hausangestellten. Doch der luxuriöse Schein trügt gewaltig. Tauschen möchte man mit keiner der dort anwesenden Personen, die in dem schlossähnlichen Palast, ohne einen Funken von Empathie und Wärme für nicht einen der zahlreichen Familienmitglieder, leben. Der unterkühlte Umgang untereinander, lässt einen zutiefst frösteln.

Die 13-jährige Ève (Fantine Harduin) beschäftigt sich mit ihren Filmchen auf ihrem Handy-Video. Ihre Chat-Kommentare beklagen die Eiseskälte ihrer Mutter. Das emotional gestörte Kind füttert ihren Hamster mit Schlaftabletten. Als das Tier sich nicht mehr regt, richtet sich ihr Hass direkt gegen die Mutter. Sie mischt ihr verschiedene Tabletten ins Essen, woraufhin die Mutter ins Koma fällt. „Ich war fünf und da ist mein Bruder gestorben. Es war Scheiße“, vertraut sie ihrem Smart-Phone an. Daraufhin wird sie in der Familie Laurent untergebracht, in der ihr Vater mit seiner zweiten Frau lebt. Jetzt erfährt man, wie kompliziert und verworren Verwandtschaftsverhältnisse in dieser maladen Familie sind. Salopp gesagt, das Mädchen kommt vom Regen in die Traufe. Ihr Vater betrügt die zweite Frau, mit der er ein Baby hat, mit einer Geliebten, die auf besonderen Sexpraktiken steht, der Großvater (Jean-Louis Trintignant) versuchte sich mehrmals das Leben zu nehmen, die Madame des Hauses (Isabelle Huppert) versucht mit unlauten Mitteln und dem Beistand von Anwälten, einen Rechtsstreit wegen eines tödlichen Arbeitsunfalls in der Firma so hinzubiegen, dass die Abfindung gering ausfällt. Außerdem steht das Bauunternehmen kurz vor der Pleite. Gerissen wie sie ist, verlobt sie sich mit einem Briten, der in London geschickt den rettenden Kredit zur Verfügung stellen soll.

Der Einzige mit „gesundem Menschenverstand“ ist Pierre Laurent (Franz Rogowski) der nicht mehr in dem „Horrorhaus“ lebt. Ausgerechnet er, der sich gegen die maßlose Heuchelei wehrt, der aus Verzweiflung trinkt, soll die Firma übernehmen. Natürlich ist er das Schwarze Schaf der Familie und wird von seiner Mutter mit rüder Autorität zurechtgewiesen. Man möchte fast Beifall klatschen, als er auf einer Familienfeier mit einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge auftaucht und die Bemerkung fallen lässt: „Das ist Jamila, unsere Sklavin. Sie ist ein wahres Gottesgeschenk“. Um die Contenance zu wahren, wird für die Flüchtlinge von Madame schnell ein Tisch freigemacht, sie dürfen an dem Essen teilnehmen.

Überhaupt, Pierre ist in dieser bitterbösen Farce, die einzige Figur, die berührt. Eine der bemerkenswertesten Szenen ist sein Auftritt in einer Karaoke Bar, in der er seine tragische Verlorenheit herzzerreißend zum Ausdruck bringt. Auch Ève ist eine traurige Gestalt, auch sie, ein Opfer von Lieblosigkeit, alleingelassen, ein Kind, was seinen Schmerz dem Smartphone in Form von Textnachrichten anvertraut, einem kalten Gerät, von dem sie keine Antworten bekommt. Wer Hanekes Filme kennt, weiß wie bitterböse sie sind und wie schwer zu verdauen.

Schon in "Das Weisse Band“ schaute er hinter die Fassade einer bürgerlich bigotten Familie. Noch heute erinnere mich schaudernd an „Funny Games“. Ein Horror, der mich tagelang nicht los ließ. Nun „Happy End“, wo allein der Titel mehr als bitterböse ist. Auch wenn man etwas ratlos zurückbleibt, die „Eiseskälte“ spürt man noch Stunden danach.

Ulrike Schirm

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"WHAT HAPPENED TO MONDAY?" Sci-Fi-Thriller von Tommy Wirkola.

Mit Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe u.a.

seit 12. Oktober 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

2073. In nicht allzu ferner Zukunft sieht es düster aus auf unserem Planeten. Es herrscht Überbevölkerung und Lebensmittelknappheit. Die globale Regierung beschließt drakonische Maßnahmen. Was man in der Realität bereits aus China kennt, ist es unter Androhung strengster Strafen erlaubt, pro Familie nur noch ein Kind zu bekommen. Wer sich diesen Maßnahmen widersetzt, dem werden vom Kinder – Zuteilungsbüro, unter der strengen Leitung von Nicolette Cayman ( Glenn Close) die verbotenen Geschöpfe gnadenlos weggenommen, eingefroren, solange, bis sich die verheerenden Zustände wieder ändern. Eine Mutter, die es gerade noch schafft Siebenlinge auf die Welt zubringen, stirbt nach der Geburt, der Vater ist unbekannt. Der Großvater Terrence Settman (Willem Dafoe) nimmt sich der sieben Mädchen an und versteckt sie in seiner Wohnung. Er benennt sie nach den einzelnen Wochentagen. Von Monday bis Sunday. Die herangewachsenen Mädchen sehen alle aus wie Noomi Rapace. Das ist kein Zufall, denn sie werden alle sieben von ihr gespielt.

Rapace, ist vielen Zuschauern bekannt als Lisbeth Salander aus Stieg Larssons „Millennium – Trilogie. Jede von ihnen darf nur an einem Tag in der Woche das Haus verlassen. Immer nur unter dem Namen Karen Settman. Wer sich draußen aufhält, trägt elektronische Armbänder, die von Kontrollorganen auf den Einzelkindstatus überprüft werden. Die sieben Geschwister verbringen ein Leben in der Illegalität. Der eintägige Ausflug nach draußen beginnt mit aufwendiger Schminkerei und der Einhaltung von körperlichen Gesten und Bewegungen, denn offiziell verlässt nur die Karrierefrau Monday das Haus. Doch eines Montags kommt Monday nicht zurück.

Keiner weiß, ob ihr etwas zugestoßen ist oder ob die Behörde dem verbotenen Spiel auf die Schliche gekommen ist. Die grandiose Verwandlungskunst von Rapace macht diesen Sci – Fi – Thriller zu einem visuellen Erlebnis. Die Charaktere der eineiigen Schwestern sind grundverschieden und jede von ihnen hat ein anderes Verhältnis zum Großvater. Eine Mammutaufgabe für Rapace, die nicht nur darin bestand ihr Äußeres zu verändern, sondern auch die technischen Herausforderungen, die so einen Dreh begleiten, perfekt auszuführen. Nach ihrem plötzlichen Verschwinden liegt es nun an den sechs anderen, zu überlegen, was zu tun ist. Bis hierhin ist das gesellschaftskritische Drama durchaus sehenswert. Glenn Close, biestig böse und Willem Dafoe als besorgter und auch irgendwie überforderter alter Mann, glänzen in ihren Rollen. Dann entwickelt sich das Geschehen zu einem rasanten Actionkracher mit knallhart choreografierten Prügelszenen, in denen die Mädchen einem Bond das Wasser reichen können. Eine Verdichtung der klaustrophobischen Umstände und das, was sie mit der Familie macht, kommt leider etwas zu kurz.

Ulrike Schirm

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"VORWÄRTS IMMER!" Komödie von Franziska Meletzky.

Mit Jörg Schüttauf, Josefine Preuß, Jacob Matschenz u.a.

seit 12. Oktober 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Der Begriff Klamauk ist durchaus nicht immer negativ besetzt. In der Komödie „Vorwärts Immer“, rückwärts nimmer (einer der Standardsätze Erich Honeckers, der ehemalige Generalsekretär des Zentralkomitees der SED), schlüpft Jörg Schüttauf in die Rolle des Chefs der DDR.

1989 Ost-Berlin. Der Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) steckt mitten in den Proben eines unerlaubten Theaterstücks „Vorwärts Immer“. Er sieht Honecker nicht nur zum Verwechseln ähnlich, auch sprachlich ist er kaum von ihm zu unterscheiden. Er ahnt nicht, dass seine Tochter Anne ( Josefine Preuß) ihre Flucht in den Westen plant. Auch das sie schwanger ist und das auch noch von dem Sohn seines Erzfeindes Harry ( Devid Striesow), einem Kollegen, mit dem er so einige Rivalitätskämpfe ausführt. Zusammen mit einem langhaarigen Typen, macht sich Anne auf den Weg zur Montagsdemonstration nach Leipzig, um sich mit seiner Hilfe einen gefälschten Pass für ihre Ausreise zu besorgen. Als ihr Vater davon erfährt, dass auf Befehl von Honecker Panzer gegen die Demonstranten eingesetzt werden sollen, hat er nur einen Gedanken: Er muss sich als falscher Erich in das Staatsratsgebäude schleichen, um den Befehl zurückzunehmen.

Es ist wirklich komisch, ihn bei seiner Rede über Freiheit ohne Mauern zuzuhören und zuzusehen. Das sein Weg kein leichter ist und mit chaotischen Situationen gepflastert ist, ist äußerst vergnüglich inszeniert. Als er dann auch noch in der Datscha in Wandlitz landet und dem wahren Honecker und seiner Frau Margot gegenübersteht und deren Privatsphäre erheblich durcheinander bringt, ist der Spaß perfekt. Als der wahre und der unwahre Erich darüber diskutieren, wer denn nun wer ist, sind es die feinen Töne, die dafür sorgen, dass der Spaß nicht ins negativ Klamaukige abrutscht.  Es lebe der falsche „Honi“. Gut gemacht Schüttauf. (Und da er im Westen erst einmal keine großen Rollen angeboten bekam, geschah ein kleines Wunder: Das Angebot in die Rolle von Frau Merkel zu schlüpfen).

Ulrike Schirm

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"DIE NILE HILTON AFFÄRE" Polit-Thriller von Tarik Saleh.

Mit Fares Fares, Hania Amar, Mari Malek u.a.

seit 5. Oktober 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Fares Fares lebt in Schweden, wurde 1973 im Libanon geboren. Bekannt wurde er mit dem Film “Jalla, Jalla“, eine schwedische Kultkomödie. Außerdem kennt man ihn aus „Die Erlösung“, „Schändung“ und „Erbarmen“. Er gehört zu den Schauspielern, dessen Gesicht man nicht so schnell vergisst. Nun spielt er den düster dreinblickenden, ziemlich wortkargen Polizisten Noredin in „Die Nile Hilton Affaire“

Kairo im Jahr 2011. Während draußen auf dem Tahir Platz eine Menschenmenge gegen das korrupte Regime Ägyptens auf die Straße geht, ist es für Kommissar Noredin völlig normal, sein Gehalt mit Schmiergeldern munter aufzubessern. Schließlich machen das alle Staatsdiener so. Da seine Frau bei einem Autounfall um`s Leben kam, verbeißt er sich um so stärker in seinen Beruf. Als im renommierten Hilton Hotel die Leiche einer jungen Sängerin gefunden wird, ist Noredin unter den Ermittlern.

Schnell wird klar, dass der Mord an der jungen Frau vertuscht werden muss. Sie traf sich mit ihrem einflussreichen Liebhaber wiederholt zu einem Schäferstündchen. Kurzerhand wird der Mord zu einem Suizid erklärt. Damit gibt sich Noredin allerdings nicht zufrieden und ermittelt auf eigene Faust. Seine Aufmerksamkeit gilt Hatem Shafiq einem erfolgreichen Unternehmer, der natürlich mit der Familie des Präsidenten dick befreundet ist. Noredin macht sich mehr als unbeliebt. Die nötigen Hinweise bekommt er von der attraktiven Sängerin Gina (Hania Amar) einer Freundin der Ermordeten. Ein Skandal, in den einige von den hohen Herren verwickelt sind, muss vermieden werden. Noredin lässt sich nicht beirren. Trotz aller Betrügereien, besitzt er noch so etwas wie einen Funken Ehre.

In dem durch und durch korrupten Polizei und Justizsystem ist es für Noredin keine leichte Aufgabe die Wahrheit ans Licht zu bringen und auch er gerät in mehr als eine unliebsame Situation. Letztendlich besticht Noredin selber. Es bleibt ihm keine andere Möglichkeit. Im Stil eines Film Noir hat Regisseur Tarik Saleh den packenden Polit – Thriller vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings gedreht. Internationale Premiere hatte der atmosphärisch fesselnde Thriller auf dem diesjährigen Sundance Film Festival, wo er mit dem World Cinema Grand Jury Prize: Dramatic,  ausgezeichnet wurde.

Ulrike Schirm

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"DANIEL HOPE – Der Klang des Lebens" Dokumentarfilm von Nahuel Lopez.

Koproduktion: Deutschland/Schweiz 2017, 104 Min./ OmU

ab heute, 5. Oktober 2017, im Kino. Hier der Trailer:

Isoldes Filmtipp:

Daniel Hope wurde 1973 in Südafrika geboren. Seine Eltern verließen 1975 der Apartheid wegen das Land und wanderten über Frankreich nach England aus, wo sie in London in unmittelbarer Nähe von Yehudi Menuhins Wohnort ihr neues Domizil fanden. Die Mutter wurde dann die Sekretärin von Yehudi Menuhin und ein fast märchenhaft anmutender Aufstieg begann als der vierjährige Daniel durch vor allem Menuhins Inspiration und seiner Beschäftigung mit der Violine zum heute vielfältigsten und bedeutendsten Geiger seiner Generation aufstieg.

In England studierte er am Royal College of Music und wurde 2002 jüngstes Mitglied des legendären Beaux Arts Trios. Heute lebt Daniel Hope in Berlin, ist Music Director des Zürcher renommierten Kammerorchesters, und moderiert wöchentlich die Autorensendungen WDR3 'persönlich mit Daniel Hope' - sein Konzert am 17.12.2017 in der Alten Oper in Frankfurt, "Vivaldi Recomposed", ist bereits ausverkauft.

Das Buch "Familienstücke", das er zusammen mit der Berlinerin Susanne Schädlich schrieb, wurde zu einem autobiografischen Dokument, in dem er nach seinen jüdischen Wurzeln und sich selbst sucht - man kann es zugleich auch als Vorlage zu dem Film verstehen.

Der Regisseurs Nahuel Lopez, dessen Eltern auch ihr Geburtsland Chile wegen politischer Umstände verlassen mussten, traf sich mit Daniel Hope in Berlin. Angelehnt an dessen gerade erschienenen Albums "Escape to Paradise", auf dem er sich mit dem Thema Exil und Musik beschäftigt und dem Phänomen nachgeht, was Exil mit den Menschen, mit der Gesellschaft und letztlich mit der Kunst macht, erzählt Lopez in seinem Film die Geschichte einer Heimatsuche und Identitätsfindung, von der Flucht bis hin zu einem großen Happy End. "Man versucht wegzukommen und es holt einen wieder ein", sagt Daniel Hope an einer Stelle im Film - und somit ist ein fast universell zu nennender, spannender Film entstanden. Unbedingt ansehen!

Isolde Arnold

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"THE SQUARE" Tragikomödie von Ruben Östlund.

Mit Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West u.a. (144 Min.)

Koproduktion: Schweden, Deutschland, Dänemark, Frankreich

ab heute, 5. Oktober 2017, im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Der Schwede Ruben Östlund hat schon mit seinem Film „Höhere Gewalt“ gezeigt, dass er es versteht, seine Protagonisten psychologisch zu durchleuchten. War es vor gut einem Jahr noch ein Familienvater, der sich in einem entscheidenden Moment als regelrechter Feigling und Egoist entpuppte, ist es in dem Cannes-Gewinner „The Square“ ein Kurator eines der größten Museen Stockholms. Ein smarter Typ, der auf der sogenannten Sonnenseite des Lebens steht.

In der bitterbösen und gleichzeitig amüsanten Satire, bleibt einem mehr als einmal das Lachen im Halse stecken. Es beginnt mit einer Szene, in der Christian (Claes Bang) auf der Straße in einen bedrohlich erscheinenden Tumult gerät. Eine Frau schreit um Hilfe. Beherzt geht er dazwischen und bemerkt erst später, dass ihm sein Portemonnaie und sein Handy bei dem Gerangel gestohlen wurden. Um sein Handy zurückzubekommen, setzt er die Idee eines Freundes um, indem sie einen Packen Handzettel drucken und diese in sämtliche Briefkästen eines im sozialen Brennpunkt gelegenen Hauses werfen. Die Ortung seines Handys ermöglicht es, den Täterkreis somit einzugrenzen. Sein Hintergedanke bei der brenzligen Tat: Die vermeintliche Bloßstellung des Täters. Diese Arroganz wird ihm später noch zum Verhängnis werden.

Eine durchgängige Geschichte wird nicht erzählt. Man verfolgt Szene für Szene, in denen Östlund eine Gesellschaft mit all ihren Schwächen, Eitelkeiten, ihrer Konkurrenz, ihrer Scheinheiligkeit und ihrem teilweise absurden Kunstverständnis bloßstellt. Das Museum… eine Karikatur. Im Mittelpunkt Christian mit einer neuen Idee: Einen symbolischen Ort zu etablieren, in Form eines simplen Quadrats (The Square), ein Refugium für Fürsorge und Vertrauen, in dem sich alle untereinander helfen. Ein sündhaft teures Kunstprojekt. Also lädt man reiche Sponsoren zu einem Festbankett ein. Um den honorigen Gästen etwas zu bieten, findet eine außergewöhnliche Gorilla- Performance statt, bei der allerdings sämtliche Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden. Anfänglich noch mit Gelächter bedacht, bis dies zusehends außer Kontrolle gerät…

Um das Kunstprojekt geschickt zu bewerben und eine starke emotionale Reaktion zu provozieren, werden entsprechende Leute engagiert. Auf einem YouTube-Clip wird ein bettelndes, blondes, obdachloses kleines Mädchen gezeigt, dem etwas Übles zustößt. Christian, der mit wichtigerem beschäftigt ist, schaut nicht so genau hin und gibt sein Okay. Dabei kommt zu einem Eklat…

Ein Junge taucht auf. Wütend lauert er im Treppenhaus auf Christian. Er verlangt von ihm, sich bei seinen Eltern für den Drohzettel im Briefkasten zu entschuldigen, und weil das Kind keine Ruhe gibt, stößt er es die Treppe hinunter. Von schlechtem Gewissen geplagt, bemüht er sich um eine Entschuldigung. Der Skandal um das Video treibt ihn in die Enge. Bei einer Pressekonferenz versucht er sich herauszureden. Ein Pulk von Journalisten traktiert ihn mit Fragen zu seiner sozialen Einstellung. Irgendwie wollte er immer nur etwas Gutes aber ohne es zu wollen, erschuf er etwas Böses. Christian, ein Versager, wenn es um wirkliche soziale Verantwortung geht. Östlund nimmt den Zuschauer dahin mit, wo es wirklich ans „Eingemachte“ geht und das tut weh. Dafür wurde „The Square“ in diesem Jahr zu recht mit der Goldenen Palme“ ausgezeichnet.

Ulrike Schirm

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