Skip to content

Deutschlands Kinocharts und weitere Filmkritiken im Juli Teil IV

Das Abba Musical mit "Mamma Mia! Here We Go Again" kann sich vorübergehend Platz eins sichern.

Der erhoffte Aufschwung in den Kinos nach der WM ist zwar da, doch Dank schönem Sommerwetter fällt er verhaltener aus, als von der Filmwirtschaft erhofft. Während die Open Air Kinos meist überall frohlocken können, ist in anderen Gebieten das Kinogeschäft vom Wetter abhängig, denn in einigen Teilen Deutschlands herrschten Temperaturen von mehr als 30° C, was kaum zu einem Kinobesuch in dunklen Theatern animieren dürfte.

Die Freiluftveranstaltungen haben in diesem Fall meist einen Vorteil, doch deren Betreiber können nur in seltenen Fällen auf ganz aktuelle Filme zurückgreifen. Dort steht meist das Programm schon Wochen voraus mit älterer, wenn auch meist guter Ware, fest.

In den Feriengebieten und vor allem in den Großstädten begeistert dagegen schon seit letzten Montag der Animationsknaller "Hotel Transsilvanien 3 - Ein Monster Urlaub" das Familienpublikum. Seit Donnerstag, dem Kinostart weiterer neuer Filme, kam das Abba Musical "Mamma Mia! Here We Go Again" hinzu und machte den Platz der Nummer eins streitig.

Die Fortsetzung des Sensationserfolgs von 2008, basierend auf dem Musical von Abba, ließ zu seinem Start in 765 Kinos bereits 80.000 Fans mitsingen und spielte dabei 675.000 Euro ein. Ob, wie vorhergesagt, trotz des schönen Wetters bis Sonntag mit 600.000 Zuschauern und ein Umsatzziel von 5,5 Mio. Euro erreicht wird, ist schwer einzuschätzen, denn der Film kam bei Kritikern nicht so gut an. Vor zehn Jahren war der erste Teil "Mamma Mia! Der Film" mit 540.000 Besuchern und 3,6 Mio. Euro Kasse gestartet und kam dann gesamt auf 4,4 Mio. verkaufte Tickets. Das Sequel wird es unserer Meinung nach schwer haben, das Umsatzziel zu erreichen.

Gleich dahinter liegt "Skyscraper" mit Dwayne Johnson, der sein zweites Wochenende mit 11.000 Zuschauern und 110.000 Euro startete. Doch die Story ist so krude, dass wir gar nicht weiter darauf eingehen wollen.

Hinter "Jurassic World: Das gefallene Königreich" beschließt mit "Sicario 2" die Top fünf ein weiterer Neustart die Ergebnisse des Mainstream Kinos. Dass der Actionthriller mit Benicio Del Toro relativ schlecht in der Gunst vieler Kritiker abschneidet, liegt an der völlig unglaubwürdigen Story, die zudem den Sog des Vorgängers stark vermissen lässt. Der Film kam am Donnerstag deshalb nur in 391 Kinos auf 10.500 Besucher und knapp 110.000 Euro Kasse, während der erste "Sicario" im Jahre 2015 mit 90.000 Zuschauern gestartet war und dann gesamt auf 300.000 Besucher kam.

Im Arthouse Bereich konnte sich dagegen "303", der neue Film von Hans Weingartner mit 3000 Zuschauern und 24.000 Euro Umsatz in 114 Kinos den Platz neun sichern. Der Film hatte auf der diesjährigen 68. Berlinale im Februar in der Jugend-Sektion »Generation 14plus« seine Weltpremiere gefeiert. Auch wir waren angenehm von dem Film überrascht, auch wenn er uns streckenweise zu pädagogisch überfrachtet und mit zu stark ermahnendem Finger daher kam. Etwas weniger schulmeisterhafte Aufklärung und stattdessen mehr Landschaftsaufnahmen vom schönen Südfrankreich, hätten dem Film gut getan.

Zu drei der genannten Filme können wir nachfolgend mit Ulrikes Filmkritik dienen.

"MAMMA MIA 2: Here We Go Again" Musical von Ol Parker (USA). Mit Lily James, Amanda Seyfried, Meryl Streep u.a. seit 19. Juli 2018 im Kino. Hier der Original-Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Es passt ja gut, dass "MAMMA MIA! HERE WE GO AGAIN" jetzt, wo die vier ABBA – Künstler sich entschlossen haben, im Studio zwei neue Songs aufzunehmen, wovon wohl eine Single „I Still Have Faith in You“ im Dezember TV-Premiere feiert, was für die Fans ein weiteres Highlight bedeutet. Ein kleiner Vorgeschmack, Björn und Benny haben es sich nicht nehmen lassen und tauchen auch in Teil 2 kurz auf.

Da es mehr als genug ABBA Songs gibt, hat man sich entschlossen nach 10 Jahren das quietschbunte Musical in die Verlängerung zu schicken und glänzt nun mit Songs, die nicht so bekannt sind, wie die gängigen Ohrwürmer.

Sophie (Amanda Seyfried) will zu Ehren ihrer verstorbenen Mutter Donna, das Hotel auf der Insel Kalokairi in neuem Glanz erstrahlen lassen. Zur Wiedereröffnung sind natürlich ihre drei Väter Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard und Donnas Freundinnen Tanya (Christine Baranski) und Rosie (Julie Walters), die damals in ehrwürdiger Abba – Kluft das Trio Donna and the Dynamos bildeten und frisch fröhlich Abba Songs schmetterten, eingeladen. Besonders Rosie ist noch von Trauer gezeichnet.

Bei den Vorbereitungen geht einiges schief und als auch noch ein Sturm aufkommt, scheint das Fest ins Wasser zu fallen.

Sophie, die ein Baby erwartet, lässt sich von Rosie und Tanya nochmal genau erzählen, wie das damals mit ihrer Mutter und den drei unterschiedlichen Liebhabern war und wie sie überhaupt auf diese griechische Insel kam. (für die im Film allerdings die kroatische Küste und deren Landleute herhalten mussten).

Die junge Donna wird von der bezaubernden Lily James („Die dunkelste Stunde“) gespielt. Köstlich wie sie als Jahrgangsbeste bei ihrer Abschlussrede plötzlich über Tische und Bänke tanzt und „When I Kissed The Teacher“ singt. Fröhlich teilt sie allen mit, dass sie erst mal was erleben will, ehe der Ernst des Lebens beginnt.

Lily James zuzuschauen macht Spaß. Wie ein Wirbelwind singt und tanzt sie durch die Szenerie, lernt Sam, Harry und Bill kennen und landet auf der idyllischen Insel, von der sie nicht mehr weg will.

Der zweite Teil ist etwas lieblos zusammengeschustert. Alle Beteiligten sind älter geworden und der sprühende Elan des ersten Teils ist etwas verloren gegangen. Es ist nicht zu übersehen, dass die „drei Väter“ nicht die größte Spiellaune mit zum Set brachten. Auch der Auftritt von Donnas Mutter, Sophies Großmutter, die unverhofft auf der Insel als Überraschungsgast auftaucht, ist eher bemitleidenswert oder absurd lächerlich. Je nach dem. Es ist Cher, die wie eine Silikonpuppe, mit weiß geschminktem, starrem glattgezurrtem Gesicht „Fernando“ singt. Wenn man genau hinhört, merkt man, dass sie vor lauter Straffheit kaum deutlich artikulieren kann. Ob sie sich mit dem Auftritt einen Gefallen getan hat, mag dahingestellt sein.

Wer ein Freund von kitschigen Momenten ist, wird zum Ende hin, seine helle Freude haben und wer nicht, der lacht sich eins. Es sind letztendlich die Lieder, die alles zusammenhalten und von denen einige Texte von einem Hauch Melancholie durchzogen sind , so dass sie genau auf die jeweilige Gefühlslage der einzelnen Protagonisten wie die Faust auf's Auge passen. Genau das ist wieder großartig gelungen und stilsicher ausgesucht. „THANK YOU FOR THE MUSIC“ ein Danke an das erfolgreiche schwedische Quartett. ABBA macht trotz mancher Filmschwächen irgendwie glücklich.

Ulrike Schirm

++++++++++++++

"303" Romanze von Hans Weingartner (Deutschland). Mit Anton Spieker, Mala Emde, Caroline Erikson u.a. seit 19. Juli 2018 im Kino. Hier ein extra langer Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Berlin. Das Sommersemester neigt sich seinem Ende entgegen. Für die 24-jährige Jule (Mala Emde) läuft es gerade nicht besonders. Nicht nur, dass sie ihre Biochemie – Prüfung versaubeutelt hat, sie ist auch noch ungewollt schwanger. Die Entscheidung, wie es nun weitergehen soll, will sie mit ihrem Freund Alex gemeinsam treffen. Also macht sie sich kurzentschlossen mit ihrem Wohnmobil, Modell Mercedes Hymer 303 auf den Weg nach Portugal, wohin ihr Freund sich zurückgezogen hat, um seine Doktorarbeit zu schreiben.

An einer Tankstelle bei Berlin gabelt sie den gleichaltrigen Politikstudenten Jan (Anton Spieker) auf, der von seiner Mitfahrgelegenheit versetzt wurde. Jan will nach Nordspanien, um endlich seinen leiblichen Vater kennenzulernen.

Langsam zuckeln die beiden in dem alten Wohnmobil gen Süden und reden und reden und reden über Gott und die Welt, über Für und Wider des Kapitalismus, über die nicht immer zu verstehenden Probleme unserer Zeit und deren unterschiedlichen Lösungen und… und… und.

Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“) hat seinen Protagonisten klug geschriebene Sätze in den Mund gelegt, weit entfernt von irgendwelchem pubertären Gefasel.

Ein grosses Lob gebührt den beiden Schauspielern, die den auswendig gelernten Text mit einer grandiosen Natürlichkeit wiedergeben, als ob er ihnen gerade erst eingefallen ist.

Mit jedem Kilometer, den sie miteinander verbringen, werden ihre Gespräche persönlicher und intimer. Man könnte auch sagen, es ist das längste Date der Welt, in einer Zeit wo getindert und geparshipt wird.

Jan begleitet Jule bis nach Portugal. Sie verabschieden sich. Jule biegt mit ihrem Gefährt ab, Jan bleibt verlassen zurück. Spannende Zeit vergeht. Biegt das Wohnmobil wieder um die Ecke oder bleibt Jule bei Alex. Muss Jan den weiten Rückweg allein antreten? Man möchte den beiden noch stundenlang zuhören.

Ach… was für eine zartfühlende Sommerromanze.

Ulrike Schirm

++++++++++++++

"SICARIO 2" Action-Thriller von Stefano Sollima (USA, Italien)

Mit Benicio Del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner u.a. seit 19. Juli 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Es gibt Fortsetzungen, über die sagt man, muss das unbedingt sein und es gibt die, auf die man regelrecht wartet. "SICARIO 2" gehört zu denen, auf die man mit grosser Spannung gewartet hat, (und dann restlos enttäuscht wird, Die Red.).

Ging es im ersten Teil (2015) „nur“ um gewinnbringenden Drogenhandel der südamerikanischen Drogenkartelle, besonders im Grenzgebiet Mexiko/USA, wird es im zweiten Teil um einiges brisanter. In das lukrative Geschäft mit den sogenannten „Wirtschaftsflüchtlingen“ mischen sich auf Geheiss der Kartellsführer Terroristen unter die Flüchtenden, die nicht davor zurückschrecken, sich in die Luft zu sprengen, um Unschuldige mit in den Tod zu reißen.

Der perfide Hintergedanke der mexikanischen Auftraggeber besteht darin, mit diesem Ablenkungsmanöver für gewaltige Unruhe zu sorgen, die USA auf eine falsche Fährte zu locken, um ihre wahren Geschäfte hemmungslos weiterzuführen zu können.

Der amerikanische Verteidigungsminister sieht keine Möglichkeit mehr mit legalen Mitteln, sprich Polizei und Justiz, den Sumpf trocken zu legen. Also beauftragt er ein Geheimkommando, dessen kaltblütiger Anführer der CIA-Paramilitär Matt Graver (Josh Brolin) eine Art Scheinkrieg zwischen den Kartellen im Grenzgebiet anführen soll. An seiner Seite der vermeintliche Killer Alejandro Gillick (Benicio del Toro), früher Anwalt und zum Killer geworden, nachdem man seine Familie damals umgebracht hat.

Schon im ersten Teil stellte Regisseur Denise Villeneuves die Frage in den Mittelpunkt, inwieweit rechtsstaatliche Werte im Kampf gegen die Syndikate von Nutzen sind oder man zu illegalen Methoden greifen muss. Schonungslos deckte er auf, dass es am Ende völlig egal ist, wer den Sieg nach Hause trägt, die Leidtragenden sind immer in der harmlosen Bevölkerung zu finden.

Die Spirale der Gewalt windet sich immer höher und höher.

Das ist im zweiten Teil, bei dem der Italiener Stefano Sollima, Produzent und Regisseur der hochgelobten italienischen Krimiserie „Gomorrah“, Regie führte, nicht anders. Sein Augenmerk liegt auf dem komplexen Spannungsfeld zwischen Gesetz, dessen Einhaltung und den Machenschaften krimineller Unterwelt.

Der Drehbuchautor Taylor Sheridan, der auch das spannende Drehbuch für den Film „Wind River“ schrieb, stellt Alejandro Gillick in den Mittelpunkt. Er soll Isabela (Isabela Mona), die Tochter des mächtigen Unterweltbosses Carlos Reyes entführen und damit den Verdacht auf ein anderes Kartell legen, in der Hoffnung, dass sie sich gegenseitig bis auf Messers Schneide bekriegen. Durch einen nicht vorhersehbaren Zwischenfall mit der mexikanischen Polizei geraten Alejandro und Isabela zwischen die Fronten. Jetzt muss der abgebrüht scheinende Alejandro plötzlich Verantwortung übernehmen.

Während der erste Teil sich auf die Folgen und die Ausweglosigkeit des Drogenkriegs bezieht, zeigt der zweite Teil im Geschachere um Macht und Geld, anhand der Figur Alejandro's, dass auch die härtesten Männer, wenn es drauf ankommt, eine weiche Seele haben.

Del Toro und Brolin überzeugen auch im zweiten Teil. Packend bis zum Schluss.

Ulrike Schirm

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Print this article!
  • E-mail this story to a friend!

Anzeige