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Ärger bei der Vergabe des Deutschen Dokumentarfilmpreises in Stuttgart

Eine Erklärung aller Nominierten: "Der Zustand ist nicht länger hinnehmbar"

Am 30.06.2017 wurde im Rahmen des jährlichen Branchentreffs DOKVILLE erstmals in Stuttgart der »Deutsche Dokumentarfilmpreis« vergeben. Zukünftig soll der Preis nicht mehr alle zwei Jahre an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg vergeben werden, sondern jährlich in Stuttgart, wie wir schon am 28. Juni 2017 zum Branchentreff Dokumentarfilm schrieben. Aus 113 Einsendungen kamen in diesem Jahr zwölf Produktionen in die engere Auswahl.

SWR Intendant Peter Boudgoust freute sich in seiner Begrüßung, dass der SWR als bedeutender Dokumentarfilmsender eine weitere Plattform geschaffen hat: "Das neue SWR Doku Festival öffnet das Genre für ein breites Publikum und bietet gleichzeitig im Rahmen des Branchentreffs Dokville Gelegenheit für einen Austausch zwischen Machern und Experten – ich freue mich schon heute auf die zweite Ausgabe im kommenden Jahr."

Oberbürgermeister Fritz Kuhn dankt dem SWR: "Beides passt gut in unsere Stadt, die sich mit seinen Festivals und Branchenmeetings zu einem der führenden Film- und Medienstandorte weiterentwickelt. Dem Dokumentarfilm kommt in Zeiten von 'fake news' und 'alternativen Fakten' eine besondere Rolle zu."

"Democracy – Im Rausch der Daten" gewinnt den Hauptpreis.

Der Hauptpreis und damit das Preisgeld von 20.000 Euro, gestiftet vom Südwestrundfunk (SWR) und der MFG Filmförderung Baden-Württemberg sowie der Leserjury-Preis der Stuttgarter Zeitung, dotiert mit einem Preisgeld von 4.000 Euro, gingen an den Autor David Bernet für seinen Dokumentarfilm "Democracy – Im Rausch der Daten". Hier der Trailer:

Die Jury begründete ihre Entscheidung folgendermaßen:

"Das Europäische Parlament gilt vielen mittlerweile als undurchdringliches Bürokratiemonster mit undurchschaubaren Strukturen und Entscheidungswegen. David Bernet und seinem Team gelingt mit akribischer Sorgfalt, kritischer Distanz und Unnachgiebigkeit ein vibrierender und lebendiger Einblick, der noch lange nachhallt. Mit stark komponierten schwarz-weiß Bildern und einer klugen Protagonistenauswahl schaffen die Filmemacher das Kunststück, dem scheinbar unlenkbaren 'Tanker‘ Europäisches Parlament ein Gesicht zu geben und ihn ins Fahrwasser der Empathie zu steuern."

Die "STZ Leserjury" kommentierte:

"Was für eine Überraschung: Ein Thema, das sich in der Ankündigung liest wie ein Schlafmittel, 'Gesetzgebungsprozess auf EU-Ebene zu einem neuen europaweiten Datenschutzrecht', entpuppt sich in 'Democracy' als interessante, spannende und mitreißende Geschichte, für die der Autor und Regisseur eine faszinierende Bildersprache entwickelt."

Der Film wurde produziert von der INDI FILM GmbH mit Seppia, Cedric Bonin, SWR/ARTE sowie NDR und gefördert mit Mitteln von FFA, CNC, MFG Filmförderung Baden-Württemberg, Deutscher Filmförderfonds, Film und Medien Stiftung NRW, Creative Europe MEDIA, Region Alsace, Eurometropole Strasbourg.

Filmemacher besetzten Bühne des Metropol Kinos.

Einen bösen Beigeschmack gab es allerdings bei der Verleihung auf der Bühne des Stuttgarter Metropol Kinos beim neu ins Leben gerufenen SWR Doku Festivals. Preisträger David Bernet verlas eine Erklärung im Namen aller zwölf nominierten Regisseurinnen und Regisseure, die mit einer außergewöhnlichen Aktion zum Ende der Preisverleihung die Bühne besetzten und auf die schwierige Lage des programmfüllenden Dokumentarfilms und seiner Macher hinwiesen. In der gemeinsamen Erklärung beklagten die Filmemacher die Kluft zwischen der laut AG Dok "allenthalben anerkannten und ständig wachsenden" Bedeutung des Dokumentarfilm-Genres und dem Status, den diese Filme im Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben.

Der Text im Wortlaut:

Wir nominierten Regisseurinnen und Regisseure für den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2017 fühlen uns geehrt, an diesem Festival mit unseren Filmen aufzutreten. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, mit dieser Note gemeinsam das Wort an Sie zu richten.

Dieses Festival ist neu. Und wir freuen uns darüber, weil es zur Anerkennung unserer Filme beiträgt. Der Dokumentarfilm erlebt in den letzten Jahren einen außerordentlichen Boom. Festivals schießen wie Pilze aus dem Boden und Jahr um Jahr werden neue Besucherrekorde erreicht. Noch nie gab es eine so enorme Vielfalt an innovativen Erzählformen im Dokumentarfilm.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte kürzlich in einer Ansprache zur wachsenden Bedeutung des Dokumentarfilms: "Mit gründlicher Recherche, narrativem Fingerspitzengefühl und atmosphärischen Bilderwelten" gelinge es diesem besonderen Genre der Filmkunst "dem alltäglich vorbeirauschenden Strom vielfach verstörender Informationen und Bilder ein Stück Wahrheit und Erkenntnis abzutrotzen."

Allerdings steht die gesellschaftliche Bedeutung des Dokumentarfilms im Widerspruch zum Status, den diese Filme im Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben - und zu unserem rauen Alltag.

Wie ist es möglich, dass dieses hochgelobte Genre im Programm der ARD kaum stattfindet? Die ARD, um nur ein Beispiel zu nennen, zeigt regulär ganze rund ein Dutzend Dokumentarfilme im Jahr. Und auch in Dritten Programmen erleben preisgekrönte Filme, internationale Festivalerfolge ihre TV-Premiere um Mitternacht. Auch die ARD-Vorsitzende und MDR-Intendantin Karola Wille betont immer wieder, wie wichtig "der genaue Blick" ist.

Dieser genaue Blick, die intensive Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit führt nur dann zu hochwertiger Qualität, wenn entsprechend Zeit von ihren Machern investiert wird. Und wenn es für diesen Zeitaufwand eine entsprechende - faire - Honorierung gibt. Wir haben die Autoren und Regisseure der hier versammelten Filme gebeten, uns entsprechende Daten über ihren investierten Zeitaufwand zukommen zu lassen - und diesen ins Verhältnis zu ihrem Honorar zu setzen.

Das Ergebnis: An den hier nominierten Filmen wurde von den AutorInnen und RegisseurInnen im Durchschnitt 426 Tage gearbeitet! Einschließlich Recherche, Dreharbeiten, Schnitt, Mischung etc. Die Entlohnung betrug dabei durchschnittlich pro Tag etwa 120,- Euro. Das heißt, bei einem angesetzten 10- Stundentag, einem Honorar etwas über dem Mindestlohn. Und das betrifft nicht irgendwelche Filme, sondern die besten zwölf der letzten beiden Jahre.

Dieser Zustand ist nicht länger hinnehmbar. Was wollen wir von den Sendern? Eine Umsetzung der Anerkennung des Genres auch durch höhere Budgets. Ohne dass es dann weniger Sendeplätze gibt. Sondern mehr. Das muss gewollt sein. Es geht um Umverteilung zugunsten des Genres. Nur dann wird sich etwas ändern: Das Ende der Dumping-Honorare. Und sicher werden bei fairen Produktionsbedingungen die Filme nicht schlechter...

Wir brauchen Ihrer aller Unterstützung. Es ist an der Zeit, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, zusammen mit den Intendanten und Programmverantwortlichen. Qualität hat ihren Preis.

Unterzeichnet wurde die Erklärung von diesen Filmemachern (alphabetische Reihenfolge): David Bernet, Stefan Eberlein, Manuel Fenn, Lutz Gregor, Annett Ilijew, Valentin Kemmner, Irene Langemann, Katrin Nemec, Erol Papic, Heidi Specogna, Andres Veiel, Marcus Vetter.

Förderpreis und weitere Auszeichnungen.

Der mit 3.000 Euro dotierte Förderpreis des »Haus des Dokumentarfilms« ging an "Raving Iran" von Susanne Regina Meures. Er wurde zu großen Teilen mit einem Smartphone gefilmt, das in einer Hemd-Brusttasche eingenäht war. Hier der Trailer:

In der Begründung der Jury heißt es: "Raving Iran ist ein mutiger Film über das Leben und den Alltag in einem totalitären Regime, in dem die Menschen gelernt haben, sich mit der Zensur zu arrangieren oder sie zu umgehen. […] So fragmentarisch und unperfekt seine Bilder oft sind, so dramaturgisch geschlossen erzählt und kühn montiert ist 'Raving Iran' ".

Der Film ist eine Produktion von Christian Frei Filmproductions GmbH in Koproduktion mit ZHdK, Zürcher Hochschule der Künste und wurde gefördert von SRF 3Sat,  BAK, Bundesamt für Kultur Zürcher, Filmstiftung Katholischer Mediendienst, Alexis Victor Thalberg Siftung, George Foundation, Filme für eine Welt.

Norbert Daldrop Stifung kürt "Mali Blues"

In diesem Jahr zum ersten Mal vergeben wurde der mit 5.000 Euro dotierte Preis der Norbert Daldrop Förderung für Kunst und Kultur. Die Auszeichnung ging an Lutz Gregor für seinen Film "Mali Blues". Hier der Trailer:

Die Jury hält den Film für auszeichnungswürdig, "weil er deutlich macht, wie gute Musik in die Alltagskämpfe und Leiden der Menschen einwirkt, wie eng Gesellschaft und Musik miteinander verwoben sind. Er zeigt, wie sehr gute Musik uns helfen kann, Schlimmes zu ertragen, Not zu formulieren, einen Klang für den Schmerz zu finden oder sogar endlich dagegen aufzustehen."

Der Film ist eine Produktion der gebrüder beetz filmproduktion Christian Beetz in Koproduktion mit ZDF/ARTE und wurde gefördert mit Mitteln der Film und Medien Stiftung NRW, Creative Media, Medienboard Berlin Brandenburg, FFA, Deutscher Filmförderfonds.

Über die Jury.

Die Entscheidungen traf eine unabhängige Jury: Bettina Böhler (Filmeditorin), Katrin Bühlig (Drehbuch- und Dokumentarfilmautorin), Uli Gaulke (Dokumentarfilmautor), Oliver Mahn (Filmbüro Baden-Württemberg), Regina Schilling (Dokumentarfilmautorin), Wolfgang Schorlau (Schriftsteller) und Paul Zischler (Produzent), Juryvorsitz und Festivalleitung Goggo Gensch (SWR).

Link: www.deutscher-dokumentarfilmpreis.de

Quellen: AG DOK | Blickpunkt:Film | MFG | ARD

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