Skip to content

46. Cairo International Film Festival vergibt Goldene Pyramide an britischen Film

Unter der Juryleitung des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan ging die Goldene Pyramide an das Sozialdrama "DRAGONFLY" von Paul Andrew Williams.



Festivalbericht von Katharina Dockhorn.

Eine Woche lang stand Kairo vom 12. - 21. November 2025 im Zeichen des Films, am zentralen Gelände des 46. Jahrgangs des Festivals rund um die Oper auf der Nil-Insel und in weiteren Spielstätten wurden 153 Filme aus 53 Ländern gezeigt. Dabei bietet das Festival stets einen guten Überblick über die arabische Produktion.

Tim Ellrich hat für sein in Deutschland leider zu wenig beachtetes Drama im „Im Haus meiner Eltern“ einen weiteren Preis gewonnen, den Fathy Farag Special Jury Prize der Critics Week des Festivals. Ebenso begeistert wurde Christian Petzolds „Mirroirs Nr. 3“ und „Was Marielle weiß“ von Frédérik Hambalek vom ägyptischen Publikum aufgenommen.

Den Blick auf die deutsche Filmszene rundeten zwei Filme ab, die die arabische Region direkt berühren. Der Dokumentarfilm „Azza“ von Stephanie Brockhaus, eine deutsch-saudi-arabische Koproduktion, folgt einer Fahrlehrerin, die wenig verdient. Der Film gibt Einblicke in ihren Alltag, die Situation von Frauen in der reglementierten Gesellschaft und in die Seele der alleinerziehenden Mutter, die verzweifelt um das Recht kämpft, ihre Kinder regelmäßig zu sehen. Denn nach saudischem Recht hat alleine der Mann nach einer Scheidung das Sorgerecht. Leider kommt der Film ein wenig vom Thema ab und verliert sich in einem Selbstfindungstrip in die Wüste.

„Noah“ vom in Berlin geborenen und aufgewachsenen Ali Tamim, der an der Filmuniversität Babelsberg »Konrad Wolf« mit diesem Film seinen Abschluss machte, wählt einen ähnlichen Ausgangspunkt wie Ulaa Salim „Danmarks sønner“, 2019 in Kairo von der FIPRESCI als bester Film im internationalen Wettbewerb in Kairo ausgezeichnet.

Hier der Trailer von "NOAH"



Nach dem Tod eines Mädchens mit Migrationshintergrund eskaliert die Gewalt in einem migrantisch geprägten Viertel Berlins. Ein türkischstämmiger Polizist gerät zwischen die Fronten, während die Geschichte von zwei Geflüchteten aufgeblättert wurde. Der Koproduktion mit dem rbb im „Leuchtstoff-Programm“ sah man leider an, dass das Geld knapp war. Aber vor allem mangelt es den drei miteinanderverwobenen Geschichten an Tiefe, und etliche Dialoge wirken eher wie aufgesetzte Statements. Wie schon in Hof bei vielen Debüts fiel auf, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler eher theatralisch proklamieren statt alltagsnah sprechen.


Goldene Pyramide für „Dragonfly“

Zum großen Abräumer der festlichen Abschlussgala wurden zwei Filme: „Dragonfly“ von Paul Andrew Williams, der bereits eine ansprechende Festival-Karriere hinter sich hat, wurde von der Jury unter Leitung des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan mit der Goldenen Pyramide ausgezeichnet.

Hier der Trailer:



Der bis zur letzten Minute spannende Psycho-Thriller rankt sich um zwei Nachbarinnen, die sich miteinander anfreunden, als die ältere der beiden pflegebedürftig wird. Doch bald wächst der Verdacht, dass die Hilfe nicht so uneigennützig ist wie es nach außen scheint. Der Film ist eine schockierende Bestandsaufnahme des unzureichenden Systems der häuslichen Pflege, die gerade dazu einlädt, dass sich übergriffige Nachbarn der Hilflosen annehmen. Es ist vor allem auch ein emotional stimmiger Blick in die Seele von zwei Menschen, die sich gegenseitig vertrauen müssten, um die Situation zu meistern.

Den Preis als beste Hauptdarstellerin teilen sich in diesem Werk - wie bereits beim Tribeca Film Festival in NYC - Andrea Riseborough und Brenda Blethyn. Die Jury lobte die „tiefgründige Erkundung von Einsamkeit, Erinnerung und menschlicher Resilienz sowie die feinfühlige Erzählweise“.

Nasser-Brüder triumphieren auch in Kairo

Erwartungsgemäß wurde die bereits in Cannes gezeigte hochaktuelle Produktion „Once Upon a Time in Gaza“ von Tarzan and Arab Nasser als bester arabischer Film geehrt, die Zwillinge freuten sich auch über den Regiepreis der Jury, ebenso wie Hauptdarsteller Majd Eid über seine Ehrung.

Hier der Trailer:



Die Handlung des Films, der am 12. Februar 2026 in die deutschen Kinos kommt, führt ins Jahr 2007 in Gaza. Der Student Yahya freundet sich mit Osama, dem charismatischen Besitzer eines Falafel-Imbisses, an. Die beiden entwickeln eine ganz eigen Geschäftsidee: Auf ihren Touren zur Auslieferung von Falafel verticken sie Drogen und geraten ins Visier von korrupten Polizisten und Beamten.


In der Auswahl von Filmen in der arabischen Reihe des Festivals fehlte leider Ägyptens Oscar Einreichung „Happy Birthday“ von Sarah Goher, der seine Premiere beim sehr viel finanzkräftigeren Festival von El Ghouna wenige Wochen zuvor feierte. Hinter dem Festival im Retortenbadeort stehen vor allem private Investoren, während Kairo, das älteste Filmfestival im arabischen Raum, von der ägyptischen Regierung finanziert wird und um Sponsoren ringen muss. Umso wichtiger ist für seine Zukunft die von Festivalpräsident Hussein Fahmi angekündigte Zusammenarbeit mit der Qatar Media City, die Kairo mit dem Doha Film Festival verbindet.

Künstlerische Liaison und Kinogeschichte Saudi Arabiens

Der Preis für den besten Dokumentarfilm ging an “Souraya Mon Amour“ von Nicolas Khoury und beleuchtet die enge Zusammenarbeit des bekanntesten libanesischen Regisseurs Maroun Baghdadi und seiner einstigen Muse und Lebensgefährtin Souraya Baghdadi. Der Film sei für sie wie eine Therapie gewesen, mit der sie dieses Kapitel endlich abschließen könne, gestand die Schauspielerin in unserem Gespräch.

Auch der saudi-arabische Regisseur Ali Saeed arbeitet in „Anti-Cinema“ mit vielen wertvollen Funden aus den Archiven. So fand er Bilder von der Expedition eines Franzosen, der 1918 Aufnahmen in Dschidda machte. Wenig später folgte die erste Vorführung eines Films in dem arabischen Land – danach wurde die siebte Kunst das erste Mal verboten. Es folgte ein Auf und Ab mit einer Liberalisierung in den 1960ern und einem erneuten Verbot von Filmtheatern 1979, was zu einer blühenden Landschaft von Filmtheatern auf Innenhöfen und Klubs sowie einem lebhaften Handel mit Videos führte.

In Dschidda machten sich einige Filmenthusiasten auf, ein Festival zu gründen, das nach den ersten zaghaften Anfängen verboten wurde. Heute ist das Red Sea Film Festival, das vom 4. - 13. Dezember 2025 mit 120 Filmen, darunter 48 Weltpremieren stattfindet, eines der reichsten Festival weltweit und zieht Dank seiner Finanzkraft zahlreiche Stars an. Der Filmfund ist in vielen Produktionen dabei, auch in diesen Film steckte er Geld hinein. Eine Aufführung des oben genannten Filmes lehnte das Festival bislang aus formalen Gründen ab.

Starkes politisches Statement am Ende des Festivals

Zum Schluss setzte Kairo noch ein starkes politisches Zeichen mit dem bereits in Venedig gefeierten Film „The Voice of Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania, der ebenso ins deutsche Kino kommt wie im Mai „Palestine 36“ von Annemarie Jacir mit Hiam Abbas. Die Schauspielerin, die in wenigen Tagen ihren 65. Geburtstag feiert, wurde in Kairo ebenso für ihr Lebenswerk geehrt wie die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi, zu deren Ehren „Silent Friend“ seine Uraufführung im arabischen Raum erlebte.

Katharina Dockhorn

Link: www.ciff.org

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Formular-Optionen

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!