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Neue Filme im Kino: JOHNNY & ME sowie BLAGA's LESSONS

Wegen des Bahstreiks mussten viele Gäste des Festivals MAX OPHÜLS PREIS ihre Teilnahme in Saarbrücken absagen, doch zum Glück gibt es ein Streaming-Angebot und seit gestern gibt es auch wieder neue Filme im Kino, die es sich lohnt anzusehen.

Das von uns geschätzte Online-Magazin Kino-Zeit ist leider in finanzielle Nöte geraten und bittet um Hilfe.


"JOHNNY & ME - Eine Zeitreise mit John Heartfield" Dokumentation von Katrin Rothe. (Deutschland / Österreich / Schweiz, 2023; 104 Min.) Eine Mischung aus Realfilm und Animation, die das Leben und Werk des Künstlers und Begründer der politischen Fotomontage John Heartfield geb. als Helmut Herzfeld in Schmargendorf bei Berlin (heute ein Ortsteil des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf) erneut plastisch aufleben lässt. Der Film —erstellt in aufwendiger, klassischer Legetricktechnik— feierte seine Uraufführung beim renommierten Festival d'Animation Annecy im Juni 2023 und nahm anschließend am internationalen Wettbewerb bei DOK Leipzig Ende Oktober 2023 teil. Seit 24. Januar 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Angelikas Filmkritik:

EIN BILD, DAS EINMAL IN DER WELT IST, LÄSST SICH NICHT MEHR AUSRADIEREN.

In dem neuen Film „JOHNNY & ME“ von Katrin Rothe steckt die Graphikerin Stephanie —gespielt von Stephanie Stremler, die durch den Film „Die Spielwütigen“ bekannt wurde— in einer ziemlich unerfreulichen Schaffenskrise. — Denn sie wehrt sich gerade gegen eine seltsame Vorstellung ihres Arbeitgebers. Der möchte nämlich, dass sie für den Umschlag eines Buches —in dem es um die illegale Ablagerungen von deutschem und europäischem Schrott in Afrika geht— das Foto einer hübschen jungen Frau mit langen blonden Haaren aussucht.

Deshalb lässt sie den Fall erst mal liegen und besucht —um sich abzulenken— ein Museum um die Ecke. Dort entdeckt sie zu ihrer eigenen Überraschung den Künstler und Begründer der politischen Fotomontage John Heartfield, der mit den beiden künstlerischen Weggefährten George Grosz und Kurt Tucholsky eng befreundet war. — Bertold Brecht hielt ihn sogar für einen der bedeutendsten europäischen Künstler.

Und Rosa Luxemburg hatte John, dem Kommunisten der ersten Stunde, 1918 sogar persönlich das Parteibuch übergeben. Er selbst gab sich aus Protest gegen die deutsche Kriegstreiberei einen englischen Namen. Für die Nazis wurde John Heartfield jedoch schnell zu einem der gefährlichsten Staatsfeinde. So war er Jahrelang in Europa auf der Flucht. — Leider findet er viel später in der sozialistischen DDR auch keine heile Heimat.

In aufwendiger und klassischer Legetrick-Technik lässt der Film „JOHNNY & ME“ Leben und Werk des Künstlers plastisch auferstehen. Durch einen Zeittunnel landet die junge Graphikerin in einem Atelier, wo der zur Trickfigur gewordene Künstler John Heartfield sie auf eine Reise durch sein bewegtes Leben mitnimmt. Es entwickelt sich zwischen den beiden Kollegen eine liebevolle Freundschaft.

Und so nimmt Stephanie dann auch wieder Schere, Papier und dünne Pappe in die Hand und erreicht durch ihre Klebe-Technik sogar eine faszinierende Lebendigkeit der Gesichtszüge ihrer John-Heartfield-Figur. Ihr mit der Schere und Klebstoff geschaffenes Gegenüber kann sogar ein Lächeln oder ein verschmitztes Geschmeichelt-Sein imitieren.

Stephanie formuliert das folgendermaßen:

“Für Dich John Heartfield war Kunst eine Waffe, eine Volks-Illustrierte gegen das Hitler-System.“ — Und dazu vielleicht sogar so etwas wie die "Social Media" der Dreißiger-Jahre.

Drei solcher Beispiele, die in Katrin Rothes Film „JOHNNY & ME“ auch zu sehen sind, verbleiben als starker, fast bedrohlicher Eindruck: Es ist der Busch, an dem die Eicheln sich in Stahlhelme verwandeln. Es sind die fünf Finger einer gekrümmten Hand, die wie Krallen wirken. — Die gewölbte aber weit geöffnete Hand greift optisch besser nach der Macht als die Faust. Und ein Gewusel aus dicken schwarzen Fasern wird zu einer Bedrohung — je nachdem an welcher Stelle man zwei Knöpfe, stellvertretend für zwei Augen, in die dunkle Masse drückt. Das war die Stärke von John Heartfield: Er erkannte, wie er bestimmte Vorgaben für politische Zwecke be- und ausnutzen konnte.

Nachtrag: John Heartfield war mehrere Jahre gezwungen mit seinen drei Geschwister-Kindern in einem Wald aufzuwachsen— nachdem ihre Eltern, die ebenfalls Sozialisten waren, sie dort allein sitzen gelassen hatten. Das hinterließ ihm sein Leben lang einen stark prägenden Eindruck. — Seltsamerweise erfährt man nicht warum diese Eltern ihre Kinder allein ließen. Vielleicht wurden sie von den damals regierenden politischen Verhältnissen dazu gezwungen. Der Film gibt darauf leider auch keine Antwort.

Angelika Kettelhack


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"EINE FRAGE DER WÜRDE - Blaga's Lessons" Drama von Stephan Komandarev, das sich zu einem spannenden Thriller wendet. (Bulgarien / Deutschland, 2023; 114 Min.) Mit Eli Skorcheva, Gerasim Georgiev, Rozalia Abgarian u.a. seit 24. Januar 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Elisabeths Filmkritik:

Seit kurzem ist Blaga (sehenswert intensiv: Eli Skorcheva) Witwe. Für ihren Mann, er war Polizist von Beruf, will sie einen würdigen Grabplatz erstehen und sie hat auch schon eine ganz genaue Vorstellung, wie das Grab aussehen soll. Der Platz soll auch bald ihre repräsentative Ruhestätte werden. Sie ist bereit ihr ganzes Geld da reinzustecken.

Wie schwierig dieser Plan umzusetzen ist, auch davon handelt "Eine Frage der Würde" von Stephan Komandarev ("Die Welt ist groß und Rettung lauert überall", 2009), der zeigt, dass der äußere Schein selbst auf dem Friedhof nur durch Korruption erkauft werden kann. "Urotcite na Blaga", so der Originaltitel, ist der Abschluss einer Trilogie, die nach "Directions - Geschichten einer Nacht" (2017) und "V krag" (International: "Rounds", 2019) hiermit ihren Abschluss findet. Komandarev zeichnet mit diesen drei Filmen ein Bild der sozialen und gesellschaftlichen Lage im heutigen Bulgarien.

Die ehemalige Lehrerin hält sich mit Nachhilfestunden über Wasser. Zurzeit hat sie nur eine einzige Schülerin (Rozalia Abgarian), eine junge Frau aus Syrien, die für ihre Einbürgerungsprüfung paukt.

Zur Etablierung der Figur lernen wir Blaga in ihrem Element kennen. Sie lehrt Praxis orientiert und effektiv. Sie reagiert auf Fehler und grammatikalische Regelverstöße streng und gnadenlos. All dies sind Eigenschaften, die sie kaum sympathisch machen. Die auf ihre Stärken und gleichzeitig ihre Schwächen verweisen. Denn im handfesten Alltag hatte sie sich immer auf ihren Mann verlassen, doch nun kommt sie zu Fall. Dass die Welt keine gute ist, ist ein Allgemeinplatz. Blaga wird jedoch all ihres Ersparten und ihrer Würde beraubt. Über das Telefon. Es ist die Trickbetrüger-Masche mit dem Anruf eines vermeintlichen Kriminalbeamten, der sie anweist, bei der Überführung von Dieben mitzuwirken. Dafür braucht es aber ihren monetären Einsatz. Geld, dass sie selbstverständlich zurückbekommen würde. Von wegen.

Es ist kein Zufall, dass der Film in der ostbulgarischen Stadt Schumen spielt. Zu den Sprachlektionen erhält die junge Schülerin auch einen Einblick in die Landeskunde und ihren Heldengeschichten, die direkt an das Publikum weitergereicht werden. Es heißt, dass Bulgarien von hier aus entstanden sei. Die realsozialistische Architektur der Stadt korrespondiert folglich mit der Handlung. Täglich läuft die alte Frau, immerhin schon jenseits der 70, die unzähligen Stufen hinauf zum Denkmal für "1300 Jahre Bulgarien", dem wohl Größten dieser brutalistischen Gedenkbauten. Es geht bis auf 300 m in die Höhe. Die ganze Stadt ist von dort oben überschaubar, das Denkmal ist bis aus 30 km Entfernung zu sehen. Das Monument feiert jede wichtige Person der bulgarischen Geschichte. Es ist ein Monster von einem Bau und wirkt herrisch mit der Tendenz ins Böse. Wie klein dagegen ist Blaga. Aber sie lässt sich nicht klein machen.

Die bulgarische Einreichung für die internationale Filmauswahl bei den Oscars (er wurde allerdings nicht nominiert), der seine Weltpremiere in Karlovy Vary feierte und auch auf dem Filmfest Hamburg gezeigt wurde, wählte für den internationalen Markt den Titel "Blaga's Lessons". Es bleibt eine Frage der Interpretation, ob es wichtiger ist, dass Blaga hier ihren Mitmenschen Lektionen erteilt oder ob ihr solche zuteilwerden.

Treffender ist der deutsche Titel. Dieser lautet "Eine Frage der Würde" und hebt genau diese hervor. Was ist der Mensch wert in einem kaputten System? Wie kann Blaga ihre Würde verteidigen? Es ist die Stärke des Films, dass diese Frage ambivalent beantwortet wird. Dabei schönt die Geschichte nichts. Das Drehbuch dekliniert einen aussichtslosen Kampf konsequent bis zum Ende und demaskiert dabei auch jede vermeintliche Attitüde.

Unbekannte haben Blaga nicht nur ihr Geld gestohlen, sondern auch ihren guten Ruf. Wie konnte sie nur auf diese Masche hereinfallen? Blaga, die anderen stets ihre Fehler vorhielt, muss nicht nur ihr Weltbild überdenken. Sie hat nichts mehr zu verlieren und wagt einen abseitigen Weg.

Sie setzt eine Anzeige auf, bietet sich als Kurierfahrerin an, und wird tatsächlich von den Schurken kontaktiert, die sie ausgeraubt hatten. Mehr soll gar nicht verraten werden. Blaga ist keine Heldin. Es geht Komandarev und seinem Co-Drehbuchautor Simeon Ventsislavov sichtlich nicht um die Erlösung von dem Bösen und der Überführung seiner Täter. Er zeichnet ein Porträt einer Frau in einem System, das jeden kaputt macht. Auch moralisch. Blaga wähnt sich als gute, aufrechte Bürgerin, die stets das Richtige und das Rechte tut. Das Leben lehrt sie eines Besseren.

"Eine Frage der Würde" wandelt sich vom gesellschaftlichen Porträt hin zu einem Krimi. Dabei ist es besonders das Schauspiel der Hauptfigur, was heraussticht.

Elisabeth Nagy


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