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Gut gebrüllt Löwe - unsere Filmkritiken im Juli 2019, Teil 4

"Der König der Löwen" nur knapp hinter "Avengers: Endgame" am Boxoffice.



Trotz der Sommerferien, schönem Wetter und weniger Kinogängern (die anderen sind wohl verreist), hat sich der aktuelle Start von "König der Löwen" für Disney ausgezahlt. Zwar konnte das Remake noch nicht die Umsatzzahlen von "Avengers: Endgame" toppen, aber den zweitbesten Donnerstag des Jahres in den deutschen Kinos erreichte der Film spielend.

Disney hatte den Start allerdings auf Mittwoch vorverlegt, sodass diese Umsätze vom Vortag zur Gesamtzahl hinzuzurechnen sind. Insgesamt erreichte die "Realverfilmung" des Zeichentrickklassikers in 712 Kinos bis zum Donnerstag 385.000 Zuschauer und 3,7 Mio. Euro Einspielergebnis am Boxoffice. Für das Wochenende sind sogar siebenstellige Besucherzahlen zu erwarten.

Offensichtlich lag eine unserer Kolleginnen in der letzten Woche mit ihrer Meinung, dass das Remake überflüssig sei, etwas daneben. Wir hatten den Film schon letzten Sonntag, den 14. Juli 2019, angeteasert. Heute folgt eine offizielle Filmrezension von Ulrike Schirm.

Vorab noch eine Bemerkung. Die inhaltlichen Abweichungen zur Vorgängerfassung mit den gezeichneten Animation sind nur minimal. Aber man hat sich bei den Gesangsszenen in der Realverfilmung etwas zurückgenommen, denn Lippen-Synchronität funktioniert bei Löwen nicht so gut. Brüllen können sie allerdings gewaltig.

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"DER KÖNIG DER LÖWEN" Animations-Abenteuer von Jon Favreau (USA). Mit den Synchronstimmen von Florence Kasumba, Donald Glover, Beyoncé Knowles-Carter u.a. seit 17. Juli 2019 im Kino. Hier nochmals ein Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Regisseur Jon Favreau („The Jungle Book“) hat den zweifach Oscar prämierten Zeichentrickklassiker "DER KÖNIG DER LÖWEN" aus dem Jahr 1994 als fotorealistisches CGI-Abenteuer zu neuem Leben erweckt. Fast 1 zu 1 und buchstabengetreu ist es gelungen aus dem Zeichentrickfilm, der damals gerne mit den Worten: „Ach wie niedlich, ach wie süss“ begleitet wurde, einen etwa zwei Stunden langen Kinofilm so echt aussehen zu lassen, wie eine reale Tierdokumentation. Allerdings ein Tierfilm der ausschließlich im Computer generiert wurde.

Herrliche Landschaften, Wolken, Sonnenuntergänge, Tiere, all das ist in einer noch nie dagewesenen Perfektion entstanden. Nur eins trennt sie von echten Tieren: Wenn sie das „Maul“ aufmachen, fangen sie im Film plötzlich an zu sprechen und zu singen.

Lieder, die noch heute von einigen, inzwischen älteren Menschen, mitgesummt werden können, wie zum Beispiel „Hakuna Matata“, was so viel heißt wie „Reg dich nicht auf… genieße das Leben“. Allein von dem Hit „The Lion Sleeps Tonight“, geschrieben 1939, gibt es 150 Coverversionen. Mit dem weltweiten Einspielergebnis von rund 968 Millionen Dollar, ist der handgezeichnete Trickfilm „König der Löwen“ der erfolgreichste aller Zeiten. Von den Merchandise-Artikeln die verkauft wurden, kam noch eine fette Summe dazu. Für die Firma Disney ein guter Grund, ein Remake zu starten.

Visuell ist das Remake eine Wucht. Inhaltlich bleibt alles beim alten. Wenn schon neu, warum dann nicht auch narrativ. Es hätte der konservativen Erzählweise gut getan. Das wiederum hätte allerdings, Mut zum Risiko bedeutet. Stattdessen klammert man sich akribisch an das Original, aus Angst, die Fans zu enttäuschen.

Dass man für das Remake bewusst afroamerikanische Sprecher bzw. Sprecherinnen gecastet hat, wie Beyoncé Knowles, Florence Kasumba, die auch in der deutschen Fassung eine der bösen Hyänen spricht und Donal Glover, trägt auch nicht unbedingt zur Modernisierung bei, denn ihre Hautfarbe bleibt unsichtbar. Letztendlich spielen und sprechen sie vermenschlichte Tiere.

Knowles und Glover verleihen dem Löwenpaar Simba und Nala in der Originalfassung ihre Stimme, Seth Rogan dem lustigen Warzenschwein Pumbaa und John Oliver dem altklugen Nashornvogel Zazu. Jeremy Irons den bösen Scar, der einen der wenig wahren Sätze formuliert: „Die Welt ist so ungerecht… während die einen in Saus und Braus leben, führen die andern ein Schattendasein und betteln um die Überreste“. Aber leider sagen die Bösen nicht die Wahrheit. Er als Böser ist auch der einzige, den man genüsslich beim Fressen zusieht.

(Ein Hyänenforscher regte sich so sehr über die Darstellung der Tiere als bösartige Aasfresser auf, dass er die Produktionsfirma Disney wegen Diffamierung verklagte. Quelle: STERN Nr. 30). Wenn man aus Zeichentricktieren echt aussehende Tiere macht und ihren „Charakter“ verfälscht, darf man sich über so einen Aufreger nicht wundern.

Ulrike Schirm


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"BACK TO MARACANÃ" Roadmovie-Drama nicht nur für Fußballfans von Jorge Gurvich (Deutschland, Brasilien, Israel). Mit Asaf Goldstein, Antônio Petrin, Rom Barnea u.a. seit 18. Juli 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

TOR, TOR, TOR…!

Roberto (Asaf Goldstien) lebt nach seiner Scheidung wieder bei seinem Vater Samuel (Antonio Petrin), für den er kleine Arbeiten verrichtet. Seinen 11-jährigen Sohn Itay holt für einige Zeit zu sich, was dem verwöhnten Jungen nicht gefällt. Er möchte lieber zu seiner Oma. Das Fußballshirt, was ihm der Chef und Liebhaber seiner Mutter schenkt, nimmt er freudlos an sich, denn er weiß nichts damit anzufangen. Fußball interessiert ihn nicht.

Als Itay dann auch noch erfährt, dass sie gemeinsam mit Großvater Samuel nach Rio, in ihre frühere Heimat zur Weltmeisterschaft fliegen, steigt er lustlos ins Flugzeug. Opa Samuel ist ein passionierter Fußballfan. Da alle Hotels wegen des Spiels ausgebucht sind, mieten sie ein Wohnmobil, mit dem sie sich auf den Weg in eines der weltberühmtesten Stadien der Welt machen. Das Maracanã in Rio. Das legendäre Spiel mit dem berühmten Sieg 7:1 Deutschland gegen Brasilien 2014, fand in Belo Horizonte statt.

Itay taut langsam auf. Die Fahrt im Wohnwagen macht ihm sichtbar Spaß. Auch das von seinem Vater schmackhaft zubereitete Essen, draußen im Freien zu probieren, bereitet ihm mehr und mehr Freude. Auch Großvaters leidenschaftliche Erzählungen über Fußball begeistern Itay nach und nach. Er weiht ihn in die Mythologie des Fußballs ein. Es gibt ein schon fast religiöses Ritual:

Alle vier Jahre muss ein Sohn, wenn der Vater gestorben ist, sein Grab besuchen und dem Verstorbenen die neuesten Fußball-Ergebnisse mitteilen. Itay hört staunend zu.

Die Enge des Wohnwagens und die Abenteuer, die sie während ihrer Reise erleben, schweißt die drei zusammen. Es ist eine Reise in die Vergangenheit des Großvaters, der seine schwere Krankheit verschweigt. Im Hintergrund schwelt eine tragische Familiengeschichte. Es kommt eine Wahrheit ans Licht, für die es niemals zu spät ist.

Die eingeblendeten Originalaufnahmen des Fußballspiels, werden bei so manchem Fan, freudige Erinnerungen wecken. Es sind nicht nur die berührenden Momente, die „Back to Maracanã“ sehenswert machen, sondern auch der feinsinnige, kluge Humor.

Ulrike Schirm


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"MESSER IM HERZ" Thriller-Romanze von Yann Gonzalez (Frankreich, Mexiko, Schweiz). Mit Vanessa Paradis, Kate Moran, Nicolas Maury u.a. seit 18. Juli 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Paris im Sommer 1979. Anne (Vanessa Paradis) produziert drittklassige schwule Pornofilme. Zur Zeit läuft es nicht gut für sie. Flehentlich bittet sie ihre Freundin Lois (Kate Moran) zu ihr zurückzukehren. Doch Lois, die auch ihre Cutterin ist, bleibt stur. Anne ist verzweifelt. Trost sucht sie im Alkohol. Als auch noch ein mysteriöser Killer mit Latexmaske und einem Dildo mit aufklappbarem Messer sein Unwesen treibt und das erste Opfer ausgerechnet ihr Lieblingsdarsteller ist, baut sie in ihrer Ohnmacht die grauenvollen Taten in ihren neuen Film ein. Trost und Halt findet sie bei ihrem Freund Archibald (Nicolas Maury), der auch ihre „rechte Hand“ in der schwulen Pornoriege ist. Da die Polizei sich für die Morde im schwulen Milieu nicht interessiert, macht sich Anne auf die Suche nach dem geheimnisvollen Killer.

Mit „Messer im Kopf“ hat Yann Gonzales einen Genremix aus Psychothriller und lesbisch-schwulem Melodrama, verlagert in die Giallo-Stimmung der Siebziger-Jahre, eine Zeit noch vor der Ausbreitung von Aids gedreht. Seine Bilder sind in den blau-grünen Neonglanz der französischen Filme der späten 70er und frühen 80er getaucht. Es gibt durchaus auch komische Szenen, wie zum Beispiel, wenn Nicolas Maury eine Transgender-Version von Vanessa Paradis porträtiert. Gonzales, inspiriert von Brian De Palmas Voyeurismus, zeigt Anne, wie sie durch ein Guckloch ihrer Cutterin hinterher spioniert, oder wie zwei Jungen heimlich von ihrem Vater beim Sex beobachtet werden.

Was sich wie ein trashiges B-Picture anhört, ist weit mehr als das. Zusammengefasst ist „Messer im Herz“ stylisch, grauenvoll, großartig und mysteriös und voller erotischer Fantasie. Hinter dem Grauen verbirgt sich eine melodramatische Liebesgeschichte.

Die fiktiven Pornostreifen (Film im Film) tragen die Titel „Anale Wut“ und „Von Sperma und frischem Wasser“. Eine große Rolle spielt die stimmungsvolle Filmmusik der damaligen Zeit.

MESSER IM HERZ hatte seine Weltpremiere im Mai 2018 im Wettbewerb von Cannes.

Ulrike Schirm




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