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5 neue Filmkritiken im Juni 2019, Teil 3

Ulrikes neue Filmkritiken zu Kinostarts Mitte Juni 2019.

Mit dem Beginn der Sonnenwende starteten in unserer Region auch die Sommerferien. Wir merken dies an den Seitenaufrufen, die seitdem rapide abgenommen haben, denn viele sind verreist und wollen Urlaub ohne Computerstress machen. Leider spüren dies auch die Filmtheaterbesitzer, deren Besucherzahlen einbrechen auch wenn gerade fünf hervorragende Filme in den Kinos gestartet sind, die wir nachfolgend besprechen.

Die Zeit der wenigen Seitenabrufe haben wir allerdings für ein Update genutzt, was dringend erforderlich war, um als Firma bzw. als eingetragener Verband, den neuesten Datenschutzbestimmungen der EU zu entsprechen. Das äußert sich vor allem durch den Aufruf unseres Blog durch HTTPS anstelle von ungesichertem HTTP. Sie merken dies beim Öffnen unserer Seite mit ihrem Web-Browser, dass sie ggf. eine Cookie-Warnung erhalten und dem ungehinderten Surfen auf unserer Seite deshalb zustimmen sollten. Alles andere ist und bleibt wie gewohnt.

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"TOLKIEN" Biopic-Drama von Dome Karukoski (Großbritannien). Mit Nicholas Hoult, Lily Collins, Colm Meaney u.a. seit 20. Juni 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Nicholas Hoult, bekannt aus dem Film „About A Boy“, spielt unter der Regie des Finnen Dome Karukoski, der mit der Filmbiografie „Tom of Finland“ für Aufsehen sorgte, den jungen J.R.R. Tolkien, den Literaturprofessor, der mit „Herr der Ringe“, weltweitbekannte Fantasie-Geschichte geschaffen hat.

Karukoski widmet sich in seinem Biopc „Tolkien“ der Zeit davor. Er konzentriert sich auf Tolkins Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf in England, gelegen in einer wunderschönen Landschaft. Er ist von grosser Trauer erfüllt, als er mit seiner Mutter nach Birmingham zieht, wo sie vom Pfarrer nach dem Tod des Vaters unterstützt werden. Um den traurigen Jungen abzulenken, liest sie ihm Geschichten aus alten Sagen vor, die seine kindliche Fantasie schon früh anregte. Er besucht die angesehene King Edwards School, ermöglicht durch die Unterstützung des Pfarrers, der von dem bevorstehenden Tod seiner Mutter wusste und weiterhin für ihn sorgt. Regen Anschluss findet er in einer Gruppe von Gleichgesinnten.

Gemeinsam gründen sie den „T.C.B.S. (Tea Club Barrovian Society). Es macht ihnen großen Spaß, sich über Kunst und Literatur auszutauschen, Gedichte und Lieder zu schreiben und durch eine besondere Wildheit aufzufallen. Besondere Freude empfindet Robert Tolkien bei der Entwicklung einer eigenen Sprache. Ihn fasziniert insbesondere das Wort „Cellar Door“. Unterstützt wird er von seiner großen Liebe und späteren Frau Edith Bratt (Lily Collins), die es ebenfalls interessant findet, den Fantasieworten einen Sinngehalt zu geben.

Die dramatischen Erlebnisse, die der junge Oxfordstudent einige Zeit später im ersten Weltkrieg erleiden muss, spart Karukoski nicht aus. An der Front der Somme, macht sich der Unterleutnant Tolkien im Fieberdelirium auf die Suche nach einem verschollenen Freund und verliert dabei fast seinen Verstand. Karukoski zeigt auf eindringliche Art, wie die früheren Lebenserfahrungen das literarische Werk des größten Fantasie-Autors beeinflusst haben. Die grünen Hügel der wunderschönen Landschaft, in der er aufwuchs, erinnern an das Auenland, die Heimat der Hobbits.

Die düsteren Kriegsbilder wechseln in blutrote Pfützen mit verschlungen Körpern und in seinem Delirium wird aus den Flammenwerfern der deutschen Angreifer ein riesiger feuerspeiender Drache. Es besteht kein Zweifel, dass die Jugend- und Kriegserlebnisse des Mittelerde-Schöpfers in die Triologie von „Herr der Ringe“ einflossen und eine große Inspiration waren.

Das ist nicht nur toll erzählt. Nicholas Hoult portraitiert den jungen Tolkien bewegend charismatisch. Es ist auch gleichzeitig ein Film gegen den Krieg.

Ulrike Schirm

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"VERACHTUNG" Kriminal-Thriller von Christoffer Boe (Dänemark). Mit Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Johanne Louise Schmidt u.a. seit 20. Juni 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Nach den Thrillern „Erbarmen“, „Schändung“ und „Erlösung“ kommt nun der vierte und meines Erachtens beste Krimi aus der Feder von Jussi Adler-Olsen ins Kino.

Kommissar Carl Morck (Nicolaj Lie Kaas), unfreundlich und mürrisch wie immer und sein Assistent Assad (Fares Fares), der das Sonderdezernat Q verlassen will, was Morck noch mürrischer macht, werden zu einem Fall gerufen, der schon länger zurückliegt. Bei dem Abriss einer Mauer in einem Kopenhagener Haus, macht man einen grauenhaften Fund. Drei mumifizierte Leichen sitzen wohl drapiert um einen Tisch herum, vor ihnen ekelhafte verdorrte Speisen, als da sind Eierstöcke, Eingeweide und Penisse. Ein freier Platz ist noch leer. Alle drei Frauenleichen hatten etwas mit einem Anfang der 60-Jahre geschlossenen Mädchenheim auf der Insel Sporgo tun. In Rückblenden wird das Unfassbare, was dort geschah, Stück für Stück erzählt.

Das Heim, ähnlich einem Gefängnis, wurde von Dr. Curt Wad geleitet. Er nahm dort Zwangssterilisationen an „gefallenen“ Mädchen vor, sogenannte genetische Säuberungen. Was diese Ungeheuerlichkeiten besonders brisant macht ist, dass sie bis in die Gegenwart reichen. Dr. Wad führt nach der Schließung eine renommierte Fertilisationsklinik. (Befruchtung). Übrigens, der vierte leere Stuhl war für Dr. Wad reserviert.

Über 60 Frauen wurden Opfer der Zwangssterilisation.

Regisseur Christoffer Boe hat aus diesem dunklen Kapitel der dänischen Geschichte einen ungemein spannenden Film gemacht.

Leider ist „Verachtung“ die letzte Verfilmung mit dem beliebten Ermittlerduo. Kaas und Fares hören auf. „Es ist unser bester Film aus dieser Reihe“, sagt Fares, "aber wir können die Kuh nicht länger melken“ (Stern Nr. 26). Aus Olsens Thriller-Reihe ist inzwischen der 7. Band erschienen.

Ulrike Schirm

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"Eine MORALISCHE ENTSCHEIDUNG" Drama von Vahid Jalilvand (Iran). Mit Navid Mohammadzadeh, Amir Aghaee, Zakieh Behbahani u.a. seit 20. Juni 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Auf dem abendlichen Nachhauseweg wird der Gerichtsmediziner Dr. Kaveh Nariman (Amir Agha'ee) unschuldig in einen Unfall mit einer vierköpfigen Familie auf einem Moped verwickelt.

Kaveh gehört zur iranischen Mittelschicht, ein engagierter, besonnener Arzt, der sich, wenn es nötig ist, um misshandelte Frauen kümmert.

Er hält sofort an. Schnell erkennt er, dass der achtjährige Amir eine leichte Kopfwunde hat. Seine Eltern und seine kleine Schwester sind unverletzt. Aber um ganz sicher zu gehen, dass der Junge nicht doch noch innere Verletzungen hat, drängt er Amirs Vater Moosa (Navid Mohammadzadeh), das verletzte Kind ins Krankenhaus zu bringen. Er bietet ihm eine finanzielle Entschädigung für die medizinische Versorgung und dem angerichteten Schaden an dem geliehenen Moped an. Nach längerem Zögern nimmt Mossa widerstrebend das Geld, verweigert aber weiterhin die Untersuchung in der Notaufnahme. Er fährt mit seiner Familie davon.

Am nächsten Morgen wird Amir eingeliefert. Er ist tot, die Todesursache: Unbekannt.

Kaveh fühlt sich schuldig. Seine befreundete Kollegin Dr. Sayeh Behbahani (Hediyeh Tehrani) übernimmt die Autopsie. Ihre Vermutung, dass der Junge an einer Lebensmittelvergiftung verstorben ist, wird vom Labor bestätigt. Während Kaveh von Zweifeln geplagt ist, ist Amris Mutter Leila in ihrer wütenden Trauer davon überzeugt, dass ihr Mann dem Jungen vergammeltes Fleisch zu essen gab. Es ist auch kein Geld da, um nach Amirs Begräbnis einen Leichenschmaus für die teilnehmende Großfamilie zu organisieren, denn die Familie ist bitterarm.

Zutiefst verletzt, hat Leila keine Hoffnung mehr, die durch den Tod des Jungen zerrüttete Ehe, noch irgendwie zu retten. Moosa will die Schuld nicht auf sich sitzen lassen. Auch seine Trauer wandelt sich in Wut. Voller Rachegelüste stellt er den Verantwortlichen des Schlachthofs, der ihm das verdorbene Fleisch verkauft hat, zur Rede. Kurze Zeit später wird Moosa verhaftet. Der verantwortliche Mann liegt schwer verletzt im Koma.

Auch Dr. Narimann kommt nicht zur Ruhe. Der Gedanke, dass doch die Kopfverletzung die Ursache für Amirs Tod war und um sämtliche Zweifel auszuschalten, ordnet er eine Exumierung des Leichnams an. Die zweite Autopsie nimmt er selbst in die Hand.

Vahid Jalilvand erzählt das Drama um Schuld, Trauer, Verantwortung, Verstrickung und Rache ohne untermalende oder unterstützende Filmmusik. Die im wahrsten Sinne ruhigen Bilder und das fast authentische Spiel seiner Schauspieler verleihen der Tragödie eine enorme erzählerische Kraft.

Auf internationalen Festivals erhielt der beeindruckende Film jede Menge Auszeichnungen. Internationaler Titel: "NO DATE, NO SIGNATURE" (Iran 2017).

Ulrike Schirm

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"LONG SHOT - Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich" Komödie von Jonathan Levine (USA). Mit Charlize Theron, Seth Rogen, O'Shea Jackson Jr. u.a. seit 20. Juni 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Fred Flarsky (Seth Rogen) ist mit Leib und Seele Journalist, sehr wortgewandt im Texte schreiben. Als er im rechten Milieu recherchierte und erkannt wurde, flog er bei seiner Zeitung raus. Als Trostpflaster nimmt ihn ein Freund mit zu einer hochoffiziellen Spendengala. Fred, der ziemlich schlunzig herumläuft, denkt nicht daran, sich umzuziehen. Unter den feingemachten Reichen, fällt er in seinen schlunzigen Klamotten auf, wie ein bunter Hund. Mit viel gutem Willen könnte man ihn für einen angesagten Nerd halten. Siehe da, die äusserst elegante Außenministerin Charlotte Field (Charlize Theron), wird auf ihn aufmerksam. Gar nicht mal so sehr, wegen seines Outfits, sondern weil er sie fassungslos anstarrt. Er war schon als kleiner Junge in sie verliebt, als sie für ihn noch der Babysitter war.

Sie kommen ins Gespräch und als Charlotte mitbekommt, dass er ein ausgezeichneter Journalist ist, engagiert sie ihn als Redenschreiber. Man munkelt, dass sie demnächst Präsidentin der USA werden könnte. Den Ehrgeiz dazu hat sie. Der dümmlich-eitle Jetztpräsident (Bob Odenkirk) langweilt sich in seinem Job und möchte liebend gern Schauspieler werden.

Was nun folgt, ist streckenweise irre komisch.

Die taffe Field und der schüchterne Fred, der sich in der feinen Gesellschaft sichtbar unwohl fühlt und der absolut nicht weiß, wie er sein Verliebtsein zum Ausdruck bringen soll, werden zu einem amüsanten ungleichem Paar. Wie heißt es so oft? Gegensätze ziehen sich an. Aber ziehen sie sich auch aus? Eine skurrile Situation jagt die andere und das sie in so manches Fettnäpfchen treten, bleibt nicht aus, zumal sie den Drogen nicht ganz abgeneigt sind.

Es knistert nur so von politischen Anspielungen und die Medienwelt wird auf höchst amüsante Weise aufs Korn genommen und bloßgestellt. Dinge, die man nicht wagt auszusprechen, werden fröhlich rausposaunt. Wer jetzt denkt, ach wieder so eine billige Schenkel-Klopf -Komödie, der irrt.

Regisseur Jonathan Levine, sowie die beiden Drehbuchautoren Liz Hannah und Dan Sterling brillieren mit klug-feinsinnigem Humor und haben gemeinsam ein prächtiges Dialog-Feuerwerk in Szene gesetzt. Etwas derbe erotische Anzüglichkeiten kann man durchaus stehen lassen.

Alexander Skarsgárd als aalglatter, schmieriger kanadischer Premier und der dümmliche Macho-Präsident glänzen in ihren Nebenrollen und sorgen für Gelächter. Eine herrliche Sommerkomödie.

Ulrike Schirm

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"INNA DE YARD - The Soul Of Jamaica" Reggae - Musikdokumentation von Peter Webber (Frankreich). Seit 20. Juni 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Regisseur Peter Webber („Das Mädchen mit dem Perlenohrring"), selbst ein Reggae Fan, begleitet eine Gruppe Veteranen des jamaikanischen Reggae. Auf einem Hang hoch über Kingston steht ein Haus, von unten bis oben mit Schallplatten gefüllt. Vom Garten hat man einen Blick auf die Berge.

Sie nennen sich „Inna De Yard“, legendäre Musiker, die sich zusammengetan haben, um ein außergewöhnliches Album aufzunehmen „The Soul of Jamaica“. Sie sind Rastafaris, die aus verschiedenen sozialen Schichten kommen und tief mit der Natur verwurzelt sind. Um zu den Ursprüngen ihrer Musik zurückzukehren, nehmen sie ein Unplugged-Album ihrer Klassiker dort oben in dem Garten auf. Inna the Yard, der Ort, an dem die jamaikanische Musik geboren und entwickelt wurde, wie Rocksteady, Ska und Reggae. Etwa 20 Musiker treffen sich im Garten, der eigentlich eine Terrasse ist, Oldies und Youngsters gemischt, liefern eine mitreißende Session. Ihren positiven Vibes kann man sich nicht entziehen. Das neue Album ist auch gleichzeitig der Soundtrack des Films. Danach gehen sie auf eine internationale Tour.

Cedric Myton, Winston McAnuff , Ken Booth und Kiddus machen seit sieben Jahrzehnten Musik. Reggea Musiker der ersten Stunde, die durch Höhen und Tiefen gegangen sind und ihre Erlebnisse in ihren Song-Texten verarbeitet haben. Reich sind sie nicht geworden. Bis auf Ken Boothe, der voller Stolz seine Schuh-und Anzugkollektion zeigt. „Everything I own“ gehört zu seinen größten Hits.

Obwohl es eigentlich ein Musikfilm ist, sind das Herzstück des Films, die berührenden Biografien dieser charismatischen Künstler. Webber begleitet sie zu den wichtigen Orten aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart, ihre Häuser, ihr Bars und ihre Kirchen. Je näher er ihnen kommt, um so mehr versteht man ihre Wurzeln und die Geschichte des Reggae.

Sie singen von Messerstechereien, hungernden Kindern und ihren ganz persönlichen Schicksalsschlägen. Kiddus, der Rebell, Ken Boothe, der Godfather, Cedric Mython, der Leader von The Congos, Winston McAnuff, Electric Dread, Var, Nachkomme der Maroons, Jah9, die spirituelle und politische Rasta, sie eint nicht nur, dass sie ihre Kunst mit anderen Künstlern teilen, sondern ihre Musik and die Generation der jungen Musiker weitergeben.

Egal ob die Locken und Bärte inzwischen grau sind, ihre Rebellion und ihr Musikenthusiasmus ist nicht verloren gegangen und wenn wir Glück haben, kommen sie noch in diesem Jahr nach Berlin und Cedric singt mit seiner ganz besonderen Stimme seinen Hit „Row Fisherman“.

Ulrike Schirm

(Nachtrag: Winston McAnuff nahm mich nach ihrem Auftritt bei der Pressevorführung in den Arm und sagte: „You are very special“. Da bin ich ganz stolz drauf.)

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