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Weitere Filmkritiken im Juli 2018, Teil III

Filmworkshop für Geflüchtete in Bad Saarow und zwei neue Filmkritiken zu aktuell angelaufenen Filmen.



Fünf Filmkritiken hatten wir am 7. Juli 2018 veröffentlicht, zwei weitere folgten am 10. Juli 2018. Auch diesen Donnerstag gibt es wieder zahlreiche neue Filme in den Kinos. Scheinbar mehr denn je zuvor, den die Fußball-WM ist vorüber und die Kinos hoffen auf ein baldiges besseres Geschäft. Doch das Wetter wird mit Temperaturen von gebietsweise über 32° C wahrscheinlich einen Strich durch die geplante Rechnung machen.

Auch die Urlaubszeit könnte den Kinos weniger Umsätze bescheren. Ein Grund ebenfalls für uns etwas verhaltener an die Berichterstattung zu gehen. Wir liefern dennoch zwei weitere Rezensionen von Filmstarts dieser und letzter Woche diesmal nach. Alles weitere folgt vielleicht etwas später, denn wir wollen diese Woche zunächst in Bad Saarow unterwegs sein.

Dort findet derzeit unter dem Titel "FILM OHNE GRENZEN" ein zweiwöchiger Filmworkshops für Geflüchtete im Seminargebäude der Caritas Gemeinschaftsunterkunft statt. Wir haben die Möglichkeit, den Workshopleiter- und Workshopteilnehmer*innen bei der Projektarbeit beobachtend beizuwohnen, um in Gesprächen mit den Anwesenden mehr über das Projekt, deren Zielsetzung und Herausforderungen zu erfahren.

Gemeinsam mit jungen Erwachsenen aus dem örtlichen Fußballverein haben Geflüchtete die Gelegenheit erhalten, einen biografisch motivierten Collagenfilm herzustellen. Das von Daimler unterstützte Projekt „Mein Leben in drei Bildern“ soll Sprachbarrieren überwinden helfen und ein Miteinander fördern. Keiner der Erzählenden weiß, wie ihr Leben weitergehen wird. Alle teilen ihre Dankbarkeit für die Chance auf Asyl und die Hoffnung, ein neues Leben aufbauen zu dürfen.

Insgesamt vier Themen wurden abgedreht und sollen in den Schnitt gehen. Im Anschluss folgt die Tonbearbeitung unter Anleitung professioneller Komponistinnen. Der in Bad Saarow entstehende Film wird im September auf dem Festival »FILM OHNE GRENZEN« (6.9.-9.9.18) zu sehen sein.

Zum Inhalt:
Der Ausbruch einer Iranerin aus einer arrangierten, unglücklichen Ehe; das entbehrungsreiche Leben im Kriegsgebiet einer syrischen Krankenschwester; die Liebe zum Fußball in der Heimat und in Bad Saarow durch einen jungen Mann aus Benin; die glückliche Zusammenführung einer afghanischen Familie nach fast zweijähriger Trennung.


Quelle: SteinbrennerMüller Kommunikation

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"Nico, 1988" Musik-Biopic von Susanna Nicchiarelli (Italien, Belgien). Mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca u.a. ab 19. Juli 2018 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Nico, bürgerlicher Name Christa Päffgen.

In den Fünfzigern galt sie als erstes Supermodel. In der Musikerszene etablierte sie sich mit Punk und Gothic, sie wurde später die „Priesterin der Finsternis“ genannt. Ihre Stimme klang dunkel und tief. Zu ihren Wegbegleitern gehörten Jimmy Hendrix, Brian Jones, Iggy Pop, Bob Dylan, Lou Reed und Andy Warhol.

1962 kam ihr Sohn Christian Aaron Päffgen zur Welt, den sie Ari nannte. Als Vater gab sie Alain Delon an. Drogenexzesse waren ihr absolut nicht fremd.

2017 drehte die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli den Spielfilm "NICO, 1988" mit Trine Dyrholm in der Titelrolle, der jetzt am 19.7. in unsere Kinos kommt. Dyrholm verkörpert die Sängerin in ihren letzten Lebensjahren, dreißig Jahre nach ihrem Tod.

Eigentlich ist "NICO, 1988" ein Roadmovie, in dem Nicchiarelli sie auf mehreren Stationen in verschiedenen Ländern begleitet. Ihr Ruhm ist verblasst. Nachdem sie ihr letztes Album aufgenommen hat, geht sie noch einmal auf Tour. Doch niemand interessiert sich noch für sie. Sie hasst es, Fragen nach ihrer Vergangenheit zu beantworten. Immer wieder fällt der Name „Velvet Underground“ mit denen sie nur in drei Liedern zu hören ist und sonst nur Tamburin spielte und mit ihrem Aussehen glänzen sollte. „Ich war nicht glücklich als ich schön war. Mein Leben begann nach Velvet… als ich anfing meine eigene Musik zu machen“.

Ein zutiefst berührender Moment ist, als sie in einer italienischen Hotelbar steht, begleitet von einem Jazztrio und mit ihrer tiefen Stimme „Nature Boy“, Nat King Coles Ballade über das Erleuchtetwerden singt, besonders wehmütig klingen die Zeilen: “The greatest thing you'll ever learn, is just to love and be loved in return“.

Es ist eine gebrochene Frau, die Trine Dyrholm auf erschütternde Weise darstellt und deren düstere Lieder sie erschreckend authentisch wiedergibt. Auch wenn sie an einer Stelle sagt, dass sie nichts bereut, nur, dass sie als Frau und nicht als Mann geboren wurde, glaubt man ihr das nicht so ganz, denn der verzweifelte Kampf um ihren Sohn Ari, zeigt ein anderes Bild von ihr. Sie hat den Jungen damals zu fremden Leuten gegeben, von Schuldgefühlen gequält, lässt sie nichts unversucht, um nach Jahren endlich eine stabile Beziehung zu ihm aufzubauen.

Sie nimmt ihn mit zu einem illegalen Konzert in Prag, betritt die Bühne, wie verloren steht sie da und singt „My heart is empty, but the songs I sing are filled with love for you“. Ihre letzten Töne klingen wie eine Art Befreiungsschlag. Ein Höhepunkt des gesamten Films.

Da das Konzert nicht angemeldet war, werden die Veranstalter verhaftet und sie müssen fluchtartig den Ort verlassen.

"NICO,1988" ist eine Hommage an eine Frau, Künstlerin und Mutter, die nicht nur viel verloren hat, sondern auch zäh einen Kampf für ein besseres Leben geführt hat.

Es dauert keine zehn Minuten und Trine Dyrholm lässt einen vergessen, dass es nicht die wirkliche Nico ist, die kurz vor ihrem tragischen Tod auf der Leinwand zum Leben erwacht.

Ein Fahrradunfall auf Ibiza beendet am 18. Juli 1988 abrupt ihr Leben. Beigesetzt wurde sie auf dem Friedhof Grunewald – Forst im Grab ihrer Mutter.

Ulrike Schirm


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"DIE FARBE DES HORIZONTS" Abenteuer-Drama von Baltasar Kormákur (USA). Mit Shailene Woodley, Sam Claflin, Jeffrey Thomas u.a. seit 12. Juli 2018 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Schule beendet. Die freiheitliebende Tami (Shailaine Woodley, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) packt ihren Rucksack, zieht von einem Ort zum anderen und landet auf Tahiti. Es scheint, als sei sie im Paradis angekommen. Mit Gelegenheitsjobs hält sie sich über Wasser. Hier trifft sie den attraktiven britischen Segler Richard Sharp (Sam Claflin), der mit seinem selbst gebauten Boot unterwegs ist und sich einen Stop auf der Pazifikinsel gönnt. Aus einer Liebelei entsteht eine tiefe Beziehung, zwei Seelenverwandte haben sich gefunden.

Ein reiches, älteres Ehepaar macht ihnen ein verlockendes Angebot. Für 10.000 Dollar und ein Rückflugticket in der ersten Klasse, sollen sie deren Jacht von der Südsee nach Kalifornien überführen. Nach anfänglichem Zögern, willigt Tami ein, ihren Freund zu begleiten.

Als das Boot in einen verheerenden Hurrikan gerät, findet der romantische Törn ein jähes Ende.

Als das junge Mädchen aus ihrer Ohnmacht erwacht und mühsam an Deck krabbelt, sieht sie das ganze Ausmaß der Zerstörung. Ihr Freund ist verschwunden. Ein Schock, den sie erst einmal verkraften muss. Es gelingt ihr mit letzter Kraft, den schwer verletzten Richard, der weit draußen im Meer treibt, zu bergen. Tami ist vollkommen sich selbst überlassen und muss nun das kaum noch manövrierfähige Boot irgendwie über Wasser halten, um nicht nur ihr Leben, sondern auch das von Richard zu retten.

Der isländische Regisseur Baltasar Kormákur („Everest“) hat sich entschieden in wechselnden Zeitsprüngen das Kennenlernen der beiden, ihre vorsichtige Annäherung und ihren Aufbruch in ein romantisches Abenteuer, mit Bildern des Höllentrips zu verbinden.

Tamis Kampf um Leben und Tod und ihr unglaubliches Durchhaltevermögen basiert somit auf der intensiven Erinnerung an ihre innere Verbundenheit und ihrer Liebe zu Richard.

Ich bin ein grosser Fan von Shailaine Woodley. Ihr Spiel ist von hinreißender Natürlichkeit geprägt, besonders Rollen, die von Tragik gekennzeichnet sind, meistert sie ohne jeden Anflug von Kitsch. Es gefällt mir, dass in diesem bewegenden Survival – Drama, im Gegensatz wie sonst üblich, eine Frau im Mittelpunkt steht.

Erstaunlich der dramaturgische Kniff, den Karmákur gegen Ende des Dramas anwendet, um den psychisch qualvollen Einsatz von Tami in ein besonderes Licht taucht und ihren Kummer verdeutlicht und in unvergesslichen Erinnerungen weiter leben kann. Gedreht nach einer wahren Geschichte.

Ulrike Schirm



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