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Eröffnungsfilm des achtung berlin festivals jetzt im Kino

"Beat Beat Heart", die Premiere des Filmfest München 2016 und Eröffnungsfilm vom achtung berlin - new berlin film award 2017, jetzt im Kino. Weitere Filmkritiken nachfolgend.



Gestern Abend wurden die Preise des 13. achtung berlin - new berlin film award vergeben. In der Kategorie »Bester Spielfilm« erhielten "DIE HANNAS" von Julia C. Kaiser den mit 3.000 € dotierten Hauptpreis des Festivals. Der Film gewann auch den »Drehbuchpreis« und die Hauptdarsteller Anna König und Till Butterbach wurden beide mit je einem »Darstellerpreis« gekürt.

"DIE HANNAS" von Julia C. Kaiser: (Noch ohne Verleihtermin)
Mit Anna König, Till Butterbach, Julia Becker u. A.; hier der Trailer:

Synopsis:
Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach) sind in ihren 30ern und ein Paar, das so miteinander verschmolzen ist, dass ihre Freunde sie nur Die Hannas nennen. Eines Tages treffen sie auf die Schwestern Nico (Ines Marie Westernströer) und Kim (Julia Becker), die ADHS mit starker Impulsivität, Stimmungsschwankungen und Beziehungsunfähigkeit haben, aber mit ihrer flippigen und wilden Art die Hannas aus ihrem Alltagstrott reißen. Sowohl Anna als auch Hans beginnen eine Liebesaffäre mit den Schwestern…



Filmkritik:
Es braucht schon einen Trick, um Veränderungen auszulösen. Kleine Aufkleber können einen daran erinnern, was man sich vorgenommen hat. Und dann kommt die Veränderung einfach so zur Tür hereingepoltert. Veränderungen sind Herausforderungen. Auch dem Zuschauer gegenüber, der in “Die Hannas” hineingezogen wird und bald nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Je nach Temperament.

Hans und Anna werden von ihren Freunden kurz die “Hannas” gerufen. Sie sind ewig zusammen, sind ein gemütliches, auf einander eingestelltes Paar. Alles läuft in viel zu vorhersehbaren Bahnen, man kann es auch Lethargie nennen. Genau diesen Typ Mensch, der nicht schrill sein Ego vor sich herträgt, sondern beständig und verlässlich im Leben funktioniert, wollte die Regisseurin Julia C. Kaiser in ihrem zweiten Spielfilm in den Mittelpunkt stellen und ihn dann von vielen Seiten herausfordern, so dass die Gefühle gut durchgerüttelt werden.

Anna König (Anna) und Till Butterbach(Hans) waren beide schon bei “Das Floß!” dabei, Julia C. Kaisers Regiedebüt. Ebenso Julia Becker, die Kim spielt, die zusammen mit ihrer Schwester Nicola (gespielt von Ines Marie Westernströer) jeweils einen der Hannas an sich binden möchte. Dabei verbindet die beiden Parteien nicht viel. Die Hannas kochen und essen gerne. Kim und Nicola sind da, gelinde gesagt, anders. Während die einen die Ruhe weg haben, sind die Schwester chaotisch und wild. Die Regisseurin mischt diese Zutaten zusammen.

Selbst- und Fremdwahrnehmung können täuschen. Während bei dem einen Liebe durch den Magen geht, nimmt die andere einen Umweg. Was die Sache noch komplizierter macht, ist, dass Hans und Anna ganz unabhängig von einander, aus der festgefügten Beziehung ausbrechen und etwas Neues anfangen, ohne die Absicht, diese Tür hinter sich zu schließen. Dramaturgisch verortet ist “Die Hannas” im Berliner Wedding. Doch ob Land oder Stadt scheint gar nicht so groß eine Rolle zu spielen. Für das Wilde, das Unübersichtliche, das Unberechenbare ist die Großstadt ideal. Und so trifft hier Ordnung auf Chaos und Höflichkeit auf Schnauze und Dick auf Dünn und Liebe auf Sex und das gleichzeitig. Und das funktioniert.

Elisabeth Nagy


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Den Preis des »Besten Dokumentarfilms« konnte "SCHULTERSIEG" von Anna Koch für sich verbuchen. Die Doku über 4 Mädchen, die auszogen das Kämpfen zu lernen, hatten wir schon zu Beginn des Festivals vorgestellt und bei uns in einer ausführlichen Rezension am 18. April 2017 besprochen.

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Der Eröffnungsfilm, den wir hier nachfolgend zum Kinostart näher betrachten wollen, ging leer aus. Alle weiteren Preise werden wir gesondert in den nächsten Tagen in unserer Rubrik Auszeichnungen am 30.04.2017 auflisten.

"BEAT BEAT HEART" von Luise Brinkmann: Ab 27. April 2017 im Kino. Deutschland 2016 mit Lana Cooper, Saskia Vester, Till Wonka u.a.; hier der Trailer:



Filmkritik:
Louise Brinkmann ist Romantikerin. Zumindest glaubt sie an die Liebe. Zumindest lohnt es sich für sie, auf die Liebe zu warten. Brinkmann wurde 2015 für die beste deutsche Webserie mit dem Titel “Emmas Welt” ausgezeichnet. Ihren Vorstellungen stehen den neuen digitalen Möglichkeiten entgegen, die versprechen, alles ist immer und unverbindlich zu haben. Partner, egal wie Ernst die es meinen, gibt es auf Dating Apps zu Hauf. Für ihren Abschlussfilm auf der Internationalen Filmschule Köln wollte sie ein filmisches Experiment wagen und nennt es folglich Improvisationsromanze. Menschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten über die Liebe brachte sie in eine WG, irgendwo in der Provinz.

Kerstin lebt in den Tag hinein. Ihre Tagträume geben ihrem Leben Struktur und Sinn. Auch wenn sie das nicht glücklicher macht, will sie nicht aufwachen. Ihre Vorliebe für das Herumlungern auf den Schienen hat etwas fatalistisches, aber ihr Thomas kehrt trotzdem nicht zurück. Dafür zieht ihre Mutter bei ihr ein, nachdem sie sich von ihrem Lebensgefährten getrennt hat. Ihre Mitbewohnerin hat ein reges Sexleben. Während die Mutter, Charlotte, erste Schritte wagt in eine neue Selbstbestimmung, blockiert die Tochter jede Annäherung. Ganz ähnlich geht es Paul, der wahrscheinlich zu romantisch und zu bodenständig ist, als dass er Franzi halten könnte. Diese kommt erst zurück, als es zwischen ihm und Kerstin funkt. Dabei ist das so gar nicht richtig. Die beiden halten aneinander fest, weil sie ähnliches durchmachen und entdecken, wie gut sie miteinander harmonieren.

Zwischen Single-Sein und Beziehung lotet Brinkmann verschiedene Wege aus. Die Tonart ist dabei locker. Kerstin wirkt zwar immer wieder verstockt und Charlotte ist die heimliche Sympathieträgerin, aber sicherlich ist das auch dem eigenen Standpunkt geschuldet. Hand aufs Herz, glaubt man an die Liebe und gar an Romantik? Brinkmann versucht es mit Improvisation. Die Geschichte spielt im Sommer, das Licht durchflutet die Räume und zum Ausgleich können sich die Mitwirkenden an der Restaurierung eines alten Theaters abarbeiten, den Mörtel klatschen und mit Beton werfen. Die Temperamente treffen schließlich auf einem Dorffest aufeinander. Dann erst entscheidet sich, wer wie weitermachen wird.

Elisabeth Nagy


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Weil wir gerade bei den Komödien sind, wollen wir spätestens jetzt noch ein Werk erwähnen, das uns recht gut gefallen hat und vom Berliner Publikum vor allem im Cinema Paris am Ku'damm begeistert aufgenommen wurde.

Nach etlichen französischen Komödien, die wie dort gesehen haben und die im Allgemeinen eigentlich annehmbar sind, waren wir kürzlich über drei weitere aktuelle französische Werke eher erbost, als erfreut, sodass wir darüber nichts Positives berichten können. Als negatives Beispiel zitierten wir am 22.04.2017 ein Flüchtlingsdrama von Philippe de Chauveron, das eigentlich für einen traurigen Anlass stehen sollte. Statt dessen wird aus einer Abschiebung eines illegalen Einwanderers, begleitet von zwei inkompetenten Flugbegleitern, ein albtraumartiger Klamauk inszeniert, der hanebüchen ist.

Rundum gut gefallen hat uns dagegen der US-Film mit Shirley MacLaine, der zwar schon vor Ostern gestartet war, aber noch in zahlreichen anderen Kinos zu sehen ist. Die Story erscheint vorhersehbar, ist aber dennoch gut und witzig inszeniert.

"ZU GUTER LETZT" von Mark Pellington: Seit 13. April 2017 im Kino. Hier der Trailer:




Filmkritik:
Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich´s gänzlich ungeniert“. Die einst erfolgreiche Geschäftsfrau Harriet (Shirley MacLaine) möchte auch im Ruhestand alles unter Kontrolle haben. Die verbitterte, von rücksichtsloser Ehrlichkeit beseelte alte Dame, überlässt aber auch nichts dem Zufall. Also engagiert sie schon zu Lebzeiten die junge Lokalreporterin Anna (Amanda Seyfried), die für sie einen respektvollen und zugleich rührenden Nachruf verfassen soll, am besten gespickt mit wohlwollenden Zitaten ihrer Mitmenschen. Schwierig, schwierig, keiner hat etwas Nettes über den grantigen alten Drachen zu sagen. Nicht einmal der Pfarrer hat ein gutes Wort für sie übrig. Es bleibt Harriet nichts anderes übrig, als sich zu überlegen, wie sie ihr ramponiertes Image ändern kann. Auch für Anne wird es nicht leicht, am liebsten würde sie den Auftrag hinschmeißen. Doch ihr Boss Ronald (Tom Everett Scott), der sie mit der alten Dame bekannt gemacht hatte, besteht auf Ausführung ds Auftrags.

Schließlich hat Harriet, als Leiterin der Anzeigenakquise 25 Jahre lang dafür gesorgt, dass die Gazette ein profitables Blatt war. Jetzt hat sich das Blatt gewendet und er hofft, dass sie ihr Vermögen der Zeitung hinterlassen wird. Annes Entwurf fällt kurz und nichtssagend aus. Harriet ist entsetzt. Sie zwingt die junge Journalistin mit ihr zusammen ihr Leben von Grund auf umzukrempeln. Sie kümmert sich um ein Problemkind, startet den Versuch, sich mit ihrer Tochter Elisabeth (Anne Heche) zu versöhnen und lernt dabei, über ihren eigenen Schatten zu springen.

So ganz nebenbei scheut sie sich nicht, bei einem alternativen Radiosender den „Discjockey“ zu mimen. Auch für die zutiefst verunsicherte Anne, beginnt ein neues Leben. Zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen entwickelt sich nach und nach eine anrührende Freundschaft. Harriet, Anne und das Problemkind Brenda (Annjewel Lee Dixon) entwickeln sich zum Besseren und sehen die Welt in einem neuen Licht. Harriet schärft ihnen ein, sich nicht vor dem Sprung ins kalte Wasser zu fürchten, keine Angst vor dem Scheitern zu haben. „Wer scheitert ist lebendig, traut euch zu sagen, woran ihr glaubt“.

„Zu guter Letzt“ ist eine herzergreifende Komödie, trotz gut besetzter Nebendarsteller, eine One-Woman-Show für die 82-jährige Shirley Maclaine. Sie sorgt für liebevolle, amüsante Unterhaltung und es macht großen Spaß, ihr bei ihrer Verwandlung zuzuschauen. Noch „rockt“ sie jede ihrer Szenen. 

Ulrike Schirm


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"THE FOUNDER" von John Lee Hancock.
mit Michael Keaton, Nick Offerman, John Carroll Lynch, Laura Dern.
Seit 20.04. 2017 im Kino

Auch wenn "The Founder" durchaus mit komödiantischen Momenten aufwarten kann, entwickelt sich die Geschichte um einen Handelsvertreter für Milkshake-Maschinen, der später zum Begründer der McDonald´s Restaurantkette avanciert, im Laufe der Zeit für zwei der Protagonisten eher zum Drama als zur Komödie. Hier der Trailer:



Filmkritik:
So ein Vertreter-Job ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Es sind die frühen 1950er Jahre im mittleren Westen. Ray Kroc (Michael Keaton) versucht seit Jahren Milchshake-Mixer unter die Leute zu bringen. Er fährt von Ort zu Ort, verbringt seine Nächte in schäbigen Hotels, klappert Restaurants ab, doch Niemand will die Dinger wirklich haben.

Er wird hellhörig, als er den Auftrag erhält, einem Schnellimbiss gleich 6 Mixer auf einmal zu liefern. Es handelt sich bei den Auftraggebern um die Brüder Dick (Nick Offermann) und Mac ( John Carroll Lynch), die in Kalifornien, in einem Ort unweit von L.A., einen Schnellimbiss betreiben. Ein regionales Hamburgerlokal. Hier gehen die Burger wie am Fließband über den Tresen.

Kroc ist fasziniert. Bereitwillig erzählen die Brüder dem verbitterten Vertreter ihre persönliche Geschichte. Kroc hört „das Gras wachsen“. Er schlägt den beiden Geschäftsleuten ein Franchise-Modell vor. Die sind nicht begeistert von der Idee. Für sie ist es das A und O, ihre hohen Standards zu behalten, was bei einer Kette von vielen Läden, nicht mehr zu bewerkstelligen ist. Sie sind völlig zufrieden mit ihrem einzelnen florierenden Restaurant. Kroc lässt nicht locker. Er erkennt das Riesenpotential, welches in den schmackhaften Brätlingen steckt. Schlitzohrig und hintertrieben, setzt er alles daran, die beiden zu überreden. Es gelingt ihm sich einzukaufen, eröffnet eigene Filialen, er geht soweit, bis er die gesamte Firma der Brüder übernimmt. Es ist die Geburtsstunde der modernen Fast-Food-Industrie.

Er hat es geschafft, das immer noch stärkste Fast-Food-Imperium, McDonald´s, aufzubauen. Er geht gewiss nicht zimperlich vor. Kroc mutiert zu einem skrupellosen Geschäftsmann, getrieben von Raffgier und Egozentrik, der es versteht, alle möglichen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Aalglatt bewegt er sich auf dem glitschigen Parkett des Kapitalismus. McDonald´s betreibt in 119 Ländern mehr als 35.000 Restaurants. Bis heute werden immer wieder Verstöße gegen Umweltschutz und miserable Arbeitsbedingungen publik.

Michael Keaton verkörpert den rücksichtslosen Self-Made-Man auf typisch amerikanische Weise, indem er den Slogan vom „Tellerwäscher zum Millionär“ dermaßen glaubwürdig verinnerlicht, dass man von seinem Vorgehen einerseits abgestoßen ist, andererseits aber auch einen Hauch von Bewunderung verspürt. John Lee Hancock ist es gelungen in diesem Biopic den Kapitalismus mit seiner schmutzigen und rücksichtslosen Seite in der Figur von Kroc ungeschönt aufzuzeigen.

Ulrike Schirm


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"Siebzehn" von Monja Art: Ab 27. April 2017 im Kino.
Mit Elisabeth Wabitsch, Anaelle Dézsy, Alexandra Schmid. (Österreich)

Ein absolutes Highlight aus Österreich kommt heute ins Kino. Gewinner des diesjährigen Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken konnte insgesamt drei Preise absahnen. Neben der Auszeichnung »Bester Film« wurden Auszeichnungen auch für »Beste Darstellerin« und »Bestes Drehbuch« vergeben. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Gibt es die Liebe? Ist alles nur Sex? Mit Siebzehn sind das Fragen, auf die man die Antworten jeden Tag neu auslotet. Paula liebt Charlotte, heimlich, weil Charlotte scheinbar mit Michael zusammen ist. Vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht kann die Vorstellung von Liebe die Liebe noch verstärken. Anders geht Lilli aus Paulas Klasse an die Liebe heran. Lilli provoziert gerne und prescht bedenkenlos vor. Ganz offen interessiert sie sich für Paula und vielleicht nur aus dem einen Grund, weil sie es kann. Mit Siebzehn muss man sich nicht auf eine Liebe oder auf eine Beziehung festlegen, noch sind alle Türen offen, es gilt alles auszuprobieren.

Monja Art kommt aus der Provinz Österreichs und trägt ihr Langspieldebüt an ihren Heimatort. Paula streift über die Felder, sitzt am Baggersee, jobbt in einer Provinzdisco, hört Musik über ihr Smartphone und ist dabei eine der besten Schülerinnen. Ihr Französischlehrer möchte sie zu einem Wettbewerb einschreiben, so gut ist sie. Paula ist kein Problemkind, nicht einmal der Umstand, dass ihre Mutter gestorben ist und ihr Vater sich gänzlich in sich zurückgezogen hat, wurde über Gebühr strapaziert. In “Siebzehn” geht es um die Alltäglichkeiten, über den Esprit der Jugend, die luftige Leichtigkeit, mit der man sich verliebt oder nicht, und gleichzeitig um die Schwere, die man diesen Handlungen doch mitgibt. Paula hält es mit Proust und fürchtet das Alltägliche in der Liebe, für sie muss dieses Gefühl auch weh tun. All diese Schattierungen zeigt uns Monja Art auf einmal, ohne zu viel zu erklären.

Das gelingt wunderbar und nicht ohne Grund hat die Spielfilmjury des Max Ophüls Preis Festivals “Siebzehn” den ersten Preis verliehen. “Siebzehn” ist ein Wechselbad an Gefühlen, und das funktioniert besonders gut, weil man unverbrauchte Gesichter sieht, an denen man sich kaum satt sehen kann, weil man ihre Gefühle mitfühlt, ohne sie noch einmal durchleben zu wollen. Es schwingt auch eine Offenheit mit, da verliebt man sich noch einmal in die Jugend und möchte einfach alle Möglichkeiten auskosten. Und natürlich gibt es den Schüchternen und den Simplen und die Wilde und die Zaghafte. Lilli scheint allen voraus zu sein, und testet trotzdem noch mal die Grenzen aus und überschreitet sie auch. Paula reißt sie mit, und das tut dann auch ein bißchen weh.

Die unverbrauchten Gesichter hat Monja Art über anderthalb Jahre zusammengesucht. Sie stammen aus der Gegend, besonders Elisabeth Wabitsch als Paula ist eine Entdeckung, die in Saarbrücken prompt mit ausgezeichnet worden ist. Als Gewinner von Saarbrücken wurde “Siebzehn” zur Berlinale eingeladen, als Gast der Perspektive.

Die sexuelle Orientierung der Figuren steht bei alldem nicht im Vordergrund. Erfrischend ist auch, dass es keine Rolle spielt, wer wen attraktiv findet. Die Faszination für einen anderen Menschen scheint spontan und äußert sich dann jeweils mit Blicken, so ist “Siebzehn” ein Fest für die, die sich auf die Blicke einlassen können, die die Gefühle erfühlen und nicht hinterfragen. Bereits für das Drehbuch hatte Monja Art 2014 den Carl Meyer Drehbuchpreis erhalten. Die Regisseurin bleibt ganz dich an den Jugendlichen dran. Erwachsene spielen hier keine Rolle. "Siebzehn" zeigt die Machtspiele der Heranwachsenen untereinander, wie sie ihre Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft erkunden.

Elisabeth Nagy


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Bereits am 6. April 2017 war mit "NON ESSERE CATTIVO [Tu nichts böses]" ein italienisches Drogen-Drama in einigen Kinos in Deutschland gestartet. Der 2015 gedrehte Spielfilm - italienischer Kandidat bei der Oscarverleihung 2016 und 2015 offizieller Kandidat der 72. Filmfestspiele von Venedig - wurde leider erst jetzt vom Verleih MissingFILMs in die deutschen Kinos gebracht. Weil MissingFILMs zusammen mit der Agentur rische & co pr inzwischen aber ein eigenes Kino in Berlin betreibt, wie wir hier berichteten, wird der Film im Charlottenburger Klick Kino noch einmal ab 27. April 2017 gezeigt.

"NON ESSERE CATTIVO [Tu nichts böses]" von Claudio Caligari
mit Luca Marinelli, Alessandro Borghi, Silvia D’Amico (Italien 2015, 100 Min, OmU). Ab 27. April 2017 im Klick Kino, Windscheidstr. 19, 10627 Berlin. Hier der Trailer:



Über den Film:
"Tu nichts böses" ist der dritte und letzte Teil der thematisch zusammenhängenden Trilogie des Regisseurs Claudio, nach „Amore tossico” und „L’odore della notte”. Cesare und Vittorio sind 20 Jahre alte und leben in einer Welt, in der Geld, synthetische Drogen und Kokain schnell ihre Besitzer wechseln. Das Band zwischen ihnen bleibt bestehen, auch nachdem Vittorio sich von Cesare distanziert, um sich selbst zu retten.

Der brutale Anfang des Trailers lässt nichts Gutes erahnen. Doch die Geschichte zweier nahezu untrennbarer Jugendlicher in den Vorstädten von Rom und Ostia, in den 90er Jahren, entwickelt sich rührender und fürsorglicher als man vermutet. Die „Ragazzi di vita“, einst von Pasolini beschrieben, gehören nun zu einer Welt, in der Geld, schnelle Autos, Nachtlokale und Kokain scheinbar leicht zu haben sind. Es ist die Welt, in der sich Vittorio und Cesare auf der Suche nach Erfolg und Bestätigung bewegen. Das neue „dolce vita“ fordert jedoch einen sehr hohen Preis. Und irgendwann trennen sich die Wege: Vittorio verliebt sich, versucht eine Rückkehr in die bürgerliche Gesellschaft, Cesare hingegen versinkt immer tiefer in einem Sumpf aus Drogen und Dealen. Doch Vittorio gibt seinen Freund nicht auf.

Regisseur Claudio Caligari gehört zu den wilden Außenseitern des italienischen Kinos. In mehr als 30 Jahren konnte er nur drei Spielfilme realisieren. Authentisch, energiegeladen und emotional, kreisen sie alle um junge Leute am Rand der Gesellschaft. Dabei entsteht eine neue, zeitgemäße Form des Neorealismus. "Non essere cattivo" wurde zu Caligaris Vermächtnis; kurz nach Fertigstellung des Films starb er im Alter von 67 Jahren an Krebs.

sehenswert!


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"Toro" von Martin Hawie: Ab 27. April 2017 im Kino (im Klick nur am 10.05.2017). Mit Paul Wollin, Miguel Dagger, Leni Speidel.

Ebenfalls im Verleih von Missing Films startet bundesweit heute "Toro" von Martin Hawie. Im Klick ist wieder Nachspielzeit angesagt, sodass der Film dort am 10. Mai 2017 um 20:00 Uhr zu einem anschließenden Filmgespräch gezeigt wird. Hier der Trailer:



"Toro" ist kein leichter Film, aber sehr intensiv. Toro (Paul Wollin) heißt eigentlich Piotr, kommt ursprünglich aus Polen und lebt seit mittlerweile zehn Jahren in Deutschland, wo er sich sein Geld als Escort für einsame Frauen verdient.

Filmkritik:
Die Kamera ist den Figuren nahe auf den Fersen. Immer leicht im Flow, bloß kein Zurruhekommen. Die Welt von Toro ist keine heile. Seit zehn Jahren verdingt er sich in Deutschland als Escort-Boy für betuchte Frauen. Aber den Traum vom eigenen Box-Studio in der Heimat Polen lässt sich nur mit harter Arbeit verwirklichen. Martin Hawie, Student an der Kunsthochschule für Medien Köln setzt Piotr, den man Toro nennt, wie einen Stier in die Hölle von Strichern, Junkies und anderen Hoffnungslosen.

Die Kamera wirft den Zuschauer mitten in dieses Millieu. Hawie und sein Kameramann Brendan Uffelmann, für ihn das Langspiel-Debüt, haben sich für das alles gleich machende Schwarzweiß entschieden. Die dokumentarische Annäherung wird nur durch die Musik ins Spielfilmhafte verschoben. Einiger Figuren hätte es überdies gar nicht gebraucht. Eine weitere Verdichtung und etwas Abstand zu den Vorbildern hätten dem Stoff gut getan. Um die Hauptfigur abzurunden, stattet Hawie “Toro” mit religiösen Motiven aus, nur um dem Mann auch noch Gott zu nehmen. Die Welt ist schlecht, nicht einmal die Kirche ein sicherer Hafen.

“Toro” lebt vor allem durch den Darsteller Paul Wollin, der diesen Piotr als harten und zarten Kerl spielt. Bis der Autor nicht mehr weiß, wie er aus dem Handlungskonstrukt rauskommen soll, und in dem Moment verschwimmen für Piotr die Grenzen zwischen Gut und Böse. Das muss man nicht gut finden, aber der Wille des Filmteams zur Aussage ist da.

Elisabeth Nagy




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