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Offener Brief zur Berlinale-Retro 2016 von H. Herbst

Filmemacher Helmut Herbst schlägt an die große Glocke, um seinen Unmut über die Filmauswahl der Berlinale-Retrospektive 2016 zu äußern.



Das 66. Jubiläum der Internationalen Filmfestspiele steht vom 11.-21. Februar 2016 an. Die ersten Wettbewerbstitel stehen bereits fest und die Plakate der Berlinale zieren diesmal einen waschechten Berliner Bär, der mal aus der U-Bahn steigt oder die Treppe zu den Kinos hinauf stürmt. Rette sich wer kann!

Wegen einer Vielzahl anderer Meldungen, die uns zum Jahresende erreichen, berichten wir normalerweise erst über die Berlinale wenn das Programm vollständig ist, denn vieles kann sich noch ändern. Ändern möchte aber auch der in den 60er Jahren preisgekrönte Filmemacher Helmut Herbst das Programm der nächsten Retrospektive, die von Dr. Rainer Rother, dem Leiter der Deutschen Kinemathek im Filmhaus am Potsdamer Platz eigenverantwortlich kuratiert wird. Diesmal wird einer der Schwerpunkte der Retrospektive das Jahr 1966 sein, also ein Rückblick auf Filme, die vor 50 Jahren in Deutschland gedreht wurden.

Helmut Herbst, Hamburger Filmemacher und von 1969-1979 selbst Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), wurde 1966 auf den Westdeutschen Kurzfilmtagen Oberhausen ausgezeichnet. Schwerpunkt seines Schaffens waren das Spezialgebiet des Animationsfilm und der experimentelle Film. In seinen Werken und Texten verbindet er die Erforschung der Technik, Geschichte und Ästhetik des Mediums Film. In den letzten Jahren hat er sich zudem um das digitale Filmerbe verdient gemacht, das permanent unterfinanziert ist, sodass viele Filme zerfallen und verschollen gehen könnten, wenn nicht bald mit Hilfe der Digitalisierung eine Rettung naht.

Gezeigt werden soll sein 1966/67 gedrehter und in Oberhausen gezeigter Film "Na und ..?.", der zusammen mit dem 2006 verstobenen Schauspieler Marquard Bohm entstanden war, dem jüngeren Bruder des Hamburger Regisseurs Hark Bohm, und einer der bekanntesten Darsteller des Jungen Deutschen Films, der durch seine Arbeit mit Rainer Werner Fassbinder in "Der amerikanische Soldat" und in "Wildwechsel" auch international bekannt geworden war. Nicht auf der Berlinale gezeigt werden soll Helmut Herbst' 1964 entstandener, aber erst 1966 ausgezeichnete Kurztrickfilm "Der Hut oder Mondo uovo", worüber sich der Filmemacher ärgert. Doch lesen sie selbst seine Stellungnahme, die als »Offener Brief« an Dieter Kosslick, den Festivaldirektor der Berlinale, gerichtet ist.

Herrn Festivaldirektor Dieter Kosslick
Betrifft: Berlinale-Retro 2016

Lieber Dieter,
aus unseren gemeinsamen Zeiten im Vorstand des Hamburger Filmhauses erinnere ich mich noch gut an Deine Überzeugung, dass in bestimmten Situationen an die große Glocke geschlagen werden muss. Nun ist es wieder einmal so weit, und es betrifft Dein Haus.

Zur Berlinale-Retro 2016 schreibst Du einleitend in der Pressemitteilung: „Das Jahr 1966 steht für herausragende Filme in West und Ost, die künstlerisch neue Wege gingen. Die Retrospektive 2016 zeigt das selbstbewusste Aufbegehren und das tastende Erkunden einer Zeit im Umbruch“. Leider geht die von Dr. Rainer Rother, Deutsche Kinemathek, verantwortete Retrospektive des gesamtdeutschen Filmjahres 1966 aber ganz eigene Wege, die weniger einer historisch annähernd korrekten Präsentation der „herausragenden Filme, die künstlerisch eigene Wege gingen“ als einer leicht zu durchschauenden aktuellen Hauspolitik Rainer Rothers folgen. Wie sonst ist es zu erklären, dass von den damals als wegweisend diskutierten Hamburger Kurzfilmen des immens wichtigen Jahres 1966 nur Helmut Costards „Klammer auf, Klammer zu“ und der cinegrafik-Film „Na und ….?.“ in die Retro aufgenommen wurden, nicht aber Franz Winzentsens „Erlebnisse der Puppe“ und mein Film „Der Hut“ (Eckelkamp-Preis u. Bundesfilmpreis 1966) etc. - dafür aber z.B. die ersten Filme der jetzigen Präsidentin der Akademie der Künste Jeanine Meerapfel, die sie während ihres Studiums in Ulm produzierte. Hamburg wurde damals - das muss ich Dir nun wahrlich nicht weiter erklären - für das Experiment und die Erneuerung des deutschen Kurzfilms zeitweilig zum wichtigsten Ort in der BRD. ( s. unten die Dokumentation meiner Mails an die Kinemathek)

Das Ganze entbehrt zudem leider nicht einer pikanten Geruchsnote: In der Branche ist ja bekannt, dass ich mit Rainer Rother unsere stark divergierenden Positionen in zentralen Fragen des Erhalts des deutschen Filmerbes auf den Internetseiten kinematheken.info und Filmerbe-in-Gefahr.de und in der Presse öffentlich diskutiere. Könnte es sein, dass er die Petition „Filmerbe-in-Gefahr“ und die öffentliche Diskussion über den richtigen Weg zur Rettung des Filmerbes als aufmüpfige Einmischung in seinen Hoheitsbereich empfindet? Ich möchte der Berlinale und mir solche Diskussionen über Personen (und nicht über Filme) ersparen, ziehe hiermit offiziell und mit allen Konsequenzen meinen Film „Na und…?.“ aus der Retro der Berlinale zurück und verzichte auf eine Teilnahme. Ich möchte mit dieser „Retrospektive“ nichts zu tun haben. Na und ?

Birkert (Odenwald), den 17.12.2015
herzlichhh
Helmut Herbst / cinegrafik


01.12.2015
Lieber Herr Rother,

vielen Dank für Ihre freundliche Einladung zur Berlinale-Retro! Dank Kinemathek gibt es ja von „Na und…?.“ eine ganz hervorragende neue Kopie (Dolby-Ton) der ursprünglichen Langfassung. Mich verwundert allerdings, dass mein Kurzfilm „Der Hut“ bei der Auswahl der Kurzfilme vergessen wurde. Er wurde auf den 12. Kurzfilmtagen in Oberhausen 1966 mit großem Erfolg aufgeführt, bekam dort den Eckelkamp- und dann den Bundesfilmpreis. 3 Jahre vor den ersten Fernsehfilmen von Monty Python gelang hier in Zusammenarbeit mit dem inzwischen verstorbenen Peter O. Chotjewitz und in Koproduktion mit dem Literarischen Colloquium, Berlin der Einstieg in ein Genre, das in Deutschland keine Vorbilder hat. Immer wenn ich diesen Film vorführe, der den Muff der 50iger und 60iger Jahre hinter sich lässt und frisch geblieben ist, stellt jemand die Frage, warum wir so leicht erkennbar bei Monty Python abgekupfert hätten. So geschehen zuletzt vor ein paar Wochen in Hannover im Kino im Sprengel.

Ich wäre Ihnen und den an der Auswahl Beteiligten außerordentlich dankbar, wenn Sie diesen Film in Ihre Planung miteinbeziehen könnten. Es ist meines Wissens auch die erste Kameraarbeit von Jürgen Jürges. Es ist ein glücklicher Zufall, dass ich gerade eine 4K-Abtastung des bei mir lagernden Negativs mit anschließender Lichtbestimmung und Tonkorrektur vorgenommen habe. Das Ergebnis liegt auf Blu-Ray vor (M-Disc), und ich war gerade dabei, diese Fassung an Martin Koerber einzutüten, wie ich das mit neuen Produkten aus meinem Scanner meist zu tun pflege. Da haben Sie nicht nur eine Ansichtskopie im Hause zur Verfügung sondern auch eine sehr gute Vorführkopie – meine alten Kopien sind dagegen sehr verkratzt u. unansehnlich.

Viel Vergnügen
Herzlich Helmut Herbst


03.12.2015
Lieber Herr Rother,
liebe Damen der Retrospektive-Auswahl,


beim Frühstück überfiel mich der Gedanke, dass ebenfalls im Jahr 1966 der erste „große“ Animationsfilm von Franz Winzentsen „Die Erlebnisse der Puppe“ ( Prod. cinegrafik) herauskam. Es ist nun einmal so, dass in diesem magischen Jahr mit Bohm, Costard, Winzentsen, cinegrafik u. a. die Hansestadt Hamburg für kurze Zeit der wichtigste Ort für die Erneuerung des deutschen „Kurzfilms“ wurde. Klaus Wildenhahn, der damals für uns die erste Brücke zu den Amerikanern baute (er hatte „filmculture“ abonniert) brachte im gleichen Jahr die Dokumentarfilme über Jimmy Smith und John Cage heraus.

Einen schönen Tag wünscht
herzlichhh


Anhang zum offenen Brief v. 17.12.15

Lieber Dieter,

hier kommt zum 4. Advent der notwendige Nachschlag zu meinem Brief vom 17.12.15 mit der Auflösung des Rätselfrage „Wozu und warum gelangen bestimmte Filme in die die Retrospektive des Filmjahres 1966 und andere wichtige Produktionen nicht?

Was auf den ersten Blick wie eine - wie auch immer - zustande gekommene „harmlose“ Besichtigung und Neubewertung des Filmjahrgangs 1966 aussieht, ist in Wirklichkeit die Generalprobe für etwas, das die Archive „Priorisierung“ nennen: D. h. die nach dem „Arche-Prinzip“ (PwC-Gutachten für die FFA) vorzunehmende Auswahl der wenigen Filme, die es wert sind, durch ihre digitale Aufbereitung vor dem Vergessen und dem physischen Zerfall gerettet zu werden. Verantwortlich für die Auswahl der Berlinale-Retrospektive 2016 sind Dr. Rainer Rother und das Retrospektive-Team, bestehend aus seiner Assistentin und Conni Betz, sowie deren Assistentin.

Nie zuvor hatten Archivarinnen und Archivare eine solche Macht. Durch einfaches Heben oder Senken des Daumens selektieren sie aus dem traurigen Zug von zigtausend Filmtiteln, der an ihnen vorüber defiliert, wer überleben darf und wer nicht. Statistisch gesehen könnte so nach der jetzigen Planung ( 10 Mio p.a.) von gut 300 Titeln jeweils nur einer gerettet werden.

Demgegenüber steht die in den Internetforen www.filmerbe-in-gefahr.de und www.kinematheken.info artikulierte Forderung nach einer Nationalbibliothek des Filmerbes, die auf HD-Niveau den von der UNESCO geforderten OPEN ACCESS zu mit öffentlichen Mitteln produziertem Wissen bietet. Die Sichtung und Klassifizierung des Filmerbes und auch die Auswahl der digital in hoher Auflösung zu restaurierenden Filme könnte dann an mehrere Teams von Filmwissenschaftlern an unterschiedlichen Orten delegiert werden.

Mit freundlichen Adventsgrüßen
Birkert, 20.12.2015
Helmut Herbst, cinegrafik


BAF schlägt Schlichtung vor.
Unser Filmverband, der Berliner Arbeitskreis Film e.V. (BAF), selbst vor mehr als 40 Jahren von Berliner Filmemachern und namhaften Absolventen der dffb im Jahre 1974 gegründet, möchte gern zur Schlichtung zwischen den Kontrahenten vermitteln.

Viele Jahre hatten wir auf der Berlinale zusammen mit der von uns einst ins Leben gerufenen BUFI die Akkreditierung der deutschen Filmemacher durchgeführt. Nach dem Umzug an den Potsdamer Platz wurde dieses Privileg im Jahre 2002 abgeschafft und die Bundesfilmorganisation (BUFI) hatte keine Daseinsberechtigung mehr. Für uns - nunmehr eines eigenen Standes beraubt - und auch für andere Filmverbände, außer der SPIO, der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft, wurde die Präsenz auf den Internationalen Filmfestspielen somit deutlich erschwert. Dennoch wollen wir nicht klagen, sondern neuen Zeiten mit neuen Techniken wie dem Internet und seiner großartigen Möglichkeit sich frei zu äußern, freudig entgegensehen.

Die Gründe, warum die von Helmut Herbst genannten Filme nicht gezeigt werden, können vielseitig sein. Sicherlich muss die Auswahl auf einem Festival auf exemplarische Beispiele begrenzt werden. Wir würden dazu gerne die Meinung von Dr. Rainer Rother hören. Wir wissen, dass der Zeitplan der Vorstellungen schon eng bemessen ist, um vieles in den wenigen Tagen der Berlinale zeigen zu können. Dennoch und gerade deshalb sind die Kinos immer ausgebucht manchmal sogar überfüllt.

Doch wie wäre es, die durchs Sieb gefallenen Werke an anderer Stelle wie z.B. im Internet zu zeigen. Die Oberhausener Kurzfilmtage gingen Anfang der Woche am Kurzfilmtag, den 21.12.2015, in dieser Hinsicht mit positiven Beispiel voran und präsentierten ausgewählte Werke für eine begrenzte Zeit für jedermann sichtbar als Stream im Netz. Nicht zum Download, sondern exklusiv für nur 24 Stunden, um jenen, die nicht zur Kinoaufführung nach Oberhausen kommen konnten, eine Gelegenheit zu bieten, die Filme doch noch sehen zu können.

Ausgewählte Filme als Stream im Internet?
Wie wäre es, wenn man im Berliner Filmmuseum zur 66. Berlinale - oder an anderer Stelle des Filmhauses am Potsdamer Platz - kurzfristig ein paar Terminals aufstellen würde, um weitere bedeutende Werke des Jahres 1966 auf Monitoren oder Flachbildschirmen für eine begrenzte Zeit zeigen zu können. Um neue Wege der Verbreitung von Filmkunst für Besucher der Berlinale zu gehen, findet zumindest Helmut Herbst unseren Vorschlag sehr interessant. Über den WLAN-Zugang der Berlinale, ließe sich sogar mit einem Passwort der freie Zugang des Internetabrufs auf einen engen Benutzerkreis von Akkreditierten begrenzen, falls dies gewünscht wird. So könnte man auch jene Filme in Zeiten von Vorführungspausen auf dem Notebook oder Tablet sehen, die nicht berücksichtigt wurden. Junge Leute haben jedenfalls damit keine Berührungsängste, denn sogar Netflix-Serien werden oftmals auf Tablets oder Smartphones mit noch kleineren Bildschirmen gesehen.

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