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Filmförderung: Der große Wurf bleibt aus

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lässt die Branche in Cannes schmoren.



Katharina Dockhorns Kommentar zur Filmförderung

Der Rote Teppich im deutschen Pavillon in Cannes ist ausgerollt, der deutsche Film feiert sich auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten einmal mehr selbst. Dabei sind die Aussichten für die deutsche Branche düster. Allgemein war erwartet worden, dass sich die Bundesregierung auf Vorschlag von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Vorfeld ein Signal setzt und das Investitionsverpflichtungsgesetz durchwinkt. Damit wären die 120 Millionen mehr für den DFFF frei, die im Bundeshaushalt für 2026 eingestellt sind. Zudem wäre der Irrweg German Motion Picture Fund passe, der von der EU nie genehmigt wurde.

Von der Seitenlinie meldet sich indes Altproduzent Martin Moszkowicz, jahrelang CEO der Constantin Film, im „Spiegel“ mit einer Wortmeldung, die klar macht, dass die gegenwärtige Novellierung der Filmgesetzgebung das Wort Reform nicht verdient. Es wird nur Geld umverteilt zu Gunsten der Produzenten und Produzentinnen. Wer deren Produkte sieht oder besser sehen kann, ist nebensächlich. Alte Strukturen aus dem 20. Jahrhundert werden zementiert statt sie insbesondere für den kommerziellen Film zu hinterfragen. Die Produktionsallianz denkt nur an das eigene Auskommen und nicht an den Zuschauer. Über Inhalte spricht niemand.

Neues Betriebssystem fürs Kino

Moszkowicz spricht von einem neuen Betriebssystem des Kinos, mit dem die Branche die Aufmerksamkeit des Publikums finden müsse. Als Beispiel nennt er „Minecraft“ und „Sqid Game“, bei denen die Macher gleich ein ganzes Ökosystem um Film, Serie und Game geschaffen haben. Das Mainstream-Kino bleibt dabei das beste Monetarisierungsmittel, wenn es begreift, dass es heute einen Event-Charakter hat. Außerdem beklagt er erneut, was in der Branche seit Jahren ein offenes Geheimnis ist. Die FFA erhebt fleißig Zahlen über den Kinobesuch. Ihre Analyse geht aber nicht wirklich in die Tiefe, weil zu viele Player aus den Ergebnissen in ihrem Marktsegment ein Staatsgeheimnis machen. So melden Verleiher nur Gesamtzahlen, ebenso die Kinos, aber es ist nicht klar, wer, wann und warum ins Kino ging.

Es fehlt auch eine Analyse, ob die Digitalisierung der Kinos den gewünschten Effekt gebracht hat, dass das Programmangebot gerade an kleineren Standorten breiter geworden ist. Bei der Masse an Neustarts gehen viele Titel an den Zuschauern in der Fläche vorbei. Dazu kommt eine zunehmend zentralisierte Presse, die gar nicht mehr auf die Bedürfnisse vor Ort eingehen kann. Influencer sind da kein Ersatz, dort hat nur der Mainstream Platz.

Veraltete Strukturen werden durch Reform zementiert

Verbissen kämpft die Branche um ihr bewährtes Fördersystem, zu dem jeder sein Scherflein beitragen soll. Fernsehen und Streamer sollen zahlen, auch wenn sie mit den Produkten nichts anfangen können. Und machen sie das nicht freiwillig, müssen sie vom Gesetzgeber gezwungen werden. Das nennt sich dann Investitionsverpflichtung.

Im Februar wurden die neuen Eckpunkte bekannt, mittlerweile machen in der Branche zwei weitere Entwürfe des Gesetzes die Runde. Letzterer enthält zwei Änderungen auf Wunsch des Finanzministeriums. Publik sind sie nicht, weshalb es schon merkwürdig anmutet, wenn sich Produktionsallianz und der Verband technischer Betriebe dazu mit Pressemitteilungen melden, die kein Beobachter einordnen könnte.

1,5 Millionen Kosten bei Einführung der Investitionsverpflichtung

Unter der Hand werden sie weitergereicht. Bleiben wir mal bei den Kosten für das Investitionsverpflichtungsgesetz. Sie schlagen erstmal mit rund 350.000 beim Bund für die Kontrolle und mit gut einer knappen Million Euro für die Bewältigung der Bürokratie in der Branche zu Buche. Der Staat zahlt drauf, und die Produktion wird nochmals teuer – ohne dass der steuerzahlende Zuschauer was davon sieht.

Die aus dem Februar bekannten Eckpunkte sind so geblieben. Streamer und Sender sollen 8% ihres Nettoumsatzes in Deutschland bzw. ihrer Programmkosten in audiovisuelle Werke investieren. Davon sollen:

- mindestens 60 Prozent für Investitionen in die Herstellung neuer europäischer audiovisueller Werke aufgewendet werden;

- mindestens 80 Prozent in europäische audiovisuelle Werke investiert werden, die eine deutsche kulturelle Prägung aufweisen;

- mindestens 70 Prozent in europäische audiovisuelle Werke investiert werden, die von unabhängigen Filmherstellern erstellt werden.

Unterquoten wie in Frankreich für Kinofilme, wie sie Claudia Roth einst auch vorgeschlagen hatte, sind nicht vorgesehen.

Lobby der Produzenten unzufrieden mit Entwurf

Die Produktionsallianz fordert indes höhere Quoten, sie will den Rahmen ausschöpfen, den die EU gelassen hat. Danach können die Länder bis zu 25% gehen. Diesen Rahmen hat ein Land ausgeschöpft. Deutschland liegt im Mittelfeld. Höher sind die Quoten in Frankreich und Italien, in Dänemark ungefähr gleich, in Spanien und den anderen Ländern darunter.

Verbissen kämpfen die Produktionsunternehmen um den Rechterückbehalt, am liebsten hätte sie bei Titeln, die Sender oder Streamer komplett bezahlt haben, die Rechte schnell zurück. Diesen Ansatz hatte Claudia Roth zunächst übernommen, war aber bereits zurückgerudert. Nun ist folgende Regel angedacht:

- bei einem Eigenanteil des Herstellers von unter neun Prozent der Gesamtherstellungskosten sofern der Hersteller die wesentlichen Rechte einbringt, die dem Werk zugrunde liegen, maximal für sieben Jahre,

- bei einem Eigenanteil des Herstellers von neun Prozent bis zu 30 Prozent der Gesamtherstellungskosten maximal für sieben Jahre,

- bei einem Eigenanteil des Herstellers von über 30 Prozent bis zu 50 Prozent der Ge-samtproduktionskosten maximal für fünf Jahre und

- bei einem Eigenanteil des Herstellers von über 50 Prozent der Gesamtproduktionskosten maximal für drei Jahre.

Als Eigenanteil zählen auch die steuerfinanzierten Bundesmitteln gewährte Förderung, was die Filmabgabe ausschließt, die „Spot“ dazurechnete. Alle Kinofilme, die mit 50% Steuergeldern aus verschiedenen Quellen plus dem im DFFF geforderten Eigenanteil der Unternehmen erstellt werden, dürften daher bei drei Jahren landen. Was zumindest bei einigen Titel auf wenig Gegenliebe der Verwerter treffen dürfte, die im Home-Entertainment-Bereich weiter auswerten wollen. Auf der anderen Seite sind diese Zeiträume für die Produktionsallianz zu lang.

Neue Geschäftsmodelle in Gefahr?

Zudem ist fraglich, ob es nicht auch neue Geschäftsmodelle killt. Seit „Babylon Berlin“ finanzieren Pay- TV und öffentlich-rechtliche Sender gemeinsam. Mehrmals wanderten Serien nach der Ausstrahlung bei ARD oder ZDF nicht in deren Mediatheken, sondern bei Streamern.

Im Zweifel kann das Gesetz sogar kontraproduktiv für die Produktion in Deutschland sein, die mit der Förderung des DFFF im Land gehalten werden sollen. Mit seinen potentiell international attraktiven Titeln könnten alle Verwerter, die schon heute mehr als 8% ihres Umsatzes in Deutschland ausgeben, weiter einen großen Bogen um Deutschland machen und auf Tschechien und Ungarn setzen, die keine Investitionsverpflichtung kennen. Auch die neuen Richtlinien des DFFF mit einer Obergrenze von 25 Millionen pro Titel macht es ihnen ebenso wie Hollywoods Studioproduktionen leicht, Deutschland die kalte Schulter zu zeigen.

Die gesamten Reformen wirken, als seien sie nicht bis zum Ende gedacht. Es ist nicht zu erwarten, dass die 250 Millionen in den Etats von DFFF und GMPF in diesem Jahr ausgegeben werden, da auch die Budgets weiter sinken. Die einzigen, die sich freuen, sind die Kinos. Wenn zehn Millionen am Jahresende übrigbleiben, geht das Geld an sie.

Wenigstens das Gesicht wahren

In Cannes muss die Branche beim Verhandeln und Champagnerschlürfen indes gute Miene zum bösen Spiel machen. Da Gesetzentwurf und Richtlinie noch nicht verabschiedet sind, ja offiziell nicht mal bekannt sind, kann sie nur mit der Hoffnung auf Besserung werben. Und hat immer im Hinterkopf, besser wird es nicht.

Ein wenig hat sie sich diesen Stau auch selbst mit ihrer peinlichen Show auf dem Produzententag am Tag der Berlinale-Eröffnung zuzuschreiben. Niemand stellt einen Minister so bloß, wie es die Branche an diesem Donnerstag getan hat. Peinlich war auch der Empfang für Ole Püschel, dem wichtigsten Mann im BKM für die Gesetzgebung, auf einer Branchenveranstaltung in Berlin behandelt wurde. Denn das BKM sitzt letztlich am längeren Hebel. Das mag man für kleinlich und nicht sachorientiert halten. Aber jeder weiß doch unter der Hand, wer wirklich im Hintergrund an ihnen vorbei die Fäden bei dieser Gesetzgebung zieht.

Katharina Dockhorn