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Take the money and Run

Kommentar von Katharina Dockhorn zu den von uns gestern dargelegten Investitions-Zahlen des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer.



Take the money and Run

Auf diesen Nenner lässt sich das Papier bringen, mit dem Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die deutsche Filmbranche zukunftsfest aufstellen will. Wie seit Sommer bekannt, präferiert er statt eines Steuersparmodell eine Weiterführung von DFFF und GMPF.



Deren Aufstockung verknüpfte er mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung von Streamern und Sendern, in Deutschland zu investieren.

Das nun vorliegende Umsetzungskonzept, das Weimers Chef Friedrich Merz am morgigen Donnerstag, den 11. Dezember 2025 im Kabinett vorstellen will und verteidigen muss, sieht freiwillige Zusagen der großen Contentnutzer aus dem deutschen Markt vor. Als letzte Player hatten auch die Gremien der ARD dem Kompromiss zugestimmt.

Unverbindliche Zusagen für mehr als 15 Milliarden Euro

Die Verpflichtungen sind rechtlich unverbindlich, und unter dem Strich stehen dort oft die Summen, die derzeit ausgegeben werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen 2026 bis 2030 6,5 Mrd. Euro in Fiktionales stecken, bislang zahlt alleine die ARD 900 Millionen im Jahr. Die privaten Sender wollen mit 7 Milliarden dabei sein, hier läuft es dann wohl auch auf ein Nullsummenspiel hinaus. So hat RTL gerade angekündigt, im traditionellen TV Angebot einen zweistelligen Millionenbetrag einzusparen, mindestens 600 Arbeitsplätze fallen weg. Das Geld wandert zu RTL+ - unklar ist, wie viele Menschen dann dort in Lohn und Brot stehen werden.

Die Streamingdienste verpflichten sich zu Investitionen im Wert von 1,83 Milliarden Euro und kommen vergleichsweise billig weg – eine gesetzliche Investitionsverpflichtung von 15% auf den in Deutschland anfallenden Umsatz, wie zuletzt von Claudia Roth angedacht, würde 2,18 Milliarden bringen.

Lenkungsfunktion über Richtlinien von DFFF und GMPF

Verbunden ist dies alles mit der Hoffnung, dass das Geld in Deutschland ausgegeben wird. Verbindlich will dies keiner zusagen, womit sich der Blick zumindest für den Teilbereich Kino und Serie auf die Höhe und die Förderrichtlinien von DFFF und GMPF richten muss, die zum 1. Juli 2026 überarbeitet werden sollen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass die Förderbedingungen gelockert werden. Wer an die Fördertöpfe will, muss das Geld in Deutschland ausgeben. Wer dagegen die Kosten alleine oder mit anderen privaten Investoren trägt und auf deutsche Fördergelder ganz oder teilweise verzichtet, kann weiter frei entscheiden, wohin er in Europa mit seiner Produktion oder Teilen davon geht. Dies wäre auch bei einer gesetzlichen Investitionsverpflichtung nicht anders

Ein Effekt des Modells wird wohl sein, dass alle Nutzer höhere Budgets auf Kosten der Steuerzahler für geförderte Serien und Filme bewilligen, damit in Deutschland gearbeitet werden kann. Denn die Förderkassen sind dann üppig gefüllt. Knapp 600 Millionen Fördergelder wären im Markt, was bei einer Quote von meist 50% öffentlicher Förderung pro Projekt ungefähr einem Produktionsvolumen von mindestens einer bis zu knapp zwei Milliarden Euro entspricht. Bei drei Milliarden Euro Zusagen in der Investitionsverpflichtung zählen wohl dann auch Entertainment-Formate, Seifenopern und ähnliche Formate mit.

Auch die Zahl der verwirklichten Projekte wird wohl steigen, ohne dass irgendjemand bei den Geldgebern fragt, wer die sehen will und ohne Kinoförderung sehen kann. Erschreckenderweise ist die künstlerische Qualität für den Kulturstaatsminister bedeutungslos, das kleine Wörtchen Kultur taucht im fünfseitigen Papier nicht auf. Es geht ihm ausschließlich um Wirtschaft und Arbeitsplätze.

Knackpunkt bleibt Verzicht auf Steueranreizmodell

Vom Winde verweht scheinen dagegen die Hoffnungen, dass die große Filmförderreform in Deutschland erneut das große Geld aus Hollywood anzieht, das besonders hohe Regionaleffekte erzielt. Bis zu sechs Euro auf einen Fördereuro geben internationale Großproduktionen in Deutschland aus. Doch DFFF und GMPF sind im Vergleich zu den Steueranreizmodellen in Ländern wie Ungarn, Tschechien oder Malta nicht konkurrenzfähig, wo die Steuerrabatte höher ausfallen und/oder die Kosten niedriger sind. Sie werden weiterhin auch ein Magnet für deutsche Produzenten bleiben.

30% Steuerrabatt sind in einem Hochlohnland wie Deutschland angesichts der Konkurrenz zu wenig. Es liegt also nicht nur an der mangelnden Planbarkeit bei einer freiwilligen Investitionsverpflichtung, sondern eher auf dem politischen Beharren auf dem DFFF-und GMPF-Modell, deren Etat jedes Jahr vom Bundestag bewilligt werden muss, dass die deutsche Filmbranche in der Krise ist, wie jetzt Produktionsallianz und andere Lobbyverbände beklagen.

Rechterückbehalt abgeschwächt

Mit einer höheren Quote könnte auch DFFF und GMPF konkurrenzfähig sein. Nach seiner Einführung hat der DFFF zehn Jahre gut funktioniert, in Babelsberg gaben sich die Stars die Klinke in die Hand. Damals waren die Förderbedingungen in Deutschland top und zogen Talente an, doch längt haben andere Länder weltweit nachgezogen. Den Zug hat Deutschland verpasst, nicht zuletzt, weil die deutschen Produzenten allzu lange Kulturstaatsminister und Ministerinnen mit Standing Ovations feierten, wenn sie ein paar Milliönchen mehr in die Fördertöpfe steckten. Nachhaltige Reformen forderten sie viel zu spät ein.

Die Verbände sind wohl auch unzufrieden, weil ihr Lieblingsanliegen, der Rechterückbehalt, im Gesetzgebungsprozess deutlich abgeschwächt wurde. Zur Erinnerung, der erste Entwurf zur Investitionsverpflichtung von Claudia Roth sah vor, dass selbst bei 100prozentigen Auftragsproduktionen die Rechte zurück an die Produktionsunternehmen gehen sollten. In den Selbstverpflichtungen bleibt es hingegen bei der alten Regel. Die Rechteverteilung richtet sich nach dem Finanzierungsanteil und Risiko.

Mangelnde Transparenz und keine Strafen

Kotrollieren soll die Selbstverpflichtungen die FFA, die zu Stillschweigen verpflichtet ist. Transparenz gibt es nicht, da beugt sich Wolfram Weimer dem Willen der Zahler. Unbekannt ist auch, ob und welche Strafen drohen, wenn die Verpflichtung nicht eingehalten wird. Zur Mitte der Legislaturperiode soll das Konstrukt zudem evaluiert werden – daran kann kein Mensch glauben. Vor Mitte 2027 wird es noch keine verlässlichen Auswertungen geben, und nach einem Jahr wäre ein Urteil wohl zu früh.

Entscheidend ist nun, ob Finanzminister Lars Klingbeil die Vorlage von Weimer akzeptiert. In seinem Haus sitzt allerdings sein alter Spezi Björn Böhning als Staatssekretär. Er ist zwar offiziell nicht für den Film zuständig, Klingbeil dürfte aber vielleicht trotzdem seinen Rat suchen. Und Böhning steht aus seinem Engagement bei der Produktionsallianz im Wort, den Rechterückbehalt durchzusetzen.

Weimer darf nicht nochmals beschädigt werden

Allerdings rechnet niemand damit, dass das Vorhaben scheitert. Mit seinem Auftritt in der ARD ist der ohnehin schon politisch angeschlagene Wolfram Weimer so weit vorgeprescht, dass der Kanzler eine weitere Beschädigung des Mannes im Zweifel mit seiner Entscheidungsmacht verhindern wird.

Trotz aller verständlichen Bedenken sollte die deutsche Filmbranche sich vorerst mit dem Modell zufriedengeben. Schließlich sind 250 Millionen Film- und Serienförderung beinahe eine Verdoppelung der bisherigen Etats. Die Maßnahme sichert viele Arbeitsplätze in der Branche, denn das Geld muss hier ausgegeben werden. Und es muss erstmal sinnvoll ausgegeben werden.

Katharina Dockhorn

NACHTRAG:
Die Vorstellung des von Wolfram Weimer geplanten Konzeptes wurde am Donnerstag im Koalitionsausschuss von der Tagesordnung ebenso zurückgezogen wie das Gebäudeenergiegesetz, dessen Novelle im Volksmund als "Heizungsgesetz" bekannt geworden ist und eigentlich abgeschafft werden sollte.

Es klingt fast wie eine Satire, dass Letzteres vielmehr ohne Änderungen in "Gebäudemodernisierungsgesetz" umbenannt werden soll, was quasi einem Etikettenschwindel gleichkäme, während beim vom Kulturstaatsminister vorgeschlagenen Papier zur Filmförderung offensichtlich größere Bedenken bestanden, sodass es am Donnerstag im Bundestag gar nicht erst erörtert wurde, erklärte uns unsere Kollegin Katharina Dockhorn am Freitag, den 12. Dezember 2025.

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PS: (post scriptum)

Der als geflügeltes Wort bekannt gewordene Ausspruch "TAKE THE MONEY AND RUN" ist nicht nur ein bekannter Titel von Woody Allens Mockumentary-Verfilmung aus dem Jahre 1969 über das Leben und die Zeit des unfähigen Bankräubers Virgil Starkwell im San Quentin State Prison von San Francisco, sondern jüngst auch der Titel des beim DOK Leipzig Festival präsentierten Dokumentarfilms von Ole Junckers über den dänischen Konzept-Künstler Jens Haaning, der eine mit 70.000 € bereits bezahlte Auftragsarbeit nicht ausführte, sondern stattdessen drei eingepackte leere Leinwände abgab und weglief.

Titelgebend ist das Wort auch im gleichnamigen Lied und Songtext der Steve Miller Band, das 1976 auf dem Album "Fly like an Eagle" erschien ist, sowie in einer neuen sechsteiligen True-Crime-Serie des ZDF, die auf wahren Begebenheiten beruht und den Aufstieg und Fall der "Kryptoqueen" Dr. Ruja Ignatova zeigt, eine der größten Finanzbetrügerinnen aller Zeiten.

Die laut Katharina Dockhorn sehenswerte sechsteilige ZDF-Serie "Take the Money and Run" feiert allerdings erst Anfang 2026 ihre Premiere. Wie das ZDF mitteilte, steht die Produktion von Pyjama Pictures ab Montag, den 5. Januar 2026 im Streaming-Portal des Senders zur Verfügung. Geplant ist darüber hinaus auch eine lineare Ausstrahlung bei ZDFneo ab dem 11. Januar 2026 jeweils sonntags um 20:15 Uhr in Doppelfolgen.

In der Hauptrolle als Dr. Ruja Ignatova ist Nilam Farooq („jerks.“, „8 Zeugen“) zu sehen.

Synopsis:
Im Jahr 2014 gründete Dr. Ruja Ignatova (Farooq) mit „OneCoin“ eine neue Kryptowährung, die recht schnell ein wachsendes Imperium in der weltweiten Finanzwelt wird. Drei Jahre später macht sie sich mit einem zweistelligen Milliardenbetrag veruntreuten Geldes aus dem Staub, nachdem sie zahllose Investoren betrogen hatte. Zurück bleibt ihr Geschäftspartner Sebastian Greenwood (Charlie Petersson) ebenso wie ihr wichtigster Geldwäscher Gilbert Armenta (Mads Korsgaard), die beide verhaftet werden, nachdem der gigantische Betrug aufflog. Das FBI, Europol und das BKA heften sich unerbittlich an Rujas Fersen – doch dann verliert sich ihre Spur im Nirgendwo. Bis heute bleibt die meistgesuchte Frau der Welt verschwunden.