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"Barbie" versus "Oppenheimer" - Kitsch gegen düstere Reality und obendrein noch eine Doku!

Die Hoffnungen der Filmbranche auf bessere Kino-Zeiten mit höheren Einspielergebnissen werden derzeit vor allem von der Realverfilmung des Spielzeugklassikers "BARBIE" und Christopher Nolans Film "OPPENHEIMER" über den Vater der Atombombe bestimmt.



Die Führung im Ranking um die aktuell besten Zuschauerzahlen scheint offensichtlich das rosarote "BARBIE"-Spektakel von Warner Bros. für sich zu entscheiden, obwohl die vom angesehenen Autorenfilmer Christopher Nolan adaptierte "OPPENHEIMER"-Biografie von Kai Bird und Martin J. Sherwin über den „Vater der Atombombe“ angesichts der bedrohlichen Kriegslage in Europa das ernsthaftere und wichtigere Filmthema für alle Kinobesucher wäre.

Christopher Nolans Film "Oppenheimer" wurde in ganz kurzer Zeit (57 Tage) gedreht. Der düstere Thriller spielt während des Zweiten Weltkriegs, als Physiker J. Robert Oppenheimer an der Entwicklung der Atombombe arbeitete. Die 70mm Vorstellung im Berliner Zoo Palast war am Samstagabend komplett ausverkauft gewesen. Wegen drei Stunden Laufzeit kann der Film allerdings im Kino nur weniger Vorstellungen als "Barbie" belegen und landet deshalb auf Platz zwei der Charts, aber immerhin noch vor dem 7. Teil von "Mission: Impossible", dem neuesten Werk mit Tom Cruise. "Barbie" hatte von Donnerstag bis Sonntag etwa 155 Millionen US-Dollar (139 Millionen Euro) in den USA und Kanada eingespielt.

OPENHEIMER: Historiendrama von Christopher Nolan, der die Lebensgeschichte des „Vaters der Atombombe“ behandelt. (USA / Großbritannien, 2023, 181 Min. gedreht in 70mm) Mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Robert Downey Jr., Matt Damon, Rami Malek, Kenneth Branagh, Florence Pugh u.a. seit 20. Juli 2023 im Kino.

Hier der Trailer:



Elisabeth's Filmkritik:

J. Robert Oppenheimer gilt als Vater der Atombombe. Auch wenn man filmbegeistert ins Kino drängt, um Christopher Nolans neues Werk auf der größtmöglichen Leinwand zu sehen, um im Dunkel eines Saales die Explosion von "Trinity", so nannte man die erste Bombe, die in Los Alamos erfolgreich als Test gezündet worden war, "heller als tausend Sonnen" das Bild ins helle Nichts ausbrechen zu sehen, ein paar Brocken Geschichtswissen sollte man mitbringen. Nolan ist für die einen der Erzähler im Rückwärtsgang ("Memento"), für andere der Ergründer der tiefsten Dunkelheiten im Genre der Superhelden ("Batman Begins", "The Dark Knight") und natürlich der Zauberer der verschachtelten Erzählstränge ("Inception", "Tenet").

Mit "Oppenheimer" bricht auch für Nolan ein neuer Abschnitt an. Als während der Pandemie die Kinos, wie so ziemlich alles, geschlossen wurden, wollten die Studios, im Fall von "Tenet" war das Warner Bros., auf Streaming Portale ausweichen. Nolan, ein Verfechter der Filmrezeption im Kinosaal überwarf sich mit Warner und so sind es jetzt die Universal Studios, die "Oppenheimer" ins Kino bringen. Die Zeiten, in denen die Studios Streaming parallel denken, ist eigentlich auch schon wieder vorbei und man könnte diesen Wechsel der Studiobeheimatung fast vergessen, wenn die amerikanischen Warner Bros. Pictures nicht bewußt ihr Zugpferd "Barbie" zum gleichen Starttermin angesetzt hätten. Was immer der Auslöser für dieses Kopf an Kopf-Rennen war, Filmenthusiasten nahmen die Herausforderung an. Kinos terminierten Doppelvorführungen, Fans konzipierten Filmplakate, die diese im Prinzip gegenteiligen Filmgenres derart verschmolzen, dass "Barbenheimer" in aller Munde ist.

Ein klein bißchen Beleidigtsein spielt auch in "Oppenheimer" eine entscheidende Rolle. Aber ich will der Handlung in dem Biopic nicht vorgreifen. Auch Nolan konnte sicherlich nicht ahnen, dass ein Film über die Erweiterung des Waffenarsenals, um eine Machtstellung im Weltgefüge zu demonstrieren und zu halten, derart an Aktualität gewinnt, wie es seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr der Fall war. Nolan bedient sich einem Monsterwerk an Biographie. Über 20 Jahre arbeiteten der Historiker Martin J Sherwin und der Publizist Kai Bird an "American Prometheus: The Trial and Tragedy of J. Robert Oppenheimer". Auf diesem Werk baut nun Christopher Nolan seine Erzählung auf und stellt damit auch die Frage nach der Verantwortung. Ohne aber hier das letzte Wort zu sprechen. "Oppenheimer", der aktuelle Film, ist nur das aktuelle Kapitel in der Reihe von Filmen über die historische Figur, über die damaligen Ereignisse, über die Atombombe, das Manhattan Projekt, über den Abwurf von "Little Boy" und "Fat Man" über Japan und über deren Folgen.

Dabei spielt Nolan wieder einmal mit mehreren Zeitebenen. Zu einem Drittel erzählt er den Werdegang von Oppenheimer, der hier von Cilian Murphy gespielt wird. Von der Langeweile im Labor führt ihn sein Weg bis nach Deutschland, wo er Heisenberg begegnet, und zurück. "Oppenheimer" ist dabei kein Film über die Quantenphysik oder über Wissenschaft, auch wenn hier so viele Wissenschaftler (und leider keine Wissenschaftlerin) auftauchen, dass man nur wenige von ihnen wirklich einordnen kann. Vielleicht bleibt neben Heisenberg gerade noch Albert Einstein (Tom Conti) im Gedächtnis. Heisenberg weil Matthias Schweighöfer ihn darstellt. Einstein weil die Dramaturgie hier bewußt einen Bogen wirft. Und ferner der spätere Kontrahent Ed Teller, ihn spielt der Schauspieler und Regisseur Benny Safdie, der auf die Entwicklung der Wasserstoffbombe setzt. Er gilt als "Vater der Wasserstoffbombe", die Oppenheimer vehement ablehnte.

Nolan setzt zu einem weiteren Drittel auf den Aufbau des Manhatten Projektes, dessen Projektleitung in militärischer Hand lag. General Leslie Groves Jr., gespielt von Matt Damon, ist zwar ein misstrauischer Hund, aber ohne die Wissenschaftler, geht es halt nicht und somit kommt Oppenheimer als Leiter der Forschung zum Einsatz. Nolan spielt mehr auf das Zusammenspiel der unzähligen Akteure, die rasante Entwicklung wird gerade mal mit dem Blick auf eine Glasschale getaktet, die sich mehr und mehr mit Murmeln füllt. Die Frage, ob der Krieg nun wirklich nur mit dem Eintritt in ein nukleares Waffenzeitalter zu beenden war, ob die Mittel, die ins Manhatten Projekt gesteckt wurden, nicht anders besser angelegt gewesen wären, als das kommt hier nicht zur Sprache. Das macht "Oppenheimer" quasi zum Militärfilm und eben nicht zum Wissenschaftsfilm und nur bedingt zum Politik- beziehungsweise Geschichtsfilm.

Ja, die Politik. Schon recht früh führt Nolan den dritten Handlungsstrang ein, der Oppenheimer im Verhör zeigt, weil man in ihm auf Grund seiner Kontakte zur kommunistischen Partei, einen russischen Spion vermuten wollte. Robert Downey Jr. spielt den Politiker Lewis Strauss und drückt damit Murphy fast an die Wand. Strauss, Mitglied und später Vorsitzender der "United States Atomic Energy Commission", war die maßgebliche Triebfeder, Oppenheimers Sicherheitsberechtigung zu entziehen. Als Referenz sollte man mal kurz die Suchmaschine anwerfen und nach der deutschen Fernsehproduktion "In der Sache J. Robert Oppenheimer" von 1964 suchen, die diese Verhöre anhand von den damaligen Protokollen, so authentisch wie nur möglich, in Szene setzte.

Ist denn nun Christopher Nolans "Oppenheimer" großes Kino? Unbedingt. Allerdings ist es nicht der ultimative Film im Werk des Regisseurs. Es liegt gar nicht mal an dem Zuviel an Akteuren, oder dass man auch mit guten englischen Sprachkenntnissen nicht immer alles akustisch versteht. (Was vielleicht in der deutschen Synchronisation ausgebügelt werden kann.). Nolan setzt auf 70mm Film, sogar auf Imax (wenn man denn ein Imax-Kino in der Nähe hat). Visuell ist das phänomenal, was sein Director of Photography Hoyte Van Hoytema für die Leinwand entwirft. Man möchte den Film gerne noch einmal sehen, einfach um all die hervorragenden Darsteller wirklich wahrzunehmen. Da ist es vielleicht ein Wehmutstropfen, dass Nolan nun wahrlich nicht für komplexe Frauenrollen bekannt ist. Es mag Jammern auf hohem Niveau sein, doch es fällt auf, dass weibliche Errungenschaften im Feld der Kernspaltung nicht einmal Erwähnung finden. Es gibt im Umfeld Oppenheimers gerade mal zwei prominente Frauenrollen und beide verblassen hier zu Klischees. Emily Blunt spielt Oppenheimers Frau Kitty und Florence Pugh die Geliebte Jean Tatlock, die vielleicht interessant wäre, würde sie hier nicht nur als Objekt des Frauenheldes gezeichnet werden. Dieses Bild eines Frauenheldes, der zuminest für eine Einstellung mit einem noch gewaltigeren Moment, als die Explosion von "Trinity", in Gedächtnis bleiben wird, fügt der gebrochenen Figur eines Wissenschaftlers, der an den Folgen seiner Forschung arbeiten muss oder sollte, nichts hinzu, sondern lenkt ab. Die Frage nach der Verantwortung, die beantwortet Nolan nicht.

Elisabeth Nagy


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Die Deutschlandpremiere von "Barbie" im Theater am Potsdamer Platz, dem als Berlinale Palast bekannten Filmtheater, war mit der Anwesenheit der Hauptdarsteller*innen lange geplant. Doch wegen des Streiks der US-Schauspielergewerkschaft »Screen Actors Guild« (SAG-AFTRA) - wir berichteten hier - kamen Margot Robbie und der platinblond gefärbte Schönling Ryan Gosling nicht zur Premiere nach Berlin. Man musste sich mit deutschen Prominenten und Kommentaren von den Ochsenknechts zufrieden geben.

"BARBIE" Komödie von Greta Gerwig als inszenierter Kino-Hype dieses Sommers. (USA / Großbritannien / Kanada, 115 Min.) Mit Margot Robbie, Ryan Gosling, America Ferrera, Kate McKinnon u.a. seit 20. Juli 2023 im Kino.

Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Die erste Barbiepuppe kam 1959 auf den Markt. Vorher haben die die Mädchen noch mit Babypuppen gespielt. Gleich zu Anfang ihres Kinofilms BARBIE zeigt Greta Gerwig, wie kleine Mädchen ihre Babypuppen zugunsten der auf den Markt kommenden Barbiepuppen zerschlagen.

In ihrem Realfilm zeigt Gerwig unterhaltsam, wie der Hype um die Puppe sie zum Kultspielzeug machte, wie sie geliebt und gehasst wird, für die einen, eine feministische Vorzeigefigur, für andere verachtet und bekämpft wegen ihres rückschrittlichen Verhaltens. Reiz- und Hassfigur zugleich.

Jetzt soll die Puppe in Gestalt von Margot Robbie die Kinoleinwand erobern. Die vermenschlichte Puppe ist schöner, als es jede Puppe sein kann.

It‘s a Barbieworld. Alles ist wie gewöhnlich in Pink- und Pastelltönen gehalten. Robbie darf viele bekannte Outfits der perfekten Puppe tragen. Sogar barfuß läuft sie auf Zehenspitzen, als ob sie ihre Stöckelschuhe trägt. Oh je. Am Morgen nach einer Party senkt sich ihr Fuß nicht mehr ab. Diagnose: Plattfuß. Und dann entdeckt sie auch noch Cellulite. Ihre Welt ist plastikbunt, sie kann alles erreichen und es gibt nichts, das nicht perfekt wäre, dachte sie bisher. Als in den Sechzigern, die Frauenbewegung stärker wurde, kritisierten sie dieses Modepüppchen als pure Männerphantasie. Die Firma Mattel reagierte und entwarf die sogenannte Business-Barbie, die nun auch zur Arbeit ging. Doch um perfekte Körpermaße ging es noch weiterhin. (99-46-84). Es ist interessant zu erfahren, daß es die „Bild“- Zeitung war, die in den Fünfzigern und Sechzigern einen Comic mit einer weiblichen Figur, namens Lilli druckte und von der wurde dann aus Werbegründen eine Puppe hergestellt.

Genau die entdeckte die Matell-Mitbegründerin Ruth Handler bei ihrer Europa-Tour in Luzern. Hoch erfreut nahm sie diese Puppe mit nach Hause in die USA und konnte ihre Kollegen der Firma Matell überzeugen. Das war die Geburtsstunde der ersten BARBIE, zum ersten Mal vorgestellt auf der Spielzeugmesse in New York, 1959. Sie erhielt den Namen „Barbara“, nach dem Namen ihrer Tochter. Zwei Jahre später kam die männliche Puppe Ken dazu und viele verschiedene unterschiedliche Puppen und diverses Zubehör. Einer von Barbies ersten Berufen war Astronautin, schon vier Jahre vor der Mondlandung. Mit jeder Zeitenwende änderten die Männer von Mattel Kostüme, Frisuren und auch Hautfarbe der Puppen. Es gibt sogar eine Rollstuhl-Barbie und eine Trans-Barbie. Nach wachsender Kritik wurden auch die Körpermaße der Puppen kurvenreicher.

Seit der Coronazeit sind die Verkaufszahlen der Puppe mächtig gestiegen. Mattel verzeichnet 1,7 Milliarden Umsatz im Jahr 2021, nur mit Barbiepuppen.

Wer jetzt denkt, dass Greta Gerwig („Ladybird“, „Little Women“) einen knallbunten Werbefilm gedreht hat, der irrt. Richtig ernst wird es als Barbie für einige Zeit im echten Leben verbringt und feststellt, wie sehr viel anders dort alles ist. Freund Ken (Ryan Gosling, strahlend blond) der dabei ist, stellt fest, dass das Patriarchat für Männer viel besser ist als das Leben der Kens in der Barbiewelt, dem Matriarchat. Dass Gerwig ab und zu auch in den Kitsch abgleitet, ist ja bei diesem Thema nichts Außergewöhnliches.

Es soll hier nicht zu viel verraten werden. Gerwigs Film ist mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet und enthält viel Witz. Die Firma Mattel hat bestimmt auch ein Wörtchen mitgeredet. Dass es der Produktion gestattet wurde mit einer Parodie auf den berühmten Anfang von Stanley Kubricks Meisterwerk „2001“ den Film beginnen zu lassen, ist verwunderlich, zeigt aber dass Gerwig offensichtlich viel Spielraum hatte. Eins ist so gut wie sicher: Ihr Film wird allen gefallen, auch denen die die Barbie-Welt gehasst haben. Wer fühlt sich jetzt nicht angesprochen? Der Soundtrack wird von Popstars der A-Liste gesungen.

Gerwig hat das unterhaltsame und kritische Drehbuch zusammen mit ihrem Mann Noah Baumbach geschrieben. Sie beide liefern ein herrlich reflektiertes Ende, das gleichzeitig ein Neuanfang ist.

Ulrike Schirm


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"GEHEN UND BLEIBEN" Dokumentation von Volker Koepp über den 1984 in England verstorbenen deutschen Schriftsteller Uwe Johnson und seine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte. (Deutschland 2023, 168 Min.) Mit Peter Kurth. Seit 20. Juli 2023 in einzelnen Kinos. Eine Übersicht über die Vorführungen in Anwesenheit des Regisseurs gibt es hier beim Salzgeber Verleih.

Hier der Trailer:



Elisabeth's Filmkritik:

Denkt man in Berlin an Uwe Johnson (1934 - 1984)... Präziser ausgedrückt, denkt man in Friedenau an Uwe Johnson, dann kommt oft direkt die Referenz an seinen berühmten Nachbar Günter Grass. Wobei: Uwe Johnson zieht im Herbst 1959 in die Niedstraße in Berlin-Friedenau. Günter Grass wiederum bezieht 1964 eine Wohnung im Nachbarhaus. Eventuell kommt dann in Gesprächen sogleich die Erinnerung an die Kommune 1 zur Sprache, die sich bei Johnson breit gemacht hatte, während Johnson in den Staaten lebte, und dass er dann Grass eine Vollmacht geschrieben hatte, damit er die Gäste, die über Gebühr sich breit gemacht hatten, hinauswerfen lasse. Das möge jetzt eine Randnotiz bleiben. In Volker Koepps Dokumentarfilm geht es zwar auch um eine Verortung, es geht sogar ganz konkret um Heimat und ein Heimatgefühl.

Aber Koepp, der aus Pommern stammt, spürt dem deutschen Schriftsteller in seiner Geburtsheimat nach. Es geht ihm um ein Gehen und um das Bleiben. Beides. Denn, es gibt einen Ort zu dem man sich, auch wenn man woanders eine Adresse hat, zugehörig fühlt. Im Fall Uwe Johnson ist das Mecklenburg. Zitat: "Aber wohin ich in Wahrheit gehöre, das ist die dicht umwaldete Seenplatte Mecklenburgs von Plau bis Templin, entlang der Elde und der Havel."

Johnsons wohl bekanntestes Werk ist der Zyklus "Jahrestage", in dem er einen Bogen von der deutschen Geschichte von der Weimarer Republik bis zum Prager Frühling spannte, während die Hauptfigur Gesine Cresspahl auch im New York der 60er Jahre lebte. Johnson stammte aus Mecklenburg. Seine Eltern lebten in Anklam, nach Kriegsende zog die Familie vor der Roten Armee ausweichend in die Nähe von Güstrow, einer Kreisstadt im Landkreis Rostock. Später, als der Vater in russischer Kriegsgefangenschaft starb, wurde Güstrow der Lebensmittelpunkt. Den Studienort Rostock verlegte Johnson nach Leipzig und er ging dann nach Berlin. Mitte der 60er Jahre lebte er in New York. Viel zu früh starb er in Sheerness on Sea, in England, wo er die letzten 10 Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Volker Koepp, kam auf Uwe Johnson, als er nach einer Premiere seines Filmes "Seestück", ein Buch über Geschichten von der Ostsee geschenkt bekommen hatte. Darin war auch ein Textauszug aus "Jahrestage", genauer gesagt, eine Beschreibung von dem Untergang der Cap Arcona in der Lübecker Bucht 1945, an Bord Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme. Johnsons Texte, die sich gegen ein Vergessen richteten, klangen für Koepp aktueller denn je, denn eine Geschichtsvergessenheit unserer Gesellschaft lässt sich kaum mehr leugnen. Genau wie Johnson, sieht auch Koepp die Spuren eines Krieges, vieler Kriege, in dem Land der Heimat. Der Krieg, er warf einen Schatten auf die Biographie des Autors und der warf diesen Schatten nicht ab. Und so klammert Koepp in seinen Begegnungen mit dem Land und den Leuten, gedreht hatte er diese zwischen 2020 und 2022, den aktuellen Krieg in der Ukraine nicht aus. Der vollständige Filmtitel lautet darum auch "Gehen und Bleiben. Uwe Johnson. Folgen des Krieges.".

Koepp begegnet Menschen, die schreiben, photographieren, Filme drehen oder nichts dergleichen, die ihre eigenen Geschichten erzählen, die auch vom Gehen und vom Bleiben handeln. Sie lesen aus den Texten Uwe Johnsons vor, oder erzählen vom Ort oder der Nachbarschaft. Von Freundschaft und Verbundenheit. Vom Wegziehen und vom Zurückkehren. Koepp ist ein guter Zuhörer. Er gibt den Begegnungen auch hier keinen Rahmen, sondern einen Raum, der eigene, spannende und unvorhersehbare Akzente setzt. In diesen Begegnungen erkennt man auch Überschneidungen mit der Biographie von Johnson, der wahrnahm, was andere nicht sehen wollten, der nicht immer und oft nicht, verstanden wurde.

Damit ist "Gehen und Bleiben" eher ein Essay, dessen tatsächliche Lauflänge von knapp 3 Stunden, kein bißchen Länge aufweist. Das möchte ich nur betonen, falls sich jemand abgeschreckt fühlt. In "Gehen und Bleiben" taucht man ein wie in eine Meditation, in der die Zeit zusammenschrumpft und die innerliche Reise sich gleichzeitig ausweitet. All die kleinen Details, die Koepp einfängt, vertiefen das Gefühl der Zugehörigkeit mit einer Landschaft und den Leuten, die man aus seinem Filmwerk (z.B. "Pommerland", "Memelland", "In Sarmatien", "Landstück", "Seestück") bereits zu kennen glaubt. Das Gefühl für eine Zeitgeschichte mag sich auch einstellen und ähnlich wie bei Johnson wird das Umfassende spürbar und stimmt, angesichts der Aktualität, des Krieges vor unserer Nase, nachdenklich.

Elisabeth Nagy


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