Skip to content

Hollywood droht Schauspieler-Streik - noch keine Auswirkungen auf US Filmstarts - unsere Filmkritiken der 26. KW

Nach den US-Drehbuchautoren wollen auch Hollywoods Schauspieler ab Samstag streiken - noch sind kaum Auswirkungen auf Kinostarts von US-Filmen in Deutschland zu erwarten - unsere Filmkritiken der 26. Kalenderwoche 2023.




Letzten Donnerstag, den 29. Juni 2023, ist in den deutschen Kinos offiziell der letzte Teil der Indiana Jones Filmreihe mit dem 80-jährigen Harrison Ford gestartet. Im Berliner Zoo Palst gab es dazu einen gebührenden Empfang bereits am Mittwoch Abend. Auch zur Weltpremiere des Filmes bei den Filmfestspielen von Cannes zeigte sich der beindruckende Cast persönlich auf dem roten Teppich.

Ob dies auch demnächst noch zu Premieren weltweit möglich sein wird, darf vorübergehend bezweifelt werden, denn in Hollywood könnten nach den Drehbuchautoren auch die Schauspieler in einen Streik treten - mit gewaltigen Auswirkungen auf Film und Fernsehen sowie Verschiebungen bei bereits geplanten Kinostarts.

Bei den Verhandlungen der Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild (SAG-AFTRA) mit großen Studios llief in der Nacht auf Samstag eine Frist aus. Die 160.000 Mitglieder der Gewerkschaft hatten im Vorfeld einem Streik zugestimmt, sollte bis dahin keine Einigung erzielt werden.

UPDATE:
Nach langen Diskussionen willigte die Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild (SAG-AFTRA) ein, den Zeitraum für Verhandlungen mit den Studios zu verlängern. Ein Streik von Schauspielerinnen und Schauspielern in Hollywood ist somit vorerst abgewendet aber noch nicht überwunden. Angesichts der hohen Inflation verlangen die rund 160.000 Schauspieler*innen höhere Gagen und Folgevergütungen von Disney, Netflix und Co.


Die Drehbuchautoren der US-Film- und Fernsehindustrie waren bereits Anfang Mai in den Streik getreten.

"INDIANA JONES und das Rad des Schicksals" fünfter und letzter Teil der Indiana Jones Abenteuer unter der Regie von James Mangold (USA, 2023; 142 Min.) Mit Harrison Ford, Aïssam Bouali, Phoebe Waller-Bridge, Mads Mikkelsen u.a. seit 29. Juni 2023 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Nun ist es so weit. Zum fünften und letzten Mal spielt Harrison Ford die Rolle des legendären Action-Archäologen Indiana Jones. Schon die Eingangssequenz zeigt wildgewordene, uniformierte Alt-Nazis, die sich seiner bemächtigt haben, um ihn zu hängen. Die Rückblenden sind eine Art Zeitreise in die Vergangenheit des Jahres 1939, um mit Hilfe eines von Archimedes entworfenen Zeitrades den Zweiten Weltkrieg doch noch zu gewinnen.

Dank moderner CGY-Technik, wodurch der Film zu den teuersten Produktionen aller Zeiten gehört, kann Harrison Ford in dieser halbstündigen Eingangs-Sequenz nicht nur um Jahrzehnte jünger ausschauen, sondern entwischt auch virtuos mit dem wertvollen Relikt und kann somit wie immer sein Leben retten.

30 Jahre später, wir schreiben das Jahr 1969, befindet sich der nun stark gealterte, knurrige „Indi“ eigentlich längst im Ruhestand. Doch seine Patentochter Helena (Phoebe Waller Bridge) ist auf seine Hilfe angewiesen und bittet ihn, ihr bei der Suche nach einem Artefakt zu helfen, welches dazu beitragen könnte, den Verlauf der Geschichte positiv zu verändern.

Und so stürzt sich der pensionierte Archäologe Dr. Jones in „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ nochmals in ein gefährliches Abenteuer, in dem der stramme Nazi Jürgen Voller (Mads Mikkelsen), der unbedingt die Zeit zurückdrehen will, um Hitlers Werk zu vollenden, sein Gegner bis zum Ende des Films sein wird.

Das alles klingt ein wenig abstrus, hat aber auch - im Gegensatz zu den überdrehten Marvel-Stoys - ein wenig den Charme von Old-School mit spektakulären Kampfszenen auf dem Dach eines fahrenden Zuges, Verfolgungsjagden rund um den Globus im Flugzeug, halsbrecherischen Stunts im New Yorker U-Bahntunnel auf einem Pferd oder wahnsinnigen Begegnungen zwischen Autos und einer dreirädrigen, motorisierten "Tuk Tuk" Rikscha in engen marokkanischen Gassen, die in erbitterten Kämpfen zwischen Gut und Böse ausarten, wobei auch Helena nicht davor zurückschreckt dem Nazi-Physiker Jürgen Voller das Handwerk zu legen, denn er hat ihren Vater Basil Shaw auf dem Gewissen.

Harrison Ford kann wieder in sein bekanntes Outfit schlüpfen, zu der "Indis" Peitsche ebenso wenig fehlen darf, wie beigefarbene Hosen, braune Lederjacke und der legendäre Outbackhut. Es geht bei den endlosen Streitigkeiten um ein altertümliches, kompassartiges, uhrenähnliches Navi-Gerät, welches sich in einer von ekelhaften Insekten bevölkerten Grotte unter einer Hieroglyphen-Tafel befindet, die aber aufgelöst werden muss, damit es einer Zeitreise in frühere Weltanschauungen standhält. Bei allem ist ihm Helena eine große Hilfe. Man ist froh, dass man „Indi“ nicht noch eine Liebesgeschichte angedichtet hat, sondern, dass es sich bei Helena um eine Verwandte handelt, die aber auch hinterhältig sein kann.

Statt Steven Spielberg hat diesmal Regisseur James Mangold das Regiezepter geschwungen. Es geht nicht nur um Action, sondern auch um Wissenschaft: „Das ist keine Magie, das ist Mathematik“, heißt es an einer Stelle. Letztendlich geht es um steigende Einspielergebnisse im BOXOFFICE und dafür werden die zahlreichen Fans sorgen.

von Ulrike Schirm mit einigen Ergänzungen von W.F.


++++++++++++++

Endlich kommt der Silberne Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle, der bei der 73. Berlinale Ende Februar 2023 an die achtjährige Sofia Otero in "20.000 especies de abejas" (20.000 Arten von Bienen) ging, in die deutschen Kinos. Noch nie zuvor hat eine so junge Schauspielerin einen so hoch dotierten Darstellerpreis gewonnen. Der Film gewann auch den Hauptpreis der Morgenpost Leser*innen Jury sowie den Gilde Filmpreis der Arthouse Kinos.

Unsere Filmkritik stammt vom 3. März 2023, jetzt ergänzt um den deutschen Trailer.

"20.000 ARTEN VON BIENEN" von Estibaliz Urresola Solaguren über ein achtjähriges Kind, das kein Junge sein möchte. (Spanien, 2023; 129 Min.) Mit Sofía Otero, Patricia López Arnaiz, Ane Gabarain, Itziar Lazkano, Sara Cózar. Seit 29. Juni 2023 im Kino.



Elisabeth's Filmkritik:

Ein Kind, erst 8 Jahre alt, hadert mit sich und mit der Welt. Es sucht seinen ureigenen Platz in der Familie, im Alltag und überhaupt. Das Kind fühlt sich bei dem Namen, mit dem man es ruft nicht gemeint. Das, was die Familie in ihm sieht, deckt sich nicht mit seiner Selbstwahrnehmung. Es versucht die äußeren Erwartungen mit dem eigenen Empfinden zu verbinden. Unbehagen und Zweifel treten immer deutlicher hervor.

Estibaliz Urresola Solaguren führt in ihrem Langspielfilmdebüt das Publikum in eine komplexe Coming-of-Age-Erzählung. Bezeichnenderweise fährt Mutter Ane (Patricia López Arnaiz) mit ihren drei Kindern zu einem besonderen Familienfest in die baskische Heimat. Eine Taufe soll gefeiert werden. Die Taufe ist nicht nur die Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft, sondern auch der Moment, an dem die Gemeinschaft einem Täufling einen Namen gibt und damit anerkennt. Anes jüngstem Kind (Sofía Otero) gefällt sein Name nicht. Es lehnt den Namen ab, weil es sich in diesem nicht erkennt. Das Kind versteht nicht, warum es so fühlt. Es kann sein Unbehagen noch nicht einmal in Worte fassen. Auch niemand sonst scheint zu verstehen, was in ihm vorgeht.

Fern des Alltags, in der sommerwarmen Natur der ländlichen Umgebung wiegt uns der Film visuell in eine Harmonie der Natur in all ihren Formen. Nur die Menschen, die ordnen alles schön so ein, wie sie es auf dem ersten Blick zu kennen meinen. Demnach ist das Kind ein Junge. Dass es seine Haare lang gewachsen mag und sich die Fingernägel lackiert, weil es das hübsch findet, das irritiert zum Beispiel die Oma (Itziar Lazkano). Die Irritation wird folglich aufs Kind geschoben und so ist die Oma der Meinung, ihre Tochter müsse dem Enkelsohn nur mal die Grenzen aufzeigen, damit es sich orientieren kann. Dabei ist es ausgerechnet das Baskische, Spanisch und Baskisch fließen hier neben- und ineinander, dass nicht gendert und damit einen scheinbar sicheren Hafen bieten könnte.

Ane hat andere Sorgen. Ihre Ehe ist angeknackst und sie möchte ihre künstlerische Karriere wieder aufnehmen. Um sich auf eine Kunstprofessur zu bewerben, muss sie sich mit einer Skulptur bewerben, die sie erst noch erschaffen muss. Sie zieht sich in ihre Welt und in den Werksschuppen ihres verstorbenen Vaters zurück und arbeitet. Ihren Kindern gibt sie dabei alle Freiheiten. Sie dürfen sich entwickeln, wie sie wollen. Und es spielt doch wohl wirklich keine Rolle, ob etwas ein Mädchen- oder ein Jungending sei. Damit macht sie es sich leicht. Damit verweigert sie ihrem Kind ausgerechnet die Hilfe, die es gerade braucht. Für das Kind spielt es sehr wohl eine Rolle. Auch, dass die Mutter sie konsequent mit ihrem männlichen Taufnamen ruft, verstört das Kind, das immer wieder darauf hinweist, dass es so nicht genannt werden möchte.

Dass die Weigerung der Mutter, die Zwänge der Gesellschaft, die Jungen und Mädchen immer noch fein säuberlich trennt, ignoriert, bedeutet nicht, dass das Kind nicht ständig an diese Barrieren stößt. Es zeugt von einem feinfühligen Drehbuch, dass auch die Mutter an ihrer eigenen Selbstwahrnehmung zweifeln und an von der patriarchalischen Gesellschaft genormten Erwartungen erschüttert wird. Und doch braucht es noch mehr, um zu erkennen, was wenige im Umkreis bereits erkannt haben.

Da ist zum Beispiel die Tante (Ane Gabarain), die Imkerin in der Familie, die das Kind in seinem Zwiespalt sieht und erkennt. Oder ein Mädchen aus dem Dorf, dass das Kind ganz selbstverständlich als Gleiche, als Mädchen sieht. Sie findet schließlich ihren Namen. Sie heißt Lucia. Aber werden die anderen sie als Lucia annehmen? Estibaliz Urresola Solaguren erzählt von Frauen verschiedener Generationen und den überkommenen Strukturen der Gesellschaft, in der sie leben. Ihr Verhältnis zueinander entwickelt sich. Sie alle werden die Nöte der anderen sehen und fühlen lernen. Nicht sofort, sondern erst nach und nach.

"20,000 Species of Bees" ist ein Debütfilm. Erstaunlich behutsam und sorgfältig führt Estibaliz Urresola Solaguren ihre hauptsächlich weibliche Besetzung. Viele im Berlinale-Publikum wählten diesen Film als Favoriten. Die Berliner Morgenpost honorierte ihn mit ihrem Publikumspreis als besten Film des Wettbewerbs und auch die deutsche Art-House-Gilde zeichnete ihn aus. Die internationale Jury überging die Regie-Entdeckung. Dafür zeichnete sie die junge Darstellerin der Hauptfigur Lucia aus: Sofía Otero. Gemeinhin ist es umstritten, Kindern so gewichtige Preise zu geben, die auch eine Last sein können. Sofía Otero spielt dieses Kind im Zwiespalt mit der eigenen Indentität so überzeugend, dass diese Figur vielleicht auch Dank ihrer Darstellung im Gedächtnis bleiben wird.

Elisabeth Nagy


++++++++++++++

Die ebenfalls am 29. Juni 2023 gestartete Dokumentation von Corinna Belz über den 69-jährigen Bildhauer Thomas Schütte in dem Film "Thomas Schütte - Ich bin nicht allein" bei der Erstellung einer übergroßen Bronzefigur, hatten wir bereits gestern hier veröffentlicht.

Anzeige