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Die Internationale Filmfestspiele von Cannes haben die Halbzeit hinter sich

Das 74. Festival de Cannes lief zwar wie geschmiert an, aber die Corona-Fallzahlen sind nach der Halbzeit deutlich gestiegen.



Mit den täglichen Corona-Testroutinen und der Maskenpflicht in den Kinos fühlt sich manch einer als Teil eines großen Experiments, bei dem man sich fragt, ob sowas überhaupt geht in Zeiten der Pandemie, ein physisch stattfindendes Filmfestival dieser Größenordnung.

Anfänglich soll es täglich im Schnitt nur zwei bis drei positive Tests gegeben haben, also eine verschwindend niedrige Anzahl. Nach der Halbzeit aber schnellen die positiven Ergebnisse wegen der Delta-Variante plötzlich in die Höhe. Die Mär, dass es noch nie Ansteckungen in einem Kino gab, ist somit widerlegt.

Auch der positive Corona-Test der Schauspielerin Léa Seydoux drückte in der zweiten Halbzeit die Stimmung an der Croisette. Immerhin ist Seydoux der gefragteste Star in Cannes, sie spielt in vier Filmen mit – u.a. erstmals in Wes Andersons “The French Dispatch”.

Festivalchef Thierry Frémaux wollte trotzdem wie gehabt weitermachen, frei nach dem Motto: Hauptsache, die Kinos sind voll, denn erst nach dem Ende des Festival werden ab dem 21. Juli 2021 wieder Nachweise für Geimpfte und Getestete für Kulturveranstaltungen ab 50 Personen nötig sein werden. Seine Durchhalteparolen sorgen jedoch zunehmend für Irritation. Dennoch werden weiterhin täglich 2500 Menschen ins Grand Théâtre Lumière gezwängt, obwohl die Berlinale mit ihren Open-Air-Veranstaltungen gerade erst bewiesen hatte, dass ein Filmfestival nicht immer am Limit der Kapazitäten durchgezogen werden muss.

Begeistert waren die Kritiker dafür einhellig von Mia Hansen-Løves Sommerfilm "Bergman Island", frei nach Ingmar Bergman, sowie von Ryûsuke Hamaguchis Adaption einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami und seinem japanischen Drama "Drive My Car". Zwei echte Highlights im Wettbewerb.

Hier ein Trailer:



In der Tragikomödie "Bergman Island" erzählt Hansen-Løve von einem Filmemacherpaar, das den Sommer zu Inspirationszwecken auf der schwedischen Insel Fårö verbringt. Dort lebte und drehte auch der Kinoübervater Ingmar Bergman, und bei diesem Aufenthalt erlebt das Paar beruflich wie privat allerlei Turbulenzen. Schlimmer noch ist da nur die Vorstellung, im Originalbett aus „Szenen einer Ehe“ zu übernachten – eine Erfahrung, die einige Gästepaare schon in die Trennung trieb, wie die Mitarbeiterin des örtlichen Bergman Museums schmunzelnd erzählt.


Dass die meisten Werke noch vor Corona entstanden sind, merkt an auch „Drive My Car“, bei dem nur im Epilog die Masken zu sehen sind. Der dreistündige Film nähert sich bei Autofahrten unglaublich behutsam und vielschichtig in seinen Beschreibungen langer verdrängter Verlust- und Schuldgefühle – gegenüber verstorbenen Kindern, Partnern, Eltern.

Hier der Trailer:



Während einer Autofahrt herrscht Redebedarf. In einem alten roten Saab werden Kassetten mit Aufnahmen von der erfolgreichen Theaterautorin Oto (Reika Kirishima) abgespielt. Diese hatte sie für ihren Mann Yûsuke (Hidetoshi Nishijima), dem größten Tschechow-Darsteller Japans, kurz vor ihrem Tod aufgenommen. Nun hört er ihre Stimme ständig bei der Fahrt, aber auch in Voiceovern, in Flashbacks oder am Sterbebett und füllt die Leerstellen in den Aufnahmen mit seinen eigenen Dialogzeilen.


Weiteres Highlight soll der österreichisch-deutsche Film "Große Freiheit" von Regisseur Sebastian Meise sein, dessen Rechte sich der Streaming-Dienst MUBI für diverse Territorien gesichert hat. Der Film feierte seine Weltpremiere in der Cannes-Reihe »Un certain regard«.

"Große Freiheit" erzählt nach einem Drehbuch von Meise und Thomas Reider die Geschichte von Hans (Franz Rogowski), der im Nachkriegsdeutschland immer wieder dafür inhaftiert wird, dass er schwul ist. Der berüchtigte Paragraph 175 macht all seine Hoffnungen auf ein Leben in Freiheit zunichte.


Reichlich vom Zeitgeist auf der Leinwand überholt erscheinen dagegen Matt Damon in “Stillwater” von Tom McCarthy und Sean Penn in seiner sechsten Regiearbeit “Flag Day”. Beide spielen vorbestrafte Väter, die um ihre Töchter kämpfen. Penn hat die Rolle sogar mit seiner eigenen Tochter Dylan besetzt.

Erwähnenswert ist unter den 24 Wettbewerbsbeiträgen auch "Petrov's Flu" von dem russischen Theater-, Opern- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow. Vor drei Jahren blieb sein Platz bei der Premiere in Cannes leer: Er durfte nicht aus Russland ausreisen und wurde wegen angeblichen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Mit einer deutschen Ko-Produktion ist er nun zurück im Wettbewerb des Festivals.

Hier der Trailer:



In "Petrov's Flu" erzählt Serebrennikow eine Geschichte aus dem postsowjetischen Russland und kombiniert dies mit einer Grippeepidemie unter hohem Fieber, das halluzinatorisches Toben auslöst.

Der Film konkurriert ebenfalls um die Goldene Palme in Südfrankreich.

Link: www.festival-cannes.com
Quellen: Süddeutsche Zeitung | Der Tagesspiegel | Blickpunkt:Film | Kino:Zeit | ARD-Text

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