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»Nomadland« - Oscargewinner 2020 jetzt im Kino

Der von vielen langersehnte sechsfache Oscar-Gewinner "Nomadland" ist endlich in den deutschen Kinos zu sehen - hier unsere Filmkritik.



Da wir gestern in unserer Filmbesprechung über fliegende Nomaden den sechsfachen Oscarsieger "Nomadland" erwähnt haben, lassen wir heute gern dazu eine Filmkritik von unserer Kollegin Ulrike Schirm folgen.

"NOMADLAND" Sozialdrama von Chloé Zhao (USA 2020). Mit Frances McDormand, David Strathairn, Linda May u.a. seit 1. Juli 2021 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Die Hauptfigur Fern, gespielt von Frances McDormand, hat alles verloren: Ehemann, Job, Haus - und entdeckt nun ihr Leben neu. Als Nomadin im Wohnmobil. „Ich bin nicht obdachlos, ich bin hauslos“ sagt sie. Die sinkende Nachfrage nach Gipsplatten hat dazu geführt, dass die Gipsmine in Empire, Nevada, einem Kaff am Rande der Wüste, nach 88 Jahren, still gelegt wurde. Die Bewohner müssen ihre Häuser verlassen, aus der Arbeitersiedlung ist eine Geisterstadt geworden. Fern und ihr Mann haben dort gearbeitet.

Bei eisiger Kälte packt sie ihre Habseligkeiten in einen, von ihr ausgebauten Van, um in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen. Nun gehört sie, wie so viele in Amerika, zu denen, die alles verloren haben und plötzlich auf sich allein gestellt sind. Moderne Nomaden, die als Saisonarbeiter durch die Vereinigten Staaten ziehen. Ihre Rente reicht nicht zum Überleben. 40 Jahre lebte sie mit ihrem Mann Bo zusammen, bis zu dessen Tod. Sie hatte ein festgefügtes Leben. Bis zu ihrem 61.Lebensjahr.

Sie packt Pakete bei Amazon, schrubbt Toiletten auf einem Campingplatz in den Badlands, erntet Rüben in Nebraska, frittiert Pommes in einer Restaurantküche. Arbeit für wenig Geld.

Fern trifft auf ihrem Trip andere Nomaden, wunderbare Menschen, die eine echte Gemeinschaft bilden. Nomaden, die sich selbst spielen. Linda May, eine Großmutter, die in einem alten Jeep lebt. Swankie, eine ältere Frau, die seit einem Jahrzehnt von Minijobs lebt und andere. Ein schöner Moment, als sich Fern und Linda May, draußen auf ihren Campingstühlen, eine Gesichtsmaske aus Gurkenscheiben und feuchtem Toilettenpapier gönnen. Dennoch zieht sie weiter. Fern ist gern alleine, wie viele von ihnen. Nach einiger Zeit, muss sie wieder hinaus in die Natur. Einmal im Jahr treffen sich alle in der Wüste, unter dem Motto: „Man sieht sich“ und geht danach wieder auseinander.

Die Nomaden, die sich Regisseurin Chloé Zhao für den Film ausgewählt hat und die sich nicht Nomaden sondern Van-Bewohner nennen und ihre Würde nicht verloren haben, sind mit ihrer Präsenz und Natürlichkeit ein besonderes Geschenk für dieses Roadmovie. David Strathairn, der im Film Dave spielt und ein Auge auf Fern geworfen hat, ist auch ein Schauspieler. Dave, der Großvater geworden ist, entscheidet sich für die Sesshaftigkeit. Er will einiges wieder gutmachen, von dem, was er bei seinem Sohn versäumt hat. Als Fern ihn besucht, bittet er sie doch zu bleiben.

Sie durchstreift das Haus, es fühlt sich fremd an. Sie steigt in ihren Van und fährt los. Ihr fällt das Handyvideo von Swankie ein. Es zeigt die Schwalbennester von der pazifischen Felsenküste, die die alte Frau noch einmal sehen möchte, bevor sie stirbt. Auch die Geisterstadt Empire sucht Fern noch einmal auf, betritt ihr verlorenes Zuhause, schaut durchs Fenster zu den Bergen am Horizont in der dunstverhangenen Wüste… und fährt weiter.

„Nomadland“ ist kein anklagendes Zeitdokument, sondern ein Film von unerwarteter Poesie und wie man das Leben neu entdecken kann. In „Nomandland“ treffen wir auf Menschen, die sich für ein selbstbestimmtes Leben entschieden haben und nicht viel zum Überleben brauchen und in der unberührten Natur ihre Unabhängigkeit entdecken. Zhao nähert sich ihren Figuren mit großer Sensibilität.

Natürlich ist es ein Skandal, dass es in den USA eine Vielzahl von Obdachlosen gibt. Die Menschen die wir in „Nomadland“ sehen, sind nicht obdachlos, sie sind wohnungslos. Das ist für sie ein großer Unterschied. Sie haben sich entschieden ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihr hart verdientes Geld nicht für Miete oder Hypotheken auszugeben. Auch Fern hat mit 61-Jahren diesen mutigen Schritt gewagt.

Kameramann Joshua James Richards sorgt für wunderschöne Naturaufnahmen.

(Die Filmaufnahmen in dem riesigen Warenlager und die harschen Arbeitsbedingungen bei Amazon, sind echt. Frances hat um eine Dreherlaubnis gebeten und Amazon hat die Erlaubnis gegeben).

Ulrike Schirm


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