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Doku-Auszeichnung in Berlin - und unsere Filmkritiken im Okt. 2020 / 2. Teil

Dokumentarfilm über einen kenianischen Fotografen und Bürgerrechtsaktivisten wurde beim Human Rights Film Festival in Berlin ausgezeichnet.



Ein Dokumentarfilm über den kenianischen Fotografen und politischen Aktivisten Boniface Mwangi, der bereits Anfang des Jahres beim Sundance Film Festival für den Schnitt einen Sonderpreis bekam, ist gestern, 10. Oktober 2020, beim dritten Berliner Human Rights Film Festival im BUFA Film Campus in der Oberlandstraße 26–35 am Südrand des Tempelhofer Feldes mit dem Hauptpreis ausgezeichnet worden.

Der Film "Softie" des Regisseurs Sam Soko erhielt den mit 3000 Euro dotierten Willy-Brandt-Dokumentarfilmpreis für Freiheit und Menschenrechte.

Hier der Trailer:



„Softie“ ist ein kenianischer Dokumentarfilm über den Fotografen Boniface 'Softie' Mwangi, der lange als Aktivist gegen Ungerechtigkeiten in seinem Land gekämpft hat. Als er bei einer regionalen kenianischen Wahl kandidiert und sich um ein politisches Amt bemüht, erhöht dies den Druck auf seine junge Familie und auf seine Überzeugungen, denn eine saubere Kampagne gegen korrupte Gegner zu führen wird immer schwieriger und kann nicht allein mit Idealismus gegen starke politische Dynastien geführt werden ohne seine seine Familie zu gefährden. Sollte das Land wirklich vor der Familie kommen, wie er immer geglaubt hat?


Die Jury sprach von einem "herausragenden" Film: "Softie" porträtiere Mwangi und seine Frau Njeri. "Der Kampf seiner Protagonisten für Demokratie spiegelt den Geist von Willy Brandts Leben und politischem Werk wider“, so die Jury-Begründung.

Alle Wettbewerbsfilme des hybrid stattgefundenen Festivals sind noch bis zum 20. Oktober 2020 als Stream online abrufbar.

Link: www.humanrightsfilmfestivalberlin.de

Weitere Empfehlungen erfolgen in unseren nachfolgenden Filmkritiken von Ulrike Schirm. Herausragend ist darunter vor allem die Coming-of Age-Dramödie "Milla meets Moses" vom australischen Regisseur und Schauspieler Shannon Murphy, die wir bereits im November letzten Jahres beim Festival »Around the World in 14 Films« unter dem Original-Titel "Babyteeth" im Kino der Berliner Kulturbrauerei hatten sehen können.

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"MILLA MEETS MOSES" Coming-of-Age-Dramödie von Shannon Murphy (Australien). Eine außergewöhnliche Filmperle, die bis in die kleinste Rolle grandios besetzt ist. Mit Eliza Scanlen, Toby Wallace, Essie Davis u.a. seit 8. Oktober 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Ein junges Mädchen (Eliza Scanlen) steht in ihrer roten Schuluniform mit weißer Bluse am Bahnsteig und starrt auf die Gleise. Es sieht fast so aus, als wolle sie springen. Plötzlich taucht ein Junge (Toby Wallace) auf, der sie fast umrennt. Er ist obdachlos und entpuppt sich als Schnorrer. „Gib mir das , was du mir geben kannst. Es muss nicht viel sein“. Das Mädchen gibt ihm mehr, als er erwartet hat. „Dafür bitte ich dich, mir die Haare zu schneiden“. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine wunderbare, auf den ersten Blick fast unwahrscheinliche Freundschaft.

„Milla meets Moses“ ist eine außergewöhnliche Coming-of Age-Dramödie, denn schließlich bleibt Milla nicht viel Zeit, um erwachsen zu werden.

Milla ist an Krebs erkrankt. Als sie den Gelegenheitsdealer Moses mit nach Hause nimmt, sind ihre Eltern entsetzt. Es ist ein gut situiertes Zuhause in der Vorstadt. Eigentlich will sie ihre gutbürgerlichen Eltern nur schockieren. Doch beim näheren Betrachten, sind sie gar nicht so bürgerlich, im Gegenteil , sie sind ziemlich schräg. Ihr Vater Henry( Ben Mendelsohn) ist Psychiater, der seinen Job aber nicht sehr ernst nimmt, ihre Mutter, eine ehemalige Konzertpianistin, wird von ihm reichlich mit Psychopharmaka versorgt und ist manchmal derartig zugedröhnt, dass sie kaum klar artikulieren kann. Ein Paar, was nicht unbedingt den spießigen Vorstellungen von Normalos entspricht aber dafür um so hingebungsvoller für ihre kranke Tochter da ist. Milla ist glücklich Moses getroffen zu haben. Er ist so ganz anders, als die Menschen mit denen sie sonst zu tun hat. Mit ihm kann sie die Welt ganz neu entdecken und der Überbesorgnis ihrer Eltern entfliehen. Als die merken, wie gut Moses ihrer Tochter tut und was für eine Lebensfreude sie plötzlich hat, werfen sie alle Vorurteile über Bord. Ihr Vater geht sogar so weit, dass er ihn mit Stoff versorgt und ihn sogar bittet, bei ihnen einzuziehen.

„Milla meets Moses“ basiert auf einem Theaterstück der australischen Autorin Rita Kalnejais, das 2012 uraufgeführt wurde. Shannon Murphy hat daraus einen Film gemacht, der mit großer Wucht daher kommt. Ein Film, traurig witzig und ohne falsche Töne. Seine schräge Leichtigkeit lassen die 118 Minuten, die er dauert, wie im Fluge vergehen. Jede Figur hat ihre eigene, berührende Nebengeschichte, die dem Film eine wahrhaftige Tiefe gibt.

Der Film „Milla meets Moses“ hatte bei den Filmfestspielen von Venedig 2019 seine Premiere. Tobey Wallace wurde mit dem Preis als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet.

Im Original heißt er: „Babyteeth“. Titelgebend ist ein Milchzahn, den Milla mit ihren 15 Jahren noch im Mund hat und den sie bei einem bestimmten Moment als Zeichen ihres Erwachsenwerdens verliert. Dieser Film beinhaltet so viele außergewöhnliche Momente, frei von jedem süßlichen Kitsch vieler Teenager-Sterbedramen, die ich hier nicht spoilern will. Erwähnenswert, der fein abgestimmte Soundtrack, passend zu dem Geschehen. Wer sich diese Perle nicht anschaut, der verpasst einen der schönsten Filme in diesem Jahr. Selbst schuld.

Ulrike Schirm


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"VERGIFTETE WAHRHEIT" Biopic-Drama von Todd Haynes (USA, 126 Min.). Die ungeheuerliche Chronik eines Umweltskandals mit Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins u.a. seit 8. Oktober 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Cincinnati, Ohio 1998. Rob Bilott (Mark Ruffalo), Experte für Umweltgesetzgebung, ist seit kurzem Partner in der renommierten Anwaltskanzlei Taft Stettinius & Hollister. Besondere Lorbeeren hat er sich mit der Verteidigung einiger großer Namen in der Chemiebranche erworben. Als der Farmer Wilbur Tennant (Bill Camp) mit seinem Bruder Jim (Jim Azelvandre) in der noblen Kanzlei auftaucht und um Rechtsbeistand bittet, fühlt sich Bilott nicht zuständig. Die beiden sind extra aus Parkersburg, West Virginia angereist. Den Tipp, sich an ihn zu wenden, haben sie von Bilotts Großmutter, eine Nachbarin von ihnen. Die beiden lassen sich nicht abwimmeln. Sie zeigen ihm mitgebrachte Unterlagen und selbst gedrehte Videos von ihren kranken Kühen. Sie haben missgestaltete Organe riesige Geschwüre und schwarze Zähne. Etwa 190 seiner Tiere musste Tennant schon begraben.

Das Wasser, welches die Tiere getrunken haben, ist vergiftet, von der örtlichen Chemiefabrik. Der Chemiegigant DuPont habe auf der angrenzenden Deponie Giftmüll abgeladen – Gift, das den nahegelegenen Bach verschmutzt, behauptet Tennant. Die Firma DuPont macht Werbung mit dem Slogan: „Besser Leben mit Chemie. Es ist unsere DNA“. Bilott, der genau solche Firmen vertritt, fährt seiner Großmutter zuliebe nach Parkersburg und schaut sich dort um.

Bilott spricht mit dem Boss von DuPont (Victor Garber). Der wiegelt ab und zeigt ihm ein Gutachten, indem der Farmer beschuldigt wird, seine Kühe schlecht behandelt zu haben und deswegen sind sie krank. Doch nach und nach häufen sich die Indizien. Bei einem weiteren Besuch in Parkersburg, sieht Bilott mit an, wie Tennant einen wild gewordenen Stier, der Schaum vorm Maul hat, erschießen muss. Nun hat er genug gesehen. Er bittet den Chef seiner Kanzlei, Tom Terp

(Tim Robbins), um Erlaubnis, den Fall zu übernehmen. Der willigt widerstrebend ein. 1999 erwirkt Bilott einen Gerichtsbeschluss, der besagt, alle Unterlagen offenzulegen. Die Firma spielt mit und händigt ihm die gerichtlich erwirkten Dokumente aus. Diese lagern in unzähligen Kartons. In den nächsten Monaten sichtet er mehr als 100.000 unsortierte Seiten. Interne Korrespondenz, medizinische Berichte und vertrauliche Unterlagen aus über 50 Jahren. Eine kräfteverzehrende Mammutaufgabe. Die Ergebnisse seiner Recherchen sind mehr als ungeheuerlich. Dupont leitet Perfluoroctansäure (PFOA), ein Hilfsmittel bei der Herstellung ihres Verkauf-Hits Teflon, ins Wasser und in die Luft. Die Abfallstoffe sind hochgiftig. Der Schlick wurde in den Ohio-River gekippt. Der Staub durch Schornsteine in die Luft geblasen. Die Firma DuPont nutzt eine vom US-Gesetzgeber bewusst gelassene Lücke. Dieser toxische Abfall bewirkt rund um die Deponien und Werke eine hochgradige Trinkwasserbelastung, die erst bei den Tieren und dann bei den Menschen zu Leberschäden, Fortpflanzungsschäden, Hodenkrebs, Nierenkrebs und Schilddrüsenkrankheiten führt. Viele der Arbeiter*innen wurden schwer krank. DuPont hat eigene Versuche gemacht und von den ungeheuerlichen Schädigungen gewusst. Die Teflonpfanne ist eine tickende Zeitbombe. DuPont hat damit pro Jahr eine Milliarde Reingewinn gemacht. Der hochgiftige Stoff PFOA, der in C8 umbenannt wurde, findet sich auch in Textilien, Farben, Regenmänteln und Stiefeln. C8 kann vom Körper nicht abgebaut werden. Frauen bringen missgestaltete Babys zur Welt.

Tennant, der die ganze Sache ins Rollen gebracht hat, wird von einigen Bewohnern im Ort gemobbt. DuPont ist der größte Arbeitgeber und sie fürchten um ihre Existenz... Bilott rät ihm wegzuziehen, doch dazu ist es bereits zu spät.

Mark Ruffalos Spiel, als einsamer, bis zur Selbstaufopferung kämpfender Anwalt gegen den skrupellosen Chemiegiganten, geht tief unter die Haut. Nicht nur, dass er seine Ehe aufs Spiel setzt, auch sein Boss ist nicht erbaut über seinen Einsatz.. Immer wieder steckt er Schlappen ein. „David gegen Goliath“. Es überkommt einen die helle Wut, mit anzusehen, mit welcher Schamlosigkeit der übermächtige Konzern die Umweltbehörde an der Nase herumführt und den nach Jahren eingeleiteten Gerichtsprozess mit üblen Tricks in die Länge zieht, um Anwalt und Kläger körperlich zu zermürben.

Den zugrunde liegenden Fall Bilott gegen DuPont gibt es wirklich… Und er läuft immer noch. Der Journalist Nathaniel Rich hat den Fall 2016 für die New York Times recherchiert. Sein Artikel dient nun als Vorlage für „Vergiftete Wahrheit“ (OT: „Dark Waters“) von Regisseur Todd Haynes („Dem Himmel so fern“, „Carol“). Er inszeniert dieses Krimidrama ohne Schnörkel und ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Es reicht, dass die Fakten für eine riesengroße Wut sorgen. Der Stoff PFOA ist jetzt zwar verboten, aber die Firmen ersetzen diese Stoffe, durch ähnliche, denn es gibt weiterhin Teflonpfannen. Statt C8 benutzt man eine ähnliche Chemikalie, genannt C6 und das weltweit. Nachdem ich diesen erschütternden Film gesehen habe, landete meine Teflonpfanne im Sondermüll.

Ulrike Schirm


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"IM STILLEN LAUT" Dokumentation von Therese Koppe (Deutschland). Über Liebe im Alter, Autonomie, die DDR, Ideale und Kunst im Verleih von Salzgeber. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Die deutsche Filmemacherin Therese Koppe hat für ihr Debüt „Im Stillen Laut“ das Künstlerinnenpaar Erika Stürmer-Alex und ihre Lebensgefährtin Christine Müller Stosch auf ihrem abgeschiedenen Hof, umgeben von herrlicher Natur, in Brandenburg in dem Ort Litzen besucht. Dank des Verkaufs einer Skulptur, konnten sie den Hof für 10.000 DDR-Mark, vor etwa 40 Jahren kaufen. Es wurde ein Ort, wo Erika ihre Kunst herstellen konnte, wo offene Gespräche statt fanden, Musik gemacht wurde und getanzt. Koppe blickt mit den beiden Frauen zurück auf ihre Vergangenheit. Damals sollten Künstler, die sozialistische Ideologie verbreiten. Wer sich nicht daran hielt, wurde mit Misstrauen verfolgt. Erikas Malerei war ziemlich abstrakt und wurde in der ehemaligen DDR nicht gern gesehen. Malerei gehörte zur Königsdisziplin und musste ideologisch sein. Leben konnten sie davon nicht. Erika stellte später Plastiken her, die sie ab und zu verkaufen konnte.

Tine, die unter anderem als Lektorin arbeitete, hielt den Hof am Laufen. Ihr Vater war evangelischer Pastor. Nach der Gründung der DDR hat er sich gegen die feindselige Haltung der SED gegen die Kirche gewehrt und wurde deswegen als Antikommunist verschrien. Das hatte zur Folge, dass seine Tochter Tine nach der 8. Klasse aus dem Bildungssystem entlassen wurde und kein Abitur machen konnte. Über viele Umwege gelang sie zu einem Studium der Theologie. Sie wurde zur Staatsfeindin erklärt. In der evangelischen Verlagsanstalt Berlin hat sie für sich eine Nische gefunden. Jedes Manuskript, was dort gedruckt wurde, musste bevor es in den Druck ging, dem Ministerium für Kultur vorgelegt werden. Viele Manuskripte wurden zur Änderung zurückgeschickt. Die Lektoren bemühten sich, die Änderungen so vorzunehmen, dass sie sie noch verantworten konnten. Der Eingriff in die Texte war oft sehr schmerzhaft. In offenen Interviews blickt Regisseurin Koppe mit den inzwischen fast 80-jährigen Frauen in ihre Vergangenheit, die geprägt war von einem ständigen Kampf gegen Ablehnung und ihrem Mut, anders zu denken und zu fühlen. Sie holen alte Fotos hervor, blättern in Aufzeichnungen ihrer Stasi-Akte, die Erika laut vorliest und bei denen beide Frauen in Gelächter ausbrechen, ob der Absurditäten, die da drin stehen. Zwischendrin fängt Koppe Bilder ein, die die beiden Frauen bei ihrer alltäglichen Arbeit auf dem Hof zeigen.

Tagebuchaufzeichnungen 1990. Am 4. August stand in der Zeitung, noch 72 Tage DDR. Nach der Wende wurde Erikas Kunst aus allen Jahrzehnten angekauft. Es kommt der Verdacht auf, dass es vorher ein Verbot gab. Nach Ansicht dieser gelungenen Dokumentation bekommt man Lust, diese beiden unbeirrbaren, humorvollen Frauen, auf ihrem Hof zu besuchen.

Auf dem 62. DOK Leipzig Filmfestival (2019) war die Dokumentation „Im Stillen Laut“ eine der großen Favoriten.

Ulrike Schirm


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