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Neue Filmkritiken zu Kinostarts im September 2020, Teil 2

Zwei aktuelle Filmbesprechungen von Dokus, davon eine vorab für eine Preview beim Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg.



Was für ein tolles Spät-Sommerwetter. Die Berlin Art Week lockt alle Kulturinteressierte ins Freie. Die Straßencafés in Berlin-Mitte sind trotz Corona-Warnungen überfüllt und vor den Galerien bilden sich Menschentrauben, die geduldig mit Maske und gebührendem Abstand auf Einlass warten.

Dass bei Temperaturen von 27°C und schönstem Sonnenschein, die Kinos es schwer haben, genügend Zuschauer zu finden, dürfte eigentlich verständlich sein. Dass jedoch nicht nur die Freibäder, sondern auch erste Open Air Kinos bereits geschlossen haben, weil bald der Herbst naht, ist unverständlich, denn es soll nicht nur in Süddeutschland noch wärmer werden, auch in Berlin können in der kommenden Woche die Temperaturen tagsüber die 30°C Marke erreichen.

Für die Art Week, bei der im Rahmen der 11. Berlin Biennale und des gleichzeitig stattfindenden Gallery Weekends, auch zahlreiche Videoinstallationen zu sehen sind, kann es nicht besser laufen. Die Kinobetreiber müssen dagegen auf kühle Nächte hoffen, um wenigstens in den Spätvorstellungen genügend Zuschauer zu bekommen.

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"DIE EPOCHE DES MENSCHEN: Das Anthropozän" Dokumentation von Jennifer Baichwal, Nicholas De Pencier, Edward Burtynsky (Kanada). Mit Hannes Jaenicke, Alicia Vikander über das Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Seit 10. September 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Zwei Filmemacher und eine Filmmacherin haben in mehr als drei Jahren in 20 Ländern auf 6 Kontinenten: Australien, Chile, China, Deutschland, Frankreich, Ghana, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Kanada, Kenia, Malaysia, Nigeria, Norwegen, Russland, in der Schweiz, in Spanien, in Südafrika und in den USA gedreht. Sie zeigen uns beeindruckende Bilder, die auf provokante und unvergessliche Weise zeigen, was der Mensch auf seinem Planeten anrichtet.

Die Auswirkungen dieses verheerenden Raubbaus sind längst bekannt, teilweise bedingt durch den Klimawandel. Sie reichen von Regenwaldabholzungen, Ausrottung von Tierarten, Hungersnöten, bis hin zum Anstieg des Meeresspiegels.

Gleich zu Beginn des Films sieht man ein lodernes Flammenmeer, aufgenommen im Nairobi National Park. Dort wird das beschlagnahmte Elfenbein von 10.000 Elefanten zu riesigen Haufen aufgeschichtet und verbrannt. Es hat einen Schwarzmarktwert von 150 Millionen Dollar. So versucht man den Wilderern und Hehlern ihre illegale Geschäftemacherei zu zerstören.

In der Atacama – Wüste in Chile geht um Lithium, ohne das keine E – Autobatterie und kein Smartphone hergestellt werden könnte. Es wird in riesigen Verdunstungsbecken gewonnen und landet schließlich in einer Fabrik wie der des US – Autobauers GM im US – Bundesstaat Michigan.

Nach dem Vorschlag der „Anthropocene Working Group“ sollte unser Erdzeitalter Anthropozän genannt werden. Ein Namensvorschlag für das Erdzeitalter, in dem der Mensch für die geologischen Veränderungen des Planeten verantwortlich ist. Dazu gehört die Umformung der Oberfläche durch landwirtschaftliche Nutzung, Industrialisierung und Verstädterung, Ressourcenabbau und der Vortrieb von Tunneln, die Verlagerung von Sedimenten, der Bau immer weiterer Staudämme, das Absinken des Grundwasserspiegels und die vom Menschen verursachte Zunahme von Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor in den Böden. Über die Namensgebung sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig.

Fünf Massenaussterbungen hat die Erde schon hinter sich. Eine nächste, vom Menschen direkt verursachte, steht uns womöglich bevor.

Ob die Menschheit noch eine lebenswerte Zukunft hat, liegt in unser – aller – Hand.

Die Aufnahmen dieser wachrüttelnden Dokumentation sind fantastisch und muten teilweise fast surreal an, dass man mehr staunt als betroffen zu sein. Die einzelnen Sequenzen werden von Hannes Jaenicke mit entsprechenden Kommentaren verbunden. Insgesamt eine bildgewaltiges Werk, das, wenn man die Bilder verarbeitet hat, sehr nachdenklich stimmt. Unsere Welt ist schön. Und doch auch bedroht und zerbrechlich. Nicht nur zu Lande, auch in den Meeren.

Ulrike Schirm


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"CHICHINETTE – Wie ich zufällig Spionin wurde" Dokumentarfilm von Nicola Alice Hens (Deutschland), der im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals Berlin-Brandenburg als Preview gezeigt wird und ab 17. September 2020 offiziell in den Kinos läuft. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Erst im Alter von über 90 Jahren erzählt Marthe Hoffnung Kohn (Geboren 1920 in Metz, Frankreich, Lothringen) zum ersten Mal ihre beeindruckende Lebensgeschichte. Ihr langes Schweigen beruht auf der Tatsache, dass niemand sie gefragt hat. Niemand wollte über den Krieg reden.

Als französische Jüdin floh sie vor den Nazis, überlebte und meldete sich später, nach der Befreiung von Paris als Freiwillige bei der französischen Armee und wurde Spionin. Ihr Spitzname: „Chichinette“ (Kleine Nervensäge).

Marthe wächst in einer orthodox jüdischen Großfamilie in Metz auf. 1939 flieht sie mit ihrer Familie von Metz nach Potiers. 1940 besetzte Deutschland einen Teil Frankreichs, deutsche Geschäfte wurden enteignet. Marthe und ihre Schwester Stephanie , die Medizin studierte, mussten ihren Großhandel aufgeben. Sie durften kein Telefon und Radio mehr haben und mussten kurze Zeit später den Judenstern tragen.

1942 flüchtete sie über die Demarkationslinie nach Marseille. In dieser Zeit wird ihr Verlobter Jaques, der sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen hat, von den Nazis erschossen. Ihre Schwester wurde deportiert. Kommilitonen hatten ihre Flucht vorbereitet, Stephanie lehnte mit den Worten „Wenn ich flüchte werdet ihr alle verhaftet“, ab. Überall hingen Plakate, auf denen die Deutschen 25.000 Franc jedem Denunzianten versprachen.

In Marseille besuchte Marthe die Schwesternschule des Roten Kreuz. Trotz ihres Schmerzes hat sie alle Prüfungen bestanden.

August 1944. Paris wurde befreit. Marthe wollte sofort in die Armee eintreten, doch ihr Pass war gefälscht. Es war Jaques Mutter, die sich persönlich bei Charles de Gaulle für sie einsetzt. Sie wurde dem Infanterie-Regiment 151 zum Sozialdienst abgeordert. Da sie sehr gut Deutsch spricht, wechselte sie zum Geheimdienst und wurde einer intensiven Ausbildung unterzogen und musste sich eine neue Identität zulegen. Sie nannte sich Martha Ulrich. Es gelang ihr, sich in Deutschland einzuschmuggeln.

Die Angst aufzufliegen, war ihr ständiger Begleiter. Durch ihre Investigationen über deutsche Truppenbewegungen hilft Marthe, den Krieg zu verkürzen. Nach Kriegsende arbeitet sie für die französische Militärregierung in Lindau. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie Menschen, die bis zum Skelett abgemagert waren und zum ersten Mal hörte sie von Konzentrationslagern. Mit ihrem Charme und ihrer inszenierten Unbedarftheit, erreichte sie mehr, als von ihr erwartet wurde.

Noch immer leuchtet der Schalk in ihren Augen, wenn sie heute davon erzählt. Zahlreiche Auszeichnungen nennt sie ihr eigen.

Mitte der 50er Jahre lernt sie in Genf den angehenden Mediziner Major L. Cohn kennen. Das Paar zieht 1956 in die USA. 1958 heiraten sie und bekommen zwei Kinder. 6O Jahre schweigt sie über ihre Vergangenheit. Nicht mal ihr Mann wusste bis zu dem Tag, an dem sie ihre Koffer packten und sich von L.A. auf die Reise nach Europa machten, wo sie die Stationen ihres Lebenswegs während des Krieges, chronologisch besuchen. Voller Stolz war er dabei, als sie im Jahr 2000 mit der französischen „Médaille militaire“ ausgezeichnet wurde, die sie an ihre damalige Einheit weiter gab.

Marthe hat ihre Geschichte zur Lebensaufgabe gemacht. Diese kleine gebeugte Gestalt brilliert noch immer mit ihrem Humor, ihrer Direktheit und Schlagfertigkeit. Sie weiß, dass ihre persönliche Erzählung das Publikum berührt und zum Nachdenken anregt. Sie ist eine der letzten Zeitzeuginnen.

„Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“ erzählt in atmosphärischen, teils animierten Bildern, einen beeindruckenden Lebensweg und beobachtet Marthe heute, wie sie liebevoll von ihrem Mann unterstützt, mit einem fast jugendlichem Eifer, die Welt bereist, um ihre Geschichte mit der jungen Generation zu teilen. „Engagiert euch und führt keine Befehle aus, die nicht mit eurem Gewissen vereinbar sind“. Viel Zeit bleibt ihr nicht. Chapeau.

Ulrike Schirm


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FILMGESPRÄCHE zu Chichinette mit Regisseurin Nicola A. Hens und Produzent Amos Geva

12.09.2020 BERLIN KLICK Kino (Preview im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg) - 18:00 Uhr
17.09.2020 WEIMAR Lichthaus Kino – 19:00 Uhr
18.09.2020 LEIPZIG Cinémathèque Leipzig - 19:00 Uhr
19.09.2020 BERLIN Central – Uhrzeit tba
19.09.2020 BERLIN Moviemento – Uhrzeit tba


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