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Ulrikes Filmkritiken im August 2020, Teil drei

Nur wenige Sichtungstermine zu neuen Kinostarts und noch keine Einladung zu Christopher Nolans "TENET".



Um unsere Leser möglichst zeitnah über neue Kinostarts zu informieren, konnten wir bisher die meisten Pressevorführungen wahrnehmen, sofern wir oder unsere Kolleg*innen dafür die nötige Zeit übrig hatten.

Mit der Corona-Krise hat sich viel geändert und mit den inzwischen wieder stärker steigenden COVID-19 Infektionen wurden auch zahlreiche Pressetermine kurzfristig abgesagt oder streng reglementiert.

Nächsten Mittwoch, den 26. August 2020, soll Christopher Nolans IMAX-Sci-Fi-Thriller und Hoffnungsträger "TENET", über eine Geheimorganisation, die einen namenlosen Agenten (gespielt von John David Washington) rekrutiert, um die Welt vor dem 3. Weltkrieg zu bewahren, endlich in den Kinos anlaufen - doch nur wenige durften den Film vorab sehen, um darüber schreiben zu können.

Hier ein neuer Trailer:



Obwohl es inzwischen einige Lockerungen beim Besuch von Berliner Kinos gab, müssen weiterhin Abstandsregelungen eingehalten werden, wodurch die Anzahl der Sitzplätze immer noch limitiert ist. Darüber hinaus werden aufwändige Besucherlisten sogar von Pressevertretern erstellt, was nicht immer allen genehm ist.

Einige Städte, wie z.B. Offenburg stehen sogar kurz vor einem erneuten Knockdown, nachdem die Anzahl der Corona-Fälle auf einen Höchststand seit April gestiegen ist.

Und bei den 77. Internationalen Filmfestspielen von Venedig, die am 2. September 2020 beginnen, herrscht nicht nur ein Platz breit Abstandspflicht zwischen benachbarten Sitzen, sondern sogar Maskenpflicht während aller Vorstellungen, denn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erwartet ein Ende der Corona-Pandemie wohl erst in knapp zwei Jahren.

Dies wird auch Auswirkungen auf die Berlinale haben, die sehr genau beobachtet, ob bei der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica in Venedig, den ersten großen Filmfestspielen nach dem Corona-Ausbruch im März, alles glatt verläuft. Im schlimmsten Fall muss abgesagt werden.

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"THE CLIMB" eine wahre Indieperle über Männerfreundschaft von Michael Angelo Covino (USA). Mit Kyle Marvin, Michael Angelo Covino, Gayle Rankin u.a. seit 20. August 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Kyle (Kyle Marvin) und Mike (Michael Angelo Covino) sind nicht nur im Film „Best Buddys“, sondern auch im wahren Leben. Gemeinsam haben sie das Drehbuch geschrieben. Der gutmütige Kyle begleitet seinen Freund Mike auf einer Radtour in Frankreich. Die Landstraße führt bergauf. Der sportliche Mike gibt das Tempo an und Kyle keucht hinterher. Auch wenn es für ihn anstrengend ist, so kann er noch für seine bevorstehende Hochzeit mit Freundin Ava (Judith Godrèche), seinen Körper in Form bringen. Kurz vor ihrem Ziel, platzt es aus Mike heraus: „Ich habe mit Ava geschlafen“. Das er schon seit langem ein Verhältnis mit ihr hat, verschweigt er noch. Kyle ist am Boden zerstört. Es kommt zu einem Streit. Die Auseinandersetzung eskaliert. Der Streit nimmt ein jähes Ende, als ein Autofahrer in seiner „Ente“ die beiden überholt und sie dabei schneidet. Mike rastet aus, beschimpft den Fahrer, der schimpft zurück, Mike landet im Krankenhaus. Ernsthafte Verletzungen hat er nicht davongetragen. Ava, die im Krankenhaus auftaucht, ist beruhigt. Das wird im Kapitel 1 erzählt.

Es folgen noch weitere 6 Kapitel. Egal, was passiert, die beiden können nicht ohne einander. Sie werden gemeinsam an Avas Beerdigung teilnehmen, gemeinsam in den Skiurlaub fahren, Mike wird alles dran setzen, Kyles Hochzeit mit einer neuen Frau zu verhindern, seinen Junggesellenabschied zu feiern, Hochzeit und Thanksgiving ist auch nicht denkbar ohne den anderen.

Basierend auf seinem gleichnamigen Kurzfilm von 2018 erzählt der US-amerikanische Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Michael Angelo Covino eine Geschichte über eine Männerfreundschaft, die über etliche Jahre hinweg von Höhen und Tiefen geprägt ist. Mal melancholisch, mal peinlich und tragisch, meist aber urkomisch. Das liegt nicht nur an dem feinen Gespür für Zwischentöne und Covinos Ader für Selbstironie, sondern auch an den humorvollen absurden Konstellationen und köstlichen Dialogen. Liebevoll ausgesuchte französische Chansons, geben der Freundschaftsgeschichte noch einen Extra- Drive. Es macht Spaß, den beiden „verrückten“ Männern bei ihrer Berg und Talfahrt des Lebens, zuzuschauen.

„The Climb“ hat beim letztjährigen Filmfestival de Cannes den „Coup de coeur“ (Preis des Herzens) in der Nebensektion „Un certain regard“ gewonnen.

Ulrike Schirm


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"EXIL" beklemmendes Drama der letzten Berlinale über Ausgrenzung von Visar Morina (Deutschland, Belgien, Kosovo). Mit Misel Maticevic, Sandra Hüller, Rainer Bock u.a. seit 20. August 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Der im Kosovo geborene Pharmaingenieur Xhafer ( Misel Maticevic) lebt mit seiner Frau (Sandra Hüller) und seinen drei Kindern in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Er ist, neben der kroatischen Putzfrau, der einzige Mitarbeiter seiner Firma mit ausländischen Wurzeln. Nach und nach beschleicht ihn das Gefühl, an seinem Arbeitsplatz diskriminiert zu werden.

Als an seinem Gartenzaun eine tote Ratte hängt, ist für ihn sofort klar, dass können nur seine Kollegen aus der Chemiefabrik gewesen sein. Sie mögen ihn nicht, weil er kein akzentfreies Deutsch spricht und aus dem Kosovo stammt. Einen wirklichen Beweis dafür hat er nicht. Für ihn wird jedes Ereignis, jedes Wort und jede Geste seiner Kollegen zu einem Beweis für seine Vermutung. Ein Gefühl, dass von Tag zu Tag stärker wird. Seine deutsche Frau Nora ist es leid, dass ihr Mann hinter jeder Unliebsamkeit eine Mobbingattacke vermutet. Aber hat es wirklich etwas mit Rassismus zu tun oder steigert er sich immer mehr in etwas hinein, was aus seiner Überempfindlichkeit resultiert. Unbedachte Äußerungen, abschätzende Blicke und Gesten müssen nicht zwingend rassistisch motiviert sein. Als dann auch noch der Kinderwagen vor seiner Haustür angezündet wird, er seine Frau in Verdacht hat, ihn zu betrügen und er auch nicht zur Geburtstagsfeier seiner Schwiegermutter gehen will, weil auch sie etwas gegen Ausländer hat, stellt er sich selbst immer mehr ins Abseits.

Sein Verhalten und seine Gefühle nehmen paranoide Züge an. Seine Frau ist seinen ständigen Klagen überdrüssig. „Hast du mal darüber nachgedacht, dass es nicht daran liegt, dass du Ausländer bist, sondern einfach ein Arschloch“ schleudert sie ihm trocken ins Gesicht.

Regisseur und Drehbuchautor Visar Morina beschreibt die Chronik einer schleichenden aber womöglich imaginären Bedrohung. Auch Morina wurde im Kosovo geboren. Er schildert die Ereignisse aus Xhafers Perspektive.

Misel Maticevic spielt ihn als sensiblen Menschen, der sich immer mehr in einen Wahn hineinsteigert und sich nur noch von Feinden umgeben sieht. Bei aller Konzentration auf seine Hauptperson, verliert Morina die Situation der anderen Figuren nicht aus den Augen, zeigt ihre Schwächen und auch Nöte, die wiederum aufdecken, wieso und warum sie sich verhalten, so wie sie es tun. Ihm ist ein kluger, manchmal schwer auszuhaltender Film gelungen. Die Frage, was ist Wahrheit und was ist eigene Wahrnehmung, ob sich das überhaupt trennen lässt, kann auch er nicht beantworten. Ein komplexer Stoff, den er in seinem bewegenden Film verdichtet hat.

Ulrike Schirm


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"STAGE MOTHER" Tragikomödie über eine texanische Kirchenchorleiterin von Thom Fitzgerald (Kanada). Mit Jacki Weaver, Adrian Grenier, Lucy Liu u.a. seit 20. August 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik über ein eigentlich ungewolltes schwules Erbe:

Die Kirchenchorleiterin Maybelline (Jacki Weaver) lebt mit ihrem Mann Jeb (Hugh Thompson) im tiefen Süden der USA. Sie haben sich von ihrem schwulen Sohn Jackie losgesagt. Er passt einfach nicht in ihre konservative Welt.

Auf der Bühne seiner Drag-Bar „Pandoras Box“ in San Francisco bricht er plötzlich zusammen. Weit weg von seinen Eltern hat er sich sein eigenes Leben aufgebaut.

Maybelline erfährt von seinem Tod und fliegt gegen den Willen ihres Mannes von Texas nach San Francisco, um von ihrem Sohn Abschied zu nehmen. Während des Trauergottesdienstes kommt sie sich zwischen den schrillen Freunden und Kollegen ihres Sohnes wie ein Fremdkörper vor. Sie zieht sich in ihr Hotelzimmer zurück. Als sie erfährt, dass die Bar ihres Sohnes in finanziellen Schwierigkeiten steckt, verlängert sie ihren Aufenthalt und nimmt das Zepter in die Hand. Und wenn es sein muss, auch gegen den Widerstand von Jackies Lebensgefährten Nathan (Adrian Grenier). Die resolute kleine Person zieht zu einer Freundin ihres Sohnes und fungiert ab und zu als ihre Babysitterin. Erstmal sorgt sie für eine Renovierung des Ladens. Dann bestimmt sie, dass die Drag-Queens selber singen, berät sie bei der Kostümwahl, verteilt sogar selber Handzettel, um für Gäste zu werben. Nach kürzester Zeit fühlt sie sich zwischen Joan of Arkansas, Tequilla Mockingbird und wie sie alle heißen, pudelwohl. Auch Nathan verliert sein ursprüngliches Misstrauen gegen sie.

Maybelline gewinnt Spaß daran, ihr Äußeres zu verändern. Sie hat sogar einen seriösen Verehrer gefunden. Freude, Friede, Eierkuchen, in 95 Minuten sind alle Konflikte und Streitereien beseitigt und das ist auch gut so. Es muss nicht immer alles realistisch sein.

Mit Jackie Weaver hat Regisseur Thom Fitzgerald eine Schauspielerin gefunden, der man mit einem Augenzwinkern zuschaut, deren Warmherzigkeit unter die Haut geht und der man es durchaus glaubt, dass sie sich in dieser schwulen Szene wohlfühlt. Vielleicht eine Art Vermächtnis an ihren Sohn. Als Maybelline am Ende die Bühne betritt und in Erinnerung an ihren Sohn zu singen beginnt, hat sie die Herzen der Zuschauer restlos gewonnen. Ein Feel-Good-Movie, was seinem Namen alle Ehre macht.

Ulrike Schirm


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