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Neue Filmkritiken und ein Nachtrag im August 2020

Filmkritiken zu Filmstarts in der Kennwoche 33 und ein Nachtrag zur Vorwoche.



Eigentlich könnten klimatisierte Kinos bei den aktuellen Hitzetagen für etwas Abkühlung sorgen, doch die Renner bleiben die Open-Air-Vorführungen mit täglich wechselndem Programm, während die geschlossenen Filmtheater mit aktuellen Kinostarts unter Besucherschwund zu leiden haben.

An den großartigen neuen Filmen, die zum Teil für das abgesagte Festival de Cannes vorgesehen waren, liegt es wohl nicht, auch wenn die lang erwarteten großen Blockbuster immer noch ausbleiben oder bereits bei Netflix zu sehen sind. Hier kommen unsere Filmkritiken:

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"IL TRADITORE - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra" Biopic-Drama von Marco Bellocchio (Italien, Frankreich, Deutschland, Brasilien). Mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Cândido, Fabrizio Ferracane u.a. seit 13. August 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik über einen Mafiaboss, der sein Schweigegelübde bricht.

"IL TRADIORE" („Der Verräter“) ist die Geschichte des Mafiabosses Tommaso Buscetta, genannt Don Masino. Ein Mafioso, der sich für einen Ehrenmann hält, loyal hinter der Cosa Nostra steht, seinen eigenen Prinzipien folgt und wenn es drauf ankommt, sich auch mit den Mächtigen anlegt.

Sein Wunsch ist es, eines Tages in seinem eigenen Bett zu sterben. Von Ende der 70er bis Anfang der 80er Jahre sieht er sich mit der zunehmenden Macht der Corleonesi konfrontiert, an deren Spitze der brutale Totò Riina, auch die Bestie genannt, steht.

Er und seine Anhänger missachten die Prinzipien der Cosa Nostra. Sie töten Frauen und Kinder und eliminieren alles, was ihnen im Wege steht. Das Abkommen, sich den Heroinhandel zu teilen, hat sich nicht bewahrheitet. Buscetta verlässt seine alte Familie und beschließt, sich mit seiner dritten Frau und den jüngeren Kindern, ein ruhiges Leben in Brasilien aufzubauen. Aber die Mafia so einfach zu verlassen, ist schier unmöglich. Er wird von der Organisation gejagt. Als ihn ein Anruf erreicht, erfährt er, dass eine Vielzahl von Verwandten und Freunden der Wut des Corleonesi-Clans zum Opfer gefallen sind. Man weiß, wo er ist.

Die brasilianische Polizei reagiert. Er wird verhaftet und gefoltert. Nach einem missglückten Suizidversuch, liefert man ihn nach Italien aus. Er ist beseelt von dem Gedanken, seine ermordeten Söhne zu rächen. Buscetta trifft eine Entscheidung, die die Mafia erschüttert. Er schließt einen Pakt mit dem Untersuchungsrichter Falcone (Fausto Russi) und bricht sein der Cosa Nostra gegenüber geschworenes Schweigegelübde.

Im Gegenzug erhält er Garantien, die seinen persönlichen Schutz und sein Überleben sichern. Im sogenannten „Maxi-Prozess“ von Palermo wurden 475 Personen angeklagt. Die Gerichtszenen enthalten durchaus komische Momente. Buscetta, der seinen ehemaligen Kollegen stilsicher im perfekt geschnittenen Anzug und Sonnenbrille gegenüber sitzt und erklärt, was für ihn ein „Siciliano Vero“ ist, sieht mit an, wie einige von ihnen aus dem Prozess ein Gaudi machen. Der Prozess endet mit 360 Schuldsprüchen.

1992 wurde Falcone ermordet. Jetzt geht Buscetta noch einen Schritt weiter. Er schildert die Verbindungen zwischen der Mafia und italienischen Politikern. Er warf dem früheren italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andredotti Verwicklungen mit der Mafia vor.

Als alles vorbei war, veränderte Buscetta mithilfe einer kosmetischen Operation sein Aussehen, ging erst nach Brasilien, dann in die USA, wo er den Rest seines Lebens unter der Obhut des US-amerikanischen Zeugenschutzprogramms verbrachte.

Regisseur Marco Bellocchio macht es dem Zuschauer nicht leicht. Es ist schier unmöglich, sich die unzähligen Namen und Gesichter zu merken und auseinanderzuhalten und den verschiedenen Details der Handlung zu folgen. Sein 153-minütiges Epos ist eher ein perfekter Serienstoff, (aber dennoch spannend, die Red.)

Ulrike Schirm


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"WEGE DES LEBENS – The Roads not taken" Drama von Sally Potter (Großbritannien, USA). Mit Javier Bardem, Elle Fanning, Laura Linney u.a. seit 13. August 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Ein Mann (Javier Bardem) liegt in seiner New Yorker Wohnung im Bett und starrt vor sich hin. Seine Tochter Molly (Elle Fanning) ist gekommen, um mit ihm zum Zahnarzt zu gehen. Schnell bemerkt man, dass Leo sich nicht mehr im Hier und Jetzt befindet. In diesem Zustand ist er unberechenbar.

Der Weg zum Zahnarzt ist eine Qual für ihn. Er muss sein sicheres Zuhause verlassen. Es gibt eine Pflegekraft, die sich um den Haushalt kümmert. Molly begleitet ihren Vater von Termin zu Termin, wechselt seine vollgepinkelten Hosen und versucht mit einer Engelsgeduld Struktur in seinen Alltag zu bringen, damit er sich nicht ganz verliert. Doch Leo irrt durch seine Gedanken und durchwandert Stationen seines früheren Lebens. In Mexico durchlebt er mit seiner Ex-Frau Dolores (Salma Hyek) die gemeinsame Trauer um ihren verstorbenen Sohn. Hayek spielt bedrückend und eindringlich.

Auf einer griechischen Insel sucht er mühevoll nach dem Ende seines Romans. Und dann taucht auch noch Mollys Mutter Rita (Laura Linney) auf, die er kurz nach Mollys Geburt verlassen hat, weil ihn das Babygeschrei bei seiner schriftstellerischen Arbeit gestört hat. Als Ehemann und Vater hat er sich nicht mit Ruhm bekleckert, vorausgesetzt, es könnte so gewesen sein.

Um so erstaunlicher die Hingabe Mollys, mit der sie sich um den verwirrten Vater kümmert und ihren eigenen Job aufs Spiel setzt, zumal er sie nicht mehr erkennt.

Regisseurin Sally Potter begleitet die beiden etwas verworrene 24 Stunden lang. Dennoch berührt der Film einen tief.. Es geht um Lebenswege, die Jemand eingeschlagen hat, um Liebe und Verzweiflung, Emotionen im Leben , um die es oftmals geht. Ganz am Ende, als Leo seine Tochter kurz erkennt, entsteht ein Leuchten in ihrem Gesicht, dass man nicht so schnell vergisst.

Ulrike Schirm


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"WIR BEIDE" Dramödie von Filippo Meneghetti (Frankreich, Luxemburg, Belgien). Mit Barbara Sukowa, Martine Chevallier, Léa Drucker u.a. seit 6. August 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Mit einem Schlag ist ihr Traum zerplatzt.

Madeleine, genannt Mado (Martine Chevallier) und Nina (Barbara Sukowa) sind seit Jahren ein Paar. Sie wohnen in einer kleinen Stadt in Frankreich. Mado ist Witwe und hat zwei erwachsene Kinder. Ihre Liebe haben sie lange genug geheim gehalten. Beide wohnen auf der gleichen Etage, in gegenüberliegenden Wohnungen. Die meiste Zeit hält sich Nina in Mados Wohnung auf. Sie haben sich in Rom kennengelernt, als Nina noch als Reiseleiterin gearbeitet hat und Madeleine noch in ihrer unglücklichen Ehe ihre beiden Kinder großzog. Beide haben beschlossen, in die Stadt ihrer anfänglichen Liebe zu ziehen, um ihren Lebensabend ohne Heimlichtuerei zu genießen. Mado lässt ihre Wohnung von einem Makler begutachten, denn sie will wissen, wieviel sie bei einem Verkauf, wert ist. Sie hat sich fest vorgenommen an ihrem Geburtstag, wenn ihre Familie beisammen ist, ihnen ihren Entschluss mitzuteilen. Zu ihrer Tochter Anne (Léa Drucker) hat sie eine gute Beziehung, zu ihrem Sohn Frédéric (Jérome Varanfrain) weniger. Er wirft ihr vor, dass sie den Tod seines Vaters nicht schnell genug erwarten konnte.

Nina kann es kaum erwarten. Sie schmiedet schon Pläne, wie alles verlaufen soll.

Als sie mit Mado unterwegs ist und vor einem Geschäft auf sie wartet, kommt zufällig der Makler vorbei und sie erfährt, dass Mado ihren Auftrag zurückgezogen hat. Ihre Enttäuschung entlädt sich in einem Streit auf offener Straße. Sie lässt Mado stehen und rennt weg. Später tut es ihr leid und da sie einen Schlüssel zu Mados Wohnung besitzt, geht sie rüber, um sich zu entschuldigen. Mado liegt regungslos auf dem Boden ihrer Küche. Offensichtlich hat sie einen Schlaganfall erlitten.

Nach einigen Tagen im Krankenhaus, bringt Anne sie zurück nach Hause. Mado ist verstummt. Ihre Tochter hat eine Pflegerin (Muriel Benazeraf) engagiert, die sich Tag und Nacht um ihre Mutter kümmert und nun in der Wohnung wohnt. Nina ist zurückgeworfen in ihre Rolle der netten Nachbarin von nebenan.

Nina ist in ihrem Schmerz allein. Sie will und muss sich um Mado kümmern. Die Pflegerin benutzt ständig irgendwelche Ausreden, um Ninas Hilfe zu blockieren. Auch sie ahnt, dass zwischen den beiden Frauen mehr existiert, als nur eine nachbarliche Freundschaft. An einer Stelle äußert sie den Satz, dass sie mit so etwas nichts zu tun haben will. Es geht soweit, dass sich Nina nachts in die Wohnung schleicht, um Mado nah zu sein, immer der Gefahr bewusst, von der Pflegerin entdeckt zu werden. Nina ist getrieben von dem Gedanken, dass wenn überhaupt, nur ihre Liebe zu Mado, zur Genesung beitragen kann. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu unlauteren Mitteln zu greifen. Das Drama entwickelt sich fast zu einem Thriller. Eine ungeheuerliche Tragik begleitet die Geschichte. Anne, die längst eine dunkle Ahnung hat, will sich nicht ihre Illusion einer glücklichen Familie zerstören. Es sieht so aus, als ob Mados Unfähigkeit endlich die Wahrheit zu sagen, mit der Flucht in die Krankheit endet. Nun ist sie verstummt und kann sich nicht mehr äußern.

WIR BEIDE ist das Regiedebüt des Italieners Filippo Meneghetti. Er hat die Geschichte ohne jede Sentimentalität gedreht. Es sind seine beiden Hauptdarstellerinnen, die diesen sehenswerten Film zu etwas ganz Besonderem machen. Nina, die mit einer emotionalen Kraft und ihrer forschen Direktheit um ihre Liebe kämpft und Madeleine, die in dem äußeren Schein verhaftet ist. Es sind ihre sehnsuchtsvollen Blicke, die Bände sprechen.

Ulrike Schirm


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