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Bazooka mit Ladehemmung - ein Kommentar von Katharina Dockhorn

Künstler und freie Publizisten sind die großen Verlierer der Corona-Krise.



Unsere freie Kollegin, Katharina Dockhorn, vormals Mitglied beim DJV, ist aus dem Journalistenverband wieder ausgetreten, da es für sie dort zu viele Ungereimtheiten gab. Auch heuer ärgert sie sich wieder im nachfolgenden Artikel über ungefilterte Meldungen von Kolleginnen und Kollegen ihrer Zunft, die zunehmend Agenturmeldungen übernehmen, ohne den Inhalt genauer zu hinterfragen.



Sogar Monika Grütters, der Staatsministerin für kulturelle Angelegenheiten, ist wohl erst dieser Tage bewusst geworden, dass die arbeitslos gewordenen Kulturschaffenden der Film- und Medienbranche von Kurzarbeitergeld nicht lange überleben können. Denn dass aufgrund der Corona-Krise nicht nur die Filmstudios leiden, sondern auch viele tausende Kinobetreiber, Angestellte und Minjobber, sollte eigentlich allen klar sein.

Auch eine schnelle Rückkehr ins normale Leben dürfte nicht ganz einfach ablaufen, da der Kinobranche aktuelle Filme fehlen, deren Start inzwischen auf einen späteren Termin verschoben wurde oder aber vorzeitig für den Online-Vertrieb freigegeben wurden und somit für das Kino nahezu wertlos geworden sind.

Kommentar von Katharina Dockhorn:

In diesen Tagen sind die „Süddeutsche Zeitung“ unter dem Titel: »Frust, Wut und Fassungslosigkeit« sowie der „Stern“ mit dem Aufmacher: »Kein Geld, keine Hoffnung: Die Kultur wird in der Corona-Krise schamlos im Stich gelassen, endlich aufgewacht.

Die Bazooka von Finanzminister Olaf Scholz schießt an soloselbständigen Künstlern und Journalisten vorbei, wie wir an dieser Stelle bereits am 29. März 2020 argwöhnten.

Das Geld der Bundesregierung ist ausschließlich zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz gedacht – Miete und Leasingraten. Ob Versicherungen, Kredite oder gar Sozialbeiträge ebenso eingerechnet werden dürfen, ist bis heute unklar. Die Gewerkschaften haben zwar ellenlange Abhandlungen zu den Bundeshilfen ins Netz gestellt, aber eine Klarstellung zu dieser zentralen Frage fehlte bis heute.

Berlin spendierte selbständigen Künstlern und Publizisten 5000,- Euro für sechs Monate für den Lebensunterhalt, der Topf ist längst alle. NRW immerhin 2000,-, von denen freie Journalisten ausgeschlossen waren. Gut dachte mancher angesichts der bekannten Durchschnittseinkommen, das Land hatte ja ausdrücklich auch Mittel für den Lebensunterhalt in den 9000,- bzw. 15.000 Euro Bundesmitteln vorgesehen. Jetzt meldete der DJV in NRW, dass diese Regelung zurückgezogen sei. Die Landesregierung passe sich den Vorgaben der Bundesregierung an. Und so bleibt nur noch Baden-Württemberg, das 1180,- Euro je Monat für den Lebensunterhalt zahlt... In den anderen Bundesländern hieß es gleich, Hartz IV für den Lebensunterhalt. Mit all den bekannten Hindernissen.

Die Lücke ist jetzt offensichtlich auch den Länderpolitikern aufgefallen. Ver.di verbreitete gestern, dass die Wirtschaftsministerinnen und Wirtschaftsminister der Länder die Einkommenseinbrüche mit je 1000,- Euro im Monat bundeseinheitlich abzufedern. Allerdings sieht ver.di nicht nur den Bund in der Pflicht. Die Gewerkschaft appelliert ausdrücklich an die Länder, ihre Schatullen unbürokratisch zu öffnen.

Für die Länder ist dieser kleine Unterschied eine existentielle Frage. Hier heißt es nur, linke Tasche, rechte Tasche. Denn sie bleiben ja vorrangig auf steigenden Kosten für Hartz IV sitzen, wenn Millionen Betroffene jetzt Leistungen aus dem Soziallsystem in Anspruch nehmen. Denn auch andere angekündigte Leistungen greifen nicht. Bei der Beratungshotline zum Antrag auf den Kinderzuschlag ist man überfordert mit der Auskunft, wie Selbständige ihre plötzlichen Honorareinbußen darstellen sollen. Und das Finanzamt Pankow/Weißensee teilte der Verfasserin mit, dass eine Stundung der Vorauszahlungen der Einkommenssteuer leider nicht möglich sei. Anfang März wurde gezahlt und bis Juni sei ja Zeit, das Geld zusammenzukratzen.

Dass es so kommen wird, dafür hätten die Kollegen im allgemeinen Jubel über die Hilfspakete nur mal das Kleingedruckte in den Pressemitteilungen lesen müssen. Aber selbst in den Flaggschiffen des Journalismus wurde – einmal mehr – gejubelt statt kritisch berichtet. Dabei wäre es doch sehr einfach gewesen, die Bundeshilfen als Rettung von Immobilienbesitzern und Banken einzuordnen und dann Ankündigung von Arbeitsminister Hubertus Heil, er erwarte durch die Corona-Krise rund eine Million zusätzliche Hatz-IV-Empfänger, in Zusammenhang zu setzen.

So kann man den beiden Kollegen von „Süddeutscher“ und „Stern“ dankbar sein, endlich mit dem Mythos der selbstlosen Hilfe für die Kulturbranche aufgeräumt zu haben. Denn die Verbände der Kreativen sind momentan merkwürdig still. Mit Ausnahme des bereits am 29. März 2020 erwähnten Vorschlags von AG DOK, BVR und anderen, das KSK-Einkommen analog des Kurzarbeitergeldes zur Grundlage direkter Hilfen zu machen, fehlen Forderungen an die Politik, den Sonntagsreden über die Bedeutung von Kunst, Kultur und Journalismus auch Taten folgen zu lassen.

Da verwundert es nicht, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters abgetaucht ist. Funkstille, obwohl seit letzten Mittwoch klar ist, dass Theater und Kinos wohl nicht vor dem Sommer wieder öffnen werden. Und die Freiluft-Saison bis 31. August 2020 ausfällt. Berlins Innensenator machte heute bei Radio 1 vom rbb auch wenig Hoffnung für das erste Septemberwochenende.

Dafür wird Monika Grütters kommenden Freitag in einer virtuellen Fernsehshow die deutschen Filmpreise verleihen. Die Schecks von 10.000 Euro für den Lola-Gewinn in den kreativen Kategorien wird manch Gewinner über die kommenden Monate retten. Das auf die Gala folgende Büfett fällt in diesem Jahr aus. Was der ein oder andere bedauern wird. Ein Regisseur formulierte schon vor Jahren, endlich mal wieder was anderes als Instant-Suppen, die sonst bei ihm auf dem Tisch stehen.

K.D.


[*Bazooka = Panzerabwehrwaffe (1942) … oder mit Kanonen schießt man nicht auf Spatzen.]

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