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Erste Rezensionen von der Berlinale und Filmkritiken zu regulären Kinostarts

Wegen der Berlinale ist kaum Platz vorhanden für reguläre Kinostarts in den Berliner Filmtheatern - aber auch danach, am Do. 5. März, starten schon wieder 17 neue Filme zeitgleich.



Mit der Schließung der CineStar Kinos im Sony Center am Potsdamer Platz herrscht derzeit Mangelware an großzügigen Kinosälen in Berlin, denn die Berlinale musste überall Ausweichplätze suchen und belegt für die Sektion Generation sogar die Urania. Auch das Kino International und das CinemaxX am Potsdamer Platz sowie der Zoo Palast, das Delphi am Zoo und das beliebte Cubix Kino am Alexanderplatz stehen für reguläre Kinostarts nicht zur Verfügung.

Darüber hinaus geht die Berlinale auch in die Berliner Kieze und zeigt in kleineren Bezirkskinos wieder eine Auswahl aus ihrem diesjährigen Programm.

Beleuchter händeringend gesucht.

Einen Aufschrei über Mangelware an Fachkräften für die Filmbranche konnte man unlängst auch im Tagesspiegel lesen. Überall in Berlin und Brandenburg fehlen Fachkräfte. Es fehlen nicht nur Beleuchter, sondern auch Aufnahmeleiter und Produktionsleiter. Die Branche boomt und habe im Moment deutlich unter Fachkräftemangel zu leiden, bestätigte auch Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg.

Das Medienboard präsentiert übrigens zwölf geförderte Filme auf der Berlinale. Einige davon laufen in der Reihe »Perspektive Deutsches Kino«.

Was es ansonsten in Berlin an interessanten Filmen zu sehen gibt, lässt sich am besten im Programmheft der Indie Kinos nachlesen, das es auch online gibt.

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Wir werden während der Berlinale kaum Zeit finden unser BAF-Blog täglich zu aktualisieren. Einige Filmkritiken aus den Sektionen werden aber nach ihrer Welturaufführung automatisch von uns gepostet, denn manche Filme konnte unsere Berlinale-Kritikerin Elisabeth schon vorab sehen. Dazu heute eine erste Rezension aus der Reihe »Perspektive Deutsches Kino«.

"KIDS RUN" (Feature Film)

Berlinale: Perspektive Deutsches Kino
Eröffnungsfilm
Weltpremiere

Andi (Jannis Niewöhner) hat drei Kinder von zwei verschiedenen Müttern. Die Kinder leben bei ihm. Er hält sich mit Tagelöhnerjobs auf dem Bau über Wasser. Das Geld ist immer knapp. Geduld ist nicht seine Stärke. Aggressionen bestimmen sein Wesen. Wenn er die Kleinste am Morgen der Mutter übergibt, ist es ihm noch egal, wenn er Babyflasche und Schnuller mal wieder nicht eingepackt hat. Die beiden Älteren schubst und schiebt er, um sie noch rechtzeitig in die Schule zu kriegen. So stellt man sich wohl das klassische Bild prekärer Elternschaft vor. Aber Barbara Ott geht es in ihrem Langspielfilmdebüt um den Blick hinter diese Fassade.

Bereits in ihrem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg behandelte sie ein ähnliches Thema. Mit "Sunny" (2013) machte sie auf sich aufmerksam, gewann gar den deutschen Kurzfilmpreis. So ist "Kids Run" eher ein Porträt und kein Milieufilm. Elternschaft ist immer ein Marathon. Man muss mit seinen Energien haushalten. Das ist es, was Andi lernen muss. Als seine Ex, Sonja (Lena Tronina) ihre Tochter, noch im Babyalter, wieder zu sich nehmen möchte, weil sie sich in einer stabilen Partnerschaft wähnt, merkt Andi, dass er nicht bereit ist, seinerseits das Kind herzugeben. Hier beginnt sein Kampf. Um die Mutter, um das Kind, um eine irgendwie geartete Perspektive.

Die Schulden drücken, die Miete ist nicht bezahlt. Drohungen werden gerne mal im Beisein eines Pitbulls ausgesprochen. Gewalt liegt ständig in der Luft. Es scheint, Barbara Ott packt noch ein paar Schichten drauf, von denen sich der junge Vater befreien muss. Um die Schulden zu begleichen will er in den Boxring treten. Andernorts als im Ring gibt es für einen wie ihn nichts zu gewinnen. Auch wenn der Boxkampf eine Klammer bildet, führt das Drehbuch erst sehr spät in diese Richtung. Da hat sich der Spalt, durch dem wir den Figuren näher kommen, bereits geöffnet. Nach und nach legt sie die verkanteten Schichten frei, um zu zeigen, wie viel Liebe möglich ist. Es wirkt in einem so rohen, Licht los gehaltenen Drama, wie die Hoffnung.

Elisabeth Nagy


"Kids Run"
Drama.
Deutschland 2019
Regie Barbara Ott
Drehbuch Barbara Ott
Bildgestaltung Falko Lachmund
Montage Halina Daugird, Gregory Schuchmann
Musik Paradox Paradise, John Gürtler, Lars Voges, Jan Miserre
Szenenbild Christiane Krumwiede
Kostüm Tina Eckhoff
Make-Up Marcus Michael, Elke Hahn
Ton Robert Keilbar
Casting Simone Bär, Phillis Dayanir

Termine
Fr 21.02. 19:30 International Eröffnung Perspektive Deutsches Kino
Sa 22.02. 12:00 Colosseum 1
So 23.02. 20:30 CinemaxX 1
Mo 24.02. 16:30 Cubix 5
Do 27.02. 17:00 JVA Plötzensee

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"KOKON" (Feature Film)

Berlinale Generation 14plus
Eröffnungsfilm
Weltpremiere

Es ist der heißeste Sommer in Berlin seit Jahren. Ausgerechnet bei der Hitze wird Nora (Lena Urzendowsky) bei einem dummen Spiel die Hand verletzt. Das Blau des Gipsverbandes sei doch chic, sagen Jule und ihre Freundinnen. Aber das ist nur so daher gesagt. Ums Aussehen und die Coolness geht es schon. Man rennt mit dem Handy durch die Straßen, filmt sich und andere und teilt es mit allen. Nora ist eher der stille zurückhaltende Typ. Sie nimmt ihre Umgebung ganz anders wahr und empfindet den heimischen Kiez, Berlin - Kotti, wie ein Aquarium.

Mit geschientem Arm kann Nora nicht auf Klassenreise und darum soll sie solange in die Klasse ihrer Schwester mitmachen. Das ist die erste Welle im Glas, das irgendwann zerbricht und ihr eine Freiheit bringt. Nach "Looping" erzählt Leonie Krippendorff, Absolventin der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, einen Coming-of-Age-Film. Nora, gerade mal 14 Jahre alt (man erkennt natürlich, dass die Darstellerin wesentlich älter ist), wird ihre erste Periode bekommen und sich das erste Mal verlieben. Doch ihr Blick fällt nicht auf einen der Jungen, sondern auf Romy (Jella Haase). Romy hat etwas, was ihre Schwester und ihre Freundinnen nicht haben. Das ist nicht nur eine wilde Unbekümmertheit, sondern eine innere Ruhe. Romy muss sich nichts beweisen und sich auch nicht aufbrezeln. An Romy schaut sich Nora ein Körpergefühl ab, dass ihr viel eher behagt.

"Kokon" ist ein Großstadtfilm, ein Berlin-Film. Man trifft sich auf den Dächern, in der Shisha Bar und im Freibad. Krippendorff gibt dem Sommer in Kreuzberg eine Weite und eine Leichtigkeit. Selbst das Freibad, die große Spielwiese um sich zu zeigen und zu schauen, wirkt größer. Aus dem vorgegebenen Mustern kann sich Nora befreien und ihre eigenen Weg gehen. Auch weil sie Vorbilder findet, die ihr die Sicherheit geben, dass so wie sie fühlt, sie richtig fühlt.

Elisabeth Nagy

"Kokon"
Drama.
Deutschland 2019
Regie Leonie Krippendorff
Drehbuch Leonie Krippendorff
Bildgestaltung Martin Neumeyer
Montage Emma Alice Gräf
Musik Maya Postepski
Szenenbild Josefine Lindner
Kostüm Ramona Petersen
Make-Up Janina Kuhlmann
Ton Achim Burkart
Casting Paula Alamillo Rodriguez, Leonie Krippendorff

Termine
Fr 21.02. 19:30 Urania Eröffnung Generation 14plus
Sa 22.02. 20:30 HAU Hebbel am Ufer (HAU1) Berlinale Talents mit Q&A
So 23.02. 17:00 Cubix 8
Do 27.02. 14:00 CinemaxX 1
So 01.03. 13:30 CinemaxX 3

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"EUFORIA" Drama von Valeria Golino (Italien). Mit Riccardo Scamarcio, Valerio Mastandrea, Isabella Ferrari u.a. seit 20. Februar 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Im Mittelpunkt des Films „Euforia“, der italienischen Regisseurin und Schauspielerin Valeria Golino, stehen zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein können. Matteo (Riccardo Scamarcio), ein erfolgreicher, attraktiver, schwuler Unternehmer, wohnhaft in einer Luxuswohnung in Rom, der sein Leben in vollsten Zügen genießt.

Seine Homosexualität war nie ein Problem für ihn. Ganz anders sein älterer Bruder Ettore (Valerio Mastandrea), von Beruf Lehrer, introvertiert und voller Gewissensbisse seiner Frau Michaela gegenüber, mit der er seit zwanzig Jahren zusammen war und die sehr leidet, weil er eine neue Liebe hat. Wegen ihres gemeinsamen Sohnes ist der Kontakt nicht abgebrochen. Aufgrund ihrer verschiedenen Charaktere, hatten sie nie viel miteinander zu tun. Das ändert sich schlagartig, als bei Ettore Krebs festgestellt wird. Matteo bietet ihm an, zu ihm nach Rom zu ziehen, da er dort besser behandelt wird. Ettore verlässt den Ort ihrer Kindheit und nimmt das Angebot an. Der wahre Grund seiner Krankheit wird von allen Personen in seinem Umfeld verschwiegen. Ein durchaus übliches Vorgehen in vielen Familien, um den Kranken nicht zu entmutigen. Nach Jahren, leben die beiden nun wieder auf engem Raum zusammen, was erst einmal zu einigen Auseinandersetzungen führt.

Valeria Golino nimmt sich viel Zeit, die Gefühle ihrer beiden Protagonisten, nach und nach offen zu legen und man erfährt, dass sie sich nicht so unähnlich sind, wie es anfänglich scheint. Daraus bezieht der Film eine subtile Spannung, die sich spätestens auflöst, als sie ihre unbeschwerte Lebensfreude aus ihren Kindertagen wieder entdecken. Als sich Ettores Gesundheitszustand immer mehr verschlechtert, bricht er die Behandlung ab. Er ahnt, was auf ihn zukommt. Es bleibt offen, ob er die Wahrheit nicht schon viel früher wusste und um seine Familie zu schützen, das Spiel mitgetragen hat. Äußerst feinfühlig erzählt Golino am Beispiel der Brüder wie schmerzhaft der Verdrängungsmechanismus sein kann und wie unterschiedlich die beiden damit umgehen und wie befreiend die Wahrheit sein kann. Wenn man Glück hat, steigert sie sich, bis hin zur „Euphorie“.

Ulrike Schirm


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"WEISSER, WEISSER TAG" Nordisches Drama von Hlynur Pálmason (Island, Dänemark, Schweden). Mit Ingvar Eggert Sigurðsson, Ída Mekkín Hlynsdóttir, Hilmir Snær Guðnason u.a. seit 20. Februar 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Am Anfang dieses spröden, isländischen Dramas, folgt die Kamera einem Auto. Es fährt eine einsame Strasse, durch weiß-graue Nebelschwaden entlang, durchbricht eine Leitplanke und verschwindet. An diesem Tag verlor Ingimundur (Ingvar Sigurdsson) seine geliebte Frau.

Ein isländisches Sprichwort sagt: „An den Tagen, an denen alles weiß ist und es keinen Unterschied mehr zwischen Himmel und Erde gibt, sprechen die Toten mit uns, die wir noch lieben.“

Zwei Jahre ist das nun her. Noch immer ist der Polizist von seiner Arbeit freigestellt. Eine große Stütze in seinem Schmerz, ist seine Enkelin Salka (Ida Mekkin Hlynsdóttir), für die er in seinem noch unfertigen Haus, ein Zimmer einrichtet. Später, wenn im Haus alles fertig ist, sollen seine Tochter Elín und sein Schwiegersohn und Salka hier einziehen. Die Sitzungen bei einem Therapeuten, der ihm bei seiner Trauerarbeit behilflich ist, fruchten bei ihm nicht. Als seine Tochter ihm einen Karton mit persönlichen Dingen seiner verstorbenen Frau vorbei bringt, entdeckt er, dass sie ein Verhältnis zu einem Mann namens Olgeir hatte. Die Suche nach der Wahrheit wird für den wortkargen Mann zu einer schmerzhaften Obsession, begleitet von wütenden Rachegedanken, die sich zu einem regelrechten Wahn entwickeln. Seine Enkelin erkennt ihren liebevollen Großvater kaum noch wieder und weiß nicht so recht, wie sie mit ihm umgehen soll.

Wie Sigurdsson diesen introvertierten, von tiefer Trauer ummantelten Menschen spielt, ist großartig. Die auf das Wesentliche reduzierte Geschichte, entwickelt eine starke Sogwirkung, wenn man sich auf sie einlässt. Die kraftvollen Bilder der Kamerafrau Maria Von Hausswolff sind von poetischer Schönheit, die in ihrer Symbolhaftigkeit mehr aussprechen, als Ingimundur fähig ist zu sagen und tragen somit zur Reflexion des Geschehens bei. Immer wieder tauchen in "Weißer, weißer Tag" die weißen Nebelschwaden auf, in denen sich der Polizist in seiner Trauer verliert.

Ulrike Schirm


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"CRONOFOBIA" Thriller von Francesco Rizzi (Schweiz). Mit Vinicio Marchioni, Sabine Timoteo, Leonardo Nigro u.a. seit 20. Februar 2020 im Kino. Hier der Trailer:



Zu den aktuellen Filmperlen des Arthouse-Kinos gehört auch "Cronofobia", Gewinner des Regiepreises und des Drehbuchpreises beim Festival Max Ophüls Preis in Saarbrücken 2019.

„Cronofobia“ ist ein Film mit poetischen Bildern über Einsamkeit und ein stilles Drama über Verlust und das Empfinden von Zeit. Große schauspielerische Leistungen, bildmächtige Kamera-Einstellungen und eine beklemmende Geschichte kommen in diesem Psychodrama über einen Stalker zusammen. Vor dem Kinostart hat „Cronofobia“ bereits Preise abgeräumt.

Ulrikes Filmkritik:

(Chronophobie ist die Angst vor dem Vergehen der Zeit. Das Wort bezeichnet das Gefühl, dass die Ereignisse zu schnell an einem vorüber ziehen. Ausgelöst, durch ein traumatisches Erlebnis)

Zu Beginn des dramatischen Films sieht man einen mysteriösen Mann, der vor dem Haus einer Frau in seinem Van sitzt und wartet bis sie herauskommt. Die Frau joggt bis zu den Bahngleisen, wartet bis ein Zug vorbeikommt und stößt einen markerschütternden Schrei aus und läuft zurück. Er ist ihr in seinem Auto gefolgt. Bei der Frau handelt es sich um Anna (Sabine Timoteo) die kürzlich ihren Mann durch einen Suizid verloren hat und das Trauma seines Todes zu überwinden sucht. Abgekapselt lebt sie in ihrem Haus, umgeben von Erinnerungen an den Verstorbenen, erstarrt in der Vergangenheit.

Bei dem Mann handelt es sich um Suter (Vinicio Marchioni) eigenbrötlerisch und ständig in Bewegung, auf der Flucht vor sich selbst. Tagsüber reist er durch die Schweiz, testet in wechselnden Kostümierungen Hotels, Gaststätten und überführt Angestellte, die von ihren Arbeitgebern des Diebstahls verdächtigt werden. Des Nachts steht er in seinem Wohnmobil vor Annas Haus, einer scheinbar fremden Frau. Sein Verhalten ähnelt dem, eines Stalkers. Als die Frau seine Obsession bemerkt, entwickelt sich zwischen den beiden eine außergewöhnliche Form von Intimität und Vertrautheit, die in eine zärtlich-verstörende Beziehung übergeht, höchst zerbrechlich, da bedroht durch ein dunkles Geheimnis. Anna drängt ihn immer stärker in die Rolle ihres Mannes.

Da sie anfänglich alles Persönliche ausgelassen haben, erfährt sie erst spät, dass er unter seinem Vornamen Michael noch immer leidet. Sein Bruder Michael starb zwei Jahre vor seiner Geburt. „Ich kam mir vor, als würde ich jemandem den Platz wegnehmen. Es ging mir nicht so sehr um den Namen. Ich hatte ständig das Gefühl, fehl am Platz zu sein“. Ein Traumata, von dem er sich noch immer nicht wirklich gelöst hat. Hinzu kommt, dass er von schweren Schuldgefühlen geplagt wird.

Suter ist ein rastloser Mann, der ständig sein Aussehen verändert, kein richtiges Zuhause hat, der alles tut, um zu vergessen und um sich selbst und seiner Schuld zu entfliehen. Anna ist eine Frau, die in ihren Erinnerungen verharrt und wie festgefroren in der Vergangenheit lebt. Zwei Menschen, die in selbst auferlegter Einsamkeit ihr Leben verbringen. Es haben sich zwei Menschen getroffen, isoliert und der Zeit entfallen, die wie in einem „Käfig“ leben, den sie selber um sich errichtet haben. Verstörende Geräusche und unnahbare Bilder untermalen das poetische Drama auf rätselhafte Weise.

Ulrike Schirm


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