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Unsere Filmkritiken im Oktober 2019, Teil 2 und die Gewinner des SCHLINGEL

Kinderfilmpreis des "SCHLINGEL" Filmfestivals geht nach Estland.



Bevor wir zu unseren heutigen Filmbesprechungen kommen, wollen wir die Hauptgewinner des "SCHLINGEL", dem Internationalen Festival für Kinder und junges Publikum in Chemnitz nennen, das am Wochenende, den 13.10.2019, seine Preise verkündete.

Der mit 12.500 dotierte Europäische Kinderfilmpreis ist nach Estland vergeben worden. Der Streifen "Zaubereulenwald" in der Regie von Anu Aun überzeugte durch einzigartige Aufnahmen von bedrohten Tierarten, wie die Jury mitteilte. Ebenfalls mit einem Preis bedacht wurde die junge Hauptdarstellerin des Films.

Ausgezeichnet wurde auch die französisch-belgische Produktion "Lügen haben kurze Beine" (10.000 Euro) in der Regie von Julien Rappeneau.

Der mit 1.000 Euro dotierte Preis der Jugendjury ging an "Scherbenhaufen" von Imri Matalon & Aviad Givon (Israel).

Die undotierten Publikumspreise gingen in Chemnitz an "Bori" von Jinyu Kim (Südkorea) und in Zwickau an "Giant Little Ones" von Keith Behrman (Kanada), den wir bei uns schon am 18.09.2019 im Vorfeld des 42. LUCAS Filmfestival in Frankfurt erwähnt hatten.

Nach Angaben der Veranstalter kamen 25.000 Besucher zur 24. Ausgabe des "SCHLINGEL" Festivals. Zu sehen waren 233 Produktionen aus 52 Ländern, 128 Filme standen im Wettbewerb.

Link: ff-schlingel.de

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Diesmal haben wir für unsere Leser insgesamt fünf Filmkritiken zu aktuell in den deutschen Kinos angelaufenen Spiel- und Dokumentarfilmen.

"M.C. ESCHER – REISE IN DIE UNENDLICHKEIT" Biopic-Doku von Robin Lutz (Niederlande). Mit den Sprechern Matthias Brandt und Stephen Fry. Seit 10. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Unsere Filmkritik:

Obwohl Dokumentarfilme überall auf Festivals Preise absahnen können und meist auch hoch in der Gunst des Publikums stehen, werden sie im Kino - angesichts der Übermacht an Spielfilmen - leider kaum wahrgenommen.

Auch wir waren anfangs skeptisch, was uns erwarten würde. So kennt doch fast jedes Kind die "unmöglichen" Zeichnungen des Holländers M.C. Escher, die bei Wasserläufen und endlosen Treppen quasi ein Perpetuum Mobile vortäuschen, obwohl es in der Realität gar nicht existiert kann.

Um so mehr waren wir überrascht, dass genau diese genannten Bilder gar nicht Schwerpunkt des Filmes sind. Der Grafiker M.C. Escher bezeichnete sich auch gar nicht als Künstler, sondern als Mathematiker und präsentiert den Film höchstpersönlich, obwohl er bereits 1972 im Alter von 73 Jahren verstorben war.

Offensichtlich befand sich aber in seinem Nachlass eine genaue Beschreibung, wie ein Film über ihn auszusehen hätte. Erst mit heutigen digitalen Mitteln und nahtlosen - morphing ähnlichen - Übergängen ist es gelungen die ganze Welt des M.C. Escher zu ergründen.

Fasziniert war der Holländer auf Reisen in den Orient von immer wiederkehrenden Motiven, die in ähnlicher Form auf Ornamenten oder als Verzierungen in Moscheen ihre Einkehr fanden.

In abgewandelter Form, jedoch mit noch mehr Perfektion, versucht sich daran auch der Holländer, begleitet von seinen eigenen Worten, was diese Doku besonders charmant gestaltet.

Zu viele Worte wollen wir gar nicht verlieren, um nicht zu viel zu verraten. Man muss es selbst gesehen haben, um zu verstehen, wie eine moderne Dokumentation aufgebaut sein sollte, um zu faszinieren. Wir sehen Figuren, die sich in 2D-Schablonen verwandeln, um wieder plastisch zu werden oder Treppen, die gleichzeitig aufsteigen und hinabgehen, um sich in einem Kreis zu verbinden und paradoxe Landschaften sowie surreale Stadtszenen.

Der Film gibt einen grandiosen Einblick in das Schaffen eines der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Im Vergleich zu Eschers Kunstdrucken schaffen die Filmaufnahmen eine zeitlose Komponente, die Eschers zeitgenössische Gegenwart mit der heutigen verbindet. Seine Ideen von Täuschung und Realität haben nichts an Aktualität verloren, wie Beispiele aus Theater, Film, Popkultur, Architektur und Körperkunst zeigen. Auch nach seinem Tod haben seine Bilder voller unendlicher Verwandlungen, unmöglicher Perspektiven und dem Streben danach, die Schönheit der Unendlichkeit in einer begrenzten Fläche festzuhalten, nichts von ihrer Faszination verloren.

W.F.


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"DER GLANZ DER UNSICHTBAREN" Komödie nach einer wahren Begebenheit mit sich selbst spielenden Laiendarstellern unter der Regie von Louis-Julien Petit (Frankreich). Mit Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky u.a. seit 10. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Regisseur Louis-Julien Petit: „Ich wollte in meinem Film „Der Glanz des Unsichtbaren“ von jenen Frauen erzählen, die von der Gesellschaft ausgeblendet werden, und jenen, die tagtäglich bei ihnen sind. Ich wollte zeigen, dass sie trotz der Rückschläge, die sie auf ihrem Weg erlitten haben, nichts von ihrer Persönlichkeit, ihrer Würde, ihren Wünschen und ihren Träumen eingebüßt haben“.

Ulrikes Filmkritik:

Eine Tageseinrichtung in Nordfrankreich, in der sich obdachlose Frauen tagtäglich treffen, soll geschlossen werden. Eine willkürliche Maßnahme der Behörden, die der Meinung sind, das zu wenige von ihnen, die sich dort aufhalten, einen Arbeitsplatz bekommen. Gerade mal 3 Monate bleiben den Sozialarbeiterinnen, um die Einrichtung zu retten. Wo die Frauen nachts unterkommen, interessiert die Behörden eh nicht.

Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek, Brigitte Macron, Marie-Josèe Nat. Einige von den Frauen haben sich glanzvolle Namen ihrer Vorbilder gegeben und das schon bei einem Workshop zu denen Petit die Frauen, die echte Frauen von der Strasse sind, vor den Dreharbeiten eingeladen hat.

Jetzt müssen sich die Betreuerinnen mächtig ins Zeug legen, um möglichst vielen Frauen einen Job zu besorgen. Eine von ihnen ist Chantal. Wenn in der Tagesstätte irgendein ein Gerät kaputt geht, sei es die Waschmaschine, oder die Spielekonsole, findet sie den Fehler und repariert das Teil. Wenn sie sich bei einem Arbeitgeber vorstellt und der wissen will, wo sie das Reparieren von Elektrogeräten gelernt hat, erzählt sie ganz ehrlich und trocken, im Knast. Dort war sie, weil sie ihren prügelnden Mann erschossen hat. Aufgrund ihrer Ehrlichkeit stellt man sie nicht ein. Nun muss sie mit den Betreuerinnen ein Bewerbungstraining machen und die Kunst des Weglassens lernen, ohne zu lügen.

Dann gibt es noch die Immobilienfachfrau, die gerade mal einen Tag gearbeitet hat, eine ehemalige Straßenhändlern, eine Ex-Domina und eine ehemalige Psychotherapeutin. Sie alle haben wirklich auf der Strasse gelebt. Nachdem die Stadt auch noch ein abgelegenes Zeltlager, wo die Frauen übernachtet haben, räumen lässt, müssen die Sozialarbeiterinnen alles Erdenkliche tun, damit die Frauen, die in der Gesellschaft meistens als „Pennerinnen“ abgewertet werden, nicht auch noch ihre Tagesunterkunft verlieren.

Jetzt müssen die Betreuerinnen herausfinden, was die Frauen überhaupt können. Mit viel Mut setzen sich die vier Sozialbetreuerinnen Audrey (Audrey Lami), Angélique (Déborah Lukumuena), Manu (Corinne Masiero) Und Hélène (Noémie Lvovsky) für ihre Schützlinge ein. Flugs wird die Tagesstätte besetzt und die Frauen werden geschult. Schminkkurse werden angeboten, Vor laufender Kamera wird ein effizientes Bewerbungstraining geprobt und eine Job- und Partnerbörse wird eingerichtet. Mit viel Humor und zivilem Ungehorsam, entwickelt sich eine kollegiale Solidarität zwischen allen Beteiligten.

Mit Empathie und viel Herz für sein gesamtes Ensemble, besonders für seine Laiendarstellerinnen, die die Obdachlosigkeit an eigenem Leib erfahren mussten, gewinnt sein Film eine großartige Authentizität, weit entfernt von einem Elendsdrama. Er gibt den Unsichtbaren ein Gesicht und würdigt den aufopferungsvollen Einsatz der vier Frauen, die nicht weggucken. Eine dramatische Komödie, komisch und bewegend zugleich.

Ulrike Schirm


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"JOKER" Drama von Todd Phillips (USA, Kanada). Mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz u.a. seit 10. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Drei Jahre hat Todd Phillips („Hang Over“) an seinem Projekt „Joker“ gearbeitet. Das Drehbuch schrieb er zusammen mit Scott Silver („The Fighter“). Eine typische Comicverfilmung ist „Joker“ nicht. „Batman“ ist in Phillips „Joker“ noch ein kleines Kind. Zum ersten Mal hat er in seiner Heimatstadt New York gedreht. Anfang der 80-Jahre war die Stadt hochverschuldet, versank im Dreck, die Infrastruktur war marode und die Kriminalitätsrate beängstigend hoch. Die Metropole steht für Gotham City 1981. Die Ähnlichkeiten mit „Taxi Driver“ und der tragischen Showbiz-Satire „The King of Comedy“ sind nicht zu übersehen.

Phillips taucht in seinem Drama tief in die Seele seiner erbärmlichen und geschundenen Figur Arthur Fleck, „Joker“ (Joaquin Phoenix) ein. Fleck, der bei seiner Mutter (Frances Conroy) wohnt, die ihn „Happy“ nennt und sich von ihm in der Badewanne die Haare waschen lässt und ihm erklärt, dass seine Bestimmung „Lachen und Freude in die Welt zu bringen“ ist.

Viel zu lachen hat er allerdings nicht. Er schlägt sich als Kinderclown im Krankenhaus und als Stand-up-Komiker durch, in der Hoffnung eine Karriere als bewunderter Comedian zu machen. Gleich am Anfang sieht man, wie Fleck mit einem Werbeschild durch die vermüllten Strassen von Gotham läuft,und von einer Gruppe Jugendlicher verspottet und verprügelt wird, wobei sein Werbeschild zerbricht und das er auf seine Kosten ersetzen soll.

Später sieht man, wie er von betrunkenen Yuppies in der U-Bahn verhöhnt und drangsaliert wird. Es folgt eine Demütigung nach der anderen. Als auch noch der von ihm verehrte Talkshow Moderator und Comedy-Star Murray Franklin (Robert de Niro) ihn in seine Show einlädt und ihn vor seinem Live-Publikum lächerlich macht, ist seine Verzweiflung kaum noch mitanzusehen. Wegen massiver Sozialkürzungen, bekommt der psychisch labile Fleck keine Therapie mehr und auch keine Psychopharmaka mehr. Ein Arbeitskollege schenkt ihm eine Waffe, die ihm ausgerechnet aus der Hosentasche rutscht, während er im Krankenhaus Kinder in seinem Clownsaufzug bespasst. Ein Job, bei dem er aufblüht und beinahe glücklich wirkt. Er wird gefeuert. Es ist der Beginn seines fatalen Absturzes.

Phoenix, der für seine Rolle zwischen Wahn und Wirklichkeit, mehr als 20 Kilogramm abgenommen hat, spielt die zu Tränen rührende Figur mit einer unglaublichen Hingabe. Seine trostlose Kindheit, gezeichnet durch die Abwesenheit seines Vaters, sein Leben mit der schizophrenen Mutter und den Nachwirkungen des frühen sexuellen Missbrauchs. Seine Enttäuschungen, seine Verzweiflung, die ständigen Demütigungen, entladen sich in einer Lache, die einem durch Mark und Bein geht. Sie überträgt sich auf seinen ausgemergelten Körper, der regelrecht geschüttelt wird von diesem qualvollen Gelächter, indem sich die gesamte Trostlosigkeit seines hoffnungslosen Daseins entlädt.

Als er absolut nicht mehr weiter weiß, mündet seine Ausweglosigkeit in schieren Wahnsinn und er greift zu seiner Waffe und schießt wie wild um sich. Ein Verzweiflungsakt eines Ausgestoßenen, der in einer Gesellschaft lebt, die empathielos auf alles Andersartige und Fremde mit Hass und Erniedrigung reagiert.

Gotham City, ein Ort, verkommen und verdreckt, in dem die sozialen Missstände für Aggressionen und Wut sorgen und den Unterprivilegierten eine grenzenlose Verachtung entgegenschlägt. „Geht es mir nur so, oder wird die Welt da draußen wirklich immer verrückter?“ fragt Fleck in einer Stelle. Eine wahre Überleitung in das Jahr 2019. Kümmern wir uns eigentlich noch um die Schwachen und Kranken? Werden bei uns nicht auch die Reichen immer reicher? Mit einer grenzenlosen Schamlosigkeit werden die Dritte-Welt-Länder ausgebeutet und irrsinnige Kriege, Hunger und Not führen zu Tausenden von Flüchtenden, denen eine Wellen von Hass entgegenschlägt.

Müssen wir erst wahnsinnig werden, so wie Arthur Fleck, um der verlorenen Empathielosigkeit endlich mit Widerstand zu begegnen, auch notfalls mit Gewalt?

„Joker“ ein emotional aufwühlendes und erschütterndes Psychogramm einer ausgestoßenen Kreatur. Einfach grandios. Auch ohne seinen Gegenspieler Batman.

Ulrike Schirm


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"DEM HORIZONT SO NAH" Romanzen-Drama von Tim Trachte (Deutschland). Mit Luna Wedler, Jannik Schümann, Luise Befort u.a. seit 10. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

"Dem Horizont so nah" basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Jessica Koch, einem Drama zwischen Liebe und Tod, was sie selbst vor 20 Jahren erlebt hat, und mit dem Schreiben verarbeitet hat.

Es ist die Geschichte der jungen Jessica (Luna Wedler), die sich Hals über Kopf in das Männermodel Danny (Jannik Schümann) verliebt. Er sieht blendend aus und erinnert einen an den jungen James Dean. Noch ahnt das junge Mädchen, dass in der Cateringfirma ihrer Eltern arbeitet, nicht, dass der durchtrainierte Typ, der sich mit Kickboxen fit hält, die Liebe ihres jungen Lebens wird.

Sie staunt nicht schlecht als er sie in seinem schicken Cabrio abholt, um mit ihr in einem Luxusrestaurant essen zu gehen. Er erzählt ihr, dass er viel Geld als Unterwäsche-Model verdient. Jessica realisiert, dass sie und Danny in zwei total unterschiedlichen Welten leben. Aber welch junges Mädchen fühlt sich nicht geschmeichelt, von einem so gut aussehenden Jungen ausgeführt zu werden. „Mein Leben ist in Wirklichkeit eine einzige Katastrophe. Wenn du klug bist, dann rennst du ganz weit weg, solange du noch kannst“, rät er ihr. Worte, die sie wie einen Keulenschlag treffen. Doch es ist zu spät. Sie hat sich bereits in ihn verliebt.

Jetzt muss ich leider Spoilern.

Später erzählt Danny ihr seine Geschichte. Er wurde von seinem Vater missbraucht und ist seitdem HIV-infiziert. Jessica ist im ersten Moment erschüttert. Sie wirft ihm vor, warum er ihr das nicht früher gesagt hat, um eine Ansteckung zu vermeiden. Doch sie hält zu ihm.

Danny weiß bereits seit 10 Jahren, dass er infiziert ist, hat sich aber nie behandeln lassen, da er glücklicherweise von HIV-bedingten Krankheitssymptomen verschont blieb, noch ist er total fit. Jessica ist klug genug und sucht eine Beratungsstelle auf, um sich zu informieren. Wirklich aufgeklärt über die Möglichkeiten einer HIV-Therapie wird sie nicht. 1999, das Jahr in dem der Film offensichtlich spielt, gab es schon seit drei Jahren die sogenannte hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART), die allein in Deutschland tausende Menschen mit HIV davor bewahrte an AIDS zu erkranken und zu sterben.

Eigentlich ist es medizinisch äußerst unwahrscheinlich, so plötzlich an einer durch AIDS ausbrechenden Störung des zentralen Nervensystems zu erkranken. Längst hätte er eine HIV-Therapie beginnen können, um die Folgen seiner Erkrankung zu verhindern. Statt dessen wählt er den Freitod.

Es ist schon merkwürdig, warum Jessica Koch, den schon damals wissenschaftlichen Fortschritt für die Behandlung von HIV ausklammert. Womöglich um die Dramatik der Liebesgeschichte besonders tragisch zu gestalten. Vielleicht hat sie auch nur nicht ausführlich genug recherchiert. Und wenn es dann so ist, wie es ist, warum wird mit keinem Wort erwähnt, warum Danny sich nicht behandeln ließ.

Im Vergleich zu dem verfilmten Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, der eine ähnliche Thematik beinhaltet, fehlt dem verfilmten Roman „Dem Horizont so nah“ eine emotionale Tiefe, noch Momente eines sensiblen Herantasten an den nahen Tod. Es fehlt das Gespür für feinsinnige Zwischentöne.

Regisseur Tim Trachte hat das Drama auf die Zielgruppe der etwa 13-bis 16-jährigen Mädchen zugeschnitten. Schlussbild: Großaufnahme Danny. Mit glücklichem Lächeln vor einem sonnendurchflutenden Horizont.

Eine derartige Verherrlichung des Freitods, in Anbetracht des überwiegend jugendlichen Publikums, ist pädagogisch äußerst fragwürdig. Einziger Lichtblick: Die Wandlungsfähigkeit von Luna Wedler ("Das schönste Mädchen der Welt").

Ulrike Schirm


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"NEVRLAND" Drama von Gregor Schmidinger (Österreich). Mit Paul Forman, Simon Frühwirth, Markus Schleinzer u.a. ab 17. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

In "Nevrland" verarbeitet der Wiener Regisseur Gregor Schmidinger seine Angststörungen unter denen er 10 Jahre lang litt.

Der 17-jährige Jakob (Simon Frühwirth) dessen Mutter die Familie schon früh verlassen hat, lebt mit seinem überforderten Vater (Josef Hader) und dem pflegebedürftigen Großvater (Wolfgang Hübsch), der an schwerer Demenz erkrankt ist, zusammen.

Viel gesprochen wird in dieser Gemeinschaft nicht. Stattdessen läuft der Fernseher. Jakob, der an einer massiven Angststörung leidet, arbeitet im Schlachthaus seines Vaters, ein Ort, der nur schwer zu ertragen ist. Für Jakob die reinste Hölle. Das Blut und die Angstschreie der Tiere lösen bei ihm furchtbare Panikattacken aus. Er sucht die Hilfe eines Therapeuten. Auf einem Stuhl sitzend, soll er die Position seiner Angst im Raum beschreiben. Sie sei direkt hinter ihm, sagt er.

Die Angst ist nicht nur in seinem Kopf, sie breitet sich im ganzen Körper aus und führt oftmals zu Blackouts. Berührungen erträgt er nicht, Freunde hat er auch nicht. Zuhause flüchtet er in eine virtuelle Welt. In dieser Parallelwelt, klickt er Gay-Porn-Seiten an und chattet stundenlang mit Männern.

Dort trifft er auf den amerikanischen Kunststudenten Kristjan (Paul Forman), der es schafft, Jakob zu einem realen Treffen zu bewegen. Kristjan nimmt ihn mit in eine Welt voller Drogen, Techno-Beats, flackerndem Stroboskoplicht und Sex, wo die Grenze zwischen Realität und Fantasie zusehends verschwindet. Ein Trip nach "Nevrland", zu den eigenen Ängsten, der Auseinandersetzung mit den Wunden der Vergangenheit und zu sich selbst.

Schmidinger: „Angststörungen sind die am häufigsten diagnostizierte psychische Erkrankung in der westlichen Welt. Bedingt durch meine eigene Krankheit, war NEVRLAND eine Möglichkeit, mich auf künstlerische Art mit dem Thema Angst zu beschäftigen und zugleich mit dem Thema der Selbstwerdung. Schon der Psychoanalytiker Wilhelm Reich beschrieb Angst und Sexualität als zwei Seiten einer Medaille und die Triebfedern des Lebens. Er verstand die Angst als den das Leben schützenden und die Sexualität als den dem Leben zugewandten Impuls. Mir war es wichtig, Sexualität zeitgenössisch darzustellen, also auch den Einfluss von Pornografie und der digitalen Medien zu zeigen, unter dem sie heute steht. Ich wollte einen Film aus der POST-GAY-PERSPEKTIVE machen, d.h. die Homosexualität der Hauptfigur nicht ins Zentrum des Films zu rücken oder gar zu problematisieren bzw. das Coming-out zum großen Thema zu machen.“

"Nevrland" ist eine visuell packende, filmische Erfahrung, die körperlich und emotional durchlebt wird. Die intensive Bildsprache und surrealen Visionen werden gepusht von den Techno-Beats des Meat Market Labels, dem Urgestein der schwulen Technoszene.

Simon Frühwirth stand zum ersten Mal vor der Kamera und das macht er großartig. Belohnt wurde er mit dem Max-Ophüls-Preis 2019.

Ulrike Schirm


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