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Neue Filmstarts - neue Filmkritiken im Juni 2019, Teil 1

Seit unseren letzten Filmkritiken ist schon wieder knapp eine Woche vergangen.

Während wir diese Zeilen schreiben neigt sich der internationale Tag des Meeres, der von den Vereinten Nationen am 8. Juni begangen wurde, dem Ende zu. Allerdings erinnert er uns daran, dass in drei Tagen bereits das internationale Filmfest Emden / Norderney startet, über das wir natürlich wieder berichten werden.

Was gibt es Schöneres, als sich tagsüber am Nordseestrand in der Sonne zu aalen und abends - oder bei Regenwetter - ins Kino zu gehen.

Wer über Pfingsten in Berlin bleibt, wird vielleicht beim Karneval der Kulturen vorbeischauen wollen, sofern die angekündigte Gewitterfront nicht allzu heftigen Regen niederprasseln lässt. In diesem Fall raten wir, ins trockene Kino zu flüchten. Dazu haben wir nachfolgend zwei Empfehlungen zu bieten.

Das mystische koreanische Masterpiece "Burning" lief zwar nach seiner Cannes-Premiere 2018 bereits im November als Preview beim Berliner Filmfestival "Around the World in 14 Films", startet aber jetzt erst offiziell in den Arthouse Kinos.

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"BURNING" Thriller-Drama von Lee Chang-Dong (Südkorea). Mit Yoo Ah-In, Steven Yeun, Jeon Jong-seo u.a. seit 6. Juni 2019 im Kino. Hier der Trailer.

Ulrikes Filmkritik:

Inspiriert wurde der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong von einer Kurzgeschichte des Autors Haruki Murakami mit dem Titel „Scheunenabbrennen“.

Jong-su (Yoo Ah-in) und Hae-mi (Jeon Jon-seo) begegnen sich zufällig In Seoul. Beide sind in einem Dorf aufgewachsen und zur Schule gegangen. Jong-su erkennt sie erst nicht, denn Hae-mi hat sich eine Schönheitsoperation geleistet.

Schon als Schülerin war sie verliebt in den verträumten Jungen. Sie gehen zusammen aus und verbringen die Nacht zusammen. Ihr Beisammensein ist von kurzer Dauer, denn Hae-mi reist für einige Zeit nach Afrika und bittet Jon-su, sich um ihre Katze zu kümmern, was er auch tut. Doch das Tier lässt sich nicht blicken, auch wenn Jong-su auch noch so nach ihr sucht. Zwischen drin fährt er nach Hause, um sich um die Kuh zu kümmern, die mutterseelenallein im Stall auf ihn wartet. Der ärmliche Bauernhof liegt in einem Dorf, wo kaum noch jemand wohnt. Sein Vater sitzt im Knast und seine Mutter ist abgehauen, da sie ihren gewalttätigen Mann nicht mehr ertragen konnte. Am Tag ihres Verschwindens hat Jong-su sämtliche Kleidungsstücke von ihr verbrannt.

Ein bisschen Geld verdient er mit Gelegenheitsjobs. Sein grosser Traum, ein anerkannter Schriftsteller zu werden. Sehnsüchtig erwartet er Hae-mis Rückkehr. Erwartungsvoll holt er sie vom Flughafen ab. Sie ist in Begleitung eines jungen Mannes, der offensichtlich ein Luxusleben führt. Von nun an treffen sie sich des Öfteren zu dritt. Ben (Steven Yeun) fährt einen Porsche, lebt in einer Luxuswohnung, lädt die beiden zum Essen ein, abends vergnügen sie sich in teuren Bars. Jong-su fühlt sich unwohl in seiner Gesellschaft und weiß auch nicht so recht wie Hae-mi zu ihm und Ben steht.

Sie lernen Bens reiche Freunde kennen, in deren Gegenwart Hae-mi ganz unbefangen von ihren Eindrücken in Afrika erzählt und einen Tanz vorführt den sie bei den Buschmännern gelernt hat. Als Jong-su ihn fragt , womit er denn so reich geworden sei, antwortet Ben ganz kurz, dass er spielt. Neugierig öffnet Jong-su die Schubläden seines Badezimmerschranks und entdeckt eine Schmuckschatulle mit weiblichen Schmuckstücken. Sein Misstrauen wächst.

Langsam nimmt der Film eine mysteriöse Wendung. Jong-su ist wieder mal zu Hause, als Hae-mi und Ben vorfahren, um ihn zu besuchen. Sie sitzen vor dem Haus, rauchen einen Joint und Hae-mi fängt an zu tanzen, auch Jong-su ist aufgekratzt durch den ungewohnten Pot. Nur Ben sitzt da und langweilt sich. Beiläufig erzählt er, dass es ihn erregt, die verlassenen Gewächshäuser der ehemaligen verarmten Bauern abzufackeln. Die koreanische Polizei interessiert es nicht, denn es gibt tausende davon.

Bevor Ben und Hae-mi ins Auto steigen, verabschiedet sich Ben mit den Worten: „Das nächste Haus, was ich abbrenne steht ganz in deiner Nähe“. Es war der letzte Abend, an dem Jong-su seine Freundin sah. Hae-mi bleibt spurlos verschwunden. Es dauert nicht lange und es lodern wieder die Flammen.

In eindrucksvollen Bildern, fast dokumentarisch, dann wieder Eindrücke von einer ungeheuren poetischen Kraft, zeigt er das Nebeneinander von Arm und Reich, ohne anzuklagen, lässt er seine Protagonisten für sich selbst sprechen. Virtuos pendelt er zwischen Wahn und Wirklichkeit, ohne dabei die gesellschaftlichen Verhältnisse aus den Augen zu verlieren. Ganz grosses Kino. Hypnotisierend.

Ulrike Schirm

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"WAR OF ART" Dokumentarfilm von Tommy Gulliksen (Deutschland, Norwegen). Seit 6. Juni 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Der Norweger Morten Traavik, der schon seit vielen Jahren ungewöhnliche Kulturprojekte in Kooperation mit dem nordkoreanischen „Committe for Cultural Realtions with Foreign Countries“ zwischen koreanischen und europäischen Künstlern organisiert, reist mit einer Gruppe internationaler Künstler im Frühjahr 2016 nach Pjöngjang, Nordkorea.

Sein Projekt DMZ-Academie, demilitarisierte Zonen Akademie ist eine Anspielung auf die schwerbewaffnete Grenze zwischen Süd- und Nordkorea. Wiederholt möchte Traavik ein Vermittler für einen kulturellen Austausch sein, einen Dialog mit den Einheimischen führen, nicht um zu kolonialisieren, sondern die Menschen kennenzulernen und den Blick auf die Welt zu hinterfragen. In den Augen der Amerikaner gab es seit Hitler keinen anderen Staat, der das Böse so verkörpert hat wie Nordkorea mit Kim Jong Un.

Voller Aufregung und Neugier betreten die Künstler, vom Fotografen, über einige Maler und einem Sounddesigner bis hin zum Komponisten das fremde Land. Von nun an werden sie auf Schritt und Tritt von einem – oder mehreren Männern aus dem Komitee begleitet.

Auch Nordkorea ist voll von Kunst, allerdings einer Kunst, geprägt von staatlicher Ideologie.

Die Frage, was denn sein glücklichster Moment als Künstler gewesen sei, beantwortet ein Einheimischer dies mit den Worten: "Als mich unser grosser Führer gelobt hat".

(Man darf dies vielleicht mit dem emotionellen Moment eines kleinen, vom Holocaust nichtsahnenden Hitlerjungen vergleichen, als der Nazi-Führer ihm die Hand schüttelte. | Anmerkung die BAF-Redaktion.)

Es ist nicht leicht für die ausländische Truppe, ihre Kunst zu präsentieren. Ihre jeweiligen Produktionen werden mit Argusaugen begutachtet und mit Skepsis verfolgt. Nicht unbedingt verwunderlich, denn Traavik hat vor allem Künstler eingeladen, die auch in der westlichen Welt nicht unbedingt für Gefallen sorgen.

Zum Beispiel der Franzose Jean Valnoir, der seine Kunst mit seinem eigenen Blut signiert und mit menschlichen Knochen hantiert. Oder die Britin Cathie Boyd, die die krauchenden Bewegungen von Schnecken aufzeichnet und vertont. Das Fotografie in Korea nicht als Kunst gilt, stört den chinesischen Fotografen kaum. Unbeirrt fotografiert er drei hübsche Koreanerinnen in ihrer adretten Uniform. Übrigens, uniformierte Frauen sind im Straßenbild Pjöngjangs nicht wegzudenken. Irgendwo findet immer eine Zeremonie statt. Der Fotograf ist der lockerste von ihnen. Er wagt es, den Hauptbegleiter in ein Gespräch zu verwickeln. Dabei erfährt er, dass für die Koreaner Heirat und Familie an oberster Stelle stehen und das es Homosexualität in ihrem Land absolut nicht gibt und dass sie stolz auf ihren Großen Führer sind, auch wenn man das im Ausland nicht versteht.

Zwischen den ausländischen Künstlern macht sich Unmut breit. Mit dem, was sie wollten, kommen sie nicht weiter. Als das Komitee bemerkt, dass sie aufgeben wollen, laden sie zu einem Essen mit Karaokeauftritten und Tanz ein, um die Stimmung zu lockern, mit dem Erfolg, dass einer von ihnen, seine Kunst öffentlich zeigen darf.

Mulmig wird ihnen, als nachts im Hotel die Betten wackeln und ihnen klar wird, dass der Große Führer einen Wasserstoffbombentest veranlasst hat, was ihre Unsicherheit verstärkt. An der Pressekonferenz am nächsten Tag, dürfen sie via Fernsehen teilnehmen. Der Hass und die Angst vor einem Angriff der Amerikaner ist riesengroß und rechtfertigt ihrer Meinung nach, den Bombentest.

Tommy Gullisens „War of Art“ zeigt, dass das gutgemeinte Projekt zum Scheitern verurteilt war.

Was die Truppe gelernt hat ist unter anderem, dass die Menschen alle sehr glücklich sind. Aber wenn sie aus dem vorgegebenen Rahmen ausbrechen, wird es schlimm. Wirkliche Momente des Austauschs unter den Künstlern hat es kaum gegeben.Trotz aller Enttäuschung waren die 10 Tage für die Künstler eine unwiederbringliche Erfahrung mit einer Gesellschaft, die quasi hinter verschlossen Türen lebt und von der man durch diese interessante Dokumentation äußerlich, sowie auch zwischen den Zeilen, viel erfährt. Die Skepsis der Aufpasser gegenüber den Fremden, ist unübersehbar, da nützt auch die typische asiatische Höflichkeit nichts. „Wir hatten das Gefühl, an einer kurzen Leine herumgeführt zu werden“.

Sehenswert.

Ulrike Schirm

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