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Filmkritiken im Mai 2019, Teil 3

Diesmal eine Doku-Premiere in Berlin und drei Spielfilmkritiken zu aktuellen Kinostarts.

"WAS KOSTET DIE WELT" Dokumentarfilm aus Deutschland von Bettina Borgfeld über Landkauf auf Sark zur Übernahme der Insel als Steuerparadies. Seit 16. Mai 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Unsere Filmkritik:

Der Film ist Lehrbeispiel wie Machtgebärden und Schein-Investitionen zur Maximierung von Gewinn funktionieren. Dass dabei mit einer gehörigen Portion Unverfrorenheit gearbeitet und kriminelle Drohgebärden zur Erreichung des Ziels eingesetzt werden, zeigt dieser Film, der nach seiner Welturaufführung bei DOK Leipzig 2018, jetzt ganz vorsichtig bundesweit in Deutschland vorgestellt wird.

Vorsichtig deshalb, weil bereits von Seiten der Investoren ein Journalist in Frankreich, der dem Coup nachgehen wollte, mit teuren Unterlassungserklärungen eingeschüchtert wurde. Doch Regisseurin Bettina Borgfeld ist sich sicher, dass ihre Recherchen wasserdicht sind und im Falle von Gegenklagen, vor Gericht bestand haben würden.

Die im Ärmelkanal gelegene kleine Insel Sark war einmal Europas letzter Feudalstaat. Einst fiel sie noch unter den britischen Kronbesitz, sodass hier erst vor 10 Jahren die ersten demokratischen Wahlen stattfanden. 600 Einwohner leben auf der Insel, doch keiner besitzt das Land, auf dem er lebt. So war das Leben auf Sark bisher einfach und beruhte mehr auf gegenseitiges Vertrauen als auf Gesetzesvorgaben.

Doch das beschauliche Idyll wird bedroht: Zwei Milliardäre haben die Insel für sich entdeckt, kaufen das Land auf, legen Weinfelder an und erwerben vier der sechs örtlichen Hotels. Bis jetzt besitzen sie und ihre Firmen bereits ein Drittel der gesamten Landfläche Sarks. Das Inselparlament versucht sein Bestes und führt neue Maßnahmen ein, doch das kümmert die Milliardäre nicht, die keine Kosten und Mühen scheuen, um ihre Interessen durchzusetzen. So entfaltet sich vor der beschaulichen Kulisse Sarks ein erbitterter Kampf um Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit, sowie um die Auslegung der Rechtslage.

Der Film wirft fundamentale, aktuelle Fragen auf nach sozialer Verantwortung, den Schlupflöchern der Finanzindustrie und den Herausforderungen, vor denen diejenigen stehen, die diesen Strategen auf die Spur kommen oder sich ihnen widersetzen wollen.

Sark ist eine schöne kleine Insel, mit rauen Steilküsten, vielleicht ein wenig vergleichbar mit Helgoland, jedoch sehr viel grüner und teils bewaldet. Es ist Jahrzehnte her, dass wir dort Urlaub gemacht haben. Die Anreise erfolgt nur mit kleinen Motorschiffen und bei zu unruhiger See kann nicht an Land gegangen werden. Autos gibt es nicht, sodass klare saubere Luft vorherrscht und nachts ein unheimlicher Sternenhimmel einen beeindruckt. Ein idealer Urlaubsort für jemand, der die Ruhe sucht.

Doch die Idylle ist getrübt durch Arbeitslosigkeit. Die großen Hotels sind geschlossen, offensichtlich um die letzten Einwohner zur Aufgabe zu bewegen. Sobald die Insel verlassen ist, könnten anstelle der Weiden für Schafe, Hubschrauberlandeplätze für Steuerflüchtlinge auf einer wohl geplanten Steueroase geschaffen werden.

W.F.

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"UNDER THE TREE" Dramödie von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson (Island, Dänemark, Polen, Deutschland). Mit Steinþór Hróar Steinþórsson, Edda Björgvinsdóttir, Sigurður Sigurjónsson u.a. seit 16. Mai 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Ein Baum löst eine Kette von Gemeinheiten aus. Er steht im Garten einer Reihenhaussiedlung in einem Vorort von Reykjavik. Auf den ersten Blick scheint das nachbarschaftliche Verhältnis ganz harmonisch zu sein. Doch hinter der bürgerlichen Fassade brodelt es gewaltig. Ein Baum, der im Garten von Inga und Baldvin steht, wirft einen riesengroßen Schatten auf die Terrasse von Konrad und Eybjörg, was die Dame des Hauses daran hindert ein Sonnenbad zu nehmen, wenn sie nicht gerade mit ihrem Schäferhund unterwegs ist. Baldvin ist bereit, die Äste des Baums zu beschneiden.

Das wiederum missfällt seiner streitsüchtigen Frau Inga. Außerdem beschwert sie sich über den Dreck, den der Hund in ihrem Garten macht. Vor Wut beschmeißt sie Eybjörg mit Hundekacke. Ihr Sohn Atli hat sich wieder bei seinen Eltern einquartiert, da seine Frau ihn rausgeschmissen hat, weil sie ihn dabei erwischt hat , wie er sich ein selbstgedrehtes Sex-Video mit einer verflossenen Freundin ansieht und dabei masturbiert. Seine Tochter darf er auch nicht mehr sehen. Nun befindet er sich in einem üblen Ehe- und Sorgerechtsgefecht. Derweil schaukeln sich die Streitereien um einen Sonnenplatz im Garten hoch. Eine Gemeinheit jagt die andere. Das geht über zerstochene Autoreifen bis zu ausgestopften Schäferhunden. Als dann auch noch Ingas geliebte Katze verschwindet, werden in der ganzen Strasse Alarmanlagen installiert und Konrad wird mit einer Kettensäge gesichtet.

"UNDER THE TREE" hätte eine bitterböse, gesellschaftskritische Satire werden können, ist es aber nicht. Jegliche Identifizierung mit wenigstens einer der Figuren bleibt außen vor. Wenn überhaupt ist es der Sohn, der von seiner Frau sang – und klanglos vor die Tür gesetzt wird, obwohl das Video jahrelang zurückliegt, also noch vor ihrer Zeit, lässt ein Gefühl von Mitleid aufkommen, wenn man mit ansieht, welchen Bemühungen er sich aussetzt, um seine Tochter zu sehen. All das ist weder lustig noch makaber, sondern hinterlässt ein Gefühl von mauer Trostlosigkeit.

Ulrike Schirm

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"GRETA" Thriller von Neil Jordan (USA, Irland). Mit Isabelle Huppert, Chloë Grace Moretz, Maika Monroe u.a. seit 16. Mai 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Die junge Kellnerin Frances McCullen (Chloe Grace Moretz), die in einem Nobelrestaurant in New York arbeitet, findet auf ihrem Heimweg in der U-Bahn eine Handtasche. In ihr befinden sich Tabletten und Bargeld, sowie Name und Adresse der Besitzerin. Sie nimmt den Fund erstmal mit nach Hause und zeigt ihn ihrer Mitbewohnerin. Die würde am liebsten das Geld mit Frances verjubeln. Doch Frances ist so ehrlich und bringt die Tasche ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurück.

Es handelt sich um eine gewisse Greta Hideg (Isabelle Huppert), eine elegante Witwe, die hocherfreut ist, dass sie ihre schicke Tasche zurückerhält. Überglücklich bittet sie das junge Mädchen herein. Im Gespräch erfährt Frances das Gretas Tochter in Paris lebt, ihr Mann und ihr Hund verstorben sind und sie sich sehr einsam in New York fühlt. Frances, deren Mutter vor einem Jahr verstorben ist, kennt seit dem das Gefühl von Einsamkeit und sie verspricht der Fremden, sie öfter zu besuchen. Ein Versprechen, dass sie noch bereuen wird.

Regisseur Neil Jordan hat seinen Psychothriller "GRETA" total auf die Präsenz von Isabelle Huppert zugeschnitten. Als Frances herausfindet, dass Greta mehrere identische Taschen bei sich hortet, auf denen ein Zettel mit den jeweiligen Namen und Telefonnummern der Finderinnen klebt, die sie wie einen Köder an einem Angelhaken ausgelegt hat, um sie in ihre Gewalt zu bringen, bricht Frances den Kontakt mit ihr ab. Doch Greta lässt sich nicht so leicht abschütteln.

Auf perfide Weise, macht sie der armen Frances, das Leben zur Hölle. Das ist streckenweise derartig irre, dass es schwer fällt dem Geschehen mit Ernsthaftigkeit zu folgen. Der Thriller enthält zahlreiche unlogische Momente und Unglaubwürdigkeiten und steuert auf ein Ende zu, dass derart aberwitzig ist, dass man kopfschüttelnd, statt geschockt den Kinosaal verlässt. Madame Huppert kann sich so richtig in der Rolle einer bösen Frau austoben und das macht sie lustvoll gut. Für die Schwächen des Drehbuchs kann sie ja nichts.

Ulrike Schirm

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"DAS FAMILIENFOTO" Dramödie von Cecilia Rouaud (Frankreich). Mit Vanessa Paradis, Camille Cottin, Pierre Deladonchamps u.a. seit 16. Mai 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

In Cécilia Rouauds Dramödie lernen wir drei Geschwister kennen, die sich kaum noch was zu sagen haben.

Die alleinerziehende Gabrielle (Vanessa Paradis), deren Sohn lieber zu seinem Vater möchte, obwohl er ihn kaum kennt, begibt sich täglich zum Seine-Ufer, wo sie als lebende Statue ihr Geld mühsam verdient. Elsa (Camille Cotin) versucht verzweifelt schwanger zu werden und der zurückgezogene Mao (Pierre Deladonchamps), der Videospiele entwickelt, ist depressiv und dem Alkohol zugewandt und wird von Suizidgedanken geplagt.

Ihre getrennt lebenden Eltern, Vater Pierre (Jean-Pierre Bacri) hat sich nie so richtig um seine Kinder gekümmert. Mutter Claudine (Chantal Lauby) ist Psychotherapeutin und hat ständig gut gemeinte Ratschläge parat. Sie nervt. Bei der Beerdigung des Großvaters trifft die dysfunktionale Familie aufeinander und spätestens jetzt fällt allen auf, dass die Großmutter an Demenz leidet.

Während der Geburtstagsfeier der alten Dame, sie wird 87, wird über ihren Kopf hinweg diskutiert und entschieden, wer, wie, was, sich um sie kümmert. Die Großmutter möchte zu gerne in ihr Heimatdorf Saint Julien zurückkehren.

Die im Raum stehende Frage: „Wer nimmt Oma“?, schickt die allesamt neurotischen Familienmitglieder auf einen Selbstfindungstrip. Notgedrungen müssen sie sich zusammenraufen.

Es wird viel geredet und diskutiert und das auf wunderbar lockerleichte Art, wie es nur die Franzosen können.

Cécilia Rouaud hat ein Ensemble zusammen gestellt, bei dem man jedem von ihnen gerne zuschaut und trotz all ihrer „Macken“, bleiben sie liebenswert. Vielleicht gerade deswegen.

Ulrike Schirm

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