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Filmkritiken im Februar 2019, Teil 1

Unsere letzten zwei Filmkritiken zu Kinostarts vor Beginn der 69. Berlinale 2019 und ein Statement von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zur Filmförderung.

Während wir die letzten drei Wochen täglich mehrere Filme aus den Berlinale-Sektionen bereits sichten konnten, aber leider vorab nicht darüber schreiben dürfen, hat unsere Kollegin einige der regulären Pressetermine wahrnehmen können, um unseren Lesern zu berichten, was ansonsten noch im Kino läuft.

Zwei Rezensionen zu aktuellen Kinostarts hatten wir schon letzte Woche vorab veröffentlichen können. Nun folgt diesmal noch ein Nachschlag mit einer Doku und dem Spielfilm "The Mule" von und mit Clint Eastwood, zu dem der Verleih schreibt, es sei ein Meisterwerk.

Wegen der Berlinale Termine hatten wir leider nicht vorab die Gelegenheit gehabt, uns die Pressevorführung anzusehen. Am letzten Wochenende wollten wir aber die Sichtung des Films in einer regulären Kinovorstellung noch vor Beginn der Berlinale nachholen, was gar nicht so einfach war. Da der Film nur in wenigen, meist sehr kleinen Kinos läuft, waren die Vorstellungen überall so gut wie ausverkauft. Eine Erfahrung, die wir zuletzt nur noch selten erlebt haben.

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters vermeldete am letzten Sonntag, den 3.02.2019 im Berliner Tagesspiegel, dass die staatliche Filmförderung auf dem Prüfstand müsse, da die Filmbranche im letzten Jahr sehr schlechte Zahlen von fast minus 20% zu verkraften hatte, auch wenn die offiziellen Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA), die erst im Laufe des Tages veröffentlicht werden, ein klein wenig günstiger aussehen mögen.

„Wir müssen mit den Verantwortlichen im Filmschaffen darüber reden, wie wir unsere Filmförderung strukturieren“, sagte die CDU-Politikerin vor dem Start der Berlinale in Berlin.

„Es geht ja um mehr als 400 Millionen Euro, die Bund- und Länderförderer zusammen in die Film- und Serienförderung geben.“ Grütters verwies dabei auf jüngste Zahlen: „Die Jahresbilanz liegt knapp über 100 Millionen Kinobesuchern, das ist ein deutliches Minus gegenüber den Vorjahren.“ In den beiden Jahren zuvor waren es nach Zahlen der Filmförderanstalt (FFA) jeweils gut 120 Millionen Besucher.

Im Rahmen der anstehenden Beratung über die Novelle des Filmförderungsgesetzes lohne sich ein Runder Tisch. „Die Branche muss auch selber sagen, wo man vielleicht noch behutsam umsteuern könnte“, so Grütters weiter. „Verleiher haben andere Interessen als Produzenten, Schauspieler andere als TV-Intendanten, Kino-Betreiber andere als Drehbuchautoren.“ Das gemeinsame Ziel sei aber „möglichst viele gute deutsche Filme an der Kasse zu haben und möglichst viele Besucher glücklich zu machen“.

Das Publikum in der von uns besuchten Vorführung von "The Mule" war zum Teil fast genauso alt wie der Darsteller mit seinen 88 Jahren selbst. Deshalb müssen wir bei der Kritik wohl etwas Milde walten lassen, obwohl es um ein Drogenkrimi geht, bei dem etwas mehr Action erwartet wird. Doch genau das fehlt. Der Film konzentriert sich ganz auf den fast 90-jährigen, scheinbar etwas infantilen Hauptdarsteller und blendet alles andere aus.

Als es zum Schluss zu seiner Verhaftung kommt, sind sogar die ihm ständig im Nacken sitzenden Verfolger des Drogenkartells plötzlich verschwunden. Ganz allein auf weiter Flur muss er sich der Polizei stellen. Ein eklatanter Regie- und Dramaturgie-Fehler würde man normalerweise sagen.

Clint Eastwood, der zuletzt vor zehn Jahren in "Gran Torino" Regie und Hauptdarsteller in einer Person darstellte, begeht hier beinahe den gleichen Fehler, sich wieder etwas zu übernehmen. Schon damals nahm man an, es sei sein letztes Werk als Regisseur und Schauspieler. Doch angesichts seines fortgeschrittenen Alters verzeihen wir ihm die kleinen Schwächen seines neuen Films noch einmal und lassen lieber unsere Kollegin zu Worte kommen.

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"THE MULE" Biopic-Drama von Clint Eastwood (USA). Mit Clint Eastwood, Bradley Cooper, Laurence Fishburne u.a. seit 31. Januar 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Es hat ihn wirklich gegeben diesen alten weißen Mann, Blumenzüchter Leonard Sharp, der für das mexikanische Drogenkartell Sinaloa Drogen in die USA schmuggelte und mit 87 Jahren, 2014 unter dem Spitznamen El Tata, bei einer Kokainlieferung festgenommen wurde. Inspiriert von seiner Geschichte schrieb Nick Schenk („Gran Torino“) ein Drehbuch, welches Filmlegende Clint Estwood mit verstohlenem Schmunzeln unter dem Titel "THE MULE" (Maultier, Bezeichnung für einen Dealer) mit sich in der Hauptrolle verfilmte.

Earl Stone (Clint Eastwood), Betreiber einer Blumenfarm ist in finanziellen Nöten. Durch die Internet – Konkurrenz floriert sein Geschäft nicht mehr. Das Angebot eines Drogenkartells als Drogenkurier für sie unterwegs zu sein, nimmt er an. Gibt es jemanden Unauffälligeres, als einen weißen, fast 90-jährigen „Tattergreis“ der gemütlich den Highway entlang zottelt, den Kofferraum voller Drogen? Rechenschaft muss er Niemandem ablegen, mit seiner Familie hat er sich schon lange verworfen. Vielleicht kann er ja mit dem Geld, was er jetzt verdient, wieder etwas gut machen. In gemütlicher Langsamkeit tuckert er hin und zurück und wieder hin und zurück, seine Fuhren werden immer grösser. Noch ahnt er nicht, dass er beim zigsten Mal im Visier eines Ermittlers (Bradley Cooper) ist.

Sogar der Chef des Kartells (Andy Garcia) lädt den unauffälligen Alten zu einer Party auf seinem luxuriösen Anwesen ein, wo sich Earl mit einem Augenzwinkern gleich mit drei Edelnutten amüsiert. Schauspielerisch muss Eastwood nicht viel leisten. Diese Langsamkeit die er an den Tag legt, ist mehr als echt, denn man merkt ihm seine 90-Jahre wahrlich an, was eine gewisse Komik beinhaltet, ohne das man über ihn lacht. Das er als Familienvater versagt hat, bereut er spätestens am Krankenbett seiner Ex – Frau (Dianne Wiest), die ihm mit den Worten, du warst die Liebe meines Lebens und der Schmerz meines Lebens“, verzeiht.

Es ist schon komisch, wie Eastwood, der als äußerst konservativ gilt, in dieser launigen Tragikomödie, sich ausgerechnet mit dem mexikanischen Kartell einlässt und das schmutzig verdiente Geld, mit vollen Händen ausgibt. Vielleicht ist es eine Altersmilde, die ihn dazu bewegt, seinem amtierenden Präsidenten eine „lange Nase“ zu zeigen.

Wer weiß, vielleicht ist es sein letzter Film, nach dem klassischen Motto: „Je oller, je doller“.

Ulrike Schirm

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In einem Tag startet der Dokumentarfilm "Stiller Kamerad". Am selbigen Donnerstag beginnt auch die 69. Berlinale, für die auch im Berliner Kiez wieder Kinosäle angemietet wurden. Es dürfte also nicht ganz leicht sein, ein Kino zu finden, dass den Film tatsächlich in der Hauptstadt spielt. Ein Manko, das auf dem Lande schon länger bemängelt wird, dass die wenigen guten Filme das Publikum nicht immer erreichen.

In Berlin wird stattdessen schon heute Abend im ehemaligen Haus Ungarn kräftig zum Auftakt der Internationalen Filmfestspiele Berlin gefeiert, denn es geht nicht immer darum, öfter ins Kino zu gehen, sondern auch um Geselligkeit.

Bereits letztes Jahr wurde im Haus Ungarn, in der Karl-Liebknecht-Strasse 9, 10178 Berlin direkt am Alex mit über 1300 Partygästen eine der größten öffentlichen Veranstaltungen rund um die Berlinale gefeiert. Dieses Jahr wird es noch größer und besser. Bereits ab 21 Uhr eröffnen beide Floors in denen Filmemacher, Schauspieler und andere Kreative bei entspannter Lounge Musik und kostenlosen Popcorn zum Networking einladen. Ab 23:00 Uhr geht es dann richtig auf beiden Floors los, bis in die Morgenstunden.

Doch nun zum Film und Ulrikes Filmkritik:

"STILLER KAMERAD" Dokumentation von Leonhard Hollmann (Deutschland). Ab 7. Februar 2019 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Leonard Hollmann begleitet in seinem einfühlsamen Dokumentarfilm "STILLER KAMERAD" zwei Soldaten und eine Soldatin der Bundeswehr, die aus Kriegseinsätzen in Afghanistan und im Kosovo unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.

Mandy, Sanitätssoldatin, musste im Kosovo mit ansehen, wie Kinder verkauft wurden und durfte nicht eingreifen.

Oliver berichtet von seinen schrecklichen Erlebnissen bei seinen Einsätzen in Afghanistan.

Roman, der mit 21 nach Afghanistan kam, tötete einen Menschen. Die Folge, dauerhafte Angstzustände. Nachts spielte er in Träumen, das halbe Gefecht durch. Alle drei gelten als aus-therapiert, nachdem sie die herkömmlichen schulmedizinischen Behandlungsmethoden durchlaufen haben. Von einer wirklichen Besserung sind sie jedoch noch weit entfernt.

Doch ihnen wurde ein grosses Glück beschert. Auf einer Pferdekoppel im brandenburgischen Havelland bietet die Therapeutin Claudia Swierczek Traumapatienten eine Pferdetherapie an. Das Pferd wird regelrecht zu einem Kameraden der drei Probanden. Durch den Kontakt mit den Tieren, die es auf faszinierende Weise verstehen, die Körpersprache des Menschen zu erkennen und deren Befindlichkeiten in ihrem Verhalten zu spiegeln. Es ist großartig zu beobachten, wie alle drei im Laufe der Zeit ihr Selbstvertrauen zurückgewinnen und ihre Ängste langsam abbauen.

Es ist schier unglaublich, mit welcher Feinfühligkeit diese hochsensiblen Tiere sich dem Menschen nähern. Da ein Traumata meistens mit Scham und Schuld einhergeht, kann mit dieser besonderen Therapie bei den Probanden eine Versöhnung mit der eigenen Schuld stattfinden. Ein Therapieansatz, den Claudia Swierczek ganz stark verfolgt. Als eines ihrer Pferde eingeschläfert werden muss, weiss diese grossartige Therapeutin genau den Zeitpunkt, wann sie dem Tier die erlösende Spritze geben muss. Zu Tränen war ich gerührt, als ich diesen Abschied verfolgte, besonders das Abschiedsgebaren der restlichen Tiere aus dieser empfindsamen Herde von ihrem „Kameraden“.

Auch für die Probanden ein therapeutisches Erlebnis, ähnlich dem Tod eines Kriegskameraden, bei dem auch sie

lernen mussten, loszulassen.

Besonders Roman hat von dieser außergewöhnlichen Therapie profitiert Er versteht jetzt, mit seinen Flashbacks besser umzugehen und das ein Suizid ein Zeichen von Schwäche ist.

Noch bezahlt die Bundeswehr die Pferdetherapie nicht. Ihrer Meinung nach, braucht es noch eine Vielzahl von Betroffenen, um von einem durchschlagenden Erfolg zu sprechen.

Finanziert hat Hollmann seinen berührenden Film mit der Unterstützung der Filmuniversität und einer Crowdfunding-Aktion. Bisher wurde er auf den Hofer Filmtagen und diversen Festivals gezeigt. Man spürt in seinem eindringlichen Film auch das große Vertrauen, welches seine Protagonisten ihm entgegen gebracht haben. Ich wünsche diesem Film ganz viele Zuschauer, nicht nur um die großartige Arbeit der Therapeutin zu erleben, sondern auch die Empfindsamkeit dieser Tiere, die bei ihr ein total artgerechtes Leben führen. Es ist mir ein grosses Bedürfnis, diese Frau und ihre Tiere demnächst im brandenburgischen Paretz zu besuchen.

Ulrike Schirm

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