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Berlinale-Panorama widmet seinem 40. Jubiläum Filme aus vier Dekaden

Wieland Speck, langjähriger Leiter der Panorama-Sektion und Kurator der 40. Ausgabe mit seinem persönlichen Rückblick.

Kurz vor Jahresende wollen wir schon jetzt ins nächste Jahr blicken und an dieser Stelle uns mit der letzten Berlinale-Ausgabe aus der Ära des langjährigen Festivalleiters Dieter Kosslick beschäftigen, die vom 7.-17. Februar 2019 stattfinden wird.

In einigen Medien ist zwar schon viel zur 69. Berlinale geschrieben worden, doch dass mit der Verabschiedung des 70-jährigen Direktors der Internationalen Berliner Filmfestspiele 2019 auch die Leiter der anderen Sektionen ihren Hut nehmen müssen, wurde so explizit wohl noch nirgends geschrieben.

Ab 2020 wird der Italiener Carlo Chatrian, bisheriger Leiter des internationalen A-Film Festivals in Locarno, die Berlinale als künstlerischer Direktor leiten. Zudem bekommt das Festival in Berlin künftig eine Doppelspitze, so wie es andernorts in Cannes und Venedig bereits üblich ist, denn Mariette Rissenbeek, eine gebürtige Niederländerin, wird neue Geschäftsführerin.

Vieles wird sich sicherlich ändern. Schon Dieter Kosslick hatte die Akkreditierungen der Filmschaffenden, die viele Jahre in den Händen der Verbände lagen und gemeinsam von uns, dem BAF, und der von uns gegründeten BUFI herausgegeben wurden, an sich gezogen und eigenständig verwaltet. Zukünftig wird womöglich alles nur noch Online und ziemlich anonym ablaufen. Ob damit das sehr frühmorgendliche Anstehen nach Karten für die Akkreditierten auch ein Ende hat, weiß noch keiner. In Locarno soll jedenfalls, bei der Einführung des elektronischen Kartensystems in diesem Jahr, ein ziemliches Chaos geherrscht haben.

Christoph Terhechte, bisheriger Leiter des Forums der Berlinale, hatte sich bereits schon vorher von der Berlinale verabschiedet und ist weitergezogen zum International Film Festival in Marrakesch.

Auch der 1951 in Freiburg im Breisgau geborene Wieland Speck gab die Leitung des Panoramas der Berlinale vorzeitig ab, wurde aber noch ein letztes Mal in die Führungsriege um Dieter Kosslick berufen, um den Rückblick auf das 40-jährige Jubiläum des Panoramas eigenständig vorzubereiten. 25 Jahre lang leitete er seit 1992 die Geschicke Sektion Panorama in Berlin, wo über 1800 Filme unter seiner Leitung liefen. Von 1982 bis 1992 war er zudem als Assistent des Programmleiters Manfred Salzgeber für die künstlerische und organisatorische Betreuung der Sektion zuständig gewesen. Zusammen gründeten sie 1987 den Teddy Award, den queeren Filmpreis der Berlinale. Nun wird er als Berater der Sektion in 2019 das Jubiläumsprogramm kuratieren.

Auf einer Veranstaltung in der Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen in Berlin fragten wir Wieland Speck kürzlich, ob er auch den Rückblick der 70. Berlinale 2020 kuratieren würde. Dazu lacht er nur und sagt, dass wahrscheinlich kaum ein anderer als er, einen so langjährigen Überblick über die Berlinale vorweisen kann. Aber er hätte noch nicht mit dem zukünftigen Leiter der Berlinale das Gespräch gesucht. Die Initiative müsste von Carlo Chatrian kommen. Aber man würde sich sicherlich demnächst näher kennen lernen.

Der Panorama Rückblick ist keine Retrospektive

Der Name Panorama ist dieses Mal gleichzeitig quasi auch Programm – denn die Panorama-Sektion der Berlinale zeigt zum 40-jährigen Bestehen noch einmal ausgewählte Filme des Programms aus vier Dekaden. Seit der Gründung im Jahr 1980, damals noch unter dem Namen Info-Schau, zeigt die Sektion dabei Filme, die aufwühlen und aufrütteln sollen und das Publikum in seinen Sehgewohnheiten und im Denken herausfordern wollen. Die Filmauswahl ist gleichzeitig Angebot und Aufforderung, Kino anders zu betrachten.

„Die Auswahl unseres Jubiläumsprogramms ist eklektisch (aus einer Vielzahl von Vorhandenem ausgewählt) – jedes Werk steht für eine ganze Reihe anderer. So möchten wir mit unserem Rückblick kein Best-of zeigen, sondern die Seele des Programms widerspiegeln: von der Vergessenheit bedrohte Werke wiederentdecken und mit dem aktuellen Zeitgeschehen in Dialog bringen“, so Wieland Speck, langjähriger Leiter des Panoramas, Mitbegründer des Teddy Awards und Kurator des Jubiläumsprogramms.

Wieland Speck, der das Panorama von 1993 bis 2017 programmierte und prägte, und sein langjähriger Mitarbeiter Andreas Struck haben aus mehr als 1.800 langen Werken neun Spielfilme und drei Essay-Dokumente sowie aus mehr als 600 Kurzfilmen elf kurze Werke für Panorama 40 ausgewählt.

Als die Filmfestspiele 1980 erstmals von Moritz de Hadeln verantwortet wurden, flankierte er den Wettbewerb mit einer Programmsektion, die mehr Auswahlfreiheit haben sollte als der Wettbewerb, mehr Radikalität ermöglichen und in jedem Falle auch das neu entstandene Kino einschließen würde. Die 70er-Jahre haben ein Füllhorn an Innovationen sichtbar werden lassen. Selbstermächtigte Subkulturen wurden zum gesellschaftlichen Motor, Theorien der Emanzipation wurden laborhaft umgesetzt. Die Normativität war nicht länger erstrebenswert, sondern die Alternativen dazu, was sich auch in neuen Filmsprachen und gar in einer neuen Kinolandschaft widerspiegelte.

Diese energetischen Veränderungen schrien geradezu nach entsprechender Präsentation im Festival. De Hadeln setzte den legendären Kinomacher und Forum-Mitgründer Manfred Salzgeber als Direktor ein, der bereits im ersten Jahr nicht nur Filmemacher*innen wie Catherine Breillat, John Waters, Atıf Yılmaz, Miklós Jancsó oder Helma Sanders-Brahms präsentierte, sondern auch bereits das zukünftige Profil spüren ließ, was Filme aus Osteuropa, Asien und Lateinamerika genauso betraf wie auch den zukünftigen Profilschwerpunkt Schwulesbisches Kino. Queeres Kino, Genderschwerpunkt würde man heute sagen, denn sowohl feministische Ansätze als auch Trans*Themen waren von Anfang an programmatisch dabei - unerhört und ungesehen in der damaligen Festival-Landschaft. In Salzgebers zweitem Jahr dieser damals noch Info-Schau genannten Sektion wählte er einen Kurzfilm von Wieland Speck aus. Die so begründete Zusammenarbeit der beiden Kuratoren führte 1987 auch zur Gründung des TEDDY AWARD - dem queeren Filmpreis der Berlinale - und dauerte über Specks Leitungsübernahme beim Panorama 1992 hinaus bis zu Manfred Salzgebers frühem Tod durch AIDS 1994.

Natürlich diktierte auch die jeweilige Filmauswahl der folgenden Jahrgänge Schwerpunkte: Länder im Fokus, internationale Freiheitsbewegungen, ästhetische Experimentierlust, Entdeckungen heute prominenter Filmemacher*innen und thematische Vertiefungen, bald schon das Thema AIDS als kämpferisches Element des Filmschaffens, und nicht zuletzt der Kurzfilm als unermüdliche Talentschmiede.

Vom programmtypischen Dialog der Werke mit den Fragen und Themen ihrer Zeit spricht auch die Popularität des Panorama-Publikums-Preises (PPP), der jährlich an einen Spiel- und einen Dokumentarfilm der Sektion verliehen wird. Mit der Beteiligung von etwa 30.000 Zuschauer*innen geht der PPP in Zusammenarbeit mit radioeins (rbb) und dem rbb Fernsehen 2019 in die 21. Runde.

Die Themen und Filme des Panorama Rückblicks.

Panorama First Move, Ikonen der Weltliteratur, Freiheitskampf, Trans*, Obskure Kinowelten und AIDS – Film als Waffe.

Im Einzelnen wurden folgende Langfilme zu Panorama 40 gemeldet:

"Buddies"

USA 1985

von Arthur J. Bressan Jr.

mit Geoff Edholm, David Schachter

81 Min 2D DCP, hier der Trailer:

"Bungalow"

Deutschland 2002

von Ulrich Köhler

mit Lennie Burmeister, Devid Striesow, Trine Dyrholm

85 Min 2D DCP, hier der komplette Film:

"Ching shao nien na cha" (Rebellen im Neonlicht)

Taiwan 1992

von Tsai Ming-liang

mit Chen Chao-jung, Lee Kang-sheng, Wang Yu-wen, Jen Chang-pin

106 Min 2D DCP, hier der neu digitalisierte Trailer:

"Daddy and the Muscle Academy"

Finnland 1991

Essay-Dokument

von Ilppo Pohjola

mit Tom of Finland

55 Min 2D DCP, hier der Trailer (restored):

"Lady Chatterley"

Frankreich / Belgien 2006

von Pascale Ferran

mit Marina Hands, Jean-Louis Coulloc’h

158 Min 35mm, Hier der Trailer:

"The Man Who Drove With Mandela"

Großbritannien / Südafrika / USA / Niederlande 1998

von Greta Schiller

mit Corin Redgrave

80 Min 2D DCP, hier der Trailer:

"Mitt liv som Hund" (Mein Leben als Hund)

Schweden 1985

von Lasse Hallström

mit Anton Glanzelius, Tomas von Brömssen, Anki Lidén, Melinda Kinnaman, Kicki Rundgren

101 Min 35mm, hier der Trailer (deutsch):

"Mysterion"

Finnland 1991

Essay-Dokument

von Pirjo Honkasalo

95 Min 2D DCP

"Les nuits fauves" (Wilde Nächte)

Frankreich / Italien 1992

von Cyril Collard

mit Cyril Collard, Romane Bohringer, Carlos López

126 Min 35mm, hier der Trailer:

"Self-Portrait in 23 Rounds: a Chapter in David Wojnarowicz's Life, 1989–1991"

Frankreich 2018

Essay-Dokument

von Marion Scemama

mit David Wojnarowicz

78 Min QuickTime ProRes

"Split – William to Chrysis; Portrait of a Drag Queen"

USA 1992

Essay-Dokument

von Ellen Fisher Turk, Andrew Weeks

mit International Chrysis

58 Min Betacam SP

"Sto dnei do prikaza" (100 Tage, Genosse Soldat)

Russische Föderation 1990

von Khusein Erkenov

mit Armen Daigarhanian, Lena Kondulainen, Aleksandr Chislov

67 Min 2D DCP

"YE" (The Night)

Volksrepublik China 2014

von Zhou Hao

mit Zhou Hao, Liu Xiao Xiao, Li Jin Kang

95 Min 2D DCP, hier ein Ausschnitt:

Link: www.berlinale.de

Quellen: Berlinale | BAF | Filmecho | ZDF

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