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»Zwei Herren im Anzug« ist bester Arthouse Neustart

Zum fünften Mal in Folge belegte allerdings Steven Spielbergs »Die Verlegerin« Platz eins der Arthouse-Kinocharts.



Bereits vor 10 Tagen hatten wir auf Josef Bierbichlers Familien- und Historiendrama "Zwei Herren im Anzug" aufmerksam gemacht, das letzte Woche seinen Kinostart hatte. Laut Erhebungen von comScore belegte zwar Steven Spielbergs "Die Verlegerin" zum fünften Mal in Folge Platz eins der Arthouse-Kinocharts, doch das Werk des Bayerischen Regisseurs Bierbichler folgt immerhin auf Platz zwei und ist somit der erfolgreichste Neustart dieser Woche im Arthouse Bereich. Grund genug für uns eine weitere längere Filmkritik nachzuschieben.

Auf Platz drei folgt Craig Gillespies Sportlerdrama "I, Tonya", auch ein Neustart, dessen Filmkritik wir heute ebenfalls parat haben. Ansonsten können wir leider mit keinen weiteren Empfehlungen aufwarten, denn unsere dritte Filmkritik zu dem Film "Verpiss dich, Schneewittchen" mit dem TV-Komödianten Bülent Ceylan, der morgen seinen Start hat, ist genau das Gegenteil einer Empfehlung.

"ZWEI HERREN IM ANZUG" Drama von Josef Bierbichler (Deutschland). Mit Josef Bierbichler, Martina Gedeck, Irm Hermann, Simon Donatz, Johan Simons, Peter Brombacher u.a. seit 22. März 2018 im Kino. Hier nochmals der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Nach Motiven seines Romans "MITTELREICH" hat Josef Bierbichler seinen Film "Zwei Herren im Anzug" interpretiert. Sein Roman wird nicht in voller Länge erzählt. Er konzentriert sich auf die Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn, die er in einer beeindruckenden Bildsprache untermauert und mit szenischen Rückblenden pflastert, wobei jeder seine eigene Geschichte beschreibt. Entstanden ist ein aufklärerischer, schonungsloser Heimatfilm. Der Anlass ist der Tod seiner Frau Theres (Martina Gedeck).

1984, Ende des Sommers. In einem Gasthaus am See, haben der Seewirt Pankraz (Josef Bierbichler) und sein ungeliebter Sohn Semi (Simon Donatz) die letzten Trauergäste verabschiedet.

Irgendwie überfällt den Alten das Bedürfnis über die ihm streckenweise verhasste und mit Enttäuschungen verbundene Vergangenheit zu reden. Sein größter Wunsch war es, Opernsänger zu werden. Sein Traum wurde zerstört, als sein älterer Bruder mit einer Kugel im Kopf aus dem Ersten Weltkrieg zurück nach Hause kommt. Nun soll er die Seewirtschaft des Vaters, mit dem anliegenden Hof, übernehmen. „Verfluchtes Erbe, verfluchtes Weib, ich will aus allem raus, was ich muss“, schimpft er. Auch seinen Sohn hat er nicht gewollt. Es war die Mutter, die nach einer kurzen Zeit des ehelichen Glücks, sich um das Kind kümmerte und im Laufe der Jahre, erkennen musste, dass bei ihrem Mann jegliches Gefühl von Empathie entweder verschüttet ist oder gar nicht vorhanden.

Die Abschiebung des Jungen ins Internat konnte sie nicht verhindern. Inständig bittet Semi seinen Vater, doch wieder mit nach Hause zu nehmen. Er ist unfähig, seinem Vater den priesterlichen Missbrauch zu gestehen. Außerdem wollte der Junge nicht studieren. Verzweifelt musste seine Mutter mitansehen, wie ihr Kind regelrecht aus dem Haus getrieben wurde. Der größte Vorwurf ihres Mannes gipfelte in der Bemerkung, dass sie den Sohn nicht christlich erzogen hat.

In seinem Film hat Bierbichler zwei Personen hinzugefügt, die in seinem Roman nicht vorkommen. Zwei Herren im Anzug, die das Geschehen über drei Generationen in einem Zeitraum von 70 Jahren beobachten und als Stichwortgeber des familiären Erinnerns fungieren.

Obwohl Bierbichler vieles aus seinem Buch gestrichen hat, lebt sein Film von einer erzählerischen Eindringlichkeit, die streckenweise erschütternd ist. Der Missbrauch des Sohnes und sein verzweifelter Wunsch, in den Schoss seiner Mutter zurückzukehren. Auch das Bild, indem Pankratz mitten in einem Jahrhundertsturm am See steht und einen hasserfüllten Monolog hält, lässt einen nicht kalt. Auch die Szenen eines Faschingsballs, wo er mit einer Clownsnase vor einer als Hitler verkleideten Frau steht, ist mehr als absurd. All das und noch viel mehr ist verstörend und irritierend. Vater und Sohn sitzen gezwungener Maßen zusammen und unterhalten sich über die Vergangenheit, den 1. und 2. Weltkrieg, die alliierten Besatzer, Wirtschaftswunder, Studentenunruhen, Flüchtlinge und immer wieder Familie. Jeder für sich, ohne gegenseitiges Verständnis, gehen sie auch wieder auseinander. Semi, der ein Rebell und Idealist ist, kann und will nicht verzeihen, das sein Vater, die innere Not, die der sexuelle Missbrauch bei ihm hinterlassen hat, nicht verstanden hat. Verwirrend auch der Satz, den Pankratz an einer Stelle sagt: „Ich war zwar nie ein Nazi. Doch kein Nazi, war ich nie“.

„Es gibt keine Filmmusik. Es gibt nur Musik, die im Kopf des Protagonisten spielt, eine fantasierte Musik, hervorgerufen von einem gewissen Gefühlszustand, in dem er sich befindet und die an opernhaften Pathos erinnert“.

Simon Donatz, der im wahren Leben Bierbichlers Sohn ist, ist in einer Doppelrolle zu sehen. Er spielt auch seinen Vater, in jungen Jahren.

Dieses „Stück Bayerische Geschichte“ stellt schon eine gewisse Herausforderung an den Zuschauer dar. Besonders der bayerische Dialekt ist nicht immer zu verstehen. Und dennoch, in seiner radikalen Wucht und der teilweise bajuwarischen Komik, durchaus sehenswert.

Ulrike Schirm


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"I, TONYA" Biografie-Drama von Craig Gillespie (USA). Mit Margot Robbie, Allison Janney, Sebastian Stan u.a. seit 22. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

"I, Tonya" erzählt die wahre und höchst dramatische Geschichte der amerikanischen Eiskunstläuferin Tonya Harding. Sie kam weltweit in die Schlagzeilen, als im Januar 1994 ein Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan verübt wurde. Die Nachforschungen ergaben, dass die Täter zum Umfeld ihres Ex-Mannes gehörten. T. Harding wurde von der Boulevard Presse als „Eishexe“ tituliert und von ihrem Verband lebenslang gesperrt.

Bis heute bestreitet T. Harding von dem Attentat gewusst zu haben, dass ihr Ex in Auftrag gegeben hat. War sie wirklich das herzlose Monster, als das die Medien sie inszenierten?

Was wirklich wahr ist und was nicht und wie sich „Wahrheit“ verändern kann, je nach dem, welchen subjektiven Standpunkt man vertritt, davon handelt dieser Film.

Das ungewöhnliche Drehbuch stammt aus der Feder von Steven Rogers ("P.S. Ich liebe Dich"), sein Trick, sein Drehbuch basiert auf Interviewpassagen aller Beteiligten, in die er vorhandene O-Töne eins zu eins, einbaute.

Tonya Harding kommt aus der sogenannten Weißen Unterschicht (White- Trash). Sie wurde von ihrer hartherzigen Mutter als kleines Mädchen regelrecht aufs Eis geprügelt und ständig beschimpft. Von klein auf war Tonya eine Außenseiterin der Eiskunstlaufgesellschaft und wusste ganz genau, dass sie nicht gemocht wurde. Es war ihr egal. Sie entwickelte sich zu einer gnadenlosen Rebellin. Ihre Mutter steckte jeden Pfennig in die Karriere ihres Kindes.

Gerne verhöhnte sie ihre Tochter mit den Worten, dass sie ein dummes Miststück sei und meint, Schläge zu verdienen. Auch ihr Freund und späterer Ehemann schlägt sie brutal und Tonya glaubt noch immer, daran schuld zu sein. Sie kannte es nicht anders. Ihre Mutter war überzeugt davon, dass ihre Tochter bessere Leistungen ablieferte, wenn man sie demütigt und ihr einredet, dass sie nichts kann. Irgendwann fing sie an zurückzuschlagen. Sie gab nicht auf und kämpfte solange, bis sie die erste Amerikanerin war, die den komplizierten Dreifach-Axel auf dem Eis absolvierte und weltweiten Ruhm erlangte. Noch immer entsprach sie nicht dem Image einer „Prinzessin auf dem Eis“, die nur durch ihre sportlichen Leistungen auffiel aber leider nicht dem Äußeren einer „lieblichen Eisprinzessin“ entsprach und das ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan perfekt beherrschte.

Regisseur Craig Gillespie inszenierte das Drama mit sehr viel schwarzem Humor bis hin zur Satire. Spätestens ab dem Moment, wo ihr Ex-Mann zwei Vollpfosten anheuert, der Rivalin erst Drohbriefe zu schicken und dann das Knie zu zertrümmern und die sich dümmer anstellten, als die Polizei erlaubt, wendet sich das Geschehen zu einer Lachnummer. Auch als man mitbekommt, wie Tonyas Mutter einem Typen auf der Tribüne im Eisstadion Geld zusteckt mit den Worten, wiederholt ihrer Tochter zuzubrüllen, dass sie „Scheiße“ sei, glaubt man es kaum. Und das, nur um sie anzustacheln. Fassungslos verfolgt man die Intrigen und Gemeinheiten und ist gleichzeitig zutiefst berührt, wie es Tonya, trotz aller Widrigkeiten, geschafft hat, sich zäh bis nach oben zu kämpfen. Ja… wenn nicht der berühmte Vorfall gewesen wäre, bei dem sie sich total verzettelte und der das Ende ihrer Karriere auf dem Eis bedeutete.

"I, Tonya" ist ein Spielfilm und keine Dokumentation und das ist auch gut so. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, was wahr ist und was nicht. Nach dem tragischen Desaster, steigt sie später in den Boxring und wie sagt Margot Robbins, die nicht nur die Rolle der Tonya grandios spielt, sondern den Film auch produziert hat, ganz souverän in einem Interview: „Vielleicht hat sie unbewusst gespürt, dass die Öffentlichkeit sie als Boxerin sehen wollte, dass ihr Schläge verpasst werden, sowie ihrer Konkurrentin Schläge aufs Knie verpasst wurden.“

Allison Janney bekam den Oscar als Beste Nebendarstellerin für die Rolle als hartherzige Mutter.

Meine persönliche Anmerkung: „Auch wenn sie von dem Attentat gewusst haben sollte und es nicht verhindert hat, kann man sie verstehen. Nach all dem, was sie durchgemacht hat und sie nichts anderes konnte, als sich auf dem Eis zu bewegen, eine nachvollziehbare Reaktion“.

Ulrike Schirm


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"VERPISS DICH, SCHNEEWITTCHEN" Komödie von Cüneyt Kaya (Deutschland). Mit Bülent Ceylan, Josefine Preuß, Paul Faßnacht u.a. ab 29. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Sammys (Bülent Ceylan) größter Traum ist es ein Rockstar zu werden. Ab und zu tritt er in einem Altenheim auf, wo er gängige, schnulzige Schlager zum besten gibt. Ansonsten jobbt und schrubbt er im Hamam seines Bruders Momo (Kida Khodr Ramadan). Doch dann bekommt er die Chance bei einer Castingshow durchzustarten. Die Sache hat allerdings einen Haken: Der Solomusiker muss eine Band gründen. Keine leichte Aufgabe für den aufstrebenden Musiker. Flugs schart er drei Außenseiter um sich, die weder was mit Musik zu tun haben, noch äußerlich in die Glitzerwelt der Fernsehshows passen.

Mit viel Überredungskunst gewinnt er den gerade im Hamam eingestellten Arbeitslosen Wolle (Paul Faßnacht), Stammgast Mahmut (Özgür Karadeniz), dessen fetter Bauch sich bestens dazu eignet von Wolle fingerfertig als Trommel benutzt zu werden, sowie seine flippige Schwester Jessi (Josefine Preuss). Die Gruppe „HAMAM HARDROCK“ ist geboren.

Mit ihrem Song „Verpiss dich, Schneewittchen“ kommen sie beim Publikum gut an. Leider, leider ist die zickige Labelchefin Paula Thomaschewski (Sabrina Setlur) gegen die Multikulti-Rocker. Sie favorisiert die smarten Jungen von der Gruppe Freiland, deren pseudopolitischen Liedtexte bei näheren Hinhören völlig absurd erscheinen. Bis es endlich zum großen Showauftritt kommt, müssen so einige unangenehme Zwistigkeiten gemeistert werden. Gespickt ist der Klamauk mit Gastauftritten von Comedy- Berühmtheiten wie Olaf Schubert und Tom Gerhardt, dem Schlagersänger Bernhard Brink, Youtube Stars wie Bullshit TV und Rapper Eko Fresh, der den eifersüchtigen Freund Uli von Jessi spielt und Moderatorin Mirjam Weichselbraun.

Produzent Oliver Berben hat keine Kosten und Mühen gescheut, das spaßarme Spektakel auf die Leinwand zu bringen. Das Halbfinale findet auf einer Open-Air-Bühne in einem Beachclub statt und für die Finalshow wurde der Kölner Club Tanzbrunnen mit riesigen LED-Wänden und unzähligen Scheinwerfern ausgestattet. Mehrere hundert Komparsen sorgten für Stimmung.

Özgür Karadeniz hat sich 25 Kilo „angefressen“, damit sein wabbliger Bauch für die klatschenden Trommeltöne, den richtigen Umfang hat. Die Crew aus dem „Kanakenaquarium“ hatte offenbar mehr Spaß beim Drehen, als das Publikum im Kino haben wird. Für die Fans von Bülent Ceylan, dem Rockstar der Comedyszene, wird sein Auftritt in einem Kinofilm zu einem weiteren Highlight ihres Idols beitragen.

Während der Pressvorführung zählte ich gerade mal drei Lacher. Aber wer weiß, vielleicht wird "Verpiss dich, Schneewittchen" zum Knüller an der Kinokasse.

Ulrike Schirm

























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