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Sechs reguläre Filmstarts während der 67. Berlinale

Was sonst noch auf der Leinwand läuft. - Fünf aktuelle Filmkritiken von Ulrike Schirm und Isolde Arnold sowie eine Rezension von Elisabeth Nagy. (UPDATE)



Schon im Vorfeld der Berlinale war klar, dass "Elle", der jüngste Film des holländischen Regisseurs Paul Verhoeven, noch während der 67. Internationalen Filmfestspiele offiziell in den Deutschlands Kinos starten wird. Paul Verhoeven, vor allem bekannt durch den Thriller "Basic Instinct", war zum Jurypräsidenten der Berlinale berufen worden. Demzufolge konnte sein neuester Thriller "Elle" natürlich nicht am Wettbewerb teilhaben.

Übrigens sollte Paul Verhoeven, der viele Jahre in Hollywood internationale Filmerfahrung mit zahlreichen eigenen Werken gesammelt hat, bitte nicht verwechselt werden mit dem meist in München lebenden Berliner Regisseur Dr. Michael Verhoeven, der nach der Wende das Berlinale Kiez-Kino Toni in Berlin-Weißensee zusammen mit seiner österreichischen Frau Senta Berger übernommen hatte, nun aber wieder verkaufen möchte.

"ELLE" von Paul Verhoeven: Seit 16.02.2017 im Kino.
Hier der Trailer:



Filmkritik:
Paul Verhoevens verstörender Psychothriller beginnt mit einer brutalen Vergewaltigung. Das Opfer, Michèle, eine selbstbewusste erfolgreiche Chefin einer Computer-Spielfirma. Michéle (Isabelle Huppert) ist weit davon entfernt, sich in die Rolle eines Opfers zu flüchten. Ganz im Gegenteil, sie entwickelt eine kaltblütig anmutende Beziehung zu dem Täter, indem sie sich auf Sado-Masospiele mit dem Fremden einlässt. Nicht nur ihre brutalen Videospiele zeugen von einer Kälte die ihr zu eigen ist, auch ihr knallharter Kontrollzwang zeigt, dass man es mit einer Frau zu tun hat, die alles andere als zimperlich ist. Schreckliche Begebenheiten in ihrer Kindheit, ließen sie so werden, wie sie ist. Obwohl von dem Täter abgestoßen, entwickelt sie eine gewisse Neugier und begibt sich in den Kampf der Geschlechter, in die Spirale von Sex und Gewalt. Verhoeven`s Film ist mehr als nur eine Studie über eine schwer verstörte Frau. Es gibt interessante Nebenfiguren und aufschlußreiche Hintergrundinformation.

Michèle, eine Frau, die ihre Gefühle und ihre irritierenden, kompromisslosen Leidenschaften mit einer ungeheuerlichen Kraft auslebt, die Grenzen überschreitet und rigoros ihr ganz persönliches Ding durchzieht. Sie geht ein Wagnis ein, daß jederzeit aus der Kontrolle geraten kann. Ob man den Film mag oder nicht, der schauspielerischen Wucht, mit der Huppert diese Frau spielt, kann man sich nicht entziehen. Sie ist einfach großartig. Man kann es kaum glauben, daß diese zirliche Person schon 63 Jahre ist. Für "ELLE" hat sie kürzlich den Golden Globe bekommen und vielleicht erhält diese großartige Mimin in den nächsten Tagen auch noch den Oscar.

Ulrike Schirm


"T2: TRAINSPOTTING" von Danny Boyle: Seit 16.02.2017 im Kino.

Der zweite Teil von "Trainspotting", gedreht mit den selben Hauptdarstellern, nur 20 Jahre später, war für Fans des ersten Teils ein Highlight der Berlinale im offiziellen Wettbewerbsprogramm, wenn auch außer Konkurrenz. Für Andere war das Sequel ein lauwarmer Aufguss des Drogen-Kultfilms nach dem Irvine-Welsh-Roman "Porno" mit inzwischen stark gealterten Junkies, die etwas aus der Zeit gefallen sind. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Nach über 20 Jahren sind die unangepassten Drogen-Junkies wieder zurück. Renton, Spud, Sick Boy und Begbie. Unvergesslich die berüchtigte Toilettenszene, in der Mark Renton (Ewan McGregor) im Spülwasser nach den ausgeschiedenen Heroinzäpfchen suchte. Nun hat Oscar-Preisträger Danny Boyle („Slumdog Millionär") die Hauptdarsteller von damals wieder zusammen trommeln können.

McGregor, der mit Trainspotting damals seinen Durchbruch hatte und inzwischen zu einem gefragten Hollywood-Star herangewachsen ist, war sich absolut nicht zu schade, in "T2: Trainspotting" wieder in die Rolle des Mark Renton zu schlüpfen. Vom Heroinkonsum geheilt, kehrt er nach Edinburgh zurück, nachdem er damals seine Kumpel um 16.000 Pfund Drogengelder geprellt hat. Die damalige Truppe, die ohne Rücksicht auf Verluste ihr Leben in wildeste Abgründe gestürzt hat, ist nun reifer aber nicht unbedingt klüger geworden. Sick Boy (Johnny Lee Miller), der sich jetzt Simon nennt, lebt von Erpressungen und mischt im Pornogeschäft mit. Zusammen mit Mark plant er lukrative Geschäftseröffnungen. Begbie (Robert Carlyle) ist aus dem Knast geflüchtet. Voller Rachepläne stürzt er sich wie eine tickende Zeitbombe auf Mark. Er fordert sein Geld zurück. Beängstigende Ausbrüche gelten seinem Sohn, den er unbedingt in seine kriminellen Machenschaften einbeziehen will. Der Sohn, der den zurückgekehrten Vater nicht kränken will, hat große Schwierigkeiten ihm klar zu machen, dass er sich für ein Studium entschieden hat. Der harmlose Spud (Ewen Bremner), der versucht seine Heroinsucht zu bekämpfen, wird von Mark mächtig unterstützt.

Auch im zweiten Teil gelingt es Boyle ernste, traurige und humorige Momente mit einander zu verbinden. Der Soundtrack, eine Hommage an den ersten Teil, macht durchaus Spaß und die virtuose Kameraarbeit gibt dem Geschehen einen besonderen Schliff. Anspielungen und Rückblenden erinnern an die damalige Zeit des wilden Drogenkonsums. Und wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man einen tiefen Schmerz, den die Jungen mit Hilfe von Drogen und dem bewussten Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft, versucht haben zu betäuben. Es ist Boyle hoch anzurechnen, dass er das Wagnis einer Fortsetzung eingegangen ist. Zeugt es doch davon, dass er seine Charaktere liebt. Ken Loach lässt grüßen.

Ulrike Schirm


"FIFTY SHADESOF GREY - Gefährliche Liebe" von James Foley: Seit 09.02.2017 im Kino:

Für alle jene, die kein Interesse an Filmkunst auf der Berlinale hatten, sollte genau zu Beginn der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin in Deutschlands Popcorn-Amüsier-Kinos die Fortsetzung der US-Blockbuster-Verfilmung eines Erfolgsromans starten. Während die US-Majors den Wettbewerb offenbar fürchten und deshalb nur mit "The Dinner" von Oren Moverman vertreten waren, drängen ansonsten die US-Verleiher - abseits der Festivals - um so mehr mit zweitklassigen Sequels in den Mainstream-Markt. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Über 4,4 Millionen Zuschauer haben sich in Deutschland den 1. Teil des weich gespülten Sado-Maso Liebesmärchens angetan. Nun ist er im Kino, der zweite Teil. Nachdem Anastasia Steele (Dakota Johnson) ihren traumhaft reichen Liebhaber Christian Grey (Jamie Dornan) verlassen hat, will sie nun auf eigenen Beinen stehen. In einem Verlag widmet sie sich als Assistentin der gehobenen Literatur. 

Grey lässt nicht locker und Ana trifft sich wieder mit ihm, doch jetzt macht sie ernst, sie bestimmt die Regeln. Christian gibt sich redliche Mühe seine Neigung zu drosseln, berichtet von seiner angeknacksten Psyche (Mutti ist dran schuld) und er lässt es sich nicht nehmen, Ana mit Geschenken zu überhäufen. Es dauert nicht lange und Ana gibt sich seinen Neigungen wieder lustvoll hin. Sie lässt sich sündhaft teure Orgasmuskugeln einführen, probiert ein Beinspreizgerät aus und von dem roten Salon mit seinen Folterwerkzeugen ist sie mehr als angetan. Damit nicht genug, seine Ex-Geliebte Elena (Kim Basinger) sorgt für Unfrieden und eine Stalkerin macht Ana das Leben schwer. Zwischenzeitlich muckt Ana mal hin und wieder auf, denn sein Kontrollmechanismus geht soweit, dass er sogar den Verlag aufkauft und im Hintergrund die Fäden zieht. Ein Rosamunde Pilcher Fernsehspiel ist interessanter als diese Schmonzette, die vor Langeweile trieft und deren Hauptdarsteller blass und farblos bleiben. Ihre ansehnlichen Körper sind allerdings ein Hingucker wert. Fortsetzung folgt.

Ulrike Schirm


"FENCES" von Denzel Washington: Seit 16.02.2017 im Kino.

In drei Tagen werden die Oscars in Hollywood verliehen. Im Gegensatz zu vergangenen Preisverleihungen, wo fast ausschließlich Filme von Weißen auf Siegertreppchen gelangten, stehen diesmal mit "Fences", "Hidden Figures" und "Moonlight" gleich drei von insgesamt neun nominierten Filmen mit Schwarzen Darstellern und Regisseuren zur Wahl um den »Besten Film« des Jahres 2016. Während wir Hidden Figures in unserer Reihe der Filmbesprechungen schon am 15. Februar 2017 rezensiert hatten, folgt diesmal "Fences", der während der Berlinale gestartet war und sehr unterschiedlich von Kritikern aufgenommen wurde. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Denzel Washington hat das das Theaterstück „Fences“ des afroamerikanischen Pulitzer Preisträgers August Wilson für die Leinwand adaptiert. Er führt Regie und spielt auch selbst die Hauptrolle.

Angesiedelt, im Arbeitermilieu in Pittsburgh zur Zeit der 1950er Jahre. Er spielt den verbitterten Müllmann Troy Maxson, der es nicht verwunden hat, dass ihm eine Baseballkarriere wegen seiner Hautfarbe verweigert wurde. Seinen geplatzten Traum ertränkt er ab und zu im Alkohol. Mit seiner Frau Rose (Viola Davis) führt er eine langjährige Ehe, bescheiden und zufrieden. Die Leidenschaft der früheren Jahre ist jedoch verloren gegangen. Das Verhältnis zu seinen beiden Söhnen ist von brachialer Strenge und Distanz geprägt. Sein jüngerer Sohn leidet sehr unter der Lieblosigkeit des Vaters. Ganz besonders, da er ihm den Erfolg seines Herzenswunsches, nämlich ein Fußball Profi zu werden, missgönnt. Er spielt sich als Patriarch auf und wiederholt die rüden Verhaltensmuster seines Vaters. Als er nicht umhin kommt seiner Frau Rose zu gestehen, dass seine Geliebte ein Kind von ihm erwartet, zeigt sie eine bewundernswerte Stärke. Bei der Frage, was denn eigentlich aus ihren Träumen wird, legt sie mit einem großartigen Monolog los, der für mich das absolute Highlight in dem Drama ist. Als die Mutter des Babys bei der Geburt stirbt, nimmt sie das Neugeborene in ihrem Haus auf. Washington hat sich entschieden, den Film wie auf einer Theaterbühne zu inszenieren. Es spielt sich alles in und um dem bescheidenen Haus und Hof ab. Die Figuren sprechen in langen, einwandfreien Monologen. Alles ist etwas sehr theaterhaft. Pures Schauspielkino, mit einer überwältigenden Viola Davis. Es geht nicht immer gut, wenn Regisseure auch noch die Hauptrolle übernehmen. Washington hat offensichtlich die Kamera mit der Präsenz der Bühne verwechselt. Sein Spiel ist übertrieben gross und wuchtig. Etwas Zurücknahme hätte dem 2-fachen Oscargewinner besser gestanden. Fazit: Es sind nicht immer die Weißen, die am Elend der Schwarzen schuld sind. Man kann sich auch selbst im Wege stehen.

Ulrike Schirm


"EMPÖRUNG" von James Schamus: Seit 16.02.2017 im Kino.

Nach dem gleichnamigen Erfolgsroman (2008) von Philip Roth wurde mit dem Film "EMPÖRUNG" die Geschichte einer jugendlichen Rebellion auf die große Leinwand gebracht. Er lief bereits vor einem Jahr während der 66. Berlinale in der Rubrik „Panorama“ bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.

Schade, dass es immer wieder so lange Zeit braucht, einen auch vom Publikum geschätzten Film in unsere Kinos zu bringen. Für Marketingfachleute ist dagegen der Zeitpunkt der Aufführung ideal gewählt, weil auf den Plakaten mit dem Logo der Berlinale geworben werden kann, ohne genau zu erklären zu müssen, dass das Werk aus dem Vorjahr stammt. Die Story ist allerdings zeitlos und begeistert durch den wunderbaren Darsteller auch heute noch. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Marcus Messner (Logan Lerman) bekommt die Möglichkeit an einem College zu studieren und kann sich dadurch den Sorgen seiner Eltern entziehen und muss nun vor allem nicht dem koscheren Metzgergewerbe seines Vaters nachgehen. In Winesburg, Ohio, will er unbedingt der Beste sein…, aber die Konfrontation mit dem erzkonservativen Dekan (Tracy Letts) und der verführerischen Olivia (Sarah Gadon), lassen ihn wider Willen zum Rebellen werden. Es ist eine tragische Liebesgeschichte und eine beeindruckende philosophische Geschichte über das Dasein und die Dinge, die unser Schicksal bestimmen, tiefsinnig und komisch zugleich…

Die Geschichte ist nicht autobiografisch, aber persönlich und tiefgründig, und spiegelt Roths Leben in groben Zügen wider.

Der Filmautor, lässt sich über die literarische Arbeit Roths von Texten Silvia Plaths und Allen Ginsbergs Beat-Poesie inspirieren und somit ist ein reizvoller, liebevoll nachgestalteter Film entstanden, der die Zeit vor der sexuellen Revolution in Amerika, mit ihrem Antikommunismus und ihren Hetznachrichten, dem Koreakrieg, der auf der anderen des Ozeans tobt, vor unseren Augen neu entstanden.

Isolde Arnold
Quelle: Berlin ab 50


"ENKLAVE (ENKLAVA)" von Goran Radovanović: Seit 16.02.2017 im Kino.

Sperrige Arthouse-Filme wie das Kriegsdrama "INSYRIATED" von Philippe van Leeuw aus dem syrischen Aleppo begeisterten das diesjährige Panorama-Publikum, das den Film sogleich mit einem Publikumspreis bedachte. Unverständlich ist es deshalb, dass das schon 2015 gedrehte serbische Jugenddrama "ENKLAVE", das ebenfalls auf mehreren Internationalen Festivals Publikumspreise erhielt, erst jetzt in sehr wenigen Kinos gezeigt wird. In Berlin derzeit (bis 03.03.2017) nur zu unterschiedlichen Zeiten im Kino Krokodil und an zwei Tagen (Sa+So, 25.+26.02.2017 um 16:00+14:45 Uhr) im Babylon Mitte.

Der Film, der die Geschichte des 10-jährigen Nenad (Filip Subarić) erzählt, der 2004, fünf Jahre nach Ende des Krieges, in einer kleinen serbischen Enklave zusammen mit seinem Vater und seinem kranken Großvater lebt, wurde 2016 immerhin von Serbien ins Oscar®-Rennen geschickt. Zudem wurde die serbisch-deutsche Koproduktion von der Mitteldeutschen Medienförderung und der Filmförderung Baden-Württemberg gefördert. Nicht einmal eine offizielle Pressevorführung wurde in Berlin anberaumt. Glücklicherweise wurde uns nun doch noch ein Screener zugeschickt und Elisabeth Nagy hat für uns eine Filmkritik abgegeben [Nachtrag]. Hier der Trailer über eine Nachkriegsgeschichte aus dem Kosovo:



Über den Film:
In "ENKLAVE" wird Nenad jeden Tag von einem Militärfahrzeug der internationalen Friedenstruppe KFOR in die Schule gebracht, in der er der einzige Schüler ist. Sein großer Wunsch, mit anderen Kindern zu spielen, scheint unerreichbar. Immer wieder sieht er durch die Schlitze des gepanzerten Fahrzeugs zwei gleichaltrige albanische Jungen und den 13-jährigen Hirtenjungen Bashkim (Denis Muric "Niemandskind" - Gewinner GoEAST 2014) – der seinen Vater im Krieg verlor und der die Serben hasst. Als eines Tages Nenads Großvater stirbt, unternimmt der junge Christ eine riskante Reise hinter die feindlichen Linien und schließt Freundschaft mit den Muslimen. Denn ausgerechnet bei ihnen hat er die Möglichkeit, seinem Opa eine angemessene Bestattung zu organisieren…

Filmkritik:
Nenad ist zehn Jahre alt. Der Balkankrieg liegt 2004 ebenso lange zurück. “Mein bester Freund”, so lautet die Überschrift für einen Aufsatz, den er für die Schule schreiben soll. Doch er hat gar keine Freunde, denn in seinem Dorf gibt es keine Kinder. Er lebt in einer serbischen Enklave mitten im Kosovo und wird von den UN-Soldaten mit einem Panzer der international Friedenstruppe KFOR in die Schule gebracht. Bis die Lehrerin eine Arbeit in Belgrad findet und die Schule, in der er der einzige Schüler war, damit geschlossen bleibt. Die albanischen Jungs, die ihn immer wieder aufziehen, machen ihm jedoch ein Angebot. Sie wollen auch einmal mit in einem Panzer fahren.

Goran Radovanovic erzählt von den langfristigen Auswirkungen des Krieges aus der Sicht der Kinder. Nenad, gespielt von Filip Subaric, sagt nicht viel, und doch sehen wir ihm immer wieder in sein Gesicht, das all das Nichtverstehen widerspiegelt. Warum können sie nicht Freunde sein? Als sein geliebter Großvater stirbt, wird es für ihn noch schwieriger. Die Beerdigung setzt einen Handlungsablauf in Gang, der in Gewalt mündet. Bei dem keiner aus seiner Haut kann, vielleicht noch nicht einmal die jüngste Generation. Radovanovic zeigt eine Gesellschaft, die von ihren Traditionen, von den von den Vätern vererbten Gebräuchen, erdrückt wird. Der Hass, so berechtigt dieser im Schmerz um verlorene Menschen scheinen mag, sitzt tief. Es bedarf der Unschuld der Kinder, um einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen. Dabei wird nicht alles gut. Nenad, der fast alles verliert, wird Bashkim, den Hirtenjungen, der ihn fast umbringen wird, als Freund bezeichnen, denn die beiden, so arg die Erwachsenen sich auch immer noch gegenseitig schikanieren oder anschweigen, finden eine Menschlichkeit, die sie auf ihre Bedürfnisse zuschneiden. Das ist die Hoffnung, die der Film auszustrahlen vermag.

Radovanovic verklausuliert die Struktur, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Er baut eine psychologisch stimmige Konfrontation auf. Bevor die Filmhandlung einsetzte, war es zu Pogromen gekommen, diese sorgt jetzt für genug Konfliktstoff. Doch Radovanovic schwenkt fast in eine Fabel über. Es passieren Dinge, die so von rein physikalischen Gesetzen kaum erklärbar sind. Er nimmt dem Drama damit etwas an Schwere, ohne seine Aussage abzuschwächen. "Enklava" ist ein leiser und kluger Film, der sich so sicherlich nicht nur an Kinder richtet, auch wenn er auf dem Schlingel Filmfestival in Chemnitz gezeigt wurde.

Elisabeth Nagy

Quelle: Zoom Medienfabrik

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