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65. Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Starke Frauenschicksale prägen das Programm des 65. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg.



Im Rentenalter ist das Jubiläumsfestival garantiert noch nicht angekommen, obwohl es mit zu den ältesten Filmfestivals Deutschlands zählt.

Vom 10.-20. November 2016 findet in der Metropolregion Rhein-Neckar zum 65. Mal das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg statt und fördert seit jeher junge Filmkünstler aus der ganzen Welt. Es ist eine einzigartige Plattform des kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Dialogs durch Filmkunst — und das seit 65 Jahren. Gastgeber für das internationale Independent Weltkino. Seit seiner Gründung vor 65 Jahren hat sich das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH), damals noch unter dem Titel „Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche“, der Entdeckung neuer Regietalente verschrieben. Dieser kulturpolitischen Prämisse kommt das Festival auch 2016 nach.

Im Jubiläumsjahr stammt rund ein Drittel des Programms von Regisseurinnen. Das liegt weit über dem Durchschnitt der jährlich produzierten Filme, weltweit. Aber die Zahl der Filme, die sich mit Frauenschicksalen beschäftigen, ist noch weitaus höher. Dabei drängt sich der Eindruck auf, dass bestimmte Geschichten nur durch Frauenfiguren überhaupt so pointiert erzählt werden können, gerade bei den politischen Filmen aus Amerika, Osteuropa, dem fernen Osten sowie den skandinavischen Ländern.

„Jeder Jahrgang hat seine Eigenarten“, so Festivaldirektor Dr. Michael Kötz, der das Festival seit 25 Jahren leitet. „In diesem Jahr haben wir mit Freude und Erstaunen festgestellt, dass Regisseurinnen und Regisseure sich Geschichten ausgesucht haben, die Frauen in ganz unterschiedlichen Zeiten und Welten in den Mittelpunkt rücken. Das ist dichtes, hoch spannendes Kino.

Mord und Totschlag in Kurdistan – und das besonders an den Frauen – ist das Thema von „The Dark Wind“ (Irak/Deutschland | Wettbewerb) des kurdischen Regisseurs Hussein Hassan. Eine Frau wird während ihrer Verlobung von fanatischen Anhängern des „IS“ verschleppt, misshandelt und nach ihrer Befreiung von den Patriarchen des eigenen Dorfes verstoßen, weil sie sich fremden Männern hingab. Nicht nur der Krieg ist wahnsinnig, von einem anderen Wahn des Machtverlustes bestimmt sind zugleich diese Männer. Brisanter in einem wirklichen Sinne geht es im Kino nicht. Der Film lief erstmals kürzlich auf dem 21. Koreanischen Busan Film Festival. Einen Preis hat der Film aber dort nicht abräumen können. Gewonnen haben fast ausschließlich asiatische Werke.

Ein ähnliches Thema greift Regisseur Rachid Bouchareb in „La Route d'Istanbul - Road to Istanbul“ (Algerien/Frankreich | International Independent Cinema) auf und geht der brisanten Frage nach: Warum geht eine junge Frau von 18 Jahren in den Dschihad? Die Kamera folgt unerbittlich der verzweifelten Mutter, die auf der Suche nach der verlorenen Tochter sich auf eine riskante Reise in den „Islamischen Staat“ begibt. Wir haben den spannenden Film bereits auf der letzten 66. Berlinale im Panorama sehen können. Hier der Trailer:



In „How Most Things Work“ (Argentinien | Wettbewerb) erzählt Regisseur Fernando Salem im Stile der „Nouvelle Vague“ seine Geschichte der jungen Celina, die durch Bücherverkaufen den menschlichen Akt der Annäherung an das Fremde vollzieht.

Love and Other Catastrophes“ (Dänemark | Wettbewerb) von Regisseurin Sofie Stougaard lässt höchst vergnüglich zwei schwangere Frauen aufeinandertreffen, die ironisch und klug nicht nur über Männer herziehen.

Die Regisseurin Anu Aun geht in ihrem Debüt „The Polar Boy“ (Estland | Wettbewerb) der interessanten Frage nach, ob Liebe nicht überhaupt und immer auch eine psychische Krankheit ist, die den Sinn für Realitäten dramatisch sinken lässt und die Bereitschaft, sich hinzugeben, umso mehr.

Ein weiterer Film aus den baltischen Staaten klingt nach einem Thriller: „The Spy and the Poet“ (Estland | Discoveries) ist ein Duell zwischen Mann und Frau. Zwei Spione, die nichts von ihrer gegenseitigen Bespitzelung wissen und eigentlich überhaupt nicht zueinander passen, passen natürlich wunderbar zusammen. Ein klassischer Plot, den Regisseur Toomas Hussar (zum wiederholten Mal auf dem Festival) meisterhaft erzählt.

Sorgen die Frauen für die Macht der Männer? So erzählt Regisseurin Nahid Hassanzadeh in „Another Time“ (Iran | Wettbewerb) von Oma, der findet, dass seine geschwängerte Tochter am besten während der Geburt mitsamt dem Kind gestorben wäre. Wir begreifen staunend, was die patriarchale Kultur des Iran im Innersten zusammenhält.

Regisseur Ciaran Creagh entwirft in seinem Debüt „In View“ (Irland | Wettbewerb) ein großes filmisches Gemälde, das von der Lebensmüdigkeit einer Polizistin erzählt. Ein Film von der Stille des Abschiednehmens.

Ein Film wie ein Märchen: „Wedding Doll“ (Israel | Wettbewerb) von Regisseur Nitzan Gilady. Die Heldin dieses wunderbaren Spielfilms ist bildschön, aber wie man so sagt, „zurückgeblieben“. Und trotzdem oder gerade deswegen träumt sie von der Traumhochzeit mit weißem Kleid, ausgerechnet mit dem Sohn des Fabrikbesitzers. Kann das gut gehen? Und ob! Auch wir sagen sehenswert! Hier der Trailer:



Eine überwältigende Valeria Bruni Tedeschi spielt den Ausbruch aus dem Irrenhaus mit einer Gleichgesinnten in „Die Überglücklichen“ (Italien/Frankreich | International Independent Cinema) von Regisseur Paolo Virzí. Das ganze Vergnügen dieses vergnüglichen Films erzählt zugleich, wie zutiefst ernst diese spaßmachenden Frauen „überglücklich“ ihre Ausgrenzung durchaus erkennen und auszuhalten verstehen. In Berlin wird der der Film als deutsche Preview Anfang Dezember auf der 16. Französischen Filmwoche gezeigt, bevor er am 29. Dezember 2016 offiziell in unsere Kinos kommt. Hier der Trailer des amüsanten Films, den man nach Möglichkeit in Originalfassung ggf. mit Untertiteln sehen sollte:



Als ihr Mann im Sterben liegt, fährt die Protagonistin in „Iqaluit“ (Kanada | International Independent Cinema) von Regisseur Benoît Pilon zu den Inuits in den hohen Norden Kanadas. Ein Unfall, heißt es. Sie bleibt noch, länger als gedacht und ohne zu wissen, warum. Und langsam entdeckt sie, dass ihr Mann dort eine Geschichte hatte… Auch dieser Film läuft in Berlin auf der 16. Französischen Filmwoche (30.11. - 07.12.2016) in der Reihe der frankokanadischen Werke. Hier der Trailer:



In „The Miracle of Tekir“ (Rumänien/Schweiz | International Independent Cinema) von Regisseurin Ruxandra Zenide wird die Schwangerschaft der Heldin zu einem Mysterium, einem heimlichen Abenteuer von Seele, Geist und Körper.

Die Heidelberger Regisseurin Rike Holtz erzählt die Geschichte dreier Schwestern Anfang Zwanzig, die auf höchst unterschiedliche Weise dasselbe Problem haben: die tiefe Ratlosigkeit im Umgang mit dem Leben und ihrer Zukunft. Deshalb heißt der Film auch „Alles in Butter“ (Deutschland | Discoveries).

Eine ältere Frau, die einen jüngeren Mann will, kann nur eine Hure sein! „Wedding Dance“ (Türkei | Wettbewerb) heißt das umstrittene Debüt der aus Istanbul stammenden Regisseurin Çiğdem Sezgin. Die Geschichte von Leyla, 45, die ihre Liebe zu dem 15 Jahre jüngeren Ahmet öffentlich macht, obwohl Ahmet verlobt ist, und damit einen Skandal auslöst. Der überaus mutige Film gibt einen tiefen Einblick in die Türkei von heute.

Regisseur Taras Tkachenko erzählt in „The Nest of the Turtledove“ (Ukraine | Wettbewerb) von einem ukrainischen Hausmädchen in Italien, das in der Fremde Geld verdient, damit ihre Familie in der Heimat überleben kann – wie 4 Millionen andere Menschen aus der Ukraine.

Eine Zeitreise in viktorianische Zeiten unternimmt die Regisseurin Erica Fae schließlich in „To Keep the Light“ (USA | Wettbewerb). Ihre Protagonistin Abbie ist Leuchtturmwärterin auf einer einsamen Insel vor der Küste der USA. Ein Job, der im viktorianischen Amerika für eine Frau eigentlich verboten und viel zu anstrengend ist. Aber sie macht ihn trotzdem!

Die internationale Jury des 65. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg sind im Jubiläumsjahr der Filmemacher Peter Lilienthal, die Schauspielerinnen Luise Heyer und Labine Mitevska, der Belgische Film Attaché Eric Franssen und der Filmeinkäufer Alfredo Calvino.

Ganz besonders freue ich mich über die Zusage von Peter Lilienthal“, so Festivaldirektor Dr. Michael Kötz. „Ich halte ihn nicht nur für einen der großen Regisseure des deutschen Films, er hat auch früh erkannt, wie wichtig in der Filmkunst auch das Politische ist, wenn man es mit einem großen Herzen für die Menschen macht, wie er. Wunderbar, dass er den Vorsitz der Jury übernimmt.“

Traditionell wird das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH) in Heidelberg eröffnet. Gezeigt wird die Deutschlandpremiere von "Celui qu'on attandait - Lost in Armenia" des französischen Regisseurs Serge Avédikian. Dieser Film wird leider nicht bei der 16. Französischen Filmwoche in Berlin gezeigt. Hier der Trailer:



Auffällig ist in diesem Jahr, dass viele Newcomer sich starke politische Themen für ihre ersten Kinogeschichten ausgesucht haben“, erläutert Festivaldirektor Dr. Michael Kötz. „Während sich das kommerzielle Kino gerne der Verdrängung von Problemen verschreibt, weil es glaubt, das Publikum nur so bei Laune halten zu können, weiß das jüngste Autorenkino, dass das Publikum viel mehr will als das und gibt ihm hochkarätig intensive Einblicke in fremde Kulturen und Denkweisen. Das stimmt zuversichtlich für das Schicksal des Kinos.“

Link: www.iffmh.de
Quelle: ZOOM Medienfabrik Berlin

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