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Nachlese und Preise der 65. Jubiläums-Berlinale

Goldener Bär für die Meinungsfreiheit.



Zum ersten Mal in der 65-jährigen Festivalgeschichte wurde am 14. Februar 2015 der Goldene Bär der Berlinale in Abwesenheit des Gewinners vergeben. Der iranische Regisseur Jafar Panahi durfte den Preis der Internationalen Filmfestspiele Berlin nicht für sein regimekritisches Satire "Taxi" in Empfang nehmen, sondern bekam Ausreiseverbot und wurde in seinem Heimatland mit einem Berufsverbot belegt. Die Jury der 65. Berlinale setzte mit der Vergabe des Preises ein Zeichen und zeigte einmal mehr, dass die Berlinale nicht immer den besten Film prämiert, sondern den Zeitgeist sehr kritisch hinterfragt und darauf reagiert.

Auch die Vergabe selber war etwas besonderes. Jurypräsident Darren Aronofsky bestand auf eine gemeinsame Präsentation aller Jurymitglieder und hob sich damit von vorhergehenden Verleihungen ab. Außerdem wurden mehrere Preise gesplittet, um der eindrucksvollen Vielfalt herausragender Filme im Wettbewerb gerecht zu werden. So gab es u.a. für das deutsche Bankräuber-Drama "Victoria" von Regisseur Sebastian Schipper einen Silbernen Bären für die beste Kamera - 140 Minuten lang nonstop und ganz ohne Schnitt geführt von dem Norweger Sturla Brandth Grøvlen. "Victoria" bekam auch den Preis der Gilde Deutscher Filmkunsttheater. Hier der Trailer:



Als beste Schauspieler wurden die Briten Charlotte Rampling und Tom Courtenay geehrt. Sie spielen in dem Drama "45 Years" von Andrew Haigh ein verzweifelt um seine langjährige Beziehung kämpfendes Ehepaar. Von Anfang an war fast jedem klar, dass die Mimik der Charlotte Rampling den ganzen Film über mehr aussagt, als tausend Worte. Auch bei der Preisverleihung, die wir im Cinemaxx über eine Großbildwand mitverfolgen konnten, war für kurze Zeit ihr Gesicht von Enttäuschung gezeichnet, weil zuerst ihr Filmpartner die begehrte Auszeichnung entgegen nehmen konnte; die Wahrscheinlichkeit für einen zweiten Schauspielerpreis im selben Film aber nur allzu gering ist. Doch als sie danach selber an die Reihe kam, erhellte sich ihr Gesicht umgehend. Bei der Entgegenahme des Silbernen Bären erinnert sie an ihren Vater, der in Berlin 1936 eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen entgegennehmen konnte. So schließt sich der Kreis mit den begehrten, Gold oder Silber glänzenden Auszeichnungen auch nach vielen Jahren des Wartens wieder bei ihr in Berlin.

Insgesamt war der Jubiläumsjahrgang der Berlinale besser als in den Vorjahren und sogar der Publikumsrekord des letzten Jahres wurde mit mehr als 330.000 verkauften Karten übertroffen. Ganz große Filme sind allerdings seltener geworden. Dafür gab es glänzende Highlights in den Nebensektionen wie "Que Horas Ela Volta" (The Second Mother) von Anna Muylaert im Panorama, der für seine liebvolle Darstellung einer Ersatzmutter auch von den Zuschauern mit dem Publikumspreis belohnt wurde. Hier der Trailer:



Auch der internationale Arthouse-Kinoverband CICAE hat seinen Preis für den besten Film in der Sektionen Panorama an diesen Film vergeben und darüber hinaus in der Sektion Forum des Jungen Films an Sacha Polaks "Zurich". Hier der Trailer:



In letzterem Trailer wird ziemlich deutlich worin sich die Sektion des Forums von übriger Filmkunst abhebt. Es sind keine leichten Themen, sondern oft schwermütige, manchmal traurige Filme, die sich nicht in ein Schema pressen lassen, sondern für sich selber stehen und durch Andersartigkeit abheben.

Eine Aussage, die allerdings auch für den russischen Wettbewerbsfilm "Under Electric Clouds" zutrifft, denn für viele Zuschauer war das Werk schwer verständlich. Im eigenen Land wurde der Film sogar zensiert und darf zurzeit nicht gezeigt werden. Ähnlich wie beim Hauptpreis kann der für diesen Film ex aequo vergebene Technikpreis für die Beste Kamera also getrost ebenfalls als Politikum angesehen werde. Das Zukunftsdrama spielt im Jahre 2017 und handelt von einem trostlosen Russland ohne Hoffnung, das sich in Einzelteile zerlegt. Hier der Trailer:



In seiner Schwermut erinnert der Film aber ein wenig an den im Vorfeld der Berlinale hoch favorisierten Terrence Malick, der mit "Knight of Cups" diesmal nicht überzeugte, aber immerhin vor vier Jahren mit "Tree of Life" im Wettbewerb der 64. Filmfestspiele von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden war.

PREISE DER INTERNATIONALEN JURY:

• Goldener Bär für den besten Film: "Taxi", Jafar Panahi (Iran)
• Großer Preis der Jury, Silberner Bär: "El Club", Pablo Larrain (Chile)
• Alfred Bauer Preis für neue Perspektiven, Silberner Bär: "Ixcanul", Jayro Bustamante (Guatemala)
• Beste Regie, Silberner Bär (ex aequo): "Aferim!", Radu Jude (Rumänien); "Body", Małgorzata Szumowska (Polen)
• Beste Schauspielerin, Silberner Bär: Charlotte Rampling, "45 Years"
(Großbritannien)
• Bester Schauspieler, Silberner Bär: Tom Courtenay, "45 Years" (Großbritannien)
• Bestes Drehbuch, Silberner Bär: Patricio Guzmán, "El Bóton de Nacár" ("The Pearl Button") (Chile)
• Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung (ex aequo): Sturla Brandth Grøvlen, Kamera, "Victoria" (Deutschland); Evgeniy Privin und Sergey Mikhalchuk, Kamera, "Pod Electricheskimi Oblakami" ("Under Electric Clouds") (Russland/Ukraine)
• Preis bester Erstlingsfilm: "600 Millas" ("600 Miles") von Gabriel Ripstein; [Sektion Panorama]
• Gläserner Bär für den besten Film in der Sektion Generation Kplus:
"Min lilla syster" ("My Skinny Sister") von Sanna Lenken;
• Großer Preis der Internationalen Jury von Generation Kplus für den besten Langfilm: "Dhanak" ("Rainbow") von Nagesh Kukunoor
• Gläserner Bär der Jugendjury von Generation 14plus für den besten Film: "Flocken" ("Flocking") von Beata Gårdeler
• Großer Preis der Internationalen Jury von Generation 14plus für den besten Langfilm: "The Diary of a Teenage Girl" von Marielle Heller

Weitere PREISE UNABHÄNGIGER JURYS:

• Teddy Award für den besten Spielfilm: "Nasty Baby" von Sebastián Silva
• Teddy Award für den besten Dokumentar-/Essayfilm: "El hombre nuevo" ("The New Man") von Aldo Garay
• Caligari Filmpreis für einen stilistisch wie thematisch innovativen Film im Forum:
"Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III" von Kidlat Tahimik
• Panorama Publikums-Preis Spielfilm: "Que Horas Ela Volta?" ("The Second Mother") von Anna Muylaert
• Panorama Publikums-Preis Dokumentarfilm: "Tell Spring Not to Come This Year" von Saeed Taji Farouky und Michael McEvoy
• Friedensfilmpreis: "The Look of Silence" von Joshua Oppenheimer
• Amnesty International Filmpreis: "Tell Spring Not to Come This Year" von Saeed Taji Farouky und Michael McEvoy; [Sektion Panorama]
• Heiner-Carow-Preis: "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin" von Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange
• Preis des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW - Dialogue en Perspective):
"Ein idealer Ort" ("A Perfect Place") von Anatol Schuster
• Preis der deutschen Filmkritik: "Zeit der Kannibalen" von Johannes Naber
• Förderpreis Perspektive Made in Germany: Oskar Sulowski für "Rosebuds"
• FIPRESCI-Kritikerpreise:
- [Wettbewerb] "Taxi" von Jafar Panahi
- [Panorama] "Paridan az Ertefa Kam" ("A Minor Leap Down") von Hamed Rajabi
- [Forum] "Il gesto delle mani" ("Hand Gestures") von Francesco Clerici
• Preise der Ökumenischen Jury:
- [Wettbewerb] "El botón de nácar" ("The Pearl Button") von Patricio Guzmán
- [Panorama] "Ned Rifle" von Hal Hartley
- [Forum] "Histoire de Judas" ("Story of Judas") von Rabah Ameur-Zaïmeche

Darüber hinaus wurden zahlreiche Kurzfilmpreise vergeben.

Weitere Infos: www.berlinale.de/preise
Quellen: Focus | Spiegel | Tagesspiegel | Blickpunkt:Film | Berlinale | Jelly Press


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