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Netflix vermasselt US-Kinogeschäft

Technologiekonferenz in Babelsberg gab sich zuversichtlich - trotz bekannt gewordener Verkaufsabsichten der Regal Cinemas.




Wer sich im November die Besucherzahlen großen Blockbuster näher ansieht, kann sich ein Umsatzminus kaum vorstellen. Auch die zahlreichen Filmfestivals, die im November in Deutschland stattgefunden haben oder gerade stattfinden, vermelden überall Zuwächse an Zuschauern.

Dass dennoch mit neuen Geschäftsmodellen des VoD-Anbieters Netflix die Filmbranche aufgeschreckt ist, merkte man in Gesprächen und Diskussionsrunden auch in Potsdam- Babelsberg bei der dreitägigen Technologiekonferenz »Changing the Picture« bzw. an den vorausgegangenen Vorträgen des Forschungsbündnis »dwerft - linked film & tv services«, die beide von der transfer media gGmbH vom 18.-20. November 2014 im fx.Center Babelsberg, bei Rotorfilm sowie bei zahlreichen weiteren Innovationsfirmen auf dem Babelsberger Filmgelände veranstaltet worden waren.

Zwar ist man am Standort Babelsberg dank guter Auslastung der Studios und engagierter junger Unternehmen recht zuversichtlich, mit den Umwälzungen in der Medienbranche schritthalten zu können, doch aus den USA kommen derzeit auch negative Zahlen.

So meldete Regal Cinemas im dritten Quartal einen Umsatz von nur noch 694 Mio. Dollar, ein Rückgang von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Besucherzahlen gingen um 19 Prozent zurück. Der Gewinn sank auf knapp 27 Mio. Dollar, das entspricht einem Minus von 65 Prozent. Die größte US-Kinokette Regal Entertainment erwägt deshalb einen Verkauf. Im Rahmen der Veröffentlichung der Geschäftszahlen für das dritte Quartal hieß es, man prüfe "strategische Möglichkeiten" um den Unternehmenswert aufzuwerten, die auch einen potentiellen Verkauf nicht ausschließen. Ein überraschender Strategiewechsel, war Regal doch lange Zeit als Einkäufer auf dem Kinomarkt aktiv. Doch das Geschäft könnte derzeit besser laufen, die US-Ketten erlebten den besucherschwächsten Sommer seit Jahren.

Ungeachtet der jüngsten Gewinneinbrüche hält die Regal Entertainment Group ihre Leistungen nach wie vor für stark und den Kinomarkt insgesamt für dynamisch. Gerade deswegen sei der Vorstand der Ansicht, dass jetzt ein guter Zeitpunkt sei, um über neue Strategien nachzudenken.

Regal-Geschäftsführerin Amy Miles betont: "Wir fühlen uns stets unseren Aktionären und dem Unternehmenswert verpflichtet. Der Blick nach vorne auf das Boxoffice-Potential der Filme, die zum Jahresende und in 2015 starten, stimmt uns optimistisch."

Neben der schlechten Sommersaison belastet die US-Kinobetreiber auch der Vorstoß von Netflix ins Kinogeschäft. Regal gehört zu den Kinoektten, die den Netflix-Titel "Crouching Tiger, Hidden Dragon: The Green Legend" nächstes Jahr nicht in seinen IMAX-Kinos zeigen will, da der Film simultan auf Netflix abrufbar ist. "Day&Date-Starts verletzten ganz klar unserer Geschäftspolitik", hieß es dazu von Seiten des Kinos.

Als potentielle Käufer von Regal kämen nach Einschätzung der US-Presse auch die Konkurrenten AMC und Cinemark, die Nummer zwei und drei im US-Kinomarkt, in Frage - falls das Kartellamt nicht Bedenken gegen ein zu starkes Monopol anmeldet. Mehrheitseigner von Regal ist der Milliardär Philip Anschutz.

Neue Strategien zur Verbesserung des Workflows und der Gewinnmaximierung.
Neue Strategien bekam man auch bei der Technologiekonferenz im Kino von Rotorfilm auf dem Studiogelände in Potsdam-Babelsberg zu hören. Zahlreiche Redner aus den USA, Frankreich, den Niederlanden und aus Deutschland waren angereist, um bei CHANGING THE PICTURE neue Geschäftsideen vorzustellen. Manch einer schoss dabei über das Ziel hinaus und stellte wilde Theorien über den Tod des Kinos und die Zukunft der Medienbranche vor. Jedenfalls wirkte eine Äußerung, dass Kino asozial sei und mit dem digitalen Fortschritt nicht mitthalten kann, sehr provokativ.

Dass die Millennium Generation, also jene jungen Leute, die um das Jahr 2000 geboren wurden und statt mit Büchern, mit Smartphones und Tablets aufwachsen, sich kaum noch für das lineare Fernsehen interessiert, dürfte schon allgemein bekannt sein. Die Sucht ständig per Smartphone erreichbar sein zu wollen, ist im Kino - wo manchmal kein Empfang herrscht und auf den Second Screen schon aus Rücksicht auf die Sitznachbarn verzichtet werden sollte - tatsächlich für diese Generation zum eigenen Hindernis geworden, sodass die jungen Leute immer seltener ins Kino gehen und sich statt dessen lieber anderen Interessensgebieten hinwenden.

Eine andere Meinung, dass allein das Internet die Zukunft der Unterhaltung sein wird, teilen wir nicht ganz. Zwar ist es richtig, dass viele Kinos in der technischen Ausstattung etwas veraltet sind und zumeist noch ihre Bilder mit maximal 2k auf die Leinwand werfen, während die neuen Kameras für das Fernsehen der Zukunft und des Internets schon auf 4k und 8K aufgerüstet werden. Doch wirklich schnelles Internet ist in vielen Ländern und auch in zahlreichen deutschen Landesteilen - vor allem auf dem Lande - auf absehbare Zeit ein Wunschdenken, während die ersten Kinos bereits 4K-Projektion mit Dolby-Atmos und iSens-Technologie bieten. Sogar der 70mm-Film ist wieder im Kommen und IMAX wird in absehbarer Zeit die Laserprojektion einführen, die eine noch höhere Auflösung bei größerer Leinwand ermöglicht. Unter diesen Voraussetzungen mag die Filmbetrachtung auf einem mobilen Smartphone mit viel zu kleinem Bildschirm sogar vorsintflutlich erscheinen.

Dennoch muss die Branche umdenken. Weder der digitale Arbeitsfluss mit seinen unverzichtbaren Metadaten, noch die Archivierung haben sich den Veränderungen angepasst. Immer noch wird handschriftlich - zwar nicht mehr auf Kassetten - dafür aber auf Festplatten mit Lassoband von wenig geschulten Kameraassistenten vermerkt, was drin sein sollte. Bei einer Verwechslung ist dann das Drama groß, wo die gewünschte Szene zu finden ist. Das muss verbessert werden - und lässt sich mit einem modernen Workflow und besser geschultem Personal tatsächlich deutlich vereinfachen - war das Fazit des dreitägigen Symposiums.

Link: www.transfermedia.de
Quellen: BAF e.V. Eigenbericht | Blickpunkt:Film

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