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Transmediale und Club Transmediale (CTM) 2012

Gemeinsamer Auftakt und dennoch getrennte Veranstalter.



Für die 25. Ausgabe der transmediale 2012 wird es mehr Veränderungen als gewöhnlich geben. Das Festival, das transdisziplinäre, kritische und spekulative Positionen im Bereich Kunst, Technologie und Kultur erforscht, ist stets im Wandel und wird, wie immer kurz vor der Berlinale - aus der es ursprünglich hervorging - in diesem Jahr vom 31. Januar bis 5. Februar stattfinden. Der künstlerische Leiter Stephen Kovats, der seit 2007 die Transmediale leitete und immer darauf bedacht war, das die eigenständigen Veranstaltungen der Club Transmediale (CTM), enger an das gemeinsame Dach der transmediale zu rücken, ist nicht mehr dabei.

Dennoch wird der offizielle Auftakt der transmediale, dem festival for art and digital culture und dem CTM-Festival diesmal gemeinsam im Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin begangen und weitere Highlights finden gemeinsam statt. Auch die Akkreditierungen liefen diesmal nicht getrennt, sondern wurden unter gemeinsamer Obhut verwaltet. Allerdings ist das Kontingent für CTM Gäste diesmal extrem eingeschränkt worden. Das ist schade, denn vor allem CTM - das Festival für Advanturous Music und Related Visual Arts fanden wir in den letzten Jahren innovativer spannender und weitaus umfangreicher als die Veranstaltungen und Videovorführungen der transmediale selbst. Ob das wieder gelingt, muss abgewartet werden, denn der diesjährige Musikschwerpunkt hört sich sehr Retro an.



Vom VIDEOFEST zum FESTIVAL FÜR MEDIENKUNST UND DIGITALE KULTUR
Die transmediale war vor 25 Jahren als Nebenprogramm der Sektion "Internationales Forum des Jungen Films" der Berlinale ins Leben gerufen worden, um eine Plattform für Produktionen elektronischer Medien zu schaffen, die von reinen Filmfestivals wie der Berlinale ausgeschlossen waren. Erst später gesellte sich dazu das eigenständig organisierte CTM-Festival für elektronische Musik.

Das ironische ist, dass bis heute die Inkompatibilität zwischen Film und Videofestival weiterhin besteht - auch wenn Film zunehmend digital wird. Die transmediale hat deshalb das Thema in/compatible zum Kernpunkt ihrer Jubiläumsveranstaltung gemacht, denn Inkompatibilität bezeichnet den Zustand, wenn Dinge nicht reibungslos miteinander funktionieren. Auf der transmediale 2012 werden deshalb die produktiven und destruktiven Seiten von Inkompatibilität untersucht, einem fundamentalen Zustand von Kulturproduktion in Krisenzeiten.

Im Rahmen dieses Festivalthemas wird es ein vielfältiges und internationales Programm geben: ein zweitägiges, thematisches Symposium, eine kuratierte Ausstellung, ein umfangreiches Videoprogramm mit besonderen Screenings und eine Reihe an Performances, darunter unter anderem die legendäre Joshua Light Show. Ein weiteres Highlight ist die Einführung einer neuen Projektplattform, reSource for transmedial culture, die ein experimentelles Programm an Workshops, offenen Diskussionen und performativen Interventionen präsentieren wird.

CTM.12 - FESTIVAL FOR ADVENTUROUS MUSIC AND RELATED ARTS
Mit einem Eröffnungskonzert startet die 13. CTM-Ausgabe des »Festivals for Adventurous Music and Related Arts« wie im Vorjahr bereits einen Tag vor dem offiziellen Beginn der transmediale diesmal wieder im Hebbel Theater (HAU 1) am 30. Januar 2012. Weitere Veranstaltungsorte sind Berghain, Kunstraum Kreuzberg / Bethanien, Passionskirche am Marheinekeplatz, Gretchen, Kater Holzig und Horst Krzbrg.

In einem umfangreichen Konzertprogramm, mit Diskursveranstaltungen sowie einem Ausstellungsteil im Kunstraum Kreuzberg / Bethanien, der bereits am 27. Januar 2012 eröffnet wurde und bis zum 19. Februar 2012 besucht werden kann, widmet sich CTM.12 – Festival for Adventurous Music and Related Arts mit dem Festivalthema "SPECTRAL" der gegenwärtigen Konjunktur des Geisterhaften, Mysteriösen und Dunklen im Pop. Witch House, Hypnagogic Pop, Hauntology, Neo-Industrial oder Drone setzen auf die negative Energie der Verlangsamung und Bewusstlosigkeit. Quer durch die Stile hindurch arbeitet man mit dem Rückgriff auf Vergangenes bis hin zur Archaik. In den Clubs und auf den Dancefloors werden dabei alte Discoklänge mit diversen elektronischen Styles angereichert.

RESOURCE FOR TRANSMEDIAL CULTURE
Mit reSource for transmedial culture wird diesmal mit einer neuen Initiative die Zusammenarbeit der transmediale mit CTM / DISK und dem Kunstraum Kreuzberg / Bethanien unterstrichen, um eine Plattform für den gegenseitigen Austausch von Methodologien und Wissen zu fördern. reSource wird auf der transmediale 2012 von Tatiana Bazzichelli kuratiert und durch verschiedene Projekte wie Workshops, Talks und Performances zu den Themen reSource method, reSource activism, reSource networks, reSource markets und reSource sex vorgestellt.

Auf der transmediale 2012 dreht sich unter der neuen künstlerischen Leitung von Kristoffer Gansing alles um das Thema in/compatible, einem ständigen Phänomen in der Technologie. Sowohl Entwickler als auch Hacker arbeiten immer daran, Systeme zu verbessern. Jedoch mit dem Unterschied, dass Hacker nicht immer eine funktionelle Motivation verfolgen, sondern Systeme auch unterbrechen, um dadurch Kritik zu äußern. Gerade in Krisenzeiten besitzen die damit erzeugten in/kompatiblen Spannungsmomente ein erneuerndes Potenzial. Diese Taktik wird auf der transmediale von technologischen auf politische, ästhetische und andere gesellschaftliche Systeme übertragen und im Hinblick auf die produktiven und destruktiven Seiten von Inkompatibilität hinterfragt. Im Geiste von Brüchen, Lücken und kreativen Hacks präsentiert das Festival für digitale Kunst und Kultur in seiner 25. Jubiläumsausgabe ein vielseitiges, internationales Programm aus Diskussionsrunden, Kunstwerken, Video-Screenings, Workshops, Performances und künstlerischen Interventionen.

AUSSTELLUNG DARK DRIVES. UNEASY ENERGIES IN TECHNOLOGICAL TIMES
Rund 35 künstlerische und alltagskulturelle Werke nähern sich in der von Jacob Lillemose kuratierten Ausstellung aus unterschiedlichen Perspektiven den dunklen Seiten der technologischen Kultur an. Unter dem Titel Dark Drives. Uneasy Energies in Technological Times zeichnet sich in der Ausstellung ein Feld ab, in dem das menschliche Verhältnis zur Technologie mehrdeutig, dynamisch und diffus erscheint. Die Ausstellung greift dabei psychologische, soziale, politische, materielle und ästhetische Aspekte auf, die sich mit heiklen Themen wie Sucht, Angst, Frustration, Verwirrung, Widerspruch oder Aggression verbinden lassen. Sowohl zeitgenössische als auch historische Werke der Ausstellung verbreiten auf jeweils eigene Weise unruhige Energien.

Die Arbeit Armed Citizen (1998/2006) des Künstlers Daniel García Andújar spielt auf die kommerzielle Zugangslogik unserer Netzkultur an. Abbildungen von Handfeuerwaffen, die wie gängige Konsumgüter online zum Verkauf stehen, werden eine nach der anderen wie in einem Onlineshop projiziert und verkörpern ihre leichte Verfügbarkeit für den "bewaffneten Bürger". Ein anderes zu vielen Diskussionen anregendes Terrain betritt die Künstlergruppe Art 404 mit ihrer Skulptur 5 Million Dollars 1 Terabyte (2011). Auf einer Festplatte haben die Künstler unlizenzierte Software im Wert von rund 5 Millionen Dollar und einer Datenmenge von 1 Terabyte gespeichert. Ein Verzeichnis listet den Wert, die benötigte Speicherkapazität und den illegalen Downloadlink von Dateien wie AutoCAD Programmen, Videospielen oder Romanen auf. Eine ganz andere verstörende Ästhetik entwirft der Künstler JK Keller mit seinem Video Realigning My Thoughts On Jasper Johns, einer 'Glitch' Version der Simpsons Episode Mom and Pop Art (Season 10, Episode 19) samt Gastauftritt des Pop-Art-Künstlers Jasper Johns. Keller ästhetisiert Fehler in Bild und Ton, indem er beide Bereiche absichtlich durch eine standardisierte digitale Manipulation verzerrt. Seine Technik verwandelt das popindustrielle Massenprodukt in eine eigensinnig abstrakte Animation und erinnert damit an die Wachs-Collagen dieses Pop-Art-Künstlers. Neben künstlerischen Arbeiten vertieft eine Reihe von alltagskulturellen Zeugnisse die Thematik der Ausstellung. Vibek Raj Maurya und Jack Caravanos veröffentlichten ihre fotografische Dokumentation der gewaltigen Mengen von Elektroschrott in Ländern der Dritten Welt auf Flickr. Eine Auswahl von rund 60 Bildern nimmt die Besucher der transmediale mit auf eine Reise zu einer düsteren Seite unserer Lifestyle-Kultur, die permanent nach dem neuesten Stand der Technologie strebt.

VIDEO-PROGRAMM - SATELLITE STORIES
Das in diesem Jahr zum dritten Mal von Marcel Schwierin kuratierte Video-Programm "Satellite Stories" stellt ebenfalls die Frage nach Kompatibilität und stellt dabei fest, dass ins Zentrum der künstlerischen Beobachtung mehr und mehr das Internet rückt. Ob man nun Politik, Finanzwelt, Architektur, Verkehr, Kleidung oder ganz besonders die Medien betrachtet, der Mensch schafft sich eine Umgebung, die einerseits seine Bedürfnisse befriedigen soll, ihn dabei aber andererseits beständig überfordert. Die Produkte scheinen eine Art von Eigenleben zu entwickeln – sie werden nicht mehr an den Menschen angepasst, vielmehr muss der Mensch sich ihnen anpassen, um nicht seinerseits inkompatibel zu werden. Mit der neu initiierten Plattform reSource for transmedial culture für einen offenen Austausch zwischen Medienkünstlern, Wissenschaftlern und Hackern wird gleichzeitig ein Blick in die Zukunft der Netzwerkkultur geworfen.

Dominic Gagnons Pieces and Love All to Hell basiert auf zensierten YouTube-Clips, die der Künstler kurz vor ihrer Entfernung heruntergeladen hat und zu einem bedrückenden Gesellschaftsbild aus sozialen Ängsten, Verschwörungstheorien und automatischen Waffen verwebt. Einem scheinbar völlig belanglosen Thema widmet sich dagegen Andreas Schneider in Eight Characters and Two Syllables. Er beobachtet mehrere Protagonistinnen einer Make-Up Community auf ihren YouTube Channels. Es sind die neuen Stars von kleinen, aus mehreren tausend "Followern" bestehenden Gemeinschaften. Doch spätestens wenn Kritik aufkommt, entpuppen sich die harmlosen Selbstdarstellerinnen als Furien – natürlich nach wie vor perfekt geschminkt, ganz wie ihre medialen Vorbilder. Good Boy – Bad Boy des Kollektivs Neozoon verfolgt den Umgang mit dem vielleicht beliebtesten YouTube-Motiv, dem dressierten Haustier. Was auch hier zunächst ganz allerliebst daherkommt ("Good Boy"), verwandelt sich schon bald in demütigende Strafexzesse, die die ausgelieferte Kreatur über sich ergehen lassen muss ("Bad Boy"). Der virtuelle Raum des Internets, der lange Zeit als ein utopischer Ort des freien, unzensierten und egalitären Austausches von Ideen galt, erscheint in der künstlerischen Reflexion mehr und mehr als ein Spiegel der real existierenden Gesellschaft – mit all ihren Abgründen.

Als Würdigung des 25-jährigen Jubiläums der transmediale wird jedes der acht Video-Programme von einem historischen Werk aus den Anfängen der transmediale eröffnet. Auf diese Weise werden sowohl thematische Kontinuitäten als auch Brüche in der Videokunst der letzten Jahrzehnte offengelegt. Zudem bietet das Festival einen Einblick in die einzigartige mediale Kunst- und Kulturgeschichte Berlins.

PERFORMANCE-PROGRAMM - THE GHOSTS IN THE MACHINE
Das von Sandra Naumann kuratierte Performance-Programm The Ghosts in the Machine reflektiert die Kompatibilität und Inkompatibilität von alten und neuen, analogen und digitalen Medien. Die Künstler bedienen sich medienarchäologischer Praktiken, indem sie digitale Instrumente zur Erforschung von analogen Medien verwenden. Mit dieser Taktik offenbart eine Reihe von audio/visuellen Performances die besonderen Eigenschaften der älteren Medien und lockt in diesem Sinne die "Geister aus der Maschine".



Gemeinsam mit dem CTM.12 – Festival for Adventurous Music and Related Arts präsentiert die transmediale 2012 als ein Highlight des Performance-Programms die Joshua Light Show. Seit den 60er Jahren arbeitet die Künstlergruppe um den Gründer Joshua White immer live und verwendet dabei einen Material- und Medienmix aus Film-, Dia- und Overhead-Projektionen, Farbrädern, reflektierenden Objekten und Scheinwerfern. Die von ihnen analog und inzwischen auch digital erzeugten magischen und biomorphen Formen gelten als visuelles Äquivalent der psychedelischen Ära und werden unmittelbar mit Rock 'n' Roll Konzerten von Größen wie The Who, Jimi Hendrix, Janis Joplin und The Doors verbunden. Heute kann die Joshua Light Show als Kunstform betrachtet werden, die neben der zeitgenössischen Lichtkunst die popkulturelle Verwendung von Lichtprojektionen wie beim VJing prägte. Im Jahre 1967 gründet Joshua White die Joshua Light Show in New York City, um der psychedelischen Musik eine ebenso berauschende visuelle Form zu geben und die Konzerte zu einem überwältigenden multimodalen Erlebnis zu machen. Dazu setzen die zehn Mitglieder des Ensembles zum ersten Mal seit den 1960er Jahren ihr ganzes Arsenal von analogen Projektionsgeräten, von Film-, Dia- und Overheadprojektoren, Farbrädern, Prismen und Spiegeln ein, um eine schier unendliche und atemberaubende Farb– und Formenvielfalt hervorzaubern.

Außerdem entwickelt die österreichische Video (feedback)-Künstlerin und Musikerin Billy Roisz für die transmediale 2012 mit den Musikern dieb13 und Mario de Vega eine neue Performance mit dem Titel ideomotoric chatroom. Die Interaktion zwischen Klang- und Bildsignalen werden bei dieser Aufführung durch eine sich überlagernde Dreifach-Projektion auf einer Leinwand sichtbar gemacht, wobei fließende kaleidoskopartige Bilder und hypnotisierende Klänge, eine starke Sogwirkung erzeugen.

transmediale 2012
Eröffnung: 31.1.2012 um 18:30 Uhr
1.2. – 5.2.2012, 10–23 Uhr
Haus der Kulturen der Welt (HKW)
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
Web: www.transmediale.de/de

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CTM-Festival
CTM-Auftakt am 30.1.2012 um 19:30 Uhr im HAU 1
Weitere Informationen unter: www.ctm-festival.de

Zur Eröffnung spielen im HAU 1 der gefeierte Cellist Charles Curtis, Carol Robinson und Bruno Martinez (Bassetthörner) das Stück „Naldjorlak“ der 80-jährigen Grand Dame der elektronischen Musik Éliane Radigue.



Seit mehr als 40 Jahren erkundet die Französin in ihren minimalistischen Drone-Kompositionen eine Musik der Kontemplation, die sich aus dem innersten des akustischen Materials heraus entwickelt und Türen in jenseitige Welten zu öffnen vermag. Am Folgetag wird das elektronische Stück „PSI 847“ aufgeführt, mit dem Éliane Radigue in den frühen 70er Jahren der künstlerische Durchbruch gelang.

Das HAU 2 wird für die Dauer des Festivals zum Listening-Environment, in dem die Kommunikation mit dem Zodiak Free Arts Lab aufgenommen wird, jenem zwischen 1967 und Anfang 1969 im Erdgeschoss des Gebäudes von Conrad Schnitzler, Hans-Joachim Roedelius, Boris Schaak und anderen betriebenen Kunst-, Musik- und Performanceort, der den Kondensationskern für den musikalischen Aufbruch lieferte von Kluster, Ash-Ra Tempel, Tangerine Dream, Human Being, Agitation Free, Klaus Schulze und weiteren Projekten der „Berliner Schule“, die mit Krautrock und Kosmischer Musik stets nur unzureichend beschrieben sind.

HEBBEL AM UFER (www.hebbel-am-ufer.de)
HAU 1 Stresemannstr. 29 / 10963 Berlin
HAU 2 Hallesches Ufer 32 / 10963 Berlin


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