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Tochter von Francis Ford Coppola gewann in Venedig

67. Mostra Internationatinale d'Arte Cinematografica di Venezia.



Mostra (italienisch) heißt Ausstellung, Messe, Schau und hat somit nichts anderes zu bedeuten als die italienische Umschreibung für die ältesten Internationalen Filmfestspiele der Welt. Diese wurden am Samstag, den 11. September 2010 am Lido zur großen Ehre der US-Regisseurin Sofia Coppola beendet, aber bereits einen Tag später durch Meldungen vom Tode Claude Chabrols überschattet, der am Sonntag im Alter von 80 Jahren in Paris verstarb. Am Abend zuvor vergab die Jury um Präsident Quentin Tarantino den "Goldenen Löwen" an die Tochter der Filmemacher Eleanor und Francis Ford Coppola, für ihren Film “Somewhere”.

Dieser Film hat uns von der ersten Szene an verzaubert, ist zu einer Passion geworden. Und auch wenn wir dann vielleicht über einen anderen Film gesprochen haben, sind wir auf diesen Film zurückgekommen”, sagte Jurypräsident und Kultregisseur Quentin Tarantino.

Dass nicht alle mit der Entscheidung der Jury einverstanden waren, zeigten die Buhrufe, die im Presseraum der 67. Filmfestspiele von Venedig erklangen. Dennoch war klar, dass Coppola einen bedeutenden Preis erhalten würde, nachdem sie extra für die Preisverleihung aus den USA nach Venedig zurückgereist war.

In ihrem sechsten Film "Somewhere" beschreibt die 39jährige Coppola die innere Leere eines Hollywoodstars, herausragend gespielt von Stephen Dorff. Wie schon in ihrem gefeierten Werk "Lost in Translation" (Oscar 2003 für das beste Originaldrehbuch) fängt sie auf ganz eigenwillige Weise eine Stimmung ein, sodass die Leere und Hoffnungslosigkeit der Hauptfigur für die Zuschauer deutlich zu spüren sind. Für Coppola ist es vielleicht eine späte Wiedergutmachung für die Schmäh, die sie 1990 als junge 18jährige Hauptdarstellerin im dritten Teil des "Paten", dem Film ihres Vaters, erhalten hatte. Die damals vernichtenden Kritiken setzten ihrer Schauspielkarriere nämlich ein Ende.

Für die Süddeutsche Zeitung war der Film der Coppola von Anfang an klarer Favorit gewesen, während der Berliner Tagesspiegel den spanischen Beitrag "Balada triste" von Alex de la Iglesia bevorzugte, der aufgrund seiner knalligen Genre-Mischung wohl Quentin Tarantino persönlich am Besten gefallen haben könnte und dann glücklicherweise mit dem Silbernen Löwen für die Beste Regie und das Beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Der Regisseur erzählt darin auf äußerst ungewöhnliche Weise von Javier, einem traurigen Clown, der während der Franco-Zeit als eine Art Freiheitskämpfer plötzlich Amok läuft.

Allerdings bemängelte die Zeitung, dass der erschütternde chinesische Politfilm "The Ditsch" (Der Graben) von Wang Bing ganz übergangen wurde. Ein eigenes Urteil konnten wir uns nicht erlauben und mussten uns auf die meist herrvorragend, treffsichere Kritik von Jan Schulz-Ojala am 07.09.10 im Tagesspiegel verlassen. Wie eine Detonation schlug der Schrei aus der Wüste Gobi in Venedig ein, schreibt er. Dorthin, an die Grenze zur Mongolei, sperrte die kommunistische Partei unter Mao Millionen Chinesen in Umerziehungslager, weil sie Kritik an der Kulturrevolution geäußert hatten. "The Ditsch" macht dem bekannten Image vom "Tod in Venedig" oder "Wo die Godeln Trauer tragen" alle Ehre. So zeigt der Film nicht nur das Dahinvegetieren der Lagerinsassen, sondern auch das Sterben der Gefangenen, die oft ohne Essensration auskommen müssen und deshalb wie Aussätzige im Mittelalter eines sonst feudalen Venedigs, Mäuse fangen und zu einer Suppe verkochen, um zu überleben.

Kandidaten auf den Goldenen Löwen gab es mehrere, darunter auch "Post mortem" des chilenische Regisseur Pablo Larrain, der vor zwei Jahren mit "Tony Manero" über einen besessenen Vorstadt-Tänzer, der zum Killer wird, in Cannes bei der "Quinzaine des Réalisateurs" auf sich aufmerksam gemacht hatte. In "Post mortem" ist es nun der Angestellte eines Bestattungsunternehmens in Santiago, der Obduktionsberichte von Salvador Allende nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 abtippt. Und wie immer bei Pablo Larrain steht über den „kleinen“ Geschichten seiner Figuren die „große“ Geschichte seines Landes. Geholfen hat es ihm dennoch nicht. Er ging leer aus.

Zwei weitere Preise vergab die Jury dafür an einen ebenfalls politischen Film: "Essential Killing" des Polen Jerzy Skolimowski erhielt nicht nur den Spezialpreis der Jury. Der US-Amerikaner Vincent Gallo gewann auch für seine überzeugende Leistung wie von vielen erwartet die begehrte Trophäe als bester Darsteller. In "Essential Killing" spielt Gallo einen Mann aus Afghanistan, der vom US-Militär gefangen genommen und nach Europa transportiert werden soll. Auf dem Weg dahin entkommt er aber und flieht durch verschneite Wälder vor seinen Verfolgern. Um zu überleben, muss er immer wieder töten.

Der Preis für die beste Darstellerin ging an die Griechin Ariane Labed aus "Attenberg". Die Filmfigur Marina ist 23 Jahre alt und lebt alleine mit ihrem kranken Vater. Das Werk der Regisseurin Athina Rachel Tsangari zeigt Marinas Weg zum Erwachsenwerden und die Entdeckung der eigenen Sexualität.

Die Jury vergab außerdem einen Spezial-Löwen an Monte Hellman für sein Gesamtwerk. Der Amerikaner war mit dem Film "Road to Nowhere" im diesjährigen Wettbewerb zu sehen.

Am letzten Tag des Festivals waren alle noch einmal gespannt auf den deutschen Beitrag "Drei" von Tom Tykwer, der dann doch keinen Preis gewann. Ansonsten herrschte bereits Aufbruchstimmung und die Kinos leerten sich, denn Presse und Branche waren schon auf dem Weg zum Internationalen Film Festival nach Toronto, das gegenüber Venedig immer stärker an Bedeutung gewinnt und mit vielen überragenden Weltpremieren aufwartet. Dennoch wurden in Venedig bis zur Mitte der Filmfestspiele immerhin 22.505 Tickets verkauft, was einer Steigerung von 17 Prozent entspricht. Auch die Zahl der akkreditierten Journalisten war mit 3427 um vier Prozent gestiegen.

Differenziert und bewegend einerseits, schockierend und aufregend andererseits, so müssen gute Filmfestspiele sein, um sich vom Mainstream abheben zu können. Bekannten 3D-Einheitsbrei hat man bald zur Genüge im mittlerweile fast wöchentlich wechselnden Spielplan des Hollywood Kinos. Ob die besten Filme gewonnen haben oder nicht, das bleibt nebensächlich wenn die Mischung stimmt und dem Kulturkino neue Impulse gibt.

Link: www.labiennale.org/en/cinema


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