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Nach Amoklauf wird der Ruf gegen Gewaltfilme lauter (update)


Nach neuen, fast gleichzeitigen Amokläufen, in Deutschland und den USA wird sofort das Verbot aller Gewaltdarstellungen wieder laut.


Erst vor wenigen Tagen lief Clint Eastwoods „Gran Torino“ im Kino an. Markige Sprüche des darin spielenden Kriegsveteranen und zynischen Gesetzeshüter Walt Kowalski (Clint Eastwood), wie seine Ankündigung einem Eindringling gegenüber, diesem den Kopf wegzupusten, sind beispielsweise absolut ernst gemeint und liegen auf gleicher Linie wie die Filme „Dirty Harry“ (Regie: Don Siegel 1971) oder „Ein Mann sieht rot“ (Regie: Michael Winner 1974). Bei allem Humor bleibt Walt Kowalski ein gefährlicher Charakter und die Konfliktlösung durch Gewalt erscheint in „Gran Torino“ fragwürdiger als in kaum einem anderen Werk in Eastwoods Filmographie.

So verwundert es kaum, wenn der Amokläufer Tim K. von Winnenden vorgestern Nacht, nach Berichten der Nachrichtenagentur Reuters, kurz vor seiner Tat in einem deutschsprachigen Chatroom auf einem amerikanischen Server ähnlich aggressive Worte zur Tatankündigung benutzte. Offensichtlich fühlte sich der junge, ehemalige Realschüler gemoppt. Sogar der Wunsch des Waffennarrs mit seiner baldigen Volljährigkeit in die Bundeswehr einzutreten wurde ihm verwehrt, aufgrund psychischer Vorerkrankung. Möglicherweise hat der Junge noch vor der Tat diesen oder ähnlichen gewaltverherrlichenden Film gesehen. Polizei und Psychologen vermuten sogar, dass der in der Nacht zuvor stattgefundene Amoklauf in den USA Auslöser der Tat war. Ebenso könnte der bald anstehende zehnjährige Jahrestag des Massakers von Littleton an der Columbine High School, den Oscarpreisträger Gus van Sant mit Elephant 2003 verfilmt hat, als möglicher auslösender Indiz am Ende einer Depressionskette gelten.

Doch so schlimm diese Aktion für die Beteiligten sein mag, auch durch Verbote von Filmen und Computerspielen à la Counterstrike lassen sich weder Attentate noch Amokläufe ganz verhindern. Fehlendes Verständnis für die Probleme der Jugendlichen und der wenig sensible Umgang mit Waffen im Elternhaus von Tim K. sind da eher ein Auslöser, über den man stärker nachdenken sollte. Vor allem in den USA ist die Gefahr erneuter Taten groß, da dort der Colt immer noch als Statussymbol gilt und recht locker sitzt.

Aus eigener Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen kann ich verstehen, wenn diese aus manchmal mangelnden schulischen Leistungen nicht den Traumberuf erreichen können und am Verzweifeln sind. Der frühzeitige Besuch der Bundeswehr als Alternative zur Berufsausbildung für arbeitslose Jugendliche sollte aber nicht als optimaler Ersatz in unserer Gesellschaft dienen. Ganz im Gegenteil, für eine berufliche Militärlaufbahn sind die 18 Jährigen doch noch viel zu ungeformt, um sich über die Tragweite ihres Handelns im klaren zu sein. Die mögliche Beteiligung der jungen Leute an Kriegseinsätzen der Bundeswehr sollte eher Warnung sein, als patriotische Handlung. Vor allem, dass der Vater den noch nicht volljährigen Jugendlichen öfter zum Schießstand seines Schützenvereins mitnahm, grenzt an Unverantwortlichkeit. Die Erfahrungen im Umgang mit Waffen, die der Sohn dort gewonnen hat, haben ihn sicherlich mehr geprägt als mancher Kinofilm.

Die immer wieder gestellte Forderung nach verschärfter Gesetzesänderung beim Verkauf von Ballerspielen und Videofilmen wurde längst nach dem letzten Amoklauf vor 7 Jahren in einem Erfurter Gymnasium umgesetzt. Eine nochmalige Verschärfung sollte nicht als Affekthandlung nach dem jüngsten Vorfall gefordert werden. Mehr Pädagogen, kleinere Klassen und die Aufstockung von Sozialarbeitern an den Schulen wäre zwingend wichtiger.

(Update von 13:00 Uhr)
Der Bundesverband für Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) warnt sogar in einer aktuellen Meldung von heute Mittag vor voreiligen Schlüssen in einer Stellungnahme zum Amoklauf im schwäbischen Winnenden, bei dem der 17-jährige Tim K. am 11. März 2009 insgesamt 15 Menschen tötete und anschließend sich selbst erschoß:
"Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Konsum gewalthaltiger Medien und der Tat von Winnenden ist nach derzeitigen Informationen nicht erkennbar ist. Die Tatsache, dass der Täter im Besitz von Computerspielen war, ist nicht weiter verwunderlich – Computerspiele sind ein fester Bestandteil der Jugendkultur."
Am Nachmittag revidiert die Staatsanwaltschaft sogar die vermeintliche Ankündigung der Tat im Internet. Sie wäre noch nicht eindeutig nachgewiesen und könnte sich auch als Fälschung erweisen, obwohl die Ermittler angeblich entsprechende Daten auf dem Computer des Täters gefunden hätten. Der eindeutige Nachweis gestaltet sich als schwierig, da der Betreiber der Website sich in den USA befindet. Jetzt prüfen die Ermittler, ob der 17-Jährige den Eintrag von einem anderen Computer, möglicherweise auf einem Laptop, verfasst haben könnte. Auch die Selbsttötung ist noch nicht eindeutig geklärt. Der Tod könnte, einem Amateurvideo zufolge, ebenso durch den Schußwechsel von einer Polizeikugel erfolgt sein. Die Wahrheit wird man vielleicht nie erfahren.

(Update von 20:00 Uhr)
Am Abend erfuhren wir, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit heute einen Erlass an alle Berliner Schulen geschickt hat, keine Drehgenehmigungen mehr mit Jugendlichen für Interviews zu erteilen. Ob vor allem die Neuköllner Brennpunkt Schulen, wie die Rütli Schule der Auslöser waren, wurde nicht bekannt. Jedenfalls sollen die Schüler sich zurzeit nicht mehr vor der Kamera äußern dürfen. Von einem Maulkorb will man zwar nicht sprechen, dennoch soll erst mal Ruhe in die Sache einkehren.

(Update vom 15.03.09)
Künstler, Schauspieler, Liedermacher und Autoren haben inzwischen auf der Internetseite www.sportmordwaffen.de zu einem Schulboykott aufgerufen und bitten um weitere Unterschriften, da die Bundesregierung nach dem Schulmassaker von Erfurt vor der Waffenlobby eingeknickt sei und nur ein halbherzig geändertes Waffengesetz auf den Weg gebracht hat. Durch den Aufruf "Schwänzen statt Schießen" sieht allerdings der Deutsche Schützenbund seine Mitglieder ungerechtfertigten Angriffen ausgesetzt und meint, dass man lieber das Internet verbieten sollte, als die Sportschützen pauschal zu verteufeln oder komplett ins Abseits zudrängen.

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) will ein Gesetz für Internetsperren bereits am 25. März 2009 vom Bundeskabinett beschließen lassen und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer will über ein Verbot von Ego-Shootern und diversen Online Spielen beraten. Dazu gehört plötzlich auch das Jugendverbot des als harmlos geltenden Fantasy Rollenspiels "World of Warcraft". Damit kommen die geplanten Gesetze schneller und unüberlegter als gedacht. Die Christdemokratin von der Leyen wehrt sich zugleich gegen Kritiken ihrer Ministerkollegin Brigitte Zypries (SPD), die das Bundesjustizministerium führt. Sie hatte den Plan als "verfassungsrechtlich problematisch" bezeichnet. Staatlich veranlasste Eingriffe in das Fernmeldegeheimnis brauchten laut Grundgesetz eine gesetzliche Grundlage, so Zypries.

Wie man sieht, geht das Hickhack um ein vernünftiges Mittelmaß und wohlüberlegte, zukünftige Entscheidungen weiter. Sogar ein maßvoller Umgang mit Videospielen ist möglich, so das Europäische Parlament, denn Medien machen an sich nicht gewalttätig. Sie bedeuten nur ein Risiko für diejenigen Personen, die sich vor diesen Inhalten nicht genügend schützen können. Dazu gehören Kinder und evtl. psychisch gestörte Personen, die ohne soziale Kontrolle, allein vor dem Computer oder Fernseher sitzend, sich in etwas irreales hineinsteigern könnten. Blinder Aktionismus der Gesetzeshüter schadet dagegen und könnte ungeahnte Taten von Nachahmern folgen lassen.

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