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DFFF-Haushalt soll verdoppelt werden

Die Filmförderung des Bundes soll von zuletzt 50 Millionen Euro auf bald 75 Mio. und im nächsten Jahr möglicherweise auf 150 Mio. € pro Jahr steigen.
(UPDATE mit ausführlichen und exklusiven Ergänzungen u.a. zum Filmerbe.)




Das Bundeskabinett hat am 15. März 2017 beschlossen, die Filmförderung des Bundes von 75 auf 150 Millionen Euro pro Jahr zu erhöhen. Laut Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die diese Meldung einen Tag später bei der Verkündung der Nominierten für den Deutschen Filmpreis bekanntgab, gilt diese Anhebung auch für 2018 und die Folgejahre. Damit werde die "Wettbewerbsfähigkeit des Filmstandorts Deutschland gesichert".

Grütters erklärte auch, dass es nun drei Säulen der Filmförderung geben werde: die kulturelle Filmförderung (25 Millionen Euro jährlich), der Deutsche Filmförderfonds I (50 Millionen Euro) und der neue DFFF II (75 Euro). Der zweite DFFF-Topf sei laut Medienberichten eine Art Lebensversicherung für die deutschen Filmstudios. Damit soll ein zusätzlicher Anreiz für nationale und internationale Großproduktionen geschaffen werden.

Allerdings soll der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) 2018 in der ersten Stufe nur auf 125 Mio. Euro steigen, denn das Bundeskabinett hat zunächst nur die Eckwerte für den Bundeshaushalt 2018 beschlossen. Die endgültige Aufstellung des Bundeshaushaltes für das kommende Jahr obliegt einer neuen Bundesregierung, deren Zusammensetzung (natürlich) vor der Bundestagswahl am 24. September 2017 noch völlig offen ist. Eine substantielle Anhebung war aber bereits Anfang Februar verkündet worden, wie wir am 18. Februar 2017 schrieben und nochmals am 2. März 2017 zu einem ähnlichen Thema andeuteten.

"Ich bin, so viel kann ich jetzt schon sagen, sehr zuversichtlich, dass ich noch weitere substantielle Erhöhungen des DFFF erreichen werde, um den Filmstandort Deutschland, nicht zuletzt auch für innovative deutsche VFX-Unternehmen, nachhaltig und dauerhaft international wettbewerbsfähig zu halten", so die Kulturstaatsministerin im Februar.

Demnach soll der Anfang Februar angekündigte "DFFF II", der sich gezielt an Großproduktionen richtet und dessen Volumen von 25 Mio. Euro (zusätzlich zu den 50 Mio. Euro für den DFFF I) bereits in diesem Jahr zur Verfügung steht, perspektivisch verdreifacht werden. Ab 2018 sollen die Mittel für den DFFF II um 50 Mio. Euro auf dann 75 Mio. Euro aufgestockt werden. Insgesamt stünden dem DFFF in seinen zwei Formen dann in den Jahren bis 2021 jeweils 125 Mio. Euro zur Verfügung. Zusammen mit den Mitteln für die zuletzt unter Grütters um 15 Mio. Euro aufgestockte kulturelle Filmförderung des Bundes beliefe sich der BKM-Etat für die Filmförderung dann auf rund 150 Mio. Euro.

In Hinblick auf den Ausgang der nächsten Bundestagswahlen formulierte der kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marco Wanderwitz, dies noch einmal in seiner Erklärung sehr deutlich: "Der Haushalt 2018 wird von der nächsten Bundesregierung final beschlossen werden. Eine Garantie für diese Steigerungen im Kultur- und Medienbereich gibt es nur mit CDU und CSU."

Jenseits der bloßen Erhöhung des Topfes gibt es noch eine weitere, hochinteressante Neuerung: Die bisherige Kappungsgrenze von maximal zehn Mio. Euro DFFF-Förderung pro Projekt soll auf 25 Mio. Euro erhöht werden. Unklar sind dabei aber derzeit noch zwei Details: Zum einen, ob die erhöhte Kappungsgrenze nur für den DFFF II gelten soll (wovon auszugehen ist, da sich dieser gezielt an jene Produktionen richtet, die überhaupt derartige Budgetgrößen erreichen könnten). Zum anderen aber vor allem, ob sie bereits vor der für 2018 angepeilten Aufstockung des DFFF II eingeführt werden soll. Spekuliert wird in der Branche zudem darüber, ob mit einer Mittelerhöhung auch eine Öffnung des DFFF für Serienprojekte einhergehen könnte. Serien und Digitales mit VFX Sparten waren seit einem Jahr mit dem German Motion Picture Fund (GMPF) vom Bundesministerium für Wirtschaft gefördert worden.

SPD fordert integriertes Anreizsystem.

Während die CDU/CSU-Bundestagsfraktion die geplante Aufstockung als Maßnahme feiert, mit der sich Deutschland wieder "in die internationale Spitzengruppe der Filmproduktionsförderung" katapultiere, kommen vom Koalitionspartner SPD etwas kritischere Töne. Auch dort begrüßt man die geplante Mittelanhebung, spricht sich aber sehr deutlich für ein "integriertes Anreizsystem" aus, das nicht zuletzt auch den German Motion Picture Fund des Wirtschaftsministeriums einbeziehen müsse. Für Grütters offenbar ein rotes Tuch. Denn auch wenn sie weder den GMPF noch das Bundeswirtschaftsministerium erwähnte, machte sie im Vorfeld der Bekanntgabe der Lola-Nominierungen doch sehr deutlich, dass sowohl die kulturelle als auch die wirtschaftliche Filmförderung aus gutem Grund in ihrem Haus verankert seien.

In einer gemeinsamen Erklärung begrüßten die SPD-Politiker Lars Klingbeil (Sprecher der Arbeitsgruppe Digitale Agenda) und Burkhard Blienert (zuständiger Berichterstatter der AG Kultur und Medien) die geplante Mittelerhöhung zwar als wichtigen Schritt - allerdings werde dieser nicht ausreichen, um internationale Wettbewerbsfähigkeit auch nachhaltig sicherzustellen. So werde der Filmstandort Deutschland mit der Aufstockung des DFFF zwar wieder an Attraktivität gewinnen. Allerdings versäume es Grütters, neue Akzente in der digitalen Kulturförderung zu setzen. Ihre Aufgabe sei es, Verantwortung für Kultur und Medien in ihrer Breite und Vielfalt zu übernehmen.

Wörtlich heißt es in der Erklärung: "Die SPD-Bundestagsfraktion begrüßt es ausdrücklich, dass der DFFF im kommenden Jahr und in den Folgejahren bis 2021 um 75 Millionen Euro aufgestockt werden soll. Das ist ein wichtiger Schritt, um dem schwächelnden Anreizmodell für den Filmstandort Deutschland wieder zu mehr Attraktivität zu verhelfen.

Allerdings wird das nicht reichen, um internationale Wettbewerbsfähigkeit auch nachhaltig sicherzustellen. Das kann nur mit einem integrierten Anreizsystem gelingen, das die audiovisuelle Industrie als ganze in den Blick nimmt. Auch der erfolgreiche German Motion Picture Fund des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ist hier miteinzubeziehen.

Die Kulturstaatsministerin versäumt es erneut, im Bereich der digitalen Kulturförderung neue Akzente zu setzen und insbesondere eine konsistente und verlässliche Förderung im Bereich der audiovisuellen Medienwirtschaft vorzulegen. Die SPD-Bundestagsfraktion fordert bereits seit vielen Jahren, dass es auch im Bereich der neuen audiovisuellen Medien eine der Filmförderung vergleichbare Förderung gibt. Wir können es uns - aus kulturpolitischer Sicht wie auch mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit - nicht länger leisten, dieses junge Potenzial für Kreativität und Innovation brachliegen zu lassen.

Es geht dabei nicht um ein gegenseitiges Ausspielen von Filmförderung und anderen Kulturtechniken. Erst vor wenigen Wochen haben sich die Filmwirtschaft und die Games-Branche mit einem gemeinsamen Appell an die Kultur- und Medienpolitik gewandt und gefordert, das überholte Fördersystem Deutschlands schnellstmöglich durch eine konsistente Förderung aller audiovisuellen Medien zu ersetzen.

Aufgabe der Kulturstaatsministerin ist es, Verantwortung für Kultur und Medien insgesamt und in ihrer Breite und Vielfalt zu übernehmen. Das gilt auch für alle Zweige der audiovisuellen Medienwirtschaft - also für Filme, Serien, Games, wie auch für die Bereiche Animation oder visuelle Effekte. Dieser Aufgabe muss Frau Grütters endlich gerecht werden
."

Positives Echo von Filmwirtschaft.

Die in Aussicht gestellte Erhöhung des DFFF stößt erwartungsgemäß auch bei den filmtechnischen Dienstleistern auf große Dankbarkeit. Der Verband Technischer Betriebe für Film und Fernsehen (VTFF) sieht nun "zielgerichteten Impulsen für Projekte, Produktion und Infrastruktur" entgegen. Nach den Worten seines Vorstands lasse eine solche Maßnahme die Filmwirtschaft "hoffen, wieder an den Weltmarkt anzuschließen".

Laut einer Pressemitteilung setze sich der Verband schon lange für Förderbedingungen ein, die den Produktionsdienstleistern direkter zugute kämen. Schließlich würden diese mit ihrer technischen Infrastruktur und ihrer Fachkompetenz wesentlich zum Production Value und zur Qualität der Filmwirtschaft beitragen. Eine Verbesserung ihrer Wettbewerbsposition gegenüber Anbietern aus dem Ausland sei dringend notwendig. Besonders die VFX-Branche erhoffe sich von der angekündigten Erhöhung einen verbesserten Zugang zum stetig wachsenden Weltmarkt, der stark von den Anreizsystemen beeinflusst wird.

"Die für die nächsten Jahre angekündigte Anhebung von DFFF I und II auf 125 Mio. Euro freut uns natürlich sehr", erklärt VTFF-Vorstand Josef Reidinger (Arri). "Vor allem dankt der VTFF der Politik, dass mit dem DFFF II der Standort Deutschland wieder international wettbewerbsfähiger wird, indem die Produktionstechnik und das Know-how in den Fokus genommen werden. Das wird eine große Kreativität und Dynamik entfalten, von der nicht nur die Filmwirtschaft profitiert".

VTFF-Vorstand Christian Sommer (Trixter) ergänzt: "Wir zählen auf die Ankündigung von Frau Kulturstaatsministerin Monika Grütters, mit dem höheren DFFF II ab 2018 auch die VFX-Branche dauerhaft international wettbewerbsfähig zu halten. Hier sehen wir einen Nachholbedarf, denn dieses innovative Segment hat einen immer größeren Anteil an den Filmbudgets, passt aber bislang in kaum ein Förderschema."

Die erneute Erhöhung des DFFF sei ein weiterer Schritt hin zu einer "wirksamen modernen Politik für die audiovisuellen Medien, die den globalen Markt sowie innovative Formate und Techniken" im Blick habe, so der VTFF abschließend.

Zukunftssicherung des Filmstandorts Deutschland.

Die vom Bundeskabinett beschlossene Aufstockung des DFFF ist eine exzellente Nachricht für den Filmstandort Deutschland, seine Produzenten und Filmdienstleister und nicht zuletzt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Gewerken“, erklärt auch Alexander Thies, Vorsitzender des Gesamtvorstands der Produzentenallianz. „Damit werden wiederholt vorgetragene und ausgearbeitete Forderungen der Produzentenallianz umgesetzt."

NACHTRAG:
Wir haben zwei Kommentare, darunter eine ausführliche und exklusive Ergänzung (u.a. zum Filmerbe), die uns heute von unseren Filmkritikerinnen Ulrike Schirm und Katharina Dockhorn per Mail erreichten, in der erweiterten Ansicht am Ende des Textes eingestellt.

UPDATE:
BKM veröffentlicht neue Förderrichtlinie.

Am 21. März 2017 ist die neue Richtlinie für die kulturelle Filmförderung des Bundes in Kraft getreten, wie auf der BKM-Website nachzulesen ist. Gestärkt wurde in diesem Zuge vor allem die Produktionsförderung im Bereich des Langfilms (Spiel- und Dokumentarfilm sowie Kinderfilm). Hier wurde die bisherige Förderhöchstsumme von 250.000 Euro auf 500.000 Euro (in Ausnahmefällen auch auf bis zu eine Mio. Euro) angehoben, gleichzeitig stieg das Höchstbudget von 2,5 auf nun fünf Mio. Euro. Der Anteil der BKM-Förderung am Gesamtbudget wurde auf maximal 80 Prozent erhöht, wobei Ausnahmen bei entsprechender künstlerischer Bedeutung weiterhin möglich sind.

• Außerdem wurde die Drehbuchförderung im Spielfilmbereich ausgebaut.
• Eine Stoffentwicklungsförderung für Dokumentarfilme wurde eingerichtet.
• Verleihförderung und Kinoprogrammpreisprämien wurden aufgestockt, um künstlerisch herausragende Filme sichtbarer zu machen.
• Die Zulassungskriterien in der Verleihförderung wurde wesentlich vereinfacht.
• Eine gesonderte Dokumentarfilm-Jury hat ihre Arbeit aufgenommen.
• Die Anzahl der Einreichtermine und Sitzungen für die Jurys wurde erhöht.

Quellen: Blickpunkt:Film | Filmecho




KOMMENTAR:

Ob mehr Geld den Deutschen Film besser macht, wag ich zu bezweifeln.

Ulrike Schirm, Filmkritikerin


150 Millionen vom Bund für den deutschen Film, die Summe hat sich verdoppelt und die Branche gerettet, jubelte die regierungsnahe »Welt« am 16. März 2017.

Falsch, schon alleine ein Blick auf die Zahlen beweist. 2017 spendierte die Bundesregierung mehr als 100 Euro (knapp 20 Millionen Euro für die Kulturelle Filmförderung, 75 Millionen für den DFFF, 10 Millionen vom Wirtschaftsministerium). 2018 werden es 25 für die kulturelle Förderung, 50 DFFF für rein deutsche Filme und 75 Millionen, um Hollywood nach Deutschland zu locken und die Abwanderung des Drehs deutscher Produzenten ins Ausland zu verhindern.

Die Pläne der Bundesregierung versüßen der deutschen Filmbranche die Versäumnisse von Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Bundesregierung. Die für die vergangene Legislaturperiode versprochene große Novellierung des Filmförderungsgesetzes und damit eine Anpassung der Rahmenbedingungen auf den 1970er Jahren an die moderne Medienwelt, ist nicht erfolgt.

So müssen sie nun die Probleme kaschieren, in dem mehr Geld in ein System in Schieflage gepumpt wird. Filmförderer und Fernsehsender treffen die Entscheidungen, welcher Film produziert wird. Denn die Produzenten sind in einem Teufelskreis. Er hat durch die zementierten Modi bei der Auswertung von Filmen als eigentlich kreativer Kopf und Träger des wirtschaftlichen Risikos kaum eine Chance, vom kommerziellen oder künstlerischen Erfolg seines Filmes zu profitieren. Und nicht zuletzt hinkt Deutschland im internationalen Vergleich im Rennen um sogenannte vagabundiere amerikanische Großprojekte hinterher.

Wobei es auf den ersten Blick ja nicht schlecht ist, wenn mehr Geld ins System fließt – volkswirtschaftlich hat der Film längst die Bedeutung der Landwirtschaft und im Vergleich zu den dortigen Subventionen sind die nun aufgerufenen Summen Peanuts. Die Aufstockung erleichtert den Produzenten, Tarifverträge einzuhalten und Mindestlöhne zu zahlen. So zwingt das Gesetz über den Mindestlohn, Komparsen nicht länger mit 35 Euro für einen Zehnstundentag abzuspeisen. Damit „Toni Erdmann“ überhaupt gedreht werden konnte, arbeiteten die Schauspieler auf Rückstellungen. Sie verzichteten auf einen Teil der Gage, die bekommen sie nur, wenn der Film an der Kasse reüssiert. Zu oft bleiben sie auf der offenen Forderung sitzen.

Diese Kosten führen zwangsläufig zu höheren Budgets, diese sind am deutschen Markt kaum noch einzuspielen. Von den mehr als 200 im Jahre 2015 gestarteten deutschen Filmen hatten 60% weniger als 20.000 Zuschauer. Und auch bei kommerziell erfolgreichen Filmen muss der Produzent einen langen Atem haben. Das ist dem System geschuldet. Bei einer Million Zuschauern fließen rund 10 Millionen in die Kassen. 7% gehen an Mehrwertsteuer an den Staat. Dann bekommt das Kino die Hälfte, es verbleiben noch rund 4,6 Millionen. Nun zieht der Verleih 35% pauschal (rd. 1,8 Mio.) plus seine Vorkosten ab. Von der dann noch vielleicht verbleibenden Million muss der Produzent dann erst die Investoren auszahlen – bei einem Budget von 2 Millionen Euro sind sie mit einer dabei.

Ein deutscher Film kostet aber im Schnitt 2.9 Millionen Euro, die privaten Investitionen liegen bei 1,5 Millionen. Solche Filme müssen wesentlich mehr als eine Million Zuschauer anlocken. Dem Produzent bleibt so nichts.

Die konstruktiven Vorschläge ihres Verbandes, der Produzentenallianz, innerhalb der Diskussion um das Filmförderungsgesetz das System aufzubrechen, lehnte Grütters ab. Der Allianz schwebte ein Erlöskorridor vor, in dem der Produzent in jeder Stufe der Kaskade einen kleinen Anteil erhalten hätte. Mit diesem Geld hätte er Eigenkapital bilden können, um ins Drehbuch für das nächste Projekt zu investieren. Ohne eigenes Geld muss er weiter bei den Förderern Schlange stehen.

Da die Produzenten im deutschen System nur an der Produktion verdienen, kann die Erhöhung der Mittel auch zu einem quantitativen Zuwachs an Filmen führen: Mitte der 1990er Jahre kamen noch 50 deutsche Filme ins Kino, heute sind es knapp 250. Doch weder die Zahl der Kinos noch die Fördermittel für Herausbringung und Marketing wurden in gleichem Maße erhöht. Die Folge: Eine wachsende Anzahl von Filmen kommt ohne die notwendige Unterstützung ins Kino. Oder läuft nur auf Festivals, die landauf, landab nur wie Pilze aus dem Boden sprießen können, weil unterbezahlte Filmenthusiasten aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht haben.

Die Kinobesitzer stöhnen über den Ansturm, den sie niemals bewältigen können. Besonders im Arthouse-Bereich baden sie zudem die fehlenden Mittel für das Marketing aus. Sie müssen sich selbst einiges einfallen lassen, um Unbekanntes an den Zuschauer zu bringen. Wenn dies nicht gelingt, ist auch der Produzent angeschmiert.

Auch das Fernsehen weiß nicht, wohin mit den von ihm unterstützten Kinokoproduktionen. Man muss schon lange überlegen, wann ARD und ZDF letztmalig einen deutschen Spielfilm im Hauptabendprogramm ausstrahlten. Die Mehrzahl der Filme wird nach Mitternacht versendet. Für die Sender lohnen sich die Minibeiträge zur Finanzierung trotzdem. Sie haben kaum ein Risiko und sonnen sich bei Erfolgen im Rampenlicht. Vor allem ist die systematische Förderung des Filmnachwuchses mit Steuergeldern eine Master-Class für Fernsehregisseure. Nach ein oder zwei Filmen ohne kommerziellen Erfolg wechseln die Absolventen deutscher Filmhochschulen oftmals zum Fernsehfilm.

Für die Studios in Babelsberg, Köln und Leipzig sowie die leistungsstarken technischen Dienstleister, die von der hervorragenden Ausbildung profitieren, sind die 75 Millionen zumindest ein kleiner Segen. Bislang flossen aus dem DFFF jährlich rund 20 Millionen, um Clooney, Cruise oder Brad Pitt ins Land zu locken. Doch in den vergangenen Jahren hatten die rührigen Geschäftsführer des Studios zu oft im Rennen um hochbudgetierte Filme das Nachsehen. Selbst bei Filmen, die in der deutschen Hauptstadt spielen, wurden nur Bruchteile in Berlin gedreht. Zuletzt „American Blonde“, eine Spionage-Geschichte aus dem Berlin der 1980, für den die Crew unübersehbar nach Budapest weiter zog.

Um dies künftig zu verhindern, bessert Grütters bei der Deckelung nach. Bislang konnte jeder Film höchstens zehn Millionen aus dem DFFF erhalten, künftig sollen es 25 oder 30 sein, Was einem Budget von über 100 Millionen entspricht. Andererseits zeigt das Rechenspiel, dass ein anderes Problem nicht gelöst wird. Die drohende schnelle Überzeichnung des Fonds, wenn Filme wie zum Beispiel „Charité“ am Abwandern nach Tschechien gehindert werden sollen.

Selbst Länder wie Malta oder Litauen locken die Filmemacher aus aller Welt mit einem Steuerrabattsystem, in GB gibt der Finanzminister 25% des im Landes ausgegeben gesamten Budgets dazu. Der Umsatz der Filmproduktionen auf der Insel lag 2016 bei 2 Milliarden Pfund, das sind um die 400-500 Millionen Euro Förderung.

Die sich aber auszahlen, es entstehen Arbeitsplätze, die sonst nicht da wären. Zusätzliche Steuern und Sozialabgaben werden generiert, sie alleine sind höher als die Zuschüsse. Es ist eine Investition in die Zukunft. Kanada hat mit der systematischen Förderung von Specialeffektlastiger Postproduktion mit 40% der Kosten das Land zu einem Zentrum dieser grünen Industrie gemacht.

Bei Filmen wie „Bridge of Spies“, „Der Vorleser“ und „Grand Budapest Hotel“ entstehen nicht nur Arbeitsplätze für Deutsche am Set, auch Bäcker oder Hotels profitieren, in Görlitz kurbelten die Drehs den Tourismus an. Vor allem, die Hälfte des Budgets jedes deutschen Films wird mit Fördergeldern bestritten, die andere Hälfte sind Privatinvestitionen. Bei Hollywood-Großproduktionen liegen diese bei 80%, für einen Euro Steuergeld fließen vier aus privaten Schatullen.

Vor diesem konsequenten Paradigmenwechsel scheut sich die Bundesregierung. Und sie zementiert mit einer Geldspritze Strukturen aus den 1970er Jahren. Die deutsche Filmbranche kann so nicht erwachsen werden, ohne eine grundlegende Reform hängt sie weiter am Tropf.

Zum Reformunwillen passt dann auch, dass das Filmerbe wieder einmal vergessen wurde. Es bleibt bei zwei Millionen Euro für die Digitalisierungsförderung, wenn die Länder endlich ihre drei Millionen für ein Bündnis für das Filmerbe stemmen, kommt eine dritte hinzu. Insgesamt stehen für diese Mammutaufgabe dann zehn Millionen von Bund, Ländern und der Filmwirtschaft zur Verfügung, Gegenüber 380 Millionen für Neuproduktionen. Ein Armutszeugnis für eine Kulturnation.

Das Bundesarchiv geht wieder leer aus, die Mitarbeiterzahl ist seit Ende der 1990er um ein Drittel gesunken. Die zögerliche Haltung des Geldgebers bedeutet nun, dass es sein Kopierwerk schließen muss. Das letzte in Deutschland. Dabei träumen alle, wieder einen zweiten Fassbinder zu entdecken und zu fördern. In dessen wildester Zeit finanzierte das Fernsehen die heute als Klassiker weltweit geschätzten provokanten Meisterwerke, die Filmförderer waren außen vor. Das hat sich grundlegend geändert. Sender und Filmförderer sind eine unheimliche Allianz eingegangen und sind eng verbandelt.

Katharina Dockhorn, Filmkritikerin


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