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Preisgekröntes Holocaust-Drama von Kinos verschmäht

Großer Preis der Jury von Cannes 2015 jetzt nur in wenigen Kinos zu sehen.



Der Berlinale 2015 war der der Debüt-Film des ungarischen Regisseurs László Nemes offensichtlich zu heikel, um ihn dem Publikum präsentieren zu können. Die Internationalen Filmfestspiele Berlin verschmähten das Werk und schlossen den Film vom Wettbewerb aus. Kurz darauf lief "Son of Saul" im Wettbewerb bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, wo er den Großen Preis der Jury einheimste. Damit war der Erfolgszug des Films noch lange nicht abgeschlossen. Im Januar erhielt er einen Golden Globe für den Besten ausländischen Film und wurde schließlich Ende Februar 2016 sogar mit dem Oscar als Bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet. Hier der Trailer:


SON OF SAUL Trailer from JIFF on Vimeo.

Normalerweise sind Oscarprämierungen hervorragend geeignet, um Filme mit großer Medienunterstützung in die Kinos zu bringen. Leider geschieht dies nicht bei "Son of Saul". Das Holocaust-Drama läuft weder in den großen bekannten Arthouse Kinos, noch wird dafür speziell Werbung geschaltet, obwohl der Film offiziell am 10.03.2016 in unseren Kinos weitläufig anlaufen sollte.

In Berlin zeigt der Delphi Filmpalast den Film nur diesen Sonntag, den 13.03.2016, zur Matinee am Vormittag um 11:00 Uhr. Für viele unserer Leser kommt dieser Hinweis wahrscheinlich zu spät. Auch im Kant-Kino, im fsk am Oranienplatz und im Filmtheater am Friedrichshain ist diese Woche jeweils nur eine Vorstellung um 18:00 Uhr bzw. 17:30 Uhr angesetzt worden. Zur Prime Time um 20:00 Uhr wird bereits wieder etwas anderes gespielt und nächste Woche steht der Film voraussichtlich schon gar nicht mehr auf dem Programm. Welch eine Schande für herausragende Filmkunst und vor allem für ein Thema, das in Deutschland nicht totgeschwiegen werden sollte und von dem die Süddeutsche Zeitung schreibt: "Kann es einen authentischen Spielfilm über Auschwitz geben?". Um das schwierige Werk noch sehen zu können, muss man sich allerdings beeilen.

Einzig allein das Moviemento in Berlin-Kreuzberg, Deutschland ältestes Kino, dessen Leinwand nicht besonders groß ist und dessen Soundsystem auch nicht auf dem neuesten Stand ist, traut sich das Werk mehrmals am Tag in dieser Woche zu zeigen: am So.+Mo. um 12:30, 15:00, 17:30, 20:00, 22:30 am Di. um 13:15, 15:45, 18:30, 21:15, 23:45 und am Mi. um 12:30, 15:00, 18:30, 21:15, 23:45. Eine Verlängerung in der Folgewoche ist nicht vorgesehen. Ulrike Schirm hat sich den Film angesehen und schildert nachfolgend ihren persönlichen Eindruck.

Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau. Eine Vielzahl nackter Menschen. Männer, Frauen, Kinder. „Rein, immer rein in die gute Stube. Ihr wollt doch alle duschen“. Täglich müssen Saul und die anderen die Leichen aus den Gaskammern zerren. In seinem ersten langen Spielfilm hat sich der ungarische Regisseur László Nemes in die Hölle von Auschwitz begeben. In seinem Drama verfolgt er, in gelblich – bräunliches Licht getaucht, fast ausschließlich mit der Handkamera gedreht, seinen Protagonisten Saul (Géza Röhrig), der dazu verurteilt ist, die Gefangenen beim Entkleiden voranzutreiben, sie in die Gaskammern zu leiten und anschließend die Öfen zu reinigen. Und wehe, er liefert die eingesammelten Wertgegenstände nicht gewissenhaft ab. Sein Ausdruck regungslos, sein Blick stoisch nach vorn gerichtet. Als er in einem toten Kind seinen unehelichen Sohn zu erkennen glaubt, ist er nur noch von einem Gedanken beseelt: Der Junge muss ein würdiges Begräbnis bekommen.

Er verschleppt ihn aus der Autopsie, versteckt ihn, und macht sich verbotenerweise auf die Suche nach einem Rabbi. Die Kamera verfolgt das eindringliche Spiel des ausgezeichneten Darstellers mit einer beinah unerträglichen Nähe. Die Tötungsmaschinerie im Lager läuft perfekt. Die Kamera stoppt vor der Gaskammer. Die Tonspur läuft weiter. Es ist kaum auszuhalten. Das immer stärker werdende Geschrei der Menschen, dann immer kraftloser, bis hin zu einem kläglichen Winseln, bis es gänzlich verstummt. Anschließend das monotone Kratzgeräusch von den Gegenständen mit denen Saul die Wände reinigen muss. Unterbrochen von den absichtlich kaum zu verstehenden rüden Befehlslauten der teilweise lachenden braunen Brut. Es wurde berichtet, als der Film in Cannes gezeigt wurde, einige Zuschauer vor dem Ende, den Saal kreidebleich verließen. Am Beispiel von Saul zeigt dieser erdrückende Film, dass man auch noch in einer unbeschreiblichen Schreckenssituation ein Gefühl von Mitmenschlichkeit zulassen kann. Ausgezeichnet mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Obwohl bis zur Unerträglichkeit ausgereizt und den bewusst eingesetzten Unzulänglichkeiten, ist es ein filmisches Meisterwerk.

Ulrike Schirm

Quellen: Kino.de | Moviemento | Yorck Kinos | Süddeutsche.de

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